Mittwoch, 11. Juni 2014

Die Gabe der Tränen

Mit den Gaben des Heiligen Geistes ist es so eine Sache – was kann jemand im Alltag konkret anfangen mit Rat oder Gottesfurcht, mit Wunderkräften, Glaubenskraft und den vielen anderen Begabungen, die Jesaja und Paulus nennen?1 Bei manchen Gaben ist das einfach: Kranke zu heilen oder Einsicht zu haben ist mit Sicherheit sehr alltagstauglich und auch "die Fähigkeit, die Geister zu unterscheiden", die Paulus nennt (1Kor 12,10), kann zum Durchblick durch das eigene Leben und die Zeitläufte verhelfen.
Bei Ignatius von Loyola (und auch früher) taucht nun die "Gabe der Tränen" auf, die sich an verschiedenen Stellen in seinen Schriften findet. Hier drängt sich beim ersten Hören die Frage noch konkreter auf, was denn eine solche Gabe soll.

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Zunächst: Aus vielen biblischen Nennungen von Tränen und Weinen2 sollen hier einige herausgegriffen werden. Gott wird "alle Tränen von ihren Augen abwischen" (Off 21,4), womit gemeint ist, dass dereinst aller Grund für Trauer und Klage verschwinden wird.
Bevor dies aber geschieht, fordert Paulus zur "Sym-pathie" auf, zum Mitgehen in die tiefsten Emotionen der Nächsten, dazu also, sich mit Fröhlichen zu freuen, aber auch mit Weinenden zu weinen (Röm 12,15). Und wenn gläubige Menschen in der Heiligen Schrift vom Leben Jesu lesen und sich ansprechen lassen, dann kann zumal die Passionsgeschichte dieses fühlende Mitgehen ermöglichen, da auch Jesus "mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor [Gott] gebracht" hat (Hebr 5,7).

2
So lässt sich die Gabe der Tränen in einem ersten Schritt durchaus als Gabe des Mitleids konkretisieren. Dem folgend gibt es in der Frömmigkeitsgeschichte seit den antiken Kirchenvätern bis ins Mittelalter hinein eine Unmenge an entsprechenden Zeugnissen. Mit Michael Plattig OCarm3 kann wie folgt gegliedert werden:

Elberadweg, Tschechische Grenze bei Bad Schandau, 2013.
Die "Tränen des Mitleids" finden sich, wie gesagt, vor allem im Kontext der Passionsfrömmigkeit. Plattig zitiert Abélard in einem Brief: "Kommen Dir nicht die Tränen der tiefsten Trauer, wenn Du den eingeborenen Gottessohn anschaust? Unschuldig ist er um Deinetwillen, um aller Menschen willen von den Gottlosen gegriffen, dahingeschleppt und gegeißelt, [...] er ist am Pfahl des
Kreuzes den schrecklichen Tod der Verbrecher gestorben. [...] In frommer Hingabe laß Dein Herze durch dieses Erleben erschüttern!"
Dann werden genannt die "Tränen der Zerknirschung" angesichts eigener oder fremder Sünden oder Tränen über die Schlechtigkeit der Welt im Allgemeinen. Als Beispiel dient ein Text von Johannes Klimakos: "O meine Brüder, Gott wird uns im Tode nicht vorwerfen, wir hätten keine Wunder gewirkt, noch auch, wir seien keine Theologen oder Mystiker gewesen, aber davon werden wir ihm sicher Rechenschaft geben müssen, daß wir nicht unermüdlich unsere Sünden beweint haben." Die Sprache scheint zunächst fremd, das Gemeinte ist aber von tief empfundener Scham über eigene Unzulänglichkeiten und Reue über eigenes falsches Tun nicht weit entfernt.
Auf vielerlei Weise hervorgerufen werden können die "Tränen der Andacht", sei es durch Freude oder Sehnsucht, durch Versöhnung oder Buße. Die Grenzen zu den vorherigen beiden "Tränenarten" verschwimmen. Bernhard von Clairvaux kennt z.B. die Liebe als Quelle der geistlichen Tränen: "Ja, auch die Liebe weint, aber aus Liebe, nicht aus Trauer. Sie weint vor Sehnsucht, sie weint
mit den Weinenden." Ein breiter Auslegungsspielraum, in dem ich die Sehnsucht nach dem als fern empfundenen Gott und das unfassbare Gefühl, von ihm tatsächlich mit allem geliebt zu sein, am ehesten verstehen kann.

3
Auf der Grenze zur Neuzeit finden sich bei Ignatius von Loyola alle genannten Motive wieder. Seine den Körper stark einbeziehende Frömmigkeit zeigt sich beispielsweise in der Anwendung der Sinne bei einer Gebetsübung: "Mit der Sicht der Vorstellungskraft die Personen sehen", "hören, was sie sprechen oder sprechen können", dann "riechen und schmecken: die unendliche Sanftheit und Süße der Gottheit, der Seele und ihrer Tugenden" und schließlich "berühren, etwa die Orte umfangen und küssen, auf die diese Personen treten und sich niederlassen."4 Auch die Gebetshaltungen und verschiedene körperliche Einflüsse auf das Gebet wie das Licht oder der Ort, die Zeiten oder das Essen bezieht er mit ein.5
Die Tränen stellen hier eine Schwelle dar, die starke Emotionen in einen körperlichen Ausdruck bringen können.
Tellerbruch in ausgebranntem Haus,
Tschechische Grenze bei Oberwiesenthal, 2013

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Sehr eindrücklich sind bei Ignatius die "Reuetränen" und die damit verbundenen Gefühle des Schmerzes und der Trauer, die er Menschen erbitten lässt, die die Geistlichen Übungen machen. "Schmerz und Tränen über meine Sünden"6 scheinen Ignatius angemessen zu sein, wenn die betende Person mit dem gekreuzigten Christus als Gegenüber in ein "Gespräch der Barmherzigkeit" kommt, "so wie ein Freund zu einem anderen spricht"7. Denn sich selbst angesichts der liebenden Hingabe Jesu anzuschauen kann den Betenden erschüttern und reinigen.
(Einer ähnlichen Einsicht wegen macht Goethe später die Tränen in leicht variiertem Kontext zum Kalenderspruch: "Der Tränen Gabe, sie versöhnt den grimmsten Schmerz; sie fließen glücklich, wenn's im Innern heilend schmilzt.8)

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Genauso kennt Ignatius die Tränen des Mitleidens mit Jesus auf seinem Weg zum Kreuz. Die dritte Woche der Exerzitien ist ganz der Passion gewidmet und widmet sich aufführlich den einzelnen Leidensstationen. Das Mit-Leiden geht ans Eingemachte: Der Betende soll "um Qual, Tränen und Pein mit dem gepeinigten Christus bitten"9 und selbst Energie aufwenden, um "Schmerz zu emfinden, traurig zu sein und zu weinen".10
Die Bitte um die Tränengabe und das eigene Bemühen darum gehen Hand in Hand, wenn die Angleichung an Jesus angestrebt ist: "Schmerz mit dem schmerzerfüllten Christus, Zerbrochenheit mit dem zerbrochenen Christus".11
So wird die Erschütterung über das eigene Leben (Zerknirschung und Reue) nun nach außen gewendet und für einen Anderen, in diesem Fall Jesus, fruchtbar gemacht.

6
Die Andachtstränen zählen zu einem besonderen Merkmal des Ignatius. Schon die Betrachtung des Sternenhimmels konnte ihn zum Weinen bringen. Ignatius war davon "dermaßen in Liebe entzündet worden, daß ihm die Tränen vor Freude, die er in seinem Herzen fühlte, über das Gesicht abrannen." schreibt ein Begleiter über ihn.12
Davon abgesehen traten ihm vornehmlich bei der Eucharistiefeier die Tränen in die Augen. Sein kurzes Geistliches Tagebuch ist voll von Einträgen wie: "Vor und in der Messe mit Andacht und nicht ohne Tränen" (am 06.02.1544), einen Tag darauf betete er "mit einer großen Fülle von Andacht und Tränen" und am nächsten Tag schrieb er wiederum: "Nach beträchtlicher Andacht und Tränen im Gebet seit der Vorbereitung auf die Messe und in ihr eine große Fülle von Andacht und ebenso Tränen" und beim Gebet danach das Gefühl inniger Gottesnähe "und in der Folge davon Tränen und sehr innige Andacht"13
Die vielen Tränen waren Ignatius ein Zeichen von Trost und Gottesnähe im Gebet. Er berichtet, dass er in einem Gebet "fast nicht mehr aufstehen konnte vor Schluchzen und Tränen wegen der Andacht und Gnade, die ich empfing."14
 
Wasserpflanzen, Comenius-Garten, Rixdorf, Berlin, 2014.
Die Frage des Zusammenhangs von Trost und Tränen beschäftigte Ignatius vornehmlich dann, wenn ihm keine Tränen kamen: "Warum kommt kein Tränenvergießen oder keine Fülle von Tränen?"15 Dabei ist sogar von "Augenschmerzen wegen so vieler"16 Tränen die Rede, in deren Folge ein Arzt ihm gebot, "nicht zu weinen, und so nahm er es um des Gehorsams willen an. Und indem er es um des Gehorsams willen annimmt, hat er jetzt viel mehr Tröstung, ohne zu weinen, als er vorher hatte",17 wie sein Biograph schreibt.
In diesem Falle war der Verzicht auf Tränen ein Fortschritt, wie es scheint. Vielen heutigen Betenden sind solche Gefühlsbewegungen im Gebet vielleicht nicht vollkommen fremd, doch die Regelmäßigkeit und Intensität der Tränen des Ignatius lassen wohl aufmerken.

7
Zusammenfassend: Nicht nur Trauer und Schmerz sind Inhalt und Quelle der "Gabe der Tränen", sondern auch das Mitleiden, die seelische Offenheit für Andere, die reinigende Selbsterkenntnis, und bei Ignatius besonders die Liebe, das Hingerissensein und der Trost.
Inwieweit die Tränen Gabe sind oder durch Veranlagung und Willen hervorgerufen werden, hat schon die Kirchenväter zur Unterscheidung der Geister getrieben. Vielleicht ist ein gutes Kriterium der Satz des Paulus über die Gaben des Geistes: "Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt." (1Kor 12,7)
Lässt sich mit der Gabe der Tränen also etwas anfangen? Nutzen sie zu etwas?
Die Antwort ergibt sich aus dem eben Gesagten: Trost und Liebe, Mitleid und Selbsterkenntnis, wenn das kein Nutzen ist...



1   Vgl. v.a. 1Kor 12,8ff und Jes 11,2, aber auch Röm 12,6ff oder ähnlich 1Petr 4,9ff.

2   Immerhin genannt seien als verschiedenste Motive des Weinens und der Tränen in der Schrift: Jesu Weinen beim Tod des Lazarus (Joh 11,35); die bitteren Reuetränen des Petrus nach seiner Verleugnung (Mt 26,75); die Aufforderung Jesu an die Frauen, nicht um ihn, sondern über sich selbst zu weinen (Lk 23,28).
Besonders bemerkenswert finde ich die Tränen bei der Wiedereinweihung des Tempels nach der Rückkehr aus dem Exil bei Esra 3,12f. Hier mischen sich Freude und Trauer: "Viele betagte Priester, Leviten und Familienoberhäupter hatten noch den ersten Tempel gesehen. Als nun vor ihren Augen das Fundament für den neuen Tempel gelegt wurde, weinten sie laut. Viele andere aber schrien vor Jubel und Freude. Man konnte im lauten Freudenjubel das Weinen der anderen kaum hören, so laut war das Geschrei des Volkes und der Lärm war weithin zu hören."


4   Ignatius v. Loyola, Geistliche Übungen und erläuternde Texte. Leipzig 1978, No. 122-125.

5   Vgl. ebd., No. 72. 75f 79. 84. 210ff.

6   Ebd., No. 55.

7   Vgl. ebd., No 53f.


9   A.a.O., No. 48.

10   Ebd., 195.

11   Ebd., 203.

12   P. de Ribadeneira, zit. n. B. Rieder, Sternenhimmelbetrachtung als geistliche Übung. Zu einem Motiv aus der Biographie des hl. Ignatius von Loyola in der neulateinischen Jesuitenlyrik des 17. Jahrhunderts. In: GuL 65 (1992), 452.

13   Geistliches Tagebuch, in: Ignatius v. Loyola, Gründungstexte der Gesellschaft Jesu. [Ignatius von Loyola, Deutsche Werkausgabe Bd. 2], Würzburg 1998, 354f.

14   Ebd., 359.

15   Ebd., 369.

16   Ebd., 353.


17   Goncalves da Camara, Memoriale, zit. n. P. Knauer, Einführung in die "Wahlpunkte" und das "Geistliche Tagebuch", in: Ignatius v. Loyola, Gründungstexte der Gesellschaft Jesu. [Ignatius von Loyola, Deutsche Werkausgabe Bd. 2], Würzburg 1998, 346.