Samstag, 10. November 2018

Soldaten zu Bischöfen!? St. Martin und das Ende des Ersten Weltkriegs

Ein Gedanke zum gemeinsamen Feiertag von Weltkriegsende, in Frankreich derzeit mit großem Aufwand gefeiert, und dem Gedenken des Tagesheiligen Martin von Tours:

Das große Sterben auf den Schlachtfeldern und die inneren Verletzungen der heimgekehrten Soldaten prägen meinen Blick auf den Ersten Weltkrieg. Die überlebenden "Kriegszitterer" entsprachen nicht dem damals vorherrschenden Bild des heroischen Kämpfers, der ausgezogen war, um seiner Nation auf dem Schlachtfeld Ehre zu erringen.
Für die Deutschen war es zudem die Heimkehr in eine völlig neu entstehende politische Ordnung. "Mit Gott für Kaiser und Reich" (so ein Filmtitel von 1916) waren sie ausgezogen – zurück kamen sie im Gefühl, von Gott verlassen zu sein und Kaiser und Reich verloren zu haben. Bodenlos.

Stabilität und Fliehkräfte.
Neukölln, Berlin, 2018.
Wie geordnet wirkt auf mich dagegen die Welt der ausgehenden Antike:
Martin quittierte im römischen Heer seinen Dienst, weil das christliche Bekenntnis und der Kriegsdienst nicht zusammengingen.
Sein Werdegang vom Soldaten zum Bischof entwickelte sich der Legende nach zwar entgegen seinem Willen, aber es war ein Weg hinein in kirchliche Verantwortung als christliche Aufgabe.

Martin ist von seinen Kriegszügen in ein Leben der inneren Stabilität hineingegangen. Klare mentale Verhältnisse in seinem klaren Einstehen für den christlichen Glauben stelle ich mir vor, auch wenn die Kirche seiner Zeit ebenfalls durch umwälzende Krisen und Konflikte ging.

Für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wiederum ist bekannt, dass die christlichen Kirchen als stabilisierende Faktoren das Leben der einzelnen Gläubigen prägten, die nach dem Krieg Halt suchten. Eine Hinwendung zur Religion scheint nach den Schrecken eines Krieges psychologisch also durchaus nachvollziehbar.

Vielleicht findet sich hier die passendste Parallele zwischen Weltkriegsende und dem Heiligen Martin:
Im Krieg wird das ganze menschliche Welterleben erschüttert. Christsein kann ein möglicher Weg sein, dies zu verarbeiten. Dafür ist Martin ein prominentes Beispiel. Für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg allerdings muss man konstatieren, dass viele Menschen zunehmend die Nation für den richtigen Weg hielten, mit den Herausforderungen der Zeit umzugehen. 


Der Verfasser der Biographie des Heiligen Martin, Sulpicius Severus, stellt uns das Auftreten Martins vor dem Kaiser unter dem Stichwort des Dienstes vor: "Bis heute habe ich dir gedient, Herr, jetzt will ich meinem Gott dienen und den Schwachen. Ich will nicht mehr länger kämpfen und töten. Hiermit gebe ich dir mein Schwert zurück."

Die Sehnsucht nach Frieden trieb ihn zu Gott und die Sehnsucht nach Gott trieb ihn zum Frieden. 


Kritischer Nachsatz: Ich frage mich (gänzlich unhistorisch), warum dieser fromme Christ Martin unbedingt ein kirchliches Leitungsamt erhalten musste. Verdammter Klerikalismus! Weshalb diese Fixierung auf den Bischof? Hätte das Zeugnis eines Getauften, das Leben eines "einfachen" Eremiten (der er zeitweise war) nicht eine besondere, andere Strahlkraft entwickeln können?
Ich ärgere mich, dass Martin sich nicht heftiger gegen seine Inthronisierung zur Wehr gesetzt hat, um mit seinem Leben als christlicher Laie zu zeigen, wie lebendiges Christsein aussehen kann.

Allerdings ... (und nun folgen alle legitimen historischen und theologischen Gegengründe, die ich hier tunlichst nicht aufführe)

Donnerstag, 8. November 2018

"Es sind zu viele Juden im Zug" – Gedanken zum 9. November

"Es sind zu viele Juden im Zug, dachte Silbermann."1

Das sagt kein Antisemit, sondern die Hauptperson in Ulrich A. Boschwitz' wiederentdeckten und in diesem Jahr erstmals herausgegebenen Roman "Der Reisende". Silbermann, wohlhabender Unternehmer im Deutschland der 1930er Jahre ist selbst Jude und, wie der Titel verrät, auf Reisen. Dies ist er jedoch nicht zum Vergnügen, sondern Silbermann befindet sich auf der Flucht. Er ist in den Strudel der nationalsozialistischen Machtdemonstrationen und Ausschreitungen jener Jahre geraten und sieht sein gesamtes bisheriges Leben zerstört.
Vom ehemaligen Geschäftspartner wurde er über den Tisch gezogen, SA-Schlägertrupps haben seine Wohnung verwüstet, seine Frau ist zu ihrem Bruder geflohen, der ihn selbst jedoch nicht beherbergen will und vor lauter Angst, irgendwo dauerhaft zu bleiben, reist der zunehmend gestresste und paranoide Silbermann immer wieder quer durch Deutschland.


Geduckte Häuser.
Müllrose, 2017.
Irgendwann richtet sich seine Wut und sein Ärger auf diejenigen, die noch schwächer wirken als er, nämlich jene Juden, die, im Gegensatz zu ihm selbst, auch wirklich "jüdisch" aussehen. Beim Ansichtigwerden jener anderen Juden werden die stillen Vorwürfe immer intensiver:

"Dadurch kommen wir alle in Gefahr. Euch anderen habe ich es überhaupt zu verdanken. Wenn ihr nicht wärt, könnte ich in Frieden leben. Weil ihr aber seid, falle ich in eure Unglücksgemeinschaft! Ich unterscheide mich in nichts von anderen Menschen, aber vielleicht seid ihr wirklich anders und ich gehöre nicht zu euch. Ja, wenn ihr nicht wärt, würde man mich nicht verfolgen. Dann könnte ich ein normaler Bürger bleiben. Weil ihr existiert, werde ich ausgerottet. Dabei haben wir eigentlich gar nichts miteinander zu tun!
Er fand, dass es würdelos sei, so zu denken, aber er dachte dennoch so."2

Mit sehr genauer Beobachtungsgabe und einem feinen Gespür für menschliche Psychologie hat der junge Autor damals die Auswirkungen dessen, was wir heute gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit nennen, herausgearbeitet.
Sein Buch zeigt in vielen Facetten, wie der Hass auf eine Menschengruppe nicht nur die Hassenden, sondern auch die Gehassten selbst moralisch deformiert.
Aus der Angst und Not werden Aggressionen.
Im Buch bricht sich dies nicht ausführlich Bahn, aber der psychische Mechanismus ist durchaus auch in anderen Lagen nachvollziehbar.

Doch nicht nur andere Leidtragende geraten in Silbermanns reflektierenden Blick:

"Während man für seine Feinde ein Geschäft ist, wird man für seine Freunde zur Gefahr. Unglück wird schließlich zur Schuld."3

Je länger Silbermann flieht und überlegt, Auswege sucht und scheitert, desto klarer wird ihm, dass er auf seine Geschäftspartner nicht zählen kann, da sie als Juden entweder selbst in Bedrängnis sind oder als Arier von ihm profitieren könnten.

Aus der Verfolgungssituation verstrickt sich der Verfolgte in eine Schuld, wenn er um Hilfe bittet und die Helfenden damit selbst in eine existenzielle Dilemmasituation bringt.
Dabei sind es die menschengemachten Umstände, die den Einzelnen in die Schuldigkeit treibt, nicht etwa er selbst. Doch ab einem gewissen Punkt wird diese Lage immer diffuser.

Abgegrenzt.
Frauenhagen, 2016.
Kurz vor Ende des Romans resümiert Silbermann seine Lebenschancen und kommt zu einem vernichtenden Urteil:

"Wie soll man denn mit alledem fertig werden, verzweifelte er. Die Vernunft will von mir Selbstmord. Ich aber will leben! Ich will trotz allem leben! Dazu braucht man all seinen Verstand, doch der reicht nicht aus, er richtet sich gegen mich selbst. Er verneint meine Existenz. Was soll ich dann mit ihm?"4

Folgerichtig verfällt Silbermann immer tiefer seinen Ängsten.

Von der Angst zur Aggression zur Schuld bis in Richtung Suizid dreht sich die Romanhandlung.
Diese Spirale des Verderbens, in die die nationalsozialistischen Herrscher die von ihnen Verfolgten getrieben haben, begann damals langsam und schleichend.
Boschwitz selbst hat die Darstellung dieses perfiden inneren Prozesses noch 1938 in fertige Buchform gebracht, konnte den Roman aber nicht mehr herausbringen. 

Heute, 80 Jahre später, war die Herausgabe nötiger als je. Die Verantwortung dafür, dass dieser Kreislauf nicht erneut in Bewegung kommt, liegt bei uns.



1   U.A. Boschwitz, Der Reisende. Stuttgart 2018 (Original 1938), 201.
2   Ebd., 201f.
3   Ebd., 234.
4   Ebd., 287.

Samstag, 3. November 2018

"Ich wollte dir nur mal eben sagen..." – Dreimal Liebe im Lied

Zum Evangelium des Sonntags (Mk 12,28b-34), das von Gottes- und Nächstenliebe handelt, kamen mir drei Lieder in den Sinn.

1. Gottesliebe
Mehr als nur "Ein Kompliment" machen die Musiker von Sportfreunde Stiller mit ihrem Liebeslied indem sie im Song einfach Vergleich an Vergleich reihen:

Donnerstag, 1. November 2018

Allerheiligen: Hochfest der Vielfalt

Der Gedanke kann kurz und bündig formuliert werden:

"Each saint was holy in his or her unique way, revealing how God celebrates individuality."1

So verschieden die Menschen, so verschieden auch die Heiligen.

Mittwoch, 31. Oktober 2018

Reformation: Energieverlust oder -gewinn?

Nato-Manöver, Atomwaffenbau oder INF-Verträge – wenn man die gewaltigen Anstrengungen und riesigen Kosten sieht, mit denen die Nationen versuchen, einander mit Waffengewalt beizukommen und zu übertrumpfen, dann schaudert es mich. Noch dazu im gleichen Moment die Klimaveränderungen solch gewaltige Ausmaße annehmen, dass es nun wahrlich bessere Möglichkeiten gäbe, die menschlichen Fähigkeiten und Energien zu nutzen.

Ähnlich steht es mit der Reformation, deren Gedenken heute begangen wird.
So, wie die evangelische und die katholische Kirche (mindestens im deutschen Sprachraum) in sozialethischen, umweltehischen und in vielen theologischen Fragen miteinander können, fragt man sich, ob die ganze Kirchenspaltung und (theologische) Kriegführung es überhaupt wert war.

Schlosskirche zu Wittenberg.
Wittenberg, 2017.
Manchmal hilft wohl nur die große Krise, um das Gegeneinander zu überwinden und die Energien in einem fruchtbaren Miteinander zu kanalisieren.
In diversen Katastrophenfilmen ist es beispielsweise die nahende Großkatastrophe, die zum Auslöser für die globale Zusammenarbeit wird (in den entsprechenden Filmen natürlich immer unter der Führung der USA).

"World War Z" mit Brad Pitt zeigt beispielsweise eine Szene, in der der Protagonist Gerry nach Israel reist, um etwas über den Ursprung des Virus herauszufinden, der sich schon auf der ganzen Welt verbreitet und viele Menschen in zombieähnliche Kreaturen verwandelt hat. Die israelischen Behörden lassen vor den Befallenen aus Palästina fliehende Menschen nach Jerusalem herein. Dann beginnen gerettete Palästinenser und Israelis miteinander zu singen.
Was für ein utopisches, was für ein fröhliches Miteinander entsteht da angesichts der (natürlich nur kurz) gebannten Gefahr!

Leider schaffen es die Staaten der Welt heute immer noch nicht, ihre Kräfte zum Wohle aller einzusetzen – und manche große Krise führt auch zunächst zur Spaltung, wie wir es aktuell mit dem Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen vorgeführt bekommen.
Doch vielleicht führt diese Spaltung ja dazu, dass hilfreiche technische Lösungen eher in diesem Gegeneinander entstehen als im bloßen Nebeneinanderher. Nicht zu vergessen, dass Internet und Raumfahrt zunächst militärisch motivierte Projekte gewesen sind.

Aber wie steht es nun mit den Kirchen?
Zur Zeit scheint jede Glaubensgemeinschaft trotz vieler Gemeinsamkeiten vorrangig ihr eigenes Süppchen zu kochen, auch wenn Säkularisierung und Entchristlichung weiter voranschreiten.

Würde stärkere Differenz, wie sie ja auch von den Noch-Volksparteien auf der politischen Bühne gefordert wird, mehr Energie, Aufmerksamkeit und Zuspruch generieren? Setzt der Streit rivalisierender Gruppen so viel Kreativität frei, dass DIE große Krise der Glaubenslosigkeit angegangen werden kann?

Ich glaube, konstruktiver Wettstreit ist eine gute Sache – aber die heutige Krise der Religion geht tiefer, und so muss auch unterhalb des Konkurrenzdenkens eine Lösung gesucht werden – und das möglichst gemeinsam.
Der Reformationstag und unsere heutige Situation als Christen in Europa erinnern einerseits daran, welche gewaltigen Kräfte und Ideen freigesetzt werden können, wenn eine Situation als unhaltbar angesehen wird, andererseits stellt sich immer drängender die Frage, was denn erst noch passieren muss, um voneinander lernend Gott in dieser Welt zu verkünden.

Bewachsener Beton.
St. Ignatius, Frankfurt a.M., 2018.

Samstag, 27. Oktober 2018

Was wurde aus Bartimäus? Recherchen und Phantasien zum Sonntagsevangelium

Seine Begegnung mit Jesus (Mk 10,45-52) ist eine der bekanntesten Heilungsgeschichten des Neuen Testaments geworden:
Am Rande der Straße nach Jericho sitzend hört der blinde Bettler Bartimäus, dass Jesus vorbeikommt und ruft nach ihm: "Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!" (v47) Entgegen dem Widerstand seiner Begleiter lässt Jesus ihn zu sich kommen und fragt ihn, was er will. Die gläubige Antwort "Ich möchte sehen können" (v51) führt zu seiner Heilung.
Anschließend heißt es: "und er folgte Jesus auf seinem Weg nach." (v52)

Doch dann verschwindet Bartimäus aus der Bibel. Zwar heißt es in den anschließenden Kapiteln bei Markus regelmäßig, dass Jesus mit den Jüngern und nicht nur mit "den Zwölf", also den namentlich bekannten Aposteln, unterwegs ist, aber Namen aus dieser größeren Gruppe tauchen nicht mehr auf.

Samstag, 20. Oktober 2018

Der Macht nahe sein? Enttäuschung auf ganzer Linie.

1.
Sie kennen das Gefühl wahrscheinlich und haben sicher auch schon das ein oder andere Mal zu hören bekommen, dass jemand sagt: Du bist eine Enttäuschung für mich.
Jemand hatte Erwartungen an Sie gestellt und sich etwas Schönes von Ihnen erhofft – und Sie haben versagt.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus meinem Berufsalltag:
An manchen Tagen im Gefängnis habe ich den Eindruck, dass ich nur enttäuschen kann.
So viele Leute fragen nach mir, möchten ein Gespräch führen, haben ein Anliegen oder eine Bitte.
Und wenn ich dann nur einen Arbeitstag lang da bin, muss ich viele der Fragenden und Bittenden auf später vertrösten – oftmals schon wissend, dass es in der nächsten Woche genauso eng werden könnte.
Kurz: Ich werde den Erwartungen einfach nicht gerecht, die man an mich als Seelsorger stellt.

Ausblick? Enttäuschung!
Weimar, 2015.
Wenn wir uns nun die Situation der Apostel Jakobus und Johannes im Evangelium des Sonntags (Mk 10,35-45) vor Augen führen, dann scheint es sich um eine Enttäuschung-Steilvorlage zu handeln: Sie wollen die besten Plätze neben Jesus. Ausgerechnet neben ihm, der sich nicht nach vorn drängelte und selbst keine besonderen Ehrungen für sich in Anspruch nahm. Von ihm verlangen sie nun eine bevorzugte Behandlung.

Hätten sie nur gefragt, ob sie auf ihren Wanderungen neben ihm gehen dürfen, wahrscheinlich wäre es keine so grundsätzliche Frage geworden. Aber in seinem Reich als die beiden Zweitwichtigsten neben ihm sitzen zu wollen, das ist schon etwas heftig. Sie scheinen zu hoffen, dass Jesu Herrschaft als Messias nicht ohne wichtige Ministerposten auskommt und dass sie würdig wären, diese zu besetzen.
Wenn man hart formuliert, könnte man sagen, dass sie während der ganzen Zeit mit Jesus in keinster Weise verstanden haben, worum es Jesus geht: sie wären also totale Versager und enttäuschen auf ganzer Linie. 

Wahrscheinlich sind Ehrgeiz und Stolz mit ihnen einfach durchgegangen, so wie uns das ja auch oft genug passiert. Wer möchte nicht gern mal im Schatten eines Mächtigen sitzen und so möglichst etwas von seiner Wichtigkeit abbekommen?
Konkret: Auch ich würde mich natürlich freuen, wenn die, die was zu sagen haben, ihre Termine mit mir einhalten und mich so in meinem Status bestätigen oder wenn ein Bischof in diese Haftanstalt käme und dadurch die Wichtigkeit meiner Arbeit zeigen würde.

Bin auch ich also ein Versager als Christ, wenn mir derartige Gedanken kommen?
Wahrscheinlich jedenfalls bin ich nicht besser als die Jünger und wahrscheinlich geht es fast alle Christen intuitiv ebenso: In der Nähe zur Macht zu sein, verheißt Sicherheit. Man muss schließlich vorsorgen und seine Schäfchen ins Trockene bringen. Sich möglichst unauffällig an anderen vorbei nach vorn schieben, wenn sich die Chance bietet, ist da eine sehr naheliegende Versuchung.

Aber wie verträgt sich diese Einstellung mit dem Kern des Christseins?

2
Entscheidend ist im konkreten Fall außerdem, wie der Enttäuschte mit denjenigen umgeht, die ihn enttäuscht haben.
Manche Eltern brechen den Kontakt ab, wenn der Sohn zum soundsovielten Mal im Gefängnis landet, weil sie es einfach nicht mehr aushalten. Manche Freundschaft zerbricht an der x-ten Lüge.
Auch von der Kirche sind derzeit viele Menschen enttäuscht und manche wenden sich für immer von ihr ab.
Dahinter immer die gleiche Frage: Haben die es denn immer noch nicht gelernt?

Jesus dagegen regt sich nicht auf, sondern wiegelt zweimal ab: zuerst fragt er, ob sie das auch aushalten würden, was mit einem Platz an seiner Seite zusammenhängt, dann weist er die Verantwortung weiter und betont, dass die Plätze von anderer Seite belegt werden (38-40).
Als er aber mitkriegt, wie es unter den restlichen Jüngern rumort, holt er noch einmal weiter aus und stellt die Strukturen der Welt denen der Jüngergemeinschaft gegenüber:
"Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen.
Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein." (vv42-44)

Historisch gesehen dürfte das ein Text sein, der erst nach dem Tod Jesu in den ersten Gemeinden ausformuliert und Jesus in den Mund gelegt wurde.
Aber die Haltung in diesen Sätzen ist die Haltung Jesu:

Viele Leute? Fehlanzeige.
Grünheide, 2016.
Die Christen und damit die Kirche(n) sollen eine Art Kontrapunkt zur Welt bilden und stattdessen Orte sein, wo es nicht um Macht, Einfluss, Anerkennung, Größe und Ehre geht.

Wer sich heute in der Kirche umschaut und das Gebaren mancher Kirchenoberen beobachtet, der weiß, dass dieser biblische Aufruf immer noch nötig ist und immer noch weitgehend ungehört verhallt.
Aber Jesus wählt damals und heute nicht den Beziehungsabbruch, der ja auch eine mögliche Konsequenz solchen Fragens uns Handelns seiner Jünger sein könnte, sondern er beweist Großmut.
Anstatt die Jünger fortzuschicken und sich wegen ihrer Unbelehrbarkeit von ihnen zu trennen, zeigt er ihnen (und uns) einen Weg.

Im Wesentlichen besteht dieser Weg darin, nicht vom eigenen Ego beherrscht zu werden, sondern es im Zaum zu halten.
Wahre Herrschaft im christlichen Sinne besteht darin, anderen zu dienen.

3
Und dafür ist Jesus selbst das beste Beispiel.
Der letzte Satz des Evangeliums lautet dementsprechend: "der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele." (v45)

Hier liegt nun der Grund für die Enttäuschung vieler Menschen:
Eine solche Aussage ist ein Dämpfer für alle, die glauben, gegen den Islam müsse nun ein Christentum in Stellung gebracht werden, das mit klarer Kante zeigt, wo es eigentlich lang geht.
Dieser Satz ist enttäuschend für jene, die sich einen Chef mit harter Hand gewünscht hatten, oder einen, der viele Sonderposten und exklusive Aufgaben verteilen wird.
Sein Auftrag jedoch ist: Kümmert euch um einander, helft, richtet auf, tröstet – kurz: dient.

Und er geht mit gutem Beispiel voran. Das feiern wir als Christen, wenn wir uns am Sonntag versammeln. Wir feiern die Erinnerung an die Lebenshingabe Jesu, die von der Auferweckung durch Gott gekrönt wird. Jesu Liebe hat ihn dahin gebracht, nicht fortzulaufen oder der Gewalt seiner Glaubensbrüder und der Römer mit Gegengewalt zu antworten, sondern auszuharren.

Aber seine Liebe bestand nicht nur in Leiden und Passivität, sondern sie war der eigentliche Impuls Gottes, sich überhaupt auf den Weg zu den Menschen zu machen.
Das bedeutet: Wenn Gott kommt, dann nicht als prächtiger Held, sondern eben als Diener.
Auch hier enttäuscht Jesus im besten Sinne die Erwartungen der Menschen.

Denn die Liebe schwingt sich eben nicht zum Herrscher auf, sondern lässt andere groß sein. Genau das feiern wir auch jeden Sonntag: Gott beschenkt uns mit seinem Leben, er will seine Liebe auf uns überströmen lassen und uns reich machen, damit wir unsererseits Liebe weiterschenken können.

Gerade letzteres geht nicht ohne Selbstüberwindung. Denn der Wunsch nach Nähe zur Macht sitzt tief in uns. Aber wenn wir uns geliebt fühlen, können auch wir leichter lieben, dann wird das Gefühl der Unsicherheit, das uns in die Nähe der (scheinbar) Mächtigen treibt, schwinden und die Versuchung der Macht kleiner werden.

Ein Mächtiger im Sinne der Welt hätte die beiden unverschämten Jünger vielleicht weggeschickt. Jesus dagegen, der sie liebte und genau wegen Menschen wie ihnen gekommen war, zeigt ihnen, was möglich ist, wenn auch sie die Täuschung der Macht hinter sich lassen und dergestalt „ent-täuscht" anderen Menschen dienen können. 

Tolle Fassade? Noch nicht mal das!
Humboldtforum, Berlin-Mitte, 2018.

Freitag, 19. Oktober 2018

Schrei um Erbarmen. Gebet nach einem Tag im Gefängnis

Großer Gott,
selten ist mir danach, zu schreien und dich um Erbarmen anzurufen, wenn ich aus dem Gefängnis komme.

Aber heute ist so ein Tag, an dem ich nicht anders kann!
Was fährt in die Menschen, dass sie sich gegenseitig so fertigmachen? Warum muss es immer wieder bis kurz vor den Anschlag gehen? Warum zu oft darüber hinaus?

Samstag, 13. Oktober 2018

"Fromm warst du ja, aber..." Oscar Romero und die Kirche der Armen

Du hast dich sehr bemüht, bist fromm gewesen, warst Rom treu und hast alle Regeln befolgt, dich mit den wichtigen Leuten gut verstanden und bist damit in der kirchlichen Hierarchie weit gekommen. Aber das Entscheidende fehlt dir noch - die Nähe zur Armut und den Armen!“

Ganz im Sinne des Sonntagsevangeliums (Mk 10,17-30) hätte Jesus mit solchen Worten zu Erzbischof Oscar Romero sprechen können, als dieser noch ein „guter“, und das heißt ein in schon lang vorhandenen Bahnen agierender Bischof in El Salvador war.
Dass Romero allerdings an diesem Sonntag heiliggesprochen wird, hat nicht damit zu tun, wie er bis Anfang 1977 sein Bischofsamt in dem von sozialen Verwerfungen und gewalttätigen Auseinandersetzungen erschütterten Land in Mittelamerika ausübte.

Dienstag, 9. Oktober 2018

Vater, Vergebung und Versuchung. Vom Vaterunser

Der heutige Evangelientext (Lk 11,1-4) bietet die Version des Vaterunsers aus dem Lukasevangelium.
Die Jünger Jesu wollen von ihrem Meister wissen, wie sie beten sollen. Jesu Antwort ist knapp und deutlich, aber sie lohnt einen näheren Blick, da es sich ja um das wichtigste Gebet der Christen handelt.
Ich konzentriere mich auf drei Aspekte.

Der Vater wartet.
Neukölln, Berlin, 2015.
1. Vater unser im Himmel
Gott lässt sich von uns als Vater anreden. Und damit als der, von dem wir herkommen. Das heißt, wir sind ihm von unserem Ursprung her ähnlich und nahe.
Gott spricht zu jedem Einzelnen: Du kommst von mir – und ich wünsche mir, dass du auch nach mir kommst und mir immer ähnlicher wirst. So ist Gott als Vater zugleich der, der liebevoll wartet, dass wir zu ihm kommen.
Eigentlich ein komisches Bild: Gott wartet auf uns. Aber genau so stellt Jesus uns Gott vor in seinem Gleichnis vom Verlorenen Sohn: Der Sohn hat Mist gebaut und alles ausgegeben, was er hatte und kommt nun kleinmütig wieder – da steht sein Vater schon mit offenen Armen da und nimmt ihn in Empfang.

Je nachdem, welche Erfahrungen wir selbst mit unseren Vätern gemacht haben, wird uns das rasch einleuchten oder auch nicht.
Wer den eigenen Vater nur als einen Arbeitenden, der spät nach Hause kommt, erlebt hat, oder als einen, der vielleicht sehr ungeduldig und aufbrausend ist, möglicherweise als einen, der seine Wut nicht im Griff hat, dem bietet sich Gott mit einem gänzlich anderen und neuen Vaterbild an.

Gott ist zunächst ein Vater, der da ist. Er versteckt sich nicht, wenn wir ihn suchen und er bleibt nicht in seinem Himmel, wenn wir uns auf den Weg zu ihm machen. Sondern er ist da und wartet und kommt uns in Jesus sogar entgegen.
Weiter ist Gott ein Vater, der uns liebevoll anschaut und uns bittet, bei ihm zu sein. Er ruft uns immer wieder. Dafür muss er sehr geduldig sein. Denn wir machen immer wieder, was wir wollen und oft genug ist das nicht anwesend sein, geduldig sein, liebevoll sein.
Schließlich ein Stolperstein: Gott liebt uns alle. Ich halte das deshalb für einen Stolperstein, weil es uns so schwer fällt, zu glauben, dass dieser Stinkstiefel da für Gott genauso liebenswert sein soll wie ich. Aber genauso ist es: Dieser Vater-Gott liebt jede und jeden. Ob wir im Gefängnis sitzen oder ob wir dort arbeiten. Ob wir drogenabhängig sind und zum x-ten Mal rückfällig geworden sind oder ob wir unsere Süchte einigermaßen unter Kontrolle haben. Ob wir schnell zuschlagen oder uns dauernd vom Leben geschlagen fühlen.

Wer also im Gebet Gott als Vater anspricht, der verlässt sich beruhigt darauf, dass Gott mit ganzer Liebe da ist. Dass Gott ihn erwartet.
Und er sieht seine Nachbarn ebenfalls als Gottes geliebte Kinder an.

2. Vergib uns unsere Schuld – wie auch wir vergeben unseren Schuldigern
Eben klang es schon an, dass der Vater in Jesu Gleichnis ein vergebender und großzügiger Vater ist.
Aber im Vaterunser wird darüber hinaus davon gesprochen, dass nicht nur Gott uns vergibt, sondern auch wir unseren Nachbarn.

Manch einer mag sich fragen: Was hat meine Schuld mit der Schuld meines Nächsten zu tun?
Auf einer rein juristischen Ebene ist beispielsweise klar, dass die eine Straftat dieser Person und die andere Straftat jener Person nicht direkt miteinander zu tun haben. Und es ist auch klar, dass ein Richter sein Strafmaß nicht davon abhängig macht, ob ich sonst ein netter Mensch bin.
Wenngleich, es deutet sich an, wenn manche Aspekte einen Einfluss auf den Schuldspruch und später die Strafdauer haben: gibt es eine Einsicht in die Schuld, gibt es das Bemühen um Wiedergutmachung, gibt es Vorstrafen in der gleichen Richtung oder gibt es sie nicht?

Vergeben statt am Rad drehen.
Fangschleuse, 2016.
Vor Gott ist klar, dass wir alle schuldig werden und Vergebung brauchen, egal ob ein irdischer Richter etwas dazu sagt oder nicht.
Und vor Gott geht es zwar auch um unsere Taten – aber in erster Linie geht es ihm um unser Herz.
Wenn wir Gott um Vergebung bitten, dann öffnen wir ihm unser Herz. Und unser geöffnetes Herz wird auch offen sein für die Anderen. Für jene, die an uns schuldig geworden sind, für jene, die bei uns Schulden haben, für jene, die unsere Großzügigkeit brauchen.

Das heißt nun aber von der anderen Seite her nicht, dass wir einfach so Schulden machen können, von der Großzügigkeit anderer leben und diese ausnutzen (ich habe hier vor allem die im Gefängnis allgegenwärtige Tabakfrage vor Augen).
Aber es bedeutet, dass wir als Menschen, die etwas geschenkt bekommen, auch anderen schenken können und sollen.
Konkret auf Vergebung bezogen: Wo wir merken, dass uns vergeben wird, dass wir uns nicht mehr in der Schuld suhlen müssen, dass uns aufgeholfen wird – dort müssen auch wir selbst nicht kleinlich sein, sondern können es uns leisten, nachsichtig mit den Schwächen unserer Nächsten zu sein.

Wer also so betet, der kann nicht selbstgerecht auf Andere herabsehen, denn er weiß, dass er selbst auch Vergebung und Verzeihung nötig hat. „Ja es ergibt sich das Erschütternde, dass er an sich selbst staunend erfährt, wie ihn die eigene Unzulänglichkeit und Heruntergekommenheit erbarmender macht", wie es Gertrud von Le Fort ausdrückt.1

3. Führe uns nicht in Versuchung
Hier versteckt sich eine der kniffligsten Fragen für Christen überhaupt: Wie kommen wir mit den Versuchungen zurecht? Also mit all dem, was so leicht bei uns andocken kann und uns dabei doch nach unten zieht und kaputt macht. 
Das Vaterunser geht davon aus, dass Versuchungen zum Leben dazu gehören. 

Viele Menschen hier im Haftkrankenhaus kennen dies aus therapeutischen Kontexten: In mir will etwas unbedingt. Da geht es um Triebkontrolle oder um Bedürfnisaufschub, darum, nicht schon wieder rückfällig zu werden und so fort.
Die Religionen kennen diese Problematik seit langem: Im Buddhismus ist eines der wichtigsten Ziele, um ins Nirwana zu kommen, dass man nicht weiterhin Dinge will. Es geht also darum, sein Herz nicht an etwas zu hängen und sich innerlich immerzu danach zu verzehren. Mit anderen Worten: die Versuchung gar nicht erst groß werden zu lassen. Auch das Judentum hat vor beinahe 3000 Jahren in den Zehn Geboten formuliert: "Du sollst nicht das Haus deines Nächsten begehren. Du sollst nicht die Frau deines Nächsten begehren, nicht seinen Sklaven oder seine Sklavin, sein Rind oder seinen Esel oder irgendetwas, das deinem Nächsten gehört." (Ex 20,17)

Für jeden, scheint dieser Text sagen zu wollen, lauert die Versuchung woanders und jeder muss für sich hören, was er denn so unbedingt haben will und dagegen ankämpfen. 
Für die einen mag es eine Versuchung sein, wenn ich jetzt eine bestimmte Tablettenschachtel hier hinlege, für die anderen wäre es vielleicht eher eine Versuchung, wenn ich meinen Schlüssel oder das Funkgerät hier liegenließe und den Raum kurz verlassen würde.

Das Entscheidende geschieht auch hier im Inneren. Denn wir können Gott zwar bitten, dass wir nicht in die Versuchung geraten (wozu es in diesem Jahr eine spannende theologische Debatte gab), aber wenn wir einmal versucht werden, müssen wir uns zu dieser Versuchung eben verhalten. Und wir alle wissen, dass das mitunter schneller geht als man so glaubt.
Aber als Menschen haben wir immerhin die Möglichkeit, uns unterschiedlich zu verhalten. Denn wir können in die Distanz zu uns selbst zu gehen – uns selbst anschauen als herausgeforderte und manchmal überforderte Menschen. Und in dieser Distanz vielleicht leichter eine Antwort finden, als wenn wir mitten in der Versuchung feststecken.
So lässt sich vielleicht von den Buddhisten die Frage abschauen, was es denn ist, das mir wirklich hilft und mich weiterbringt. Ist es das „Anhaften" an den Dingen, die (Sehn-)Sucht nach meinen kleinen Hilfsmitteln und Muntermachern, das ständige Habenwollen?
Was bringt mich im Leben weiter, der kurzfristige Kick und die Befriedigung meiner unmittelbaren Bedürfnisse und Triebe – oder gibt es andere Wege?
Wenn wir also beten, dass Gott uns nicht in Versuchung führen solle, dann bedeutet das auch, darum zu bitten, dass wir klarer erkennen, was uns gegen die Versuchung hilft. Wir müssen jeder für sich einen guten Grund finden, um der Sache, die uns erst wie magisch anzieht und dann runter zieht, nicht schon wieder auf den Leim zu gehen.

Wer darum betet, von den Versuchungen verschont zu werden, der weiß um seine eigene Schwäche. Der kann mehr und mehr üben, mindestens zeitweise zu sich und seinen Neigungen in Distanz zu gehen. Der wird sich einen überzeugenden Grund suchen, der Versuchung nicht nachzugeben.

Zum Mitnehmen bleiben also vielleicht diese drei Punkte:

1. Wir können uns darauf verlassen, dass Gott als naher, geduldiger und gütiger Vater auf uns wartet.

2. Wir können selbst vergeben und barmherziger werden, weil wir wissen, dass wir nicht besser sind als die anderen.

3. Wir können üben, unsere hinderlichen Bedürfnisse und Triebe aus innerer Distanz wahrzunehmen und uns nicht von ihnen kapern zu lassen.


P.S.: Liturgische Gedanken zum Vaterunser hier.

Gute Stützpfeiler finden!
Prora, 2016.

1   G.v. le Fort, In: G. Greene, Vom Paradox des Christentums. Mit einem Geleitwort von G.v. le Fort. Zürich 1952, 11.

Donnerstag, 4. Oktober 2018

Ehelosigkeit geht nicht nebenbei. Ein Brief aus Erfahrung

Auf Wunsch des zuständigen P. Clemens Blattert SJ habe ich mir vor einiger Zeit mal Gedanken gemacht, was ich als ehemaliger Jesuit einem (potentiellen) Interessenten am Jesuitenorden schreiben würde. Und zwar dies:


Lieber Interessent,

im Jahr 2007 bin ich ins Noviziat des Jesuitenordens eingetreten, habe mich aber 2012 entschieden, wieder auszutreten. Heute schreibe ich Dir ein paar Gedanken, wie es zum Austritt kam – aber auch, warum es sich für Dich lohnen kann, auszuprobieren, ob das Ordensleben etwas für dich ist.

