Auf Grundlage der folgenden Ausarbeitungen habe ich mich aus Frankfurt (Oder) am 05.07.2026 in der Pfarrkirche Heilig Kreuz und am 08.07.2026 im Hedwighaus verabschiedet - jeweils in leicht variierter und auf die jeweilige Gemeinde angepasster Form.
Lose Grundlage war der biblische Text in Mt 11,25-30: "In jener Zeit sprach Jesus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefallen. Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will. Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht."
Liebe Gemeinde,
Heute möchte ich mich von euch und Ihnen verabschieden und ein wenig zurückschauen auf die letzten fünf Jahre, die ich in unserer Pfarrei hier tätig gewesen bin - aber ich schaue nicht zurück, weil ich so furchtbar viel Tolles geleistet habe, sondern zur Vergewisserung, was eine spirituelle Frucht sein könnte.
Viele verbinden mit einer kirchlichen Arbeit an Hochschulen ja regelmäßige Gemeindearbeit, Gesprächsrunden zu religiösen Themen, viel Gebet und Gottesdienst.
Nun, was soll ich sagen, einiges davon gab es auch, aber diese Erwartung konnte ich nicht erfüllen.
Ich habe es nicht geschafft, eine echte Gemeinde aufzubauen, nicht geschafft, in unserer Ortsgemeinde regelmäßig mit Aktionen aus dem Bereich der Hochschule aktiv zu sein, nicht geschafft, bleibende Gebetsgruppen einzurichten, nicht geschafft, die Zahl der Kirchenmitglieder zu erhöhen…
Was habe ich also die ganze Zeit gemacht? (Und ich frage das nicht aus Koketterie, sondern angesichts mancher Erwartungen wirklich ernsthaft)
Ganz kurz: Wie so viele, die ihr Christsein auf unterschiedliche Weise leben oder für die Kirche tätig sind, habe ich versucht, das zu entfalten, was Jesus gesagt und getan hat.
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Konkret haben wir gerade gehört, wie Jesus jene seligpreist, die nicht schon fertig ausgebildet und klug sind, sondern noch fragen und nicht fertig sind.
Der Text sagt „Unmündige“ in unserer Übersetzung, andere Übersetzungen sprechen von „Kleinkindern“, „Einfältigen“, „Unwissenden“, „einfachen Leuten“ - zusammenfassen könnte man sicher, dass Jesus hier jene preist, die noch lernen, die sich mit ihrem Wissen über Gott noch keine Festung gebaut haben, die noch mehr wissen wollen.
Studierende also - wissbegierig, offen für das Neue im Leben… sie sind natürlich all das...
"Lernt von mir!“ sagt Jesus.
Aber in genau diesem Sinne war es mir wichtig, auch andere anzusprechen, die noch keine fertigen Vorstellungen von Gott haben.
Gemeinde und ein inner circle mit denen, die sowieso schon kommen, sind wichtig - aber eben auch jene, für die es eine Überwindung ist, kirchliche Räume zu betreten, oder auch nur kirchliche Angebote wahrzunehmen.
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Was noch?
Jesus lädt im heutigen Evangelium die ein, die mühselig und beladen sind. Für sie ist Gottes Liebe in besonderer Weise da.
Auch hier können wir bei Studierenden ein Häkchen machen - Prüfungen und Überforderung, Sorgen um den Arbeitsmarkt der Zukunft, finanzielle Probleme, Stress mit den Mitbewohnerinnen, die schlafen wollen, …
Aber mühselig und beladen, das sind viel mehr Menschen - es geht Jesus immer, wie bei den Seligpreisungen, der Blick von unten, nicht der Blick der Zufriedenen, Mächtigen und Wohlhabenden.
Als am 24. Februar die russische Vollinvasion in die Ukraine begann, haben wir nicht nur gebetet, sondern sind für jene, die auf ihrer Flucht vor dem Krieg hierher gekommen sind, auch ganz selbstverständlich praktisch tätig geworden.
Der Bonibus konnte für Menschen und Hilfsgüter genutzt werden, unsere Räume im Kolbehaus wurden zeitweise zusammen mit dem CVJM als Hilfsschule genutzt, es gab finanzielle Hilfen, auch das Gemeindehaus in Golzow wurde einer ukrainischen Familie zur Verfügung gestellt.
Man könnte mit etwas Pathos sagen: Im Sinne Jesus haben wir den Egoismus verabschiedet und uns für Weitsicht und Solidarität entschieden.
Ich bin sehr dankbar, dass das alles hier so umstandslos möglich war und habe mich gern in den Dienst der Hilfe für Menschen aus der Ukraine gestellt.
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Hier lässt sich auch gleich anschließen an dem, was Jesus oft und gern gemacht hat - er liebte und lebte Gastfreundschaft und Teilen. Er saß in Galiläa und Jerusalem mit vielen sehr unterschiedlichen Menschen bei Tisch - so ähnlich, wie es hier ja auch beim Kirchencafé praktiziert wird, wo alle eingeladen sind.
Noch einen Schritt weitergegangen sind wir am Gründonnerstag 2025 mit der Einladung zum ökumenischen „Tisch für alle“ in der Marienkirche. So wie es bei den Christlichen Begegnungstagen mit der langen Tafel vom Markt bis zur Oder schon geübt wurde - Platz für alle, Raum für Gespräche, offen für Gott.
Am Grill neben dem Glashaus, auf dem Ausflug mit Studis in die Sächsische Schweiz oder beim adventlichen Singen am Feuer im Hof des Gemeindehauses - immer gab es Gelegenheit, miteinander zu essen und in Kontakt zu kommen. Das alles sind sehr schöne Erinnerungen für mich…
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Was noch?
Jesus hat die richtigen Worte gefunden, um Grenzen zu überwinden. Mit dem Straßenwörterbuch vom Verein Kunstgriff haben wir das 2022 auch hier versucht - gute Worte finden für die Doppelstadt.
Liebe, Geduld, Freiheit, Hoffnung, Zusammenhalt, Mut, umarmt euch!, vereint, Zusammenarbeit, Freundschaft … das waren einige der Wörter, die wir auf Polnisch, Deutsch, Ukrainisch auf die Gehwege der Doppelstadt geschrieben haben.
Ich glaube, es waren auch einige geistliche Anregungen und Worte im Sinne Jesu dabei.
Manche Worte richten aber auch Grenzen auf. Das ist manchmal wichtig, um Klarheit zu schaffen und sich abzugrenzen, das ist manchmal aber auch unnötig und verletzend. Ich habe mich dabei - besonders mit meinem polnischen Kollegen in Slubice - manchmal schwergetan, noch die nötigen Gemeinsamkeiten zu finden, wenn die Meinungen weit auseinandergehen.
Um es klar zu sagen - ich glaube nicht, dass Queerfeindlichkeit im Sinne Jesu ist.
Ja, ganz insgesamt ist die deutsch-polnische Grenze hier vor Ort eine besondere Herausforderung - und ich bin sehr froh, dass viele Haupt- und Ehrenamtliche hier sind, die gute Worte für das Miteinander suchen und denen es ein dauerhaftes Anliegen ist, zu vermitteln und neue Gemeinschaft zu stiften.
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Und sonst?
Jesus hat zur Versöhnung aufgerufen - dazu gehört natürlich auch die Entschuldigung, das Bitten um Nachsicht und die Reue.
2023 stand drei Monate lang die monumentale Skulptur SORRY von Joanna Rajkowska an der Oderpromenade, die wir mit viel Unterstützung auch aus dem Erzbistum hierher holen konnten.
Die Künstlerin klagt mit ihrem Kunstwerk - in gewisser Weise ganz auf den Spuren Jesu - die Doppelzüngigkeit und Falschheit an: dort wo ein Bedauern oder ein Entschuldigen (mit dem universalen „Sorry“) einfach nur behauptet wird, aber nicht aus dem Inneren kommt, dort bleibt es wie eine Mauer - ein Widerspruch in sich. Hier: ein SORRY in 3m hohem Beton.
Auch Jesus kritisiert mit sehr harten Worten die, die zwar an Riten und Formen festhalten, aber ihr Herz nicht ändern - und wo die Mauern bleiben.
Joanna Rajkowska hat mit diesem künstlerischen Statement auch ein Zeichen setzen wollen gegen die Doppelzüngigkeit der EU, die sich manifestiert in der unmenschlichen Migrationspolitik der Europäischen Union. Für die Künstlerin besonders erschreckend: In den Wäldern zwischen Belarus und Polen sterben bis heute viele Migranten, die vom dortigen Regime unter falschen Versprechungen nach Belarus gelockt werden, um sie dann an die befestigte EU-Außengrenze zu bringen.
Um es klar zu sagen: Es ist eine Schande, dass der EU-Grenzschutz viele dieser Menschen, auch Schwangere, auch Kranke, auch Kinder zusammenschlägt, ausraubt, zusammentreibt, hungern lässt und wieder nach Belarus zurückschickt. Auch die schrecklichen Szenen vom Mittelmeer kennen wir alle.
Ja, die Mühseligen und Beladenen - Jesus lädt sie ein - und die EU schickt sie weg und lässt sie krepieren.
Angesichts dieser Realität ist das Kunstwerk SORRY ein prophetisches Zeichen.
Aber Zeichen reichen nicht: Ich finde, Christinnen und Christen dürfen angesichts dieser Politik nicht schweigen. Jesus fordert den Einsatz für jene, die am Rande stehen, die untergebuttert werden, die keine Lobby haben…
Die potentielle Kriminalisierung vieler Hilfen für Menschen auf der Flucht macht es mir schwer, andere Dinge konkret zu benennen - aber konkrete Hilfe ist auch hier vor Ort in Frankfurt (Oder) und Slubice nötig.
Ich kann alle nur darum bitten, die Augen offen zu halten und die Menschen auf der Flucht nicht zu vergessen. (Jesus selbst war übrigens auch ein Flüchtling, als seine Eltern mit ihm vor Herodes nach Ägypten flohen - ein Grund mehr, Geflüchtete zu unterstützen!)
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In dieser Frage - und auch an vielen anderen Stellen - ist es mir in den letzten Jahren wichtig geworden, mit möglichst vielen Menschen und Institutionen Kontakte zu knüpfen und zu kooperieren in den Kirchen, aber besonders auch mit jenen, die keine Anbindung an die Kirche haben.
Jesus war zwar manchmal rigide und hat nicht immer die Verbindung über seine Gemeinschaft hinaus gesucht. Bevorzugt hat er sich an seine jüdischen Glaubensgenossen gewandt. Aber oft genug kam er in engeren Kontakt auch mit denen, die zunächst ferne waren - als Römer oder Samariterinnen, als Kollaborateure oder als besonders Fromme, als Fischer und als gelähmte Bettler, als Aussätzige oder als des Ehebruchs Angeklagte.
Jesus trat in Kontakt und kam ins Gespräch mit seiner ganz persönlichen Botschaft - und überall rief er zur Umkehr auf, sprach Mut zu, heilte, tröstete.
Nicht alles davon war mir möglich oder vergönnt.
Aber ich bin sehr froh, dass ich in Frankfurt (Oder) viele Menschen getroffen habe, die offen sind für gemeinsame Aktionen: besonders habe ich mich gefreut, dass wir letztes und vorletztes Jahr im November mit einigen Aktiven aus der Jungen Union und mit den politisch sicher eher anders orientierten Aktiven von Utopia e.V. zusammen Stolpersteine putzen konnten.
Dieses Zeichen des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus gemeinsam zu setzen finde ich äußerst wichtig.
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Zu guter Letzt: ich habe Jesus immer als jemanden wahrgenommen, der Gottes Gegenwart nicht nur in Gotteshäusern und in Begegnungen mit Menschen fand. Sondern auch in der Natur - Jesus war auf den Bergen Galiläas unterwegs, er ging spazieren am See, er wanderte in der Wüste und an seinem letzten Abend in Freiheit ging er in einen Garten, um dort zu beten.
In Frankfurt habe ich diese besonderen Orte in der Natur vor allem an der Oder gefunden - und laufe dort regelmäßig, immer wieder auch mit Studierenden. Der Fluss, die Wäldchen, die Weite der Wiesen, der morgendliche Nebel und die Sonne über Polen: all das öffnet die Sinne und den Geist für Gottes Weite.
Das war viel!
Darum zum Mitnehmen ein paar Schlagworte, die als Entfaltung von Jesu Worten und Taten hier übrig bleiben könnten:
Versöhnung!
Grenzen überwinden!
Gute Worte machen!
Wirklich meinen, was gesagt ist!
Gastfreundschaft!
Miteinander essen!
Zuwendung zu denen, die Hilfe brauchen!
Natur erleben!
Und in allem: Gott suchen und finden - denn er will uns erquicken!


