Samstag, 23. Januar 2021

Lockdown und Gnade. Simone Weil und die Berufung der ersten Jünger

"Zwei Gefangene in benachbarten Zellen, die durch Klopfzeichen gegen die Mauer miteinander verkehren. Die Mauer ist das Trennende zwischen ihnen, aber sie ist auch das, was ihnen erlaubt, miteinander zu verkehren. Das Gleiche gilt für uns und Gott. Jede Trennung ist eine Verbindung."1 

 

Ein neuer Stern!
Neukölln, 2021.
Der Lockdown zermürbt mich.

Für Sport bin ich zu faul.

Für intensive Konzentration auf ein Buch ist mein Handy zu präsent (oder wahlweise die Kinder zu laut).

Für lange Spaziergänge ist es zu kalt (oder die Kinder zu klein).

Für Handwerkliches bin ich zu ungeschickt.

Mangelnde Bewegung, häusliche Enge, ständige Präsenz anderer Mitglieder des Haushalts und die fehlenden Abwechslungen überziehen den Alltag mit Grau. Die Tage verlaufen zu einem Brei.


Aber dann hat mich in dieser Woche plötzlich etwas aus dem Lockdown-Trott herausgerissen.

Es war das neu herausgegebene Buch "Schwerkraft und Gnade" von Simone Weil.

Ich hatte es bestellt, weil ich vor einigen Jahren schon einmal von dieser so christlichen Nichtchristin fasziniert war (s. hier).
Als ich es abgeholt hatte und einen ersten Blick hineinwerfen wollte, hat es mich sofort gepackt. Die unwiderstehliche Mischung aus Nicht-sofort-Verständlichem, religiösem Pathos und tiefen mystischen Einsichten in einfachen Worten haben mich umgehauen. Zwar handelt es sich "nur" um Aphorismen und essayistische Kurzprosa, aber sie haben einen Sog, der mich sofort aus meinem Alltag herausgezogen hat. 

Beispiel gefällig?
Hier (berührt zufällig auch ein Herzensthema von mir):

 

"Kommunion der Katholiken. Gott ist nicht nur einmal Fleisch geworden, er wird alle Tage zu einem Stoff, um sich dem Menschen zu schenken und sich von ihm verzehren zu lassen. Entsprechend wir der Mensch seinerseits durch die Ermüdung, das Unglück, den Tod zu einem Stoff und von Gott verzehrt. Wie könnte man sich dieser Gegenseitigkeit verweigern?"2

 

Neben die theologische Aussage im zweiten Satz stellt die Philosophin eine ungewohnte Behauptung, die erst einmal durchdacht und durchgekaut werden will. Sie ist ganz auf den Grund der christlichen Lehre getaucht und hat sie durchdrungen, aber blieb in der Distanz zu den irdischen Institutionen der Christen.

Lockdown-Mood.
Neukölln, 2021.
Ich bin jedenfalls sehr entflammt und lese immer wieder und immer mehr, lasse mich hineinziehen und begeistern. Und verlasse so meinen Lockdown-Alltag. Ansprechbar für diese Gedanken bin ich wahrscheinlich auch wegen der Mauer, die der Lockdown um mich zieht. Würde ich im Trubel der Begegnungen und Ereignisse sein, könnte ich vielleicht gar nicht so offen sein für Simone Weils anspruchsvolle Miniaturen.
Also ist der Lockdown auch eine Zeit der Gnade, oder wie im Eingangszitat wunderbar ins Wort gefasst: "Jede Trennung ist eine Verbindung."

Wahrscheinlich kann man sich so auch den Ruf Christi vorstellen, der die ersten Jünger im Evangelium des Sonntags (Mk 1,14-20) aus ihrem Alltag mit der Arbeit für den Vater herausruft. Mitten in dieses Immer-wieder, in ihr Plagen und Mühen kommt frischer Wind, kommt Jesus und ruft sie.

Ich wünsche auch euch einen solchen Einbruch der Gnade in euren Alltag, sei er nun durch Einsamkeit oder Stress oder Familie oder Trauer geprägt. Gott ruft. Und er will uns auf seinen Weg ziehen. Simone Weil formuliert es so:

 

"Das, was der Bleistift für mich ist, wenn ich geschlossenen Auges mit seiner Spitze den Tisch abtaste – dies für Christus sein. Wir haben die Möglichkeit, Mittler zu sein zwischen Gott und jenem Teil der Schöpfung, der uns anvertraut ist. Es bedarf unserer Einwilligung, dass er durch uns seine Schöpfung wahrnehme. Mit unserer Einwiligung wirkt er dieses Wunder."3


(Dass ich das Buch wärmstens empfehle, brauche ich nicht eigens zu erwähnen, gell?)

 

 

1   S. Weil, Schwerkraft und Gnade. Berlin 2021, 157.

2   Ebd., 39f.

3   Ebd., 47f.

Freitag, 22. Januar 2021

Räume öffnen. Zu meinem Selbstverständnis als Gefängnisseelsorger

Vor ein paar Tagen wurde ich gebeten, für einen Pfarrbrief ein paar Worte zu meiner seelsorglichen Arbeit zu verfassen.
Hier sind sie auch für den Blog:

Samstag, 16. Januar 2021

Großzügigkeit zulassen. Ein Radiowort

In dieser Woche wird täglich ein kurzes Wort für den Tag auf rbb Antenne Brandenburg (9:10 Uhr), rbb Kultur (6:45 Uhr) und rbb 88.8 (5:55 Uhr) von mir gesendet.
Hier der Text des letzten Wortes:

Freitag, 15. Januar 2021

Vergeblich großzügig. Ein Radiowort

In dieser Woche wird täglich ein kurzes Wort für den Tag auf rbb Antenne Brandenburg (9:10 Uhr), rbb Kultur (6:45 Uhr) und rbb 88.8 (5:55 Uhr) von mir gesendet. Hier der Text des heutigen Wortes:

Donnerstag, 14. Januar 2021

Großzügig spenden. Ein Radiowort

In dieser Woche wird täglich ein kurzes Wort für den Tag auf rbb Antenne Brandenburg (9:10 Uhr), rbb Kultur (6:45 Uhr) und rbb 88.8 (5:55 Uhr) von mir gesendet. Hier der Text des heutigen Wortes:

Mittwoch, 13. Januar 2021

Großzügige Schöpfung. Ein Radiowort

In dieser Woche wird täglich ein kurzes Wort für den Tag auf rbb Antenne Brandenburg (9:10 Uhr), rbb Kultur (6:45 Uhr) und rbb 88.8 (5:55 Uhr) von mir gesendet. Hier der Text des heutigen Wortes:

Dienstag, 12. Januar 2021

Großzügig verzichten. Ein Radiowort

In dieser Woche wird täglich ein kurzes Wort für den Tag auf rbb Antenne Brandenburg (9:10 Uhr), rbb Kultur (6:45 Uhr) und rbb 88.8 (5:55 Uhr) von mir gesendet. Hier der Text des heutigen Wortes:

Montag, 11. Januar 2021

Großzügig schenken. Ein Radiowort

In dieser Woche wird täglich ein kurzes Wort für den Tag auf rbb Antenne Brandenburg (9:10 Uhr), rbb Kultur (6:45 Uhr) und rbb 88.8 (5:55 Uhr) von mir gesendet. Hier der Text des heutigen Wortes:

Samstag, 9. Januar 2021

Identität, Orientierung und Namen. Predigt zu den Drei Königen

Am Ende der Weihnachtszeit erinnern wir uns an die biblische Geschichte, die erzählt, wie die Botschaft von Weihnachten, die Botschaft von der Geburt Jesu, in die Welt hinausgetragen wurde. Denn Gott hatte einen Plan für alle Menschen, nicht nur für die, die sowieso schon immer im Kontakt waren mit ihm.
Es geht also um alle die zur Zeit Jesu nicht zum jüdischen Volk gehörten – aber wir dürfen das gern auch auf unsere Situation anwenden.

1 Wer waren sie? Wer bist du?

Die Bibel schreibt, dass "magoi" aus dem Osten kamen. Die Übersetzungen für dieses griechische Wort gehen weit auseinander. Waren es – Weise, Sterndeuter, Magier? Oder gar Könige?

Sonntag, 3. Januar 2021

Gott geht zelten. Der Logoshymnus und die dreckige Kirche

Im fantastischen Logos-Hymnus vom Anfang des Johannes-Evangelium wird die ganze Weihnachtsgeschichte noch einmal in eher philosophischen Worten präsentiert. Auffällig ist dabei, dass im griechischen Text zwischen lauter abstrakten Vokabeln wie Anfang, Wort, Leben und Licht auch vom Zelten die Rede ist.

Freitag, 1. Januar 2021

Am Anfang steht der Name. Neujahrsgedanke

Am Anfang eines neuen Jahres stehen oft gute Vorsätze und Wünsche. Am Anfang dieses Jahres steht vor allem die Hoffnung, dass die Corona-Pandemie bald vorbei ist. 

Am Anfang der Geschichte Jesu steht sein Name. Das heutige Evangelium am Fest der Gottesmutter Maria betont: „Man gab ihm den Namen Jesus, den der Engel genannt hatte, bevor das Kind im Mutterleib empfangen war.“ (Lk 2,21)

Über dieses Leben, von dem noch niemand etwas wissen konnte, stellt Gott in der Botschaft des Engels diesen Namen: Jesus. Es ist wie ein Motto, eine Überschrift, fromm ausgedrückt eine Verheißung. 

Donnerstag, 24. Dezember 2020

"Einseitiges Telefonat" zum Weihnachtsfest

Die wunderbare Nora Gominger hat die Weihnachtsgeschichte aus Sicht einer Person geschrieben, die alle Ereignisse mit eigenen Augen miterlebt und sie kurz und bündig für ihr Gegenüber am anderen Ende des Telefons darstellt.

Es ist sehr erhellend, wie das Mitteilungsbedürfnis und die dürren Worte, das neuzeitliche Beschäftigtsein und die Perspektive der Rechtfertigung zusammen zu einem lyrischen Weihnachtserlebnis werden:

Heilszeit 24 – Name in "Die Stille" von Don DeLillo

Während des Super-Bowl-Sonntags sitzen Max und seine Frau Diane mit ihrem ehemaligen Studenten Martin zusammen, um das Spiel zu schauen – als der Strom ausfällt.
Jeder reagiert anders auf die Lage. Während Max trinkt und auf den stummen Fernseher starrt, zitiert Martin aus Einsteins Werken. Dann entspinnt sich ein Gespräch zwischen ihm und Diane.

Mittwoch, 23. Dezember 2020

Dienstag, 22. Dezember 2020

Heilszeit 22 – Nett in "Fuchs 8" von George Saunders

Die kurze Erzählung eines Fuchses, der (mehr oder weniger gut) die menschliche Sprache gelernt hat und nun einen Brief an die Menschen schreibt. Sein Fazit ist zwar wenig originell, aber, wie sich auch in Krisenzeiten immer wieder zeigt, trotzdem äußerst nötig: