Freitag, 10. Juli 2020

Der Sänger und der Sämann. Ein Song von Leonard Cohen

Einer der Songs aus Leonard Cohens vorletztem Album heißt "Treaty" – also "Abkommen" oder "Vertrag". (Am besten erst mal in Ruhe anhören!)

Darin schildert der große Songwriter mit der rauchigen Stimme eine Beziehung zwischen Faszination und Skepsis. Aus einigen Versatzstücken kann man sein angesprochenes Gegenüber mit Jesus identifizieren, andere Zeilen lassen eher Zweifel aufkommen.
Da die religiöse Weite Cohens bekannt ist und seine Auseinandersetzung mit Jesus und dem Christentum auch in anderen Texten auftaucht, will ich hier davon ausgehen, dass Jesus gemeint ist.

Der Text beginnt so:

Montag, 6. Juli 2020

Wer ist wirklich Christ? Vom christlichen Glauben als Asylgrund

Eine kurze Nachbemerkung zu den Kirchenaustritten 2019, die ich im letzten Beitrag schon thematisiert hatte.

Die innere Entfremdung vieler Christinnen und Christen von „ihrem“ Glauben setzt früher ein, als es die aktuellen Zahlen vermuten lassen. Wie Andreas Püttmann in einem Kommentar für katholisch.de darlegt, ist es angesichts der lange schon dokumentierten gesunkenen Zustimmungswerte zu zentralen christlichen Glaubensinhalten eigentlich erstaunlich, wie viele Menschen überhaupt noch in der Kirche bleiben, wenn sie deren Glauben gar nicht mehr teilen.

Es muss, das ist die logische Folge, eine Unmasse an Kirchengliedern geben, die grundlegende Überzeugungen „ihrer“ Kirche nicht teilen und deren Christsein sich auf die regelmäßige Zahlung der Kirchensteuer beschränkt. Trotzdem nennen wir sie Christen (mal abgesehen davon, dass auch Ausgetretene weiterhin Getaufte sind).

Samstag, 4. Juli 2020

"Kommt alle zu mir!" Jesus und die Kirchenaustrittszahlen.

In den letzten Tagen haben die hohen Kirchenaustrittszahlen von 2019 für einen Schock in der kirchlichen (Medien-)Landschaft gesorgt. 
270000 Menschen sind allein im letzten, an kirchlichen Skandalen immerhin nicht besonders reichen Jahr, aus der katholischen Kirche ausgetreten. Ebenso viele aus der evangelischen. Dass es so viele waren, erschreckt manche bis ins Mark: Sind wir so wenig einladend?

Ich persönlich glaube, dass sich da nur etwas deutlich zeigt, was bei den meisten der Menschen innerlich sowieso schon passiert war: Es ist die Abwendung von einer Institution, der man (jedenfalls im Westen Deutschlands) lange Zeit qua "normaler" Sozialisation angehörte. Ohne eigenen Entschluss. Bei Wegzug aus dem heimatlichen Umfeld fiel der Kontakt zur Kirche oft auch weg. Eine Art individueller Selbstaufklärung. Religion war schon lange irrelevant.

Ist die Darstellung dieser bislang verborgenen Realität in sichtbaren Austritten nun etwas schlechtes? Ich glaube nicht. Es ist eine Offenlegung.

Mittwoch, 1. Juli 2020

„Schreibt über das, was ihr seht.“ Urlaubslektüre und -impressionen

Meine aktuelle Urlaubslektüre „Der Freund“ von Sigrid Nunez ist ein Buch, in dem die Ich-Erzählerin zu ihrem verstorbenen besten Freund spricht. Verstorben ist allerdings sehr verkürzt ausgedrückt - der ehemalige Schreibdozent hat sich umgebracht. Nun versucht sie, angemessen Abschied zu nehmen. Auch, indem sie sich an seine Prämissen beim Schreiben erinnert.

Eine dieser Prämissen hat es mir besonders angetan - vielleicht auch deshalb, weil sie auf meinem Blog zu wenig vorkommt.

Statt über das zu schreiben, was ihr wisst, hast du zu uns gesagt, schreibt über das, was ihr seht. Geht davon aus, dass ihr sehr wenig wisst und nie viel wissen werdet, außer ihr lernt, zu sehen.“1

Das ist leichter gesagt als getan.

Freitag, 26. Juni 2020

Die schmuddelige Inkarnation nicht abschütteln. Oder: Sein Kreuz auf sich nehmen. Notiz zu Mt 10,37-42

Das Evangelium Mt 10,-37-42, das an diesem Sonntag in den Gottesdiensten verkündet werden soll, muss ein schwerer Predigt-Brocken sein. Jedenfalls habe ich in den letzten Wochen eine ungewöhnlich hohe Zahl an Zugriffen auf einen älteren Beitrag zu diesem Evangelium auf diesem Blog registriert.
Und tatsächlich fordert Jesus uns ja auch ziemlich heraus: ihn mehr zu lieben als unsere Liebsten, das Kreuz auf sich zu nehmen, sein Leben wegen ihm zu verlieren und so fort.

Das widerspricht allerdings dem verbreiteten Missverständnis, dass Religion eine Art Beruhigungspille sei. Außerdem entspricht es nicht unserem Bedürfnis, dass es uns möglichst oft und möglichst lang möglichst gut geht.

Samstag, 20. Juni 2020

Fürchte dich nicht! Du bist ein wertvoller Mensch

Bist du ein wertvoller Mensch?
Wenn ja, woran erkennst du das?
Es sollte nicht an einer Uniform oder einer Hautfarbe hängen!
Was macht deinen Wert aus?
Kann man dir deinen Wert nehmen?
Und überhaupt: Was macht es aus, ob du wertvoll bist oder nicht?

Das sind einige der Fragen, die in mir auftauchten, als sich meine Aufmerksamkeit an einigen Zeilen des Sonntagsevangeliums festhakte.

Kunstvoll kurvt dieser Text (Mt 10,26-33) an verschiedene Themen heran – an den Stellenwert von Heimlichkeiten, an das Verhältnis von Leib und Seele, an die Bedeutung von missionarischen Bekenntnissen – und eben an die Frage nach dem Wert eines Menschen.

Freitag, 19. Juni 2020

„…eine unglaubliche Energie oder Strahlung…“ Pierre Teilhard de Chardin und das Herz Jesu

Es wirkt wie ein seltsam aus der Zeit gefallenes Fest – das heutige „Fest des Heiligsten Herzens Jesu“. Die Verehrung des Herzens Jesu und seine Frömmigkeit mit ihren eigenartig kitschigen und auf verstörende Weise verdinglichenden Darstellungen ließen mich oft schaudern.

Nicht meine Spiritualität.
Aber ich bin damit nicht allein: auch Teilhard de Chardin hat sich kritisch gegenüber den Ausdrucksformen dieser Frömmigkeit geäußert – und es zugleich geschafft, eine innere Erweiterung des Festinhalts zu denken, die mich versöhnlicher stimmt.

Samstag, 13. Juni 2020

Bloß nicht zu denen! Über Jesu Verbot, zu Heiden und Samaritern zu gehen

Es ist eine Aussage, die mir regelmäßig aufstößt – Jesu Verbot, zu den Nichtjuden zu gehen. "Geht nicht den Weg zu den Heiden und betretet keine Stadt der Samaríter" (Mt 10,5), sagt er im Evangelium des Sonntags (Mt 9,36-10,8) zu seinen Aposteln. Nur den "verlorenen Schafen des Hauses Israel" (v6) sollen sie die Frohe Botschaft von Gottes heilender Nähe verkünden.
Das schockiert mich und passt nicht recht zu meiner sonstigen Auslegung des Christentums.
Bedeutet das den Ausschluss aller anderen Gruppen von der Gottesherrschaft? Will Gott nicht bei ihnen sein? Kurz: Gibt es Menschen, die bei Gott nicht gewünscht sind?