Als ich dem Provinzial schrieb, dass ich glaubte, nicht länger im Orden verbleiben zu können und deshalb um die Entlassung bat, hatte ich zuvor schon lange hin- und her überlegt. Ich hatte viel gebetet, abgewogen, hier ein Für und dort ein Wider bedacht und schließlich eine ganze Reihe von Dingen ausformuliert, die mich störten und Gründe für meinen Austritt darstellen sollten.

Samstag, 29. September 2018

Hand ab und alles gut? Notizen zum Sonntagsevangelium

"Wenn dich deine Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab; es ist besser für dich, verstümmelt in das Leben zu gelangen, als mit zwei Händen in die Hölle zu kommen". (Mk 9,43)

Kunstpause.
Durchatmen.

Und dann: Was soll denn das?

Einfach ganz ruhig von vorne anfangen: Es geht um die Frage, wie mit Versuchungen umzugehen sei. Jesus ist da anscheinend radikal.

Ich höre so etwas bisweilen im Gefängnis: "Ich muss wirklich mal einen radikalen Schnitt machen!"

Donnerstag, 27. September 2018

Das schreckliche Schwanken. "Der Vogelgott" von Susanne Röckel

Ich wusste vorher nicht, was mich bei der Lektüre dieses Romans "Der Vogelgott"1 erwartet – aber ich wurde nicht enttäuscht.

Susanne Röckel hat in dunklen Farben die Geschichte dreier Geschwister gemalt, die in unterschiedlicher Weise einer geheimnisvollen Religion auf die Spur kommen.

Da ist zunächst Thedor, der jüngste der drei, der sonst nie etwas auf die Reihe bekommt. Ausgerechnet er macht sich auf den Weg in die weitgehend unbekannte Region der Aza, um dort humanitäre Hilfe zu leisten – verführt durch einen faulig riechenden und doch charismatischen Unbekannten, der ihm den Eindruck vermittelt hatte, gerade er sei dort besonders vonnöten. In der Fremde angekommen scheint es zunächst, als sei er vergessen worden.

Mittwoch, 26. September 2018

Cosmas und Damian – Heilung ist unentgeltlich

Im Evangelium (Lk 9,1-10) am Fest der heiligen Ärzte Cosmas und Damian lesen wir, dass Jesus seine Jünger losschickt, um zu heilen. Drei Gedanken dazu.

1 Christentum bedeutet Heilung
Gott will, dass wir heil werden. Und zwar an Seele und Leib.
Dazu sendet er die Christen, damit sie in seinem Namen Heilung und Heil wirken.
Denn es ist seit dem Beginn Teil der christlichen Botschaft und Praxis, auch für die körperliche Gesundheit anderer zu sorgen.

Samstag, 22. September 2018

Kinder in die Mitte! Von Kind- und Vatersein. Von Vertrauen und Verantwortung.

1. "Jesus stellte ein Kind in ihre Mitte und nahm es in die Arme" (Mk 9,36)
Dieser zentrale Satz aus dem Evangelium des Sonntags (Mk 9,30-37) lässt bei manch einem die Alarmglocken schrillen.
Denn die Rede davon, dass eine religiöse Autorität ein Kind in die Arme nimmt, hat in der katholischen Kirche ihre Unschuld verloren. Seit erneut Berichte über die sexuellen Übergriffe durch katholische Geistliche in den USA und in Deutschland bekannt wurden, ist das religiöse Sprechen über Kinder eine heikle Sache geworden.
Jedenfalls tue ich mich schwer, hier fromme Gedanken zu diesem Thema zu verkünden.

Viel Schatten durch das Licht.
Jakobskirche, Stralsund, 2018.
Denn ich bin Mitarbeiter einer Institution, die über Jahre und Jahrzehnte hinweg das eigene Ansehen über den Schutz und die Würde der Opfer sexueller Gewalt gestellt hat. Durch ständiges Wegsehen und systematische Vertuschung, durch klammheimliche Versetzungen der Täter und die Beschimpfung der Aufklärer als Nestbeschmutzer hat die katholische Kirche sich oft genug als unwillens und unfähig erwiesen, dem Verbrechen in ihrer Mitte ein Ende zu machen. Das Leiden der Opfer von sexuellen Übergriffen ist nun nicht mehr ungeschehen zu machen.

Was aber möglich ist: Den Opfern nun endlich zuzuhören und zu erfahren, was durch den Missbrauch zerstört worden ist.
Dann muss es um Gerechtigkeit gehen: Täter müssen klar benannt und zur Rechenschaft gezogen werden, soweit dies noch möglich ist.
Schießlich die Frage nach den Strukturen: Beschwerdewege und Schutzmechanismen sind inzwischen in vielen Teilen der Kirche etabliert und es ist zu hoffen, dass damit auch ein Mentalitätswandel einhergegangen ist. Aber reicht das? Papst Franziskus hat den Klerikalismus, also die Überhöhung geistlicher Amtsträger, als Ursache angeprangert. Auch die kirchliche Sexualmoral, die Hierachien, die undurchsichtigen Versetzungen tragen ihren Teil bei.

Wie dem auch sei: Meine Kirche hat vor dem Anspruch Jesu kläglich versagt, denn nicht die Sorge für die Kinder stand im Zentrum, sondern ihr eigener Schutz. Verantwortungslosigkeit pur! Dieses Versagen müssen wir heute mit Trauer und Scham erkennen.

Aber es ist eine zwiespältige Sache, als Mitglied der Kirche irgendwie sich selbst und dann doch nicht sich selbst anzuklagen, da ich ja persönlich oft genug gar keinen Einfluss auf solche Dinge habe.

2. "Wer ein Kind aufnimmt, der nimmt mich auf" (Mk 9,37)
Deshalb will ich den Blick von der heutigen Situation zurück auf Jesu Intention lenken:
Jesus war voller Ehrfurcht und Wertschätzung gegenüber den Kindern.
Er stellte sie bisweilen als religiöse Vorbilder hin: "Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen." (Lk 18,17) Und das tut er in einer Zeit, als der Kitsch von Babys, die auf den großen Händen der Erwachsenen schlafen, undenkbar war, als noch keine Kinderbilder mit riesigen Kulleraugen existierten und noch kein süßes Jesuskind mit blonden Locken verehrt wurde.
Kinder waren keine Vorbilder, sie waren in den Augen seiner Zeitgenossen nur unfertige Erwachsene und reichlich defizitär. Dagegen rückt Jesus ihre Offenheit für Gott und sein Wirken ins Zentrum.

