Montag, 17. September 2018

"Ihr Gesicht war mit Staub bestreut" Hildegard von Bingen über die Schande der Kirche.

Um 1170 schrieb die heutige Tagesheilige Hildegard von Bingen an Abt Werner von Kirchheim von einer Vision der Kirche in der Gestalt einer Frau.
Ihre Beschreibung der Kirchenverschmutzung durch ihre eigenen Amtsträger passt ganz gut zur heutigen Lage.
Hier ein Auszug:

Samstag, 15. September 2018

Hohle Bekenntnisse. Oder: Das Evangelium als Religionskritik.

Petrus hat es wirklich nicht leicht.
Da ist er nun der Erste aus dem Kreis der Jünger, der ausspricht, was allen auf den Lippen brennt – und dann ist sein nächster Schritt gleich ein solcher Patzer!

Der Hergang des Sonntagsevangeliums (Mk 8,27-35) ist schnell erzählt: Als Jesus seine Jünger fragt, für wen ihn die Leute halten, zählen sie ein paar Namen auf, die im Rahmen des religiös Bekannten und Erwartbaren bleiben. Mit der weiteren Frage, wer er für sie selbst ist, bekommt Petrus seine Chance: Jetzt kann er zeigen, was er begriffen hat und wie groß sein Vertrauen in Jesus ist – "Du bist der Messias!" (v29).

Dienstag, 11. September 2018

Die gekrönte Last

Heute habe ich eine kurze Andacht für die Pflegekräfte eines Altenheimes gehalten.
Nach einer kurzen Stilleübung waren mir folgende Gedanken wichtig:

Sie werden tagtäglich durch viele Aufgaben in Anspruch genommen. In der Familie und im Haushalt, aber auch hier bei der Arbeit mit den Senioren. Gerade diese Arbeit erfährt nicht viel Dankbarkeit und Anerkennung, und der Wert der Pflege wird in unserer Gesellschaft oftmals nur unzureichend gewürdigt.
Wenn dazu auch noch ein besonderer Schicksalsschlag wie eine Krankheit oder ein persönlicher Verlust kommt, dann kann es sein, dass man das Leben als eine Last empfindet, die man nicht mehr tragen will.
Symbolisch habe ich Ihnen dafür dieses 100kg-Gewicht mitgebracht.

Samstag, 8. September 2018

"Ich atme nicht ohne die Stimme" Hilde Domin und der Atem des Lebens

Atem trägt Leben weiter.
Linum, 2018.
"Deine Stimme, die mich umarmt hat,
es ist viele Tage her,
ich habe jeden Tag
ein kleines Stück von ihr gegessen,
ich habe viele Tage
von ihr gelebt."

Mittwoch, 5. September 2018

Wenn ich den Hass sehe. Einige Anmerkungen in eigener Sache

Mir fehlen die Worte angesichts der Geschehnisse in der Welt.

Wer diesen Blog etwas kennt, weiß, dass ich Wert lege auf Ausgewogenheit und Einordnung, auf die Berücksichtigung weiterer Perspektiven und das Einhegen von Polarisierungen.
Ich leiste es mir, keine Bücher zu verreißen und niemanden unnötig schlecht darzustellen ohne mich dabei zu verbiegen. 

Sicher kommen auch in mir intensive Gefühle hoch zum verbrecherischen Umgang mit Missbrauch in der katholischen Kirche, wie derzeit in den USA zu beobachten. Oder zu den Chemnitzer Hetzjagden auf nicht „bio-deutsch" aussehende Menschen während der letzten Woche. Oder zu den Grabenkämpfen im Vatikan, zu Trumps Entfesselung neuer Konfliktherde in der Welt, zur Tragödie der Flüchtlingsschiffe vor den Häfen Europas...

Samstag, 1. September 2018

Es ist das Herz, das zählt! Jesus, Chemnitz und das Händewaschen

"...von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft. All dieses Böse kommt von innen und macht den Menschen unrein."
(aus dem Sonntagsevangelium, hier Mk 7,21-23)

Ein Text, der wie gemacht ist für diese Tage, in denen Deutschland nach den Ausschreitungen in Chemnitz in Aufruhr ist.
Es gibt keinen plausiblen Grund, der die Attacken auf den Rechtsstaat, die Toleranz sowie unbeteiligte Personen und Polizisten rechtfertigte. Denn neben Gebrüll, pauschalen Schuldzuweisungen, rassistischen Ausfälle und Wut auf "die da oben" war sogar echte Sorge zu vernehmen – aber Ausdruck der Trauer um einen Getöteten, wie anfangs noch behauptet, waren die pogromartigen Szenen ganz sicher nicht.

Dienstag, 28. August 2018

Kompass, Schere und Verbandszeug. Impuls zum Schuljahresbeginn

Meine Tätigkeit im Jugendbildungshaus des Erzbistums bringt es mit sich, dass ich regelmäßige Andachten und Impulse für Kennenlernfahrten gestalte.
Es folgt das Beispiel eines kurzen Impulses im Anschluss an eine biblische Lesung aus dem Matthäusevangelium (ähnlich hier). Der Einfachheit halber wird die Lesung hier stückweise dargestellt.

Samstag, 25. August 2018

Von zwei Gründen, kein Christ (mehr) zu sein.

Es gibt genügend Gründe, warum man der Meinung sein kann, es sei besser, kein Christ zu sein.
Ich fasse heute einmal zwei Beweggründe ins Auge, die weiter voneinander entfernt nicht sein können.
Es mögen nicht die gängigsten Gründe sein, aber sie sind auch nicht gänzlich ohne Relevanz.

1.
Derzeit schauen sehr viele US-Amerikaner und viele Menschen weltweit auf die ungeheuerlichen Taten von Priestern und Ordensleuten in den USA, die Kinder und Jugendliche zum Teil schwer sexuell missbraucht haben – und sie hören von der jahrelangen Vertuschung durch die Verantwortlichen.1

Dieses Thema raubt mir beim Schreiben alle Kraft.
Ich will keine Entsetzlichkeiten ausbreiten und mir wird schlecht, wenn ich lese, was genau passiert ist. Aber ich glaube, dass es wichtig ist, auszusprechen, in welcher Weise Kirchenleute hier auf die verschiedensten Weisen schuldig geworden sind.

Das Schwert des Erzengels Michael schwebt
drohend über dem Zelebranten der Liturgie.
Kirche St. Theresia vom Kinde Jesu, Buckow, Berlin, 2018.
Der Bericht der Grand Jury, der am 14. August in den USA vorgestellt wurde und Dokumente der letzten 70 Jahre in sechs Bistümern des Bundesstaates Pennsylvania zur Grundlage hat, ist ein Schock. Obwohl schon Anfang der 2000er Jahre in den USA viel sexueller Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche aufgedeckt wurde, kamen nun nach Zeugenanhörungen und der Durchsicht vieler interner Dokumente noch einmal hunderte neuer Fälle ans Tageslicht.
Auch wenn sich laut Bericht in den letzten 15 Jahren sehr viel verändert hat und der Großteil der Fälle aus den 1970ern-1990er Jahren stammt, bleibt das angerichtete Unheil für die Einzelnen doch enorm.
Sehr ausführlich werden Taten und Namen in dem 884 Seiten umfassenden Bericht aufgezählt und dabei mehr als 300 mutmaßliche Täter benannt. Nicht alle Aussagen sind gerichtsfest und manche der Taten, die schon Jahrzehnte zurückliegen, werden nicht mehr im Deteil aufgeklärt werden können. Einige der Täter sind schon verstorben, die meisten Taten verjährt, aber für viele der Opfer ist es wichtig, dass die Verbrechen und die Verbrecher noch einmal beim Namen genannt werden. Auch jene Bischöfe und leitenden Kirchenmänner, die lange Jahre vertuschten, die Täter erst zur Therapie schickten und dann an einen weit entfernten Ort versetzten und sie nach ihrem Tod noch mit warmen Worten lobten, sind evident schuldig geworden.
Die Vertuschungsstrategien werden beschrieben als immergleiche (oder wenigstens sehr ähnliche) Abläufe: Die Taten abwiegeln und euphemistisch umschreiben (also etwa "Grenzüberschreitung" statt "Vergewaltigung"); Untersuchungen durch Interne durchführen lassen; psychiatrische Untersuchungen in kirchlichen Kliniken durchführen lassen; den Tätern den Großteil der Deutungsvollmacht über das Geschehen belassen; den Gemeinden bei Versetzung der Priester nur mitteilen, dass er aus gesundheitlichen Gründen gehen müsse; die Kleriker nicht suspendieren, sondern nur in andere Gemeinden versetzen.

Auf diese Weise wird ein entsetzliches System aus Machtmissbrauch, sexueller Gewalt, Männerbünden, religiöser Bemäntelung und Rechtsvereitelung sichtbar, das mir als Mitarbeiter dieser Kirche den Atem stocken lässt, auch weil dieses System einen unverkennbar "katholischen Geschmack" (K. Mertes) hat.
Denn religiöse Autoritäten (meist Priester) nutzen dabei ihre Stellung aus und machen sich Menschen auch durch religiösen Druck gefügig. Und höhere Autoritäten leiten mögliche Anschuldigungen so ab, dass den Tätern nichts passiert und die Opfer nicht frei sprechen können.

So schreibt auch Papst Franziskus als Reaktion auf diesen Bericht in seinem Brief an die Gläubigen in der letzten Woche von "einer anomalen Verständnisweise von Autorität in der Kirche [...]. Der Klerikalismus, sei er nun von den Priestern selbst oder von den Laien gefördert, erzeugt eine Spaltung im Leib der Kirche, die dazu anstiftet und beiträgt, viele der Übel, die wir heute beklagen, weiterlaufen zu lassen. Zum Missbrauch Nein zu sagen, heißt zu jeder Form von Klerikalismus mit Nachdruck Nein zu sagen."

Dazu kommt, dass die katholische Sexualmoral oft dazu geführt hat, Themen, in denen es um Sexualität geht, insgesamt nicht klar anzusprechen. Die verbreitete Sprachlosigkeit angesichts sexueller Themen in der katholischen Kirche ist auch eine der Antworten auf die Frage, die Klaus Mertes sich 2010 gestellt hat: "Was hat uns daran gehindert, solche Beschwerden zu hören und nachzufragen"? Wer solche Themen grundsätzlich nicht anspricht, wird auch nicht glauben können, was für entsetzliche Übergriffe geschehen können.
Das jedenfalls scheint die Erfahrung vieler Opfer sexueller Gewalt auch in Deutschland zu sein. Den Opfern wurde nicht geglaubt, weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte.

Nach und nach tauchen schwarze Schatten auf.
Kirche St. Theresia vom Kinde Jesu, Buckow, Berlin, 2018.
Ich selbst war 2010, damals noch als Jesuit, Religionslehrer am Canisius-Kolleg in Berlin und habe etwas von den Dynamiken in Schule, Orden und Kirche mitbekommen, die entstehen, wenn irgendwann öffentlich über Missbrauch in einer Institution gesprochen wird. Auch dort wurde den Opfern in den 1980er Jahren nicht geglaubt, als sie sich in einem Brief an die Leitung wandten, auch dort wurden die Täter weiterversetzt und die Opfer erst Jahrzehnte später wirklich gehört. P. Mertes wurde von manchen Seiten als Nestbeschmutzer beschimpft, als er die Übergriffe öffentlich machte.

Maßgeblich war für die damals Verantwortlichen hier wie dort der Schutz der Insitution, nicht das Leid oder die Würde der Opfer.

Angesichts all dessen, der Übergriffe selbst, des Nichthörens auf die Opfer, der Verschonung der Täter und des systematischen Vertuschens der Taten kann das Vertrauen in die Kirche und den Gott, den sie verkündet, so schwer beschädigt werden, dass Menschen sich ganz davon abkehren.
Auch das ist zu einem guten Teil Folge des Missbrauchs – die "Gottesmänner" haben durch ihr abscheuliches Verhalten zur Abwendung von Gott beigetragen.

Wer als Opfer sexuellen Missbrauchs oder als anderweitig stark Betroffener meint, er könne nach der Aufdeckung solcher Taten nicht mehr glauben und nicht mehr zur Kirche gehören, den kann ich bis zu einem gewissen Grad verstehen: Einer Institution, die nur sich selbst und nicht die ihrer schwächsten Mitglieder schützt, will auch ich nicht angehören.

2
Im Evangelium des Sonntags (Joh 6,60-69) wendet sich der Großteil der Hörer Jesu aus einem anderen Grund von ihm ab. Diese Abwendung ist nicht vergleichbar mit der eben beschriebenen.