Donnerstag, 11. Juni 2020

Fronleichnam und die Frage nach dem "überwesentlichen" Brot für morgen

Es ist nicht wichtig, wie dieses Brot schmeckt. Es ist nicht wichtig, wie es aussieht. Es ist noch nicht einmal besonders wichtig, aus welchen Körnern es zubereitet wurde.
Wichtig ist in erster Linie das, was es zuinnerst ausmacht, also sein Wesen, seine tiefste Bedeutung. Noch konkreter schreibt Eckhard Nordhofen: "Sein Wesen ist seine Geschichte. Die ist unsichtbar, man kann sie aber erzählen."1

1.
In seinem viel diskutierten Buch "Corpora. Die anarchische Kraft des Monotheismus", dem ich hier auch schon einen begeisterten Beitrag gewidmet habe, beschäftigt sich Nordhofen mit den Medien, durch die Gott mit den Menschen in Kontakt tritt. Waren für die Israeliten das Offenbaren des göttlichen Namens und die Heilige Schrift die entscheidenden Kontaktstellen Gottes mit der Welt, so steht für die Christen mit dem Johannesprolog fest: "Gott, das ewige Wort, wird nicht Schrift, sondern Fleisch."2 (Auch Jesus selbst hat in seiner Auseinandersetzung mit besonders schrifttreuen Juden regelmäßig die Schrift relativiert und das menschliche Herz ins Zentrum gestellt.)

Das neue Gottesmedium ist ein Mensch. Doch Jesus ist nicht nur als Mensch geboren, sondern auch als Mensch gestorben – wie aber kann der in Jesus menschgewordene Gott dann seine Gegenwart in der Welt retten?

Samstag, 6. Juni 2020

Der Gott der Liebe und des Friedens. Dreifaltigkeit und Gesellschaft


„…freut euch, kehrt zur Ordnung zurück, lasst euch ermahnen, seid eines Sinnes, haltet Frieden!

Dann wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein. …

Die Gnade des Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!“ (2Kor 13,11-13)

Diese Sätze aus der zweiten Lesung fallen in eine Zeit, in der die Welt auf die Proteste in den USA schaut.

Nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd durch einen Polizisten hat sich der Zorn auf Polizeigewalt und Willkür immer mehr Bahn gebrochen. Die bizarren Auftritte des US-Präsidenten vor verschiedenen Kirchen der US-Hauptstadt bei gleichzeitiger Androhung von Militäreinsätzen gegen die Protestierenden lassen erkennen, dass eine adäquate Reaktion auf den Protest von der Spitze des Staates nicht zu erwarten ist.

Donald Trump spaltet, so wie er es seit eh und je tut. Und die USA verlieren mehr und mehr die Ordnung und den Frieden.

Donnerstag, 4. Juni 2020

Das Kreuz auf dem Schloss mit der Schrift. Eine Berliner Farce

Wäre es nicht so bitter, so müsste man es als wirre Komödie ansehen.
Da wird mit ungeheurem Aufwand und nach vielerlei Diskussionen in der bundesdeutschen Politik ein neues Schloss nach altem Maß ins Herz Berlins gesetzt. Die Wierderherstellung des zerstörten Baus von Andreas Schlüter aus der Zeit der preußischen Könige soll mit seinen Ausstellungen und Aktionen fortan für Berlins Aufgeschlossenheit und Multikulturalität stehen.
Schon hier verbergen sich eine Reihe ungelöster Fragen und Probleme zwischen dem architektonisch manifestierten Anspruch der deutschen Monarchen und dem heutigen Wunsch, sich als Wegbereiter von Weltoffenheit und Toleranz zu präsentieren.

Freitag, 29. Mai 2020

"pfingstwunder" von Andreas Knapp

...
pfingstwunder

alle reden
wirrwarr durcheinander
wildes kauderwelsch
ein einziges gebabel
keiner hört mehr zu

gottes geist jedoch
schafft stimmige stille
und im feuer des schweigens
ein verstehen springt über
das keine worte mehr braucht1


Mittwoch, 27. Mai 2020

Der Mensch, eine Maske

Wolfgang Herrndorfs ausgezeichnetes Buch „Sand“ hält auch neun Jahre nach seinem erstmaligen Erscheinen aufschlussreich aktuelle Reflexionen bereit. In diesem Fall die Gedanken eines sich am eigenen Job berauschenden Spions.
Aus diesem Mund erhellen sie auf humorvolle Weise den Zusammenhang von Masken und Verschwörungstheorien:

Samstag, 23. Mai 2020

Immer und überall. Christi Himmelfahrt und die Weisen der göttlichen Präsenz

Wir feiern an Christi Himmelfahrt ein Fest der Zwischenzeit – zwischen Ostern und Pfingsten, zwischen Frühling und Sommer, in diesem Jahr außerdem zwischen Corona-Shutdown und dem noch unklaren Danach.
Für heutige Christen ist klar, dass unser ganzes religiöses Leben ebenso eine Zwischenzeit ist: Jesus können wir nicht mehr sehen, wir leben alle nach seiner Himmelfahrt. Vom Heiligen Geist spüren wir mal mehr und mal weniger. Das Weltende ist noch fern. Dieser Zustand der Zwischenzeit kennt wenig Klarheit und fördert die Unsicherheit, wo Gott denn in unserem Leben zu finden sei.

In der Bibel und der christlichen Tradition kommen verschiedene Vorstellungen zum Tragen, wo Gott zu finden ist. Hier können wir auch einiges lernen für unsere persönliche Beziehung zu Gott.

Montag, 18. Mai 2020

Der 100. Geburtstag von Johannes Paul II. Eine persönliche Rückschau

1.
Zuerst war da nur der in jeder Messfeier genannte Name des Papstes, für den gebetet wurde. Sonntag für Sonntag, Jahr für Jahr der gleiche. Da ich es nicht anders kannte, fiel mir erst später auf, dass Johannes Paul II. auf diese Weise in meiner ganzen Kindheit und Jugend präsent war.

2.
Dann beschäftigte ich mich mit seinen Schriften, da ich (immer noch) der Meinung bin, dass es gut ist, sich mit grundlegenden Texten der eigenen Tradition auseinanderzusetzen. Die päpstlichen Lehrschreiben des aktuellen Pontifex zählte ich dazu. Ich muss zugeben, dass ich den Stil der Enzykliken von Johannes Paul II. schätze. Nicht an jedem Punkt teile ich seine theologische Meinung, aber er bringt seine Themen elegant auf den Punkt und hat eine überaus spirituelle Perspektive auf alle Fragestellungen. Außerdem bildete er mit der Vielzahl seiner Äußerungen zu den unterschiedlichsten Fragestellungen – von der menschlichen Arbeit über die Ostkirchen und die Frage der Mission bis hin zu Trinität und Eucharistie – eine gute Basis zum Verständnis des Katholischen, jedenfalls des Katholischen aus seiner Sicht. Es ist ein sehr kirchliches Katholischsein, das aber gleichzeitig eine große Weite über die Grenzen der Kirche hinaus kennt.

Samstag, 16. Mai 2020

Ich höre auf den, den ich liebe. Gedanke zum Evangelium am 6. Sonntag der Osterzeit

Ich fand diese Logik Jesu, die das Sonntagsevangelium einrahmt, immer ein bisschen schräg:

Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.“ (Joh 14,15) am Anfang und "Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt" (v21) am Ende.
Oder auch ein Kapitel später:
Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage.“ (Joh 15,14)

Die Verknüpfung von Liebe und Freundschaft mit dem Einhalten von Regeln zu verbinden, ist mir auf den ersten Blick nicht wirklich sympathisch. 
Das klingt wie: Regeln einhalten ist ein Zeichen von Zuneigung. Und: Nähe gibt’s nur bei Gehorsam.

Dienstag, 12. Mai 2020

"Sind Gräber Atempause für die Sehnsucht?" Zum 50 Todestag von Nelly Sachs

Ich weiß nicht viel von ihr, und das wenige, das ich weiß, lässt sich überall zusammenlesen:
Nelly Sachs wurde 1891 in Berlin in einer jüdischen Familie geboren und lebte bis zu ihrem Exil 1940 ein recht stilles Leben, abseits vom Kulturbetrieb der flimmernden Großstadt. Sie veröffentlichte einige wenige Gedichte und konnte 1940 nach Schweden fliehen. Dieses Exil wurde "ihr buchstäblich zur künstlerischen Neugeburt",1 so schreibt es Hilde Domin in ihrem Nachwort zu einer Gedichtauswahl der Suhrkamp Bibliothek.

Samstag, 9. Mai 2020

Dreimal W: Den Weg kennen. Große Werke tun. Eine Wohnung finden.