Heute nun geht er noch einen Schritt weiter und spricht von der engen Verbindung zwischen dem Aufnehmen eines Kindes und dem Aufnehmen Gottes selbst: "Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat." (v37)

Kinder ändern die Lebensperspektive.
Inselkirche, Hiddensee, 2018.
Aber was soll das bedeuten: ein Kind "aufnehmen"?
In den seltensten Fällen laufen irgendwo Kinder auf der Straße herum, die man dann aufnimmt. Darum wird es also nicht gehen.

Kinder zu haben aber bedeutet, bei aller Freude und Lockerheit, die sie ins Leben bringen können, in erster Linie Arbeit. Es ist ein mühevolles Tun, den eigenen Tagesrhythmus an einem Kind auszurichten, es mit Geduld an Hygiene und Essen heranzuführen, vollgekackte Windeln zu wechseln, in der Krankheit und bei jedwedem Geschrei ruhig und geduldig zu bleiben, und nicht zuletzt die Balance zu finden zwischen nachsichtiger Liebe und den Regeln.
Diese Mühe muss man, wenn ein Kind erst einmal da ist, einfach auf sich nehmen, denn ohne die liebevolle Sorge kann ein Kind nicht leben.

Eindrucksvoll zeigt das der aktuelle Roman "Neujahr" von Juli Zeh, in dem sich dem Familienvater Henning im Urlaub die schreckliche Erfahrung des Verlassenseins wieder ins Gedächtnis drängt. Vor vielen Jahren waren seine Eltern beim Urlaub auf Lanzarote am Morgen plötzlich aus dem Ferienhaus verschwunden gewesen und hatten den Vierjährigen mit seiner zwei Jahre jüngeren Schwester allein gelassen. Die Autorin beschreibt aus der Sicht des zunächst besonnen agierenden Henning, den immer wieder und immer stärker die Panik anfällt, bis ihn die ungeheure Verantwortung, in die er urplötzlich gestellt ist, fast umwirft, einen verzweifelten Kampf ums Überleben und die sinnlose Suche nach einem Sinn der Verlorenheit.
Kindliche Überforderung und die völlige Unfähigkeit, in dieser haltlose Situation einen Halt zu finden, haben ihre traumatisierenden Spuren in seinem Leben als Ehemann und Vater hinterlassen. Es ist eine dem eben genannten Missbrauch verwandte Form der Traumatisierung.

Mich hat dieser Roman völlig fertig gemacht – und zugleich vollends fasziniert. Denn er zeigt (neben vielen anderen Dingen) aus verschiedenen Perspektiven, wie unabdingbar wichtig die elterliche Sorge für das Wohl eines Kindes ist.

Wenn Jesus nun dazu auffordert, Kinder aufzunehmen, dann geht es genau um diese Verantwortung, in der Erwachsene gegenüber Kindern stehen. Dasein, sich kümmern, liebevoll mitgehen und zeigen, dass sie nicht allein sind. Das ist ein Dienst, bei dem man selbst nicht an erster Stelle steht.
Insofern gehört der Schutz von Kindern zum Zentrum des Christlichen!

3. "Vater unser im Himmel" (Mt 6,9)
Zugleich ist diese Haltung, religiös gesprochen, die Art von Väterlichkeit, die wir auch von Gott als unserem himmlischen Vater erwarten dürfen.

Hier kreuzen sich nämlich die theologischen Linien: Einerseits dürfen wir uns vertrauensvoll als gesegnete Kinder Gottes fühlen und ihn im Vaterunser als unseren Vater ansprechen. Andererseits sind wir in die Pflicht genommen, Kindern verantwortlich und dienend zu begegnen.
Beide inneren Haltungen, die des vertrauenden Kindes und die des verantwortlichen Erwachsenen, haben Platz in uns und beide können uns zu dem einen Ziel führen: dass wir Gott näher kommen.

Denn das ist ja das Ziel des Evangeliums: Jesus will zeigen, auf welchem Wege wir Gott begegnen können.
Zusammengefasst lässt sich aus dem bisher Genannten verallgemeinernd sagen, dass wir Gott begegnen können, wenn wir Verantwortung übernehmen, wenn wir dienen, wenn wir nicht uns selbst an erste Stelle setzen.
(Entgegengesetzt also zu dem Verhalten, wie es Priester und Bischöfe im Zuge des Missbrauchs und des Umgangs mit dem Missbrauch an den Tag legten – bzw. verschleierten.)

Darauf deutet auch der andere wichtige Satz des Evangeliums hin: "Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein." (v35)

Das eben Erwähnte findet sich darin wieder – und noch mehr.
Der Satz erinnert nämlich daran, dass die Werte, von denen ich eben sprach, nicht selbstverständlich, nicht leicht zu leben und schon gar nicht populär sind. Denn sie zu leben bedeutet, Abstriche zu machen, nicht zu drängeln, runterkommen vom eigenen hohen Ross.

Den Verantwortlichen in der Kirche stünde das in diesen Zeiten gut an. Papst Franziskus geht nach meiner Ansicht in vielen Bereichen schon mit einem guten Beispiel voran.

Aber auch alle anderen Christen, die Gott als Vater anrufen, sagen mit dieser Anrede Gottes, dass sie selbst nicht auf dem ersten Platz stehen. Sondern dass sie ihm im Gebet ihr Leben anvertrauen – die Verherrlichung seines Namens, das tägliche Brot, die eigene Schuld, die Rettung vor den Versuchungen und allem Bösen. Wer so betet, stellt sich selbst nicht in die erste Reihe.

So kann das Beten des Vaterunsers uns vielleicht eine gute Erinnerung sein an das, was uns das Evangelium auträgt:
Zu Gott als Vater sprechen bedeutet auch, auf den Schutz der Schwächsten zu achten. Es bedeutet, sich nicht nach vorn zu stellen, sondern Verantwortung zu übernehmen und zu dienen.

Blick in Abgründe / Blick nach draußen.
Heimvolkshochschule Seddiner See, 2016.