Freitag, 29. August 2025

Ein Hoffnungszweig für die Menschheit. Betrachtung zu einem mittelalterlichen Fenster in der Frankfurter Marienkirche.

(diese Ansprache basiert auf einer Andacht im Rahmen der sommerlichen Mittagsandachten in der Frankfurter Hauptkirche)

Wir sitzen vor den berühmten mittelalterlichen Bleiglasfenstern der Marienkirche Frankfurt (Oder) – drei Stränge werden uns hier vorgestellt: links die Schöpfung, im Zentrum das Leben Jesu, rechts die Endzeit mit dem Antichristen.

Heute schauen wir auf eines der oberen Motive im Schöpfungsfenster: es geht um die Geschichte des Noah, die in drei Episoden visualisiert wird. Links sehen wir Noah beim Bau der Arche, in der Mitte die fertige Arche auf dem Berg – und wir konzentrieren uns auf das letzte Bild ganz rechts.

Ich möchte in drei Schritten mit Ihnen durch das Bild gehen.

Abbildung des Fensters. 
1

Wir beginnen unsere Bildbetrachtung unten – ein Rabe sitzt scheinbar auf einem tot im Wasser der Flut treibenden Stier. Unten links ist noch eine menschliche Hand zu erkennen, auch hier ist es der Tod, den wir sehen.

Sie kennen den Hintergrund der Noah-Geschichte (Gen 6-9): alles muss verschwinden, weil alles verdorben ist. Und weil der Urheber all dessen, Gott, sich angesichts der Misere der Welt scheinbar nicht anders zu helfen weiß, als alles sterben zu lassen.

Nur der gerechte Noah darf sich eine Arche bauen und seine Familie sowie von allen Tieren je ein Paar mitnehmen.

Aber bevor wir hier schnell weitergehen, muss man genau hinschauen – die biblischen Autoren stellen dar, dass Gott beim Blick auf die verdorbene Welt alles zerstören will.

Die Vorstellung eines Gottes, der aus Reue über seine verfehlte Schöpfung alles über den Haufen wirft, ist erschreckend. Die Bibel sagt „und es tat seinem Herzen weh“ (Gen 6,6), als er das alles sah. Was für eine eigenartige Verzweiflung muss das sein, die nichts Gutes mehr in all dem sieht, was da lebt (außer eben in dem einen Menschen)?

Da bricht eine sehr menschliche Vorstellung von Gott durch, will mir scheinen.

Und zugleich, wenn ich all den Tod und die menschliche Grausamkeit in diesen unseren Tagen sehe -  ich kann die Verzweiflung Gottes nachvollziehen.

Aber ich wünschte doch, Gott wäre anders. Und tatsächlich heißt es ja ganz am Ende der Geschichte hoffnungsvoller: „Ich werde niemals wieder alles Lebendige schlagen, wie ich es getan habe.“ (Gen 8,12) Und doch bleiben Zweifel bei dieser biblischen Darstellung.

Darum die Fragen zur persönlichen Reflexion:

Wie sieht mein Gottesbild aus? Was erwarte ich von Gott, wenn es um die Untaten der Menschen geht? Was erwarte ich von ihm, wenn ich auf meine eigenen Fehler schaue?

 

2

In der Mitte des Bildes sehen wir das Elend der Wartenden, die, wie wir heute wissen, schon gerettet sind, es aber selbst noch nicht wissen.

Schauen Sie die Gesichter an!

Sehr verschiedene Stimmungen spiegeln sich. Aber: Glücklich sehen sie nicht aus.

Sie sitzen alle in einem Boot.

Sie hoffen auf ihre Rettung, während draußen alles kaputtgeht.

Tun können sie nichts mehr.

Das Unheil nimmt ja seinen Lauf.

Was sie konnten, haben sie getan.

Denn einer von ihnen hat auf Gott gehört.

 

Und heute?

Schauen wir auf uns im Elend der Welt, die wir ganz und gar nicht wissen, ob wir gerettet sind.

Viele verschiedene Stimmungen, oft im Widerspruch. Aber: Glücklich sehen auch wir nur selten aus.

Sitzen alle in einem Boot.

Sind oft schon hoffnungslos, während vieles kaputt geht.

Tun könnten wir selbst viel mehr.

Das Unheil läuft nicht einfach ab.

Wir haben längst nicht alles getan.

Hören wir, was Gott heute von uns will?

 

Natürlich wäre es ein bisschen simpel und wohlfeil zu sagen, dass Gott schon immer die Bewahrung der Schöpfung von uns wollte und wir es nicht hinbekommen.

Die bleibende Frage ist ja, was Gott von uns in der aktuellen und konkreten klimapolitisch und klimareal äußerst kritischen Situation von seinen Geschöpfen wollen könnte.

Kerze vor Fenstern.
3

Und schließlich die Taube.

In der Geschichte heißt es, dass Noah erst einen Raben hinausfliegen ließ. Die Künstler, die das Fenster gestalteten, haben ihn schon am Aas gesehen.

Ein weiterer Versuch mit der Taube war erfolglos, denn sie kehrte zurück.

Nach sieben Tagen ließ er die Taube erneut hinaus – und sie kehrte zurück mit einem Ölzweig im Schnabel.

Der Ölzweig - das Hoffnungszeichen.

Auf dem Bild scheint die Taube nach ihrer Rückkehr nicht mehr zu fliegen, sondern schon auf der Arche zu sitzen, aber unten sieht man dieses Hoffnungszeichen noch gar nicht.

Sind das verschiedene Zeitebenen, wie wir es ja auf vielen Bildern der damaligen Zeit kennen?
Oder könnte es sein, dass die Menschen unten schauen, aber das Hoffnungszeichen einfach nicht sehen? Könnte es sein, dass auch wir einfach die Perspektive ändern müssten? Dass vielleicht noch nicht alles verloren ist, weil wir den grünen Hoffnungszweig nicht sehen?

Dazu lade ich ein zur Besinnung über das folgende Gedicht von Ingeborg Bachmann:

 

Nach dieser Sintflut

 

Nach dieser Sintflut

möchte ich die Taube,

und nichts als die Taube,

noch einmal gerettet sehn.

 

Ich ginge ja unter in diesem Meer!

flög’ sie nicht aus,

brächte sie nicht

in letzter Stunde das Blatt.

 

(Ingeborg Bachmann)

 

Das ist ein Text, der mir etwas sagt: denn auch ich fühle mich manchmal, als müsste ich untergehen in diesem Meer der Gegenwart.

Doch „das Blatt“, der grüne Zweig – zeigt, dass nicht alles vorbei ist.

Was macht Ihnen Hoffnung in schweren Zeiten?

 

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