Wir feiern wieder Gottesdienst. Aber kann man das wirklich eine Feier nennen – unter diesen vom Pandemieplan diktierten Bedingungen ? Ohne gemeinsamen Gesang, mit riesigen Abständen zwischen uns, ohne anschließendes Beisammensein?

Es ist das, was wir daraus machen! Wir können feiern, weil wir glauben, dass Gott in unserer Mitte sein will, wenn wir uns treffen. Egal unter welchen Umständen.

Mit meinen Gedanken war ich in den letzten Tagen immer wieder bei den Geschehnissen der letzten Tage des Krieges, an dessen Ende vor 75 Jahren vielerorts erinnert wurde. Unter welchen Umständen dort manchmal Gottesdienste gefeiert wurden.
Wie wird es diesen Menschen zumute gewesen sein, wenn sie in den Gottesdienst gegangen sind? Waren sie dankbar und erleichtert, dass alles vorbei ist? Oder doch eher verbittert über die Niederlage? Ängstlich angesichts der Besatzung und der vielen Unsicherheiten?

Auch wir haben einige der aktuellen Einschränkungen schon hinter uns – aber gerade hier im Gefängnis bestehen noch viele besondere Begrenzungen fort, vom Besuchsverbot bis zum Ausfall der Gruppenangebote.
Wie die Menschen damals stehen auch wir mit unseren unterschiedlichen Gefühlen vor Gott.

Freitag, 8. Mai 2020

Ausschleichen. Kriegsende, Corona-Lockerungen und die Religion

Deutschland befindet sich nicht im Krieg.
Auch nicht gegen ein Virus. Angesichts der martialischen Kriegsrhetorik anderer Staatsführer bin ich sehr froh über das besonnene und zugleich verantwortliche Vorgehen unserer Politikerinnen und Politiker in der Corona-Krise.
Jetzt, da wesentliche Lockerungen in dieser Sache beschlossen und zum Teil schon eingeführt sind, drängt sich mir trotzdem der Vergleich mit dem heutigen Feiertag auf.

Samstag, 2. Mai 2020

Ein guter Hirte zeigt neue Perspektiven. Drei Punkte für den Knast

Ich brauche ab und zu einen, der weiß, wo es lang geht.
Nicht nur in Krisenzeiten wie jetzt, sondern auch sonst bin ich manchmal froh, wenn ich nicht alles selber wissen und machen muss.
Das ruft mir das Evangelium vom Guten Hirten (Joh 10,1-10) von diesem Sonntag ins Gedächtnis. Jesus stellt sich darin als Hirte vor, dem die Schafe vertrauen und folgen.

Ein erster Gedanke dazu:
Vertrauen ist entscheidend – wenn jemand Macht über mein Leben hat, will ich mich darauf verlassen können, dass er (oder sie) es gut mit mir meint.
Besonders in einem Kontext wie dem Justizvollzug, in dem die Inhaftierten den Bediensteten in besonderer Weise ausgeliefert sind, ist es essenziell, dass der Inhaftierte weiß, er kann sich auf die Anweisungen und Entscheidungen des Personals verlassen.

Mittwoch, 29. April 2020

"Vertigo" – Eine Auferstehungsversion an Alfred Hitchcocks 40. Todestag

"Aus dem Reich der Toten" (1958) ist einer der besten und bekanntesten Filme von Alfred Hitchcock. Der Originaltitel "Vertigo" bedeutet übersetzt "Schwindel" – und das kann hier durchaus im doppelten Sinn als Störung des Gleichgewichts einerseits und als lügnerischer Betrug andererseits verstanden werden.1

Im Hintergrund aber geht es um eine Auferstehungsgeschichte der besonderen Art.

Sonntag, 26. April 2020

Jesus bringt keine Botschaft vom Leben nach der Auferstehung.

All die Erzählungen von den Erscheinungen des auferstandenen Jesus in den Evangelien haben eines gemeinsam: Jesu bringt keine Botschaft von der "anderen Seite":

"Stattdessen die vage Wiederanwesenheit nach drei Tagen, um die so viel Aufhebens gemacht worden ist. Die Schwierigkeiten beim Erkennen auf dem Weg nach Emmaus: