Samstag, 22. November 2014

Eine Heimat namens Liebe

Das klingt kitschig.
Möglicherweise aber formuliert es sich so am leichtesten mitten in einem Leben der Heimatlosigkeit, wie es Mascha Kaléko zu führen hatte, auf die diese Wortzusammenstellung zurück geht. Ihr Leben - eine Odyssee: von Galizien über Berlin in die USA und nach Israel, oft getrieben und innerlich verwundet, ausgefüllt mit großem Sehnen und dem Wunsch nach Geborgenheit.

Angeschwemmte Qualle, Strand bei Timmendorf,
Mecklenburg-Vorpommern, 2014.
In ihrer eigenen Sprache wird das ein "Frieren" in "Unerschlossenheit", ein Gefühl der Fremdheit und des "Ausgesetztseins" in der Finsternis. Der spätere Rückblick auf die "frühen Jahre" lässt ahnen, in welcher Unsicherheit und Verlassenheit sie sich sah – eine Wahrnehmung des eigenen Daseins, mit der sie auch heute nicht allein wäre angesichts der Not, die Flüchtlinge immerfort buchstäblich aufs Meer treibt.
  
Hier das Gedicht selbst:

Die frühen Jahre1

Ausgesetzt
In einer Barke von Nacht
Trieb ich
Und trieb an ein Ufer.
An Wolken lehnte ich gegen den Regen.
An Sandhügel gegen den wütenden Wind.
Auf nichts war Verlaß.
Nur auf Wunder.
Ich aß die grünenden Früchte der Sehnsucht,
Trank von dem Wasser das dürsten macht.
Ein Fremdling, stumm vor unerschlossenen Zonen,
Fror ich mich durch die finsteren Jahre.
Zur Heimat erkor ich mir die Liebe. 

Wie hingeschrieben in die haltlose äußere und innere Situation so Vieler, denen nicht einmal mehr der "Wunderglaube" Hoffnung gibt. Was der Autorin in der existenziellen Unbehaustheit bleibt, ist der Entschluss zur Liebe - sogar der ist keine Selbstverständlichkeit, da auch und gerade er fordert.
So bleibt mit der letzten Zeile zwar schließlich doch ein heimelig klingendes Grundgefühl; das größte menschliche Wort mit seiner überbordenden Verheißung, ein Lebensmotto, das sich nicht am Äußeren festhält, aber eben durch Nähe und Beständigkeit genährt werden muss.

Ich jedenfalls bin angesprochen von den eingängigen Motiven, die doch kein konsistentes Bild im Kopf entstehen lassen. Neben dem "Rezept" mein liebstes Gedicht von Mascha Kaléko.

Bunte Streifen, Rügen, 2013.

1   M. Kaléko, Mein Lied geht weiter. Hundert Gedichte. 7. Aufl. München 2008, 9.

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