Denn da heißt es, dass jene, die Jesus lange zugehört hatten und sogar mit ihm umhergezogen waren, aus theologischen Gründen meinen, dass Jesus nun wirklich zu weit geht. Erst bezeichnet er sich selbst als Brot des Lebens und dann behauptet er gar, dass sein Leib zerkaut und sein Blut getrunken werden müsse (v55f).
Das klingt in dieser Form schon für uns unappetitlich nach Menschenfresserei, aber für die Hörer der damaligen Zeit war das noch viel weniger tragbar. Diejenigen, die aus einem jüdischen Umfeld kamen, konnten sich nicht vorstellen, dass Gottes Retter in solcher Erniedrigung anwesend sei und sich wie bei heidnischen Mythen essen essen lasse. Der Gott der Bibel tut so etwas nicht, er bleibt selbst majestätisch außerhalb des Geschehens.
Auch für diejenigen, die einen griechischen Denkhintergrund hatten, lag hier das Problem: Sie trennten strikt zwischen Körper und Seele, bei ihnen konnte nichts, was Körper ist, mit Göttlichkeit zu tun haben. Die Vorstellung einer Erlösung durch Blut und Körpereinsatz kam ihnen nicht in den Sinn.
Für sie ist das, was Jesus da sagt, eben schlichter Unsinn (die Griechen) oder sogar Gotteslästerung (die Juden). Kein Wunder, dass sie gehen wollen - Christsein ist ihnen zu nah und zu krass.

Jesus scheint hier zwar noch einmal einzulenken, wenn er sagt: "Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts." (v63)
Doch mit "Fleisch" meint er menschliche Vorstellungen und Verstehensversuche, dagegen stellt er die von Gott gegebene Erkenntnis, den "Geist", den Gott schenken kann - oder eben nicht.
Jene, die es zuvor schon "unerträglich" (v60) fanden, was Jesus da sagte, stößt er so noch einmal vor den Kopf, indem er ihnen so zu verstehen gibt, dass sie eben den Geist Gottes nicht hätten, wenn sie nicht verstünden.

Ich lese das so: Jesus will die Leute nicht unter Vorspiegelung falscher Tatsachen halten, sondern klar machen, was es tatsächlich bedeutet, an ihn zu glauben: Nicht eine bloß geistige und vom Körperlichen abgelöste Sache des Denkens, sondern etwas, das mit Haut und Haaren fordert. Deshalb gibt er selbst sich auch ganz und spricht uns Menschen nicht nur auf der Verstandesebene an, sondern als ganze Menschen, mit Geist und Leib.

Aber das stülpt er ihnen nicht einfach über: Jesus macht sich Menschen nicht gefügig, sondern lässt ihnen die Freiheit. Das unterscheidet ihn ganz eminent von denen, die als Männer der Kirche ihre Macht nutzten, um andere von sich abhängig zu machen und sie sexuell zu missbrauchen.

Dieser Missbrauch ist schließlich, theologisch gesprochen, die eigentliche Gotteslästerung. Denn mit diesen Kleinen und Schwachen identifiziert sich Gott genauso wie mit den Obdachlosen, Kranken, Gefangenen und Hungrigen: "Was ihr einem von diesen getan habt, das habt ihr auch mir getan." (vgl. Mt 25,40)

Seine engsten Freunde fragt er am Ende noch einmal extra, ob auch sie ihn verlassen wollen. Und angesichts der aktuell aufgedeckten Missbrauchsfälle frage ich mich, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn sie gegangen wären. Ob es nicht zu oft in der Geschichte der Christen die Falschen waren, die geblieben sind.
Aber nein, es gibt genug Beispiele für gute Priester und Bischöfe!
Und wenn wir sie ernst nehmen, wenn sie wie Petrus in diesem Menschen Jesus den "Heiligen Gottes" erkennen (v69), dann werden sie hoffentlich auch das Heilige in jedem Menschen erkennen – und ihn mehr schützen als den Ruf der Institution Kirche.

Heiliges erkennen lernen.
Kirche St. Theresia vom Kinde Jesu, Buckow, Berlin, 2018.


1   Ich beziehe mich bei dem Folgenden vor allem auf folgende Artikel: (A) Ausschnitte aus dem Bericht der Grand Jury in "Bitte hören Sie uns zu!" Der Report der amerikanischen Missbrauchs-Aufklärer. In: DIE ZEIT Nr. 35 vom 23.08.2018, S. 46; (B) Eindrücke und Einordnungen von G. Brüntrup in https://www.domradio.de/themen/weltkirche/2018-08-22/angst-vor-dem-gottesdienst-missbrauch-den-usa-deutscher-jesuit-ueber-die-wut-der-glaeubigen; (C) Ausführungen von K. Mertes über seine Erfahrungen in http://www.zdk.de/veroeffentlichungen/reden-und-beitraege/detail/Statement-von-Pater-Dr-Klaus-Mertes-SJ-zum-Umgang-mit-sexuellem-Missbrauch-in-der-Katholischen-Kirche-206w/ und (D) Ausschnitte aus dem Brief von Papst Franziskus an die Gläubigen in https://www.domradio.de/themen/weltkirche/2018-08-20/auszuege-aus-dem-brief-von-papst-franziskus-zu-missbrauch.

Donnerstag, 23. August 2018

"Für Anne". Leonard Cohen vermisst eine Verlorene

Wie viel größer wird die Liebe plötzlich, wenn sie vorbei ist!
Wie viel inbrünstiger das Gefühl in dem Moment, in dem die Fülle gerade durch die Finger rinnt!

Leonard Cohen, der begnadete Songwriter, scheint das gespürt zu haben. Und er hat es in Worte gefasst!
Denn neben den bekannten Songs sind von ihm auch eine Reihe nicht vertonter Gedichte erschienen, von denen es einige wert sind, als Miniaturen im Gedächtnis zu bleiben.

Samstag, 18. August 2018

Der Laientheologe und die eucharistische Kirche. Ein Konfliktfeld in der Praxis

Vor ein paar Tagen las ich in der Herder-Korrespondenz ein Interview mit dem Bostoner Erzbischof Seán Patrick O'Malley, der davon sprach, dass wir als katholische Kirche "eine eucharistische Kirche" seien.
Ohne es an dieser Stelle zu explizieren, bezieht er sich damit auf eine schon bei Paulus bezeugte1 und seit der frühen Kirche des zweiten Jahrhunderts gewachsene Theologie, derzufolge der Ursprung der Kirche als lebendiger Leib Christi in der Feier des Mahles um den eucharistischen Leib Christi liegt. Das Zweite Vatikanische Konzil weist ebenso darauf hin wie Johannes Paul II. in seiner letzten Enzyklika mit dem sprechenden Namen "Ecclesia de Eucharistia" (2003), der wie üblich ihrem ersten Satz entnommen ist: "Die Kirche lebt von der Eucharistie."2

Mir ist diese Art des Herangehens an Kirche und Kult sehr einleuchtend, wie ich auch hier schon dargestellt habe. Durch die Mitfeier der Messe wird für mich im Idealfall eben nicht nur die Gemeinschaft mit Christus, sondern auch mit den anderen Mitfeiernden spürbar.

Dienstag, 14. August 2018

Wen bevorzuge ich als Gefängnisseelsorger? Gedanken zu Mariä Himmelfahrt

Von Zeit zu Zeit werde ich gefragt, wie ich das denn mache bei meinen Gesprächen im Gefängnis. Ob ich nicht ab und zu der Meinung sei, ich hätte nun schon wieder dasselbe gehört wie gestern. Ob ich auch wirklich jede persönliche Tragik individuell würdigen könne. Und überhaupt, wie es denn sei, wenn so viele verschiedene Leute kommen und alle ernst- und wahrgenommen werden wollen – das ginge doch sicher nicht?!

Himmelwärts mit Hindernissen.
Vogelnetze, Zoologischer Garten, Berlin, 2017.
Tatsächlich muss ich sagen, dass das von meiner Tagesform abhängig ist.
Aber im Großen und Ganzen versuche ich, bei jeder Person, die mir gegenüber sitzt, ganz anwesend zu sein und ihr mit größtmöglichem Wohlwollen zu begegnen.
Ich kann und will nicht unterscheiden, wen ich mehr und wen ich weniger ernst nehme.
Kurz: Die wichtigste Person ist immer die gerade anwesende.

Wenn wir (bei aller bleibenden größeren Unähnlichkeit der Vergleichspartner in dieser Sache!) auch Gott als Seelsorger aller Menschen ansehen, der noch dazu immer bei jeder Person anwesend ist, hieße diese Aussage, dass ihm jede Person die wichtigste ist.
Das passt natürlich wunderbar zu grundlegenden Aussagen über Gott. Und auch dem modernen Bewusstsein für Gerechtigkeit kommt es entgegen.

Wie aber passt es zusammen mit dem, was die Kirche über Maria sagt, die der katholische Glaube mit so viel wunderbaren Wendungen und Namen besingt?
Man nehme nur die Marienlieder:
Maria ist dort die Gnadenreiche, Makellose, Engelsgleiche, Wunderschön prächtige, hohe und mächtige, liebreich holdselige himmlische Frau, Mutter der Barmherzigkeit, Patronin voller Güte, Pforte der Seligkeit, ...

Von Gott her geschaut scheint es da eine eindeutige Bevorzugung Mariens vor anderen Menschen zu geben.

Und bei allem Idealismus gibt es selbstverständlich auch für Seelsorger Personen, die einem näher sind als andere. Vielleicht würde ich sie nicht sooo ausufernd loben, aber die Unterschiede sind schon deutlich da, ob ich das nun will oder nicht.
Mit dem einen komme ich leichter ins Gespräch, mit anderen teile ich gemeinsame Erfahrungen (wie das Vatersein), andere kommen aus der gleichen Gegend wie ich...

Dieser Ungleichheit entkommt man auch bei Gott nicht.
Schon im Alten Testament zeigt sich, dass Gott recht wählerisch ist und manche Menschen vor anderen eindeutig bevorzugt – Abels Opfer nimmt er an, Kains will er nicht – was für Abel zum Verhängnis wird (vgl. Gen 4,1-8). Ähnlich geht es Joseph, dem Träumer, der von seinen Brüdern wegen der Liebe des Vaters und wegen seiner gottgesandten Träume beneidet und schließlich verkauft wird (vgl. Gen 37).
Schließlich erwählt Gott sich ein ganzes Volk auf Kosten der Anderen und verspricht sogar: "Weil du in meinen Augen teuer und wertvoll bist und weil ich dich liebe, gebe ich für dich ganze Länder und für dein Leben ganze Völker." (Jes 43,4)
Zugleich bekennen wir Gottes Willen, dass nicht nur einige, sondern „alle Menschen gerettet werden" (1Tim 2,4) und hoffen darauf, dass er am Ende der Tage die ganze Schöpfung heimholt zu sich.

Worauf will ich mit all dem hinaus?
Die Spannung zwischen der Vorstellung einer Gleichheit aller Menschen vor Gott und den biblischen Berichten einer eindeutigen Bevorzugung von Einzelnen ist krass.
Mir jedenfalls macht diese Spannung zu schaffen, vor allem angesichts der vielen besonderen Aussagen über Maria, von der unbefleckten Empfängnis über die jungfräuliche Geburt bis zu ihrer Aufnahme in den Himmel, die wir heute feiern.
Auch im Evangelium des Festes singt Maria davon, dass Gott Großes an ihr getan habe und alle Geschlechter sie nun selig preisen würden (vgl. Lk 1,49.48).

Wie lässt sich diese Spannung befriedigend auflösen?
Eine Lösung, die ich (größere Unähnlichkeit vorausgesetzt) für diese Spannung in meinem seelsorglichen Handeln gefunden habe, kam oben zur Sprache: Der aktuell Anwesende ist der Wichtigste. Auch wenn es mir bei jenen, die mir in irgendeiner Hinsicht ähnlicher sind, natürlich leichter fällt. 

Der Himmel steht uns offen!
Blankensteinpark, Friedrichshain, Berlin, 2018.
Vielleicht beruft auch Gott zur Mitarbeit an seinem Werk Leute, die ihm ähnlich sind1 – Maria wird gezeichnet als eine junge Frau, die sich bereitwillig einlässt auf die Geschichte Gottes mit ihr, als ein Engel ihr die Botschaft von der Geburt des wunderbaren Kindes bringt und die sich im heutigen Evangelium liebevoll um ihre schwangere Verwandte kümmert.
Tatsächlich erscheint Gott so im Neuen Testament: sich der Geschichte der Menschen öffnend und sie liebevoll begleitend.

Darüber hinaus stehen, wenn man genau hinsieht, Wohlwollen gegenüber allen und Bevorzugung Einzelner auch gar nicht in Widerspruch zueinander.
Auch die Aufnahme Mariens in den Himmel ist ja, wie betont werden muss, keine exklusive Auszeichnung nur für sie, sondern wird allen Menschen verheißen – aber zunächst nur von Maria ausgesagt.
Es ist dies die Konkretion einer allgemeinen Hoffnung, sichtbar geworden an Maria, der Mutter Jesu.2

Das vorausgesetzt, ist das heutige Fest ein Bekenntnis zu Gottes Kraft und Größe, an die wir Menschen nur ahnungsweise heranreichen: voller Liebe erhebt er eine Einzelne zu sich, um diese seine Liebe weiterfließen zu lassen auf alle. 



1   Inspiriert ist dieser Gedanke von J. Miles, Gott. Eine Biographie. 3. Aufl. München 2000, 102, wo es zu Gott in der Josephsgeschichte heißt: "Unterschwellig suggeriert der Text, daß Gott Joseph nicht bevorzugt hätte, wenn er nicht wie Joseph wäre, und da Joseph als liebevoll dargestellt worden ist, ist Gott vielleicht genauso. Wir bewegen uns hier, unnötig zu sagen, nicht im Bereich von Argumenten, sondern von Eindrücken." Trotzdem!
2   Vgl.zu diesem Gedanken: A. Müller / D. Sattler, Mariologie. In: In: T. Schneider (Hg.), Handbuch der Dogmatik 2. 2. Aufl. Düsseldorf 2002, 155-187, 186.

Samstag, 11. August 2018

Vertiefung statt Verlängerung. Von ewigem Leben und von Tabak

Ich glaube an das ewige Leben vor dem Tod.

Das mag ungewöhnlich klingen, aber im Johannesevangelium, aus dem der Text dieses Sonntags (Joh 6,41-51) stammt, ist es genau so gemeint. Wenn Jesus von sich selbst als vom "Brot des Lebens" (v48) spricht, dessen Verzehr Leben "in Ewigkeit" (v51) bedeutet, dann meint er nicht nur und nicht einmal in erster Linie eine noch ausstehende Zukunft, sondern die Gegenwart.

Intensität statt Dauer.
Feuerglut, Schwante, 2018.
Unsere Vorstellung vom "ewigen Leben" hat ja normalerweise nur die Zeit nach dem Tod im Blick. Wenn wir gestorben sind, dann hoffen wir auf eine Art Weiterleben im Himmel. Diese Vorstellung ist natürlich gar nicht falsch und auch sie findet sich im Johannesevangelium (z.B. in v44).
Allerdings liegt die Betonung hier größtenteils auf einer ganz anderen Seite, als wir es sonst gewohnt sind.

Was meint "ewiges Leben" also im vorliegenden Text?
Kurz gesagt: "'Ewiges Leben' ist primär nicht ein Zeit, sondern ein Qualitätsbegriff" und meint "die Fülle des Lebens, die Grenzenlosigkeit eines Glücks, das – bruchstückhaft und begrenzt – schon in guten Erfahrungen des gegenwärtigen Lebens aufscheint. Ewiges Leben löst nicht das irdische Leben ab, sondern es beginnt schon in ihm."1

Also nicht Verlängerung unseres hiesigen Lebens, sondern Vertiefung und Weiterführung auf einer anderen Ebene. 
Vorahnung dessen, was nach dem Tod als Fülle noch aussteht, aber immerhin schon ein Geschmack. Die Dauer ist nicht das Entscheidende, sondern die Intensität. "Gegenwartsorientierte Soteriologie"2 kann man das nennen – die Rede von einem göttlichen Heil, das jetzt schon wirksam ist und unser Sein durchdringt.

Das klingt möglicherweise verwirrend, findet aber seine Entsprechung in der Sprache, in der das Neue Testament abgefasst wurde. Wo im Deutschen für "Leben" nur ein Wort existiert, gibt es im Altgriechischen nämlich drei mögliche Worte mit höchst verschiedenem Gehalt.
Während das biologische und empfindende Leben in den Kontexten dieser Welt mit "psyché" oder "bios" wiedergegeben wird, nutzt die Bibel für jenes Leben, das von Gott kommt und die Verbindung mit Ihm ermöglicht, das Wort "zoé".3
In der vorliegenden Textstelle sagt Jesus also "Ἐγώ εἰμι ὁ ἄρτος τῆς ζωῆς" (6,41) – Ich bin das Brot des Zoé, des Lebens.
Im Gegensatz zum Brot, von dem wir Menschen tagtäglich leben (und von dem auch das Manna auf dem Wüstenzug letztlich nicht verschieden ist, vgl. v49), hat das Brot, das Jesus selbst ist, eine besondere Lebenskraft.
Denn er ist ja selbst das Leben Gottes, das nichts mehr zu tun hat mit Nahrungssuche, Frust, Langeweile, Gefangensein wie es im Bios ist.
Dieses Leben ist Offenheit für Gott, es ist, wie in der letzten Woche schon angedeutet, nicht einfach vorhanden und abgreifbar, sondern besteht aus Beziehung.

In einem Bild:
Hier im Gefängnis haben Sie in der Regel keine Euro in der Hand, und wenn Sie von Ihrem Nachbarn etwas haben wollen, dann brauchen Sie eben Tabak oder sonstige Nahrungsmittel aus dem Einkauf, um etwas von ihm zu bekommen. Das ist Ihre hiesige Währung, die viel Ärger machen kann oder auch Freude bereitet.
Draußen in der Welt aber kommen Sie damit nicht weit. Wenn Sie dort mit Tabak zahlen wollten, würden Sie wahrscheinlich ausgelacht werden. Sie brauchen Bargeld oder irgendeine Karte.

Hinter Gittern.
Bremen, 2015.
Übertragen auf den Text heißt das: Viele Menschen haben sich mit ihrer Pseudo-Währung in ihrem Alltag eingerichtet, sie sind im "bios" unterwegs, sorgen für ihr Überleben und bleiben bei den kulinarischen oder medialen Spezialitäten dieser Welt. Auf dieser Ebene reicht es ja auch.
Aber das Eigentliche haben sie damit noch gar nicht im Blick, das Leben der Liebe, des Wohlwollens, der Hoffnung und letztlich der Beziehung zu Gott.
Der Tabak als Ersatzwährung wird für das Ganze gehalten, während er doch nur in einem sehr begrenzten Umfang Gültigkeit besitzt. Auf der Ebene der Währung ist das echte Geld dem ewigen Leben näher als Tabak.
Denn dieses göttliche "zoé" gerät hinter lauter "bios" oft genug aus dem Blick.

Darum: Ich muss mich immer wieder darauf besinnen, dass da ja noch mehr ist als das Brot dieser Welt oder als der Tabak im Haftalltag.
Und noch mehr:
Es ist eine Entscheidung, ob ich mein Leben wirklich nur damit fristen will. Oder ob ich mir das echte Leben, das ewige Leben Gottes in die Hand legen lasse.
Reicht es mir aus, auf die Dinge dieser Welt, auf "bios", gepolt zu sein? Oder will ich noch mehr vom Leben?

Diese Entscheidung ist oft genug ein Kampf – die Herausforderung, das Halbe, das ich doch schon einigermaßen errungen habe, aus der Hand zu legen und dann zuzugreifen, wenn Jesus mir das Echte gibt...

Dafür muss ich, wie es in der Lesung hieß, ein "Schüler Gottes" werden (vgl. v45). Das meint Aufmerksamkeit für das, was über das "bios" des leiblich-weltlichen Lebens hinausgeht. Meint Vertrauen auf den Gott, der auch mein Leben in der Hand hält. Meint das Überwinden der Fixierung auf die vielen Dinge, die mich hindern, in eine liebevolle Beziehung zu Gott einzutreten. Meint Sich-Öffnen auf seine Liebe hin.

Dann bin ich jetzt schon drin. Jesus verheißt es, ganz gegenwärtig: wer dies tut, "Wer glaubt, hat das ewige Leben." (v47)
Nicht irgendwann einmal, sondern schon jetzt und hier und heute.

Ich glaube an ewiges Leben vor dem Tod.
Ich glaube an vertieftes Leben, in das ich schon im seichten Alltag eintreten kann.
Ich glaube an liebendes Leben jenseits des Überlebenskampfes.
Ich glaube an entschiedenes Leben, das mir geschenkt ist.
Ich glaube an erfülltes Leben aus der Beziehung mit Gott.

Ewig ist anders als gedacht.
Inselkirche, Kloster, Hiddensee, 2018.

1   F.-J. Nocke, Eschatologie. In: T. Schneider (Hg.), Handbuch der Dogmatik 2. 2. Aufl. Düsseldorf 2002, 377-478, 474f.
2   J. Kügler, Das Johannesevangelium. In: M. Ebner, S. Schreiber (Hgg.), Einleitung in das Neue Testament. 2. Aufl., Stuttgart 2013, 210-231, 222.
3   So jedenfalls lässt es sich für den Sprachgebrauch des NT verallgemeinern. Genauere Angaben zur Nutzung im NT finden sich beispielsweise hier: https://www.soundwords.de/besonderheiten-im-text-der-heiligen-schrift-leben-a1226.html.

Mittwoch, 8. August 2018

Wo Liturgie und Widerstand sich treffen. Notizen

Die Feier der Liturgie schafft einen fragilen Begegnungsraum zwischen Gott und Mensch.

Damit dieser Raum entstehen kann, müssen die Versammelten von sich selbst absehen können und Gott suchen. Hinaustreten aus der eigenen Lebenswirklichkeit und tastend eintreten in die Sphäre des Himmels. Denn im Mittelpunkt dieses liturgischen Begegnungsraumes stehen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern Gottes Lobpreis. Alles Weitere tritt erst später dazu.

Samstag, 4. August 2018

"Ich weiß gar nicht, was der eigentlich will!" Gefängnispredigt von Brot und Liebe.

1. "Ich weiß gar nicht, was der eigentlich will!"
So denke ich manchmal, wenn ich mich mit Leuten unterhalte, die überzeugte Autofahrer sind und die versuchen, mir ihre Überzeugung zu erklären. Dass es so praktisch sei und schön und was weiß ich. Wo ein Auto doch meiner Meinung nach nur teuer und schmutzig ist und man jedes Mal ewig einen Parkplatz suchen muss. Außerdem ist man in Berlin ohne Auto sowieso schneller.

Man kann bei solchen Gelegenheiten sehr schnell in einen Konflikt hineingeraten, weil man mit zwei völlig unterschiedlichen Denkmustern im Kopf versucht, dem jeweiligen Gegenüber seinen Standpunkt klar zu machen.

So muss es wohl auch den Zuhörern Jesu mit ihm oft genug gegangen sein.
"Ich weiß gar nicht, was der eigentlich will!"

Was das nun wieder soll...?!
Giraffengehege, Zoologischer Garten, Berlin, 2017.
Wenn die Leute Jesus fragen, wann er ankam, antwortet der mit einem Hinweis darauf, warum sie hier sind. Wenn sie ihn fragen, welche Werke sie tun müssen, spricht er von einem einzigen Werk, das aber noch nicht einmal ein Tun ist, nämlich an ihn zu glauben. Und als sie ihn darauf hinweisen, dass er dann irgendetwas tun muss, damit sie an ihn glauben, so wie Mose ihren Vorfahren in der Wüste Brot zu essen gab, weicht er aus und spricht von einem völlig anderen Brot.
Was beim Evangelientext des Sonntags penetrant auffällt, ist dieses ständige Aneinander-vorbei-Reden. Jesus und die Leute scheinen in völlig unterschiedlichen Denkwelten unterwegs zu sein, so dass ein Verstehen für sie äußerst schwierig ist.

Sie kennen das natürlich.
Dort ist der Vollzugsdienst, der will, dass alles ruhig abläuft, keine krummen Geschäfte abgewickelt werden und jeder friedlich bleibt. Hier sind Sie als Inhaftierte, die unter vielfachem Druck stehen und sehen müssen, dass Sie auf den verschiedensten Ebenen über die Runden kommen.
Dort sind die Gruppenleiter, die Ihnen wahrscheinlich Angebote machen und Sie herausfordern wollen, manchmal auch zur Geduld mahnen. Hier sind Sie in der Hoffnung auf schnellstmögliche Lockerung oder andere Möglichkeiten, aus der Zeit hier das Beste zu machen.

Auch Sie sind in unterschiedlichen Welten unterwegs und müssen versuchen, auf irgendeiner Ebene miteinander zurecht zu kommen.

Als Mitarbeiter der katholischen Kirche weiß auch ich, wie oft Christen und ihre Prediger oder die Bischöfe aneinander und an dem nichtchristlichen Teil der Menschen vorbeireden.
Sünde und Erlösung, Gnade und Erbarmen, Fegefeuer und Paradies sind zwar bekannte Begriffe, aber was Christen wirklich damit meinen, ist selten klar.

"Ich will mal versuchen zu verstehen, was die eigentlich wollen", wäre eine gute Haltung für uns Christen, besonders für jene, die im Dienst der Kirchen stehen.
Jesus scheint trotz des ständigen Nebeneinanders jedenfalls den Punkt bei seinen Gesprächspartnern getroffen zu haben: Die Leute wollen das, von dem er letztlich spricht, tatsächlich.
Davon nun im zweiten Punkt.

2. "Plötzlich war ich hungrig nach dem Leben außerhalb"
Denn diese Leute haben Hunger. Nicht dass ihnen der Bauch knurren würde, Jesus selbst hatte am Abend zuvor schließlich noch dafür gesorgt, dass sich alle satt essen konnten und sogar eine Menge übrig blieb.
Nein, der Hunger dieser Menschen geht tiefer. Sie wollen von Jesus das Brot, das der ganzen "Welt das Leben gibt" (v33), wünschen sich etwas, das ihre Lebenswirklichkeit erfüllt und das sie doch nicht in sich selbst finden können.
Diesen Hunger spüren auch viele von uns in sich.
Es ist ein Hunger nach mehr Leben. Nach Anerkennung, nach Intensität, nach Ausbruch aus der Enge des eigenen Lebens, nach Zugehörigkeit...

Ich nenne Ihnen ein Beispiel aus einem Buch, das ich gerade gelesen habe. Jacqueline Woodson beschreibt in "Ein anderes Brooklyn."1 die Lebensumstände des schwarzen Mädchens August in den 1970ern.
Abgehängte Gegend.
Neukölln, Berlin, 2015.
Und sie beschreibt ihren Hunger nach einem Leben außerhalb der abgewrackten Häuser und Straßen, aus denen nach und nach alle Weißen fortziehen, so dass die farbigen Armen aus Puerto Rico, aus Mexiko und aus dem Süden der Vereinigten Staaten nachrücken. Es ist der Hunger nach dem Ausbruch aus einer Welt, in der Frauen, zumal die jungen, vornehmlich Sexobjekte sind, aus einer Welt, in der die allgegenwärtigen Drogen die Menschen in ihren Sumpf ziehen, aus einer Welt der Hoffnungslosigkeit, in der Mädchen ohne ihre Mütter aufwachsen und minderjährige Schwangere ebenso wie häusliche Gewalt die Regel sind.
Nicht dass August dies als ein unerträgliches Leben empfinden würde, aber nach und nach merkt sie, dass ihr dies nicht reicht. Lange betrügt sie sich und ihren kleinen Bruder mit der Illusion, irgendwann werde ihre Mutter schon zurückkommen. Ihr Vater wiederum lässt sich von der Nation of Islam, einer sektiererischen Bewegung von us-amerikanischen Schwarzen, die sich lose auf den Islam berufen, ansprechen.
Eine Zeit lang findet die Protagonistin Trost in ihrer Mädchenclique, Freundinnen, die sich in ihrer ganz unterschiedlichen Verlorenheit gegenseitig Halt geben, aber die pubertären Irrungen und elterlicher Druck treiben sie nach und nach auseinander. Eine wird von ihren Eltern auf Leistung getrimmt, eine andere tanzt für ihr Leben gern – und August erkennt: "Plötzlich war ich hungrig nach dem Leben außerhalb Brooklyns, nach etwas Komplizierterem, Größeren. [...] fasziniert von den vielen Orten dort draußen, jenseits von Brooklyn – Mumbai, Kathmandu, Barcelona –, überall, nur nicht hier."2

Es ist dieser Hunger nach mehr, der sie motiviert, den Ausbruch zu wagen. Eine Unzufriedenheit mit dem status quo, angetrieben von der Sehnsucht nach mehr und intensiverem Leben.
Es ist meiner Meinung nach der gleiche Hunger, der Menschen in Afrika dazu treibt, ihre Heimat zu verlassen und sich auf kleinen Booten auf den Weg über das Mittelmeer zu machen. Der gleiche Hunger, der viele Menschen anspornt, sich in Parteien, Gewerkschaften oder eben in der Kirche für eine bessere Gesellschaft zu engagieren.
Sogar der gleiche Hunger, der manche hinter Gitter bringt, weil sie verzweifelt versuchen, diesen Hunger nach mehr auf kriminelle Weise zu stillen.

Wie aber ist dieser Hunger wirklich zu stillen?

3. "Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern" (v35)
Die Protagonistin von Woodsons Roman tut dies durch Bildung. Sicher nicht der schlechteste Weg, um sich einem erfüllten Leben anzunähern.
Das Evangelium macht jedoch einen anderen Vorschlag: es ist Jesus selbst, der den Hunger stillt.
Dazu noch einmal ein Blick in den Text:

Zunächst heißt es da in Vers 32: "mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel."
Das, was wirklich satt macht, wird gegeben. Nicht genommen oder erarbeitet, sondern gegeben, es ist Geschenk. Natürlich kann ich mich vorbereiten, dieses Geschenk auch anzunehmen und in mir fruchtbar werden zu lassen – aber es ist ein Geschenk, das ich nicht einfordern oder erschleichen kann. 

Das hat auch mit dem nächsten Punkt zu tun, dass von diesem Geschenk nämlich gesagt wird, es "kommt vom Himmel herab" (v33). Dieses Geschenk ist also nichts passives, das einfach nur weitergereicht wird, sondern es – oder besser: er – macht sich selbst auf den Weg zu uns. Er kommt als Geschenk und das vom Himmel, die Erfüllung unseres Lebens ist nicht von dieser Welt.

Schließlich kommt die finale Auflösung in Vers 35: "Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben."
Jesus ist Gottes Geschenk an die Welt, ein Geschenk aber, das selbstbestimmt Kontakt mit uns aufnehmen will und uns über die sichtbare Welt hinausführt. Hunger und Durst nach Leben werden durch ihn, der das Leben selbst ist, gestillt. 

Das tut er durch seine Liebe zu uns. Ich weise manchmal auf die etwas kitschigen Jesusbilder hin, die hier mitgenommen werden können. Auch wenn ich aus ästhetischen Gründen andere Jesusbilder bevorzuge, zeigt dieser Barmherzige Jesus mit seinem liebevollen Blick doch das eigentlich Wichtige des christlichen Glaubens: Gott schaut uns in Jesus liebevoll an. Er liebt uns aus vollstem Herzen, so sehr, dass er sich selbst für uns verschwendet – und am Abend vor seinem Tod beim Mahl mit den Seinen wieder das Bild des gebrochenen Brotes verwendet. (Aber darüber in der nächsten Woche mehr.)

Das Gefühl, so unglaublich geliebt zu werden, kann unser Herz erfüllen und satt machen, auch wenn wir noch so oft aneinander und an Jesus vorbeireden und -leben. Die Liebe füllt die Gräben unseres Unverständnisses problemlos auf.
Denn Jesus hat als Mensch verstanden, was wir eigentlich wollen – und er bietet es uns an.
Der große Hunger in uns, der nicht will, dass unser Leben so bleibt, wie es jetzt ist, dieser Hunger muss nicht mit Drogen oder eigener Stärke gestillt werden.

Denn wir bekommen das Wichtigste geschenkt. Dazu müssen wir uns einlassen auf die Beziehung mit ihm – wir werden geliebt und lernen, ihn und mit ihm mehr und mehr alle Menschen zu lieben.

Eine große Vision. Aber eine, die seit 2000 Jahren gut durchgebacken ist und darauf wartet, weiter gelebt zu werden.

Die Liebe glaubt alles, erträgt alles, hofft alles.
Pietá, Kapelle im Wilhelm-Kempf-Haus, Naurod, 2018.

1   J. Woodson, Ein anderes Brooklyn. München 2018.

2   Ebd., 133.137.

Donnerstag, 2. August 2018

Neue religiöse Lyrik in "Der Himmel von morgen". Eine Rezension

Die Poeten haben ihren Blick seit je über das allzu Greifbare hinaus auf religiöse Themen gelenkt. Nicht umsonst ringt Lyrik in allen Kulturkreisen mit ihren Worten darum, Unsagbares auszuloten und Unausdenkliches anzudeuten.

Anton G. Leitner, selbst Lyriker und zugleich Verleger und Herausgeber, hat dieser Tage nun eine kleine Anthologie zeitgenössischer religiöser Gedichte vorgelegt. "Der Himmel von morgen. Gedichte über Gott und die Welt"1 versammelt 100 Texte, die auf unterschiedlichste Weise das Religiöse zum Thema haben. In unserer Gesellschaft, die sich von religiösen Phänomenen intellektuell und persönlich eher absetzen will, bietet diese Sammlung damit eine Art Versöhnung von Hochkultur und Religion auf der Höhe der Zeit an.

Eine Kostprobe zu Beginn:
Das philosophisch anmutende Gedicht "Die Glut durchwühlen" von Norbert Göttler wird durchzogen vom Widerspruch analytischer und synthetischer Weltdeutung.


Blick zurück zum Segel.
Heiligkreuzkirche, Kreuzberg, Berlin, 2018.
Die Glut durchwühlen

Wer die Glut durchwühlt,
wird nicht das Wesen des Feuers begreifen,
sondern es zum Erlöschen bringen.

Wer Farbe von Gemälden kratzt,
wird nicht die Kunst verstehen,
sondern nackte Leinwand finden.

Wer Sterne nach ihrer Zahl berechnet,
wird nicht den Himmel finden,
sondern an der Unendlichkeit verzweifeln.2


Im Gegensatz zu dieser existenziellen Annäherung setzen sich viele der Autorinnen und Autoren, so wie Judith-Katja Raab mit "Ketzerisches Credo" oder Gerald Jatzek mit "Ökonomisches Konzil", kritisch vom volkskirchlichen Christsein ab.
Andere interpretieren klassische Sujets neu, wie es Gert Heidenreich in seiner bewegenden "Kreuzabnahme" tut. Insgesamt dominieren biblische Anklänge, die mehr oder weniger spielerisch das bekannte bis allzu bekannte Figurenensemble von Jona und Amos über Judas und Isaak bis zu Rahel auffahren. Auch liturgische Erinnerungen oder Kirchenorte zeigen die Verwurzelung vieler Autoren im christlichen Milieu.
Auffällig ist dabei, wie häufig humoristische und ironische Annäherungen sind: "Kapitalistisches Glaubensbekenntnis" von Matthias Kröner, das "Gebt des Karpfens zur Weihnachtszeit" von Renate Buddensiek oder ein raffiniertes "Lob der Beichte" von Jochen Stüsser-Simpson gehören dazu.

Bei allen Ansätzen zur Distanzierung ist die Auswahl zugleich geprägt von aufmerksamen Suchbewegungen im religiösen Terrain. Einfach übernommene Bekenntnisse oder Lobeshymnen auf den allzu sicher geglaubten Gott finden sich dagegen kaum und stünden zeitgenössischer Lyrik auch schlecht zu Gesicht.
Demgegenüber sind viele Zusammenstellungen eher ungewöhnlich, so etwa wenn ein "Stuntman", die "Schurkenstaaten", das "Gurkenglas" oder ein "Lungenarzt" helfen, Religiöses sagbarer zu machen.

Und das gelingt in vielen Fällen sehr gut und ist durchaus anregend.
Besonders spannend zeigt sich die religiöse Zerrissenheit des lyrischen Ichs bei Holger Küls:

Erlöserkirche
Ins Blau gehängt.
Kronleuchter, Schloss Schwante, 2018.

Wie er mich anschaut
Jesus hat etwas Mildes
die Arme ausgebreitet

von mühselig und
beladen ist die Rede
von Ankunft und Erquicken

monoton von vorn
der Gottesdienst dauert
bis in Ewigkeit Amen

Gelegenheit für weltliche
Gedanken an Fußball
auf dem Bolzplatz

früher hinter dem alten
Bahnhof gegenüber der
Kirche zum Beispiel3

Innere Ergriffenheit und Banalität stehen hier in hartem Kontrast zueinander und vermitteln wohltuend glaubwürdig das heutige Ringen um religiöse Bedeutungen.
In anderen Fällen wundere ich mich, wie es Gedichte in die Sammlung geschafft haben, beispielsweise wenn Alfons Schweiggert in "Warum?" Gott wegen des Schicksals der Eintagsfliege befragt oder Babette Werth versucht, aus den pastoral verschlissenen Vorsilben des Wörtchens "einander" noch etwas herauszuholen.

Im Großen und Ganzen aber halte ich die Auswahl für sehr gelungen, wenn es darum geht, die Fragen und Zweifel, aber auch die Sehnsüchte hinsichtlich des Religiösen ins Wort zu fassen. Lyrik, die mit ihren religiösen Sondierungen die Tiefe der Welt und ihr Darüberhinaus entdecken will, verdient ein breites Publikum.
Wer sich also zu Perspektivwechseln inspirieren lassen will und auch vor Irritationen nicht zurückschreckt, dem kann die Sammlung eine sehr hilfreiche Lektüre sein.

Darum zum Schluss noch ein wunderbares Beispiel für mögliche Neuentdeckungen in religiösen Gefilden, wenn sie durch die Augen eines Lyrikers wie Alex Dreppec gesehen werden:

Wasserläufer

Was sagt der Wasserläufer zu Jesus
Was der Haubentaucher
Zum Wiedertäufer
Wie sieht der Mauersegler
Die Klagemauer
Wie die Möwe die auffahrende Seele
Über dem Himmel
Der luftleere Raum
Was sagen die Schafe zum Hirten
Der Hirte zum Schlächter
Wie sieht der Sensenmann
Den Mähdrescher
Was sagt der Friedhofsmaulwurf zu Gott
Unter der Erde
Wo er den
Himmel vermutet4

Blick hindurch-hinaus.
Leipzig, 2018.

1   A. G. Leitner, Der Himmel von morgen. Gedichte über Gott und die Welt. Ditzingen 2018.
2   Ebd., 103.
3   Ebd., 58.
4   Ebd., 40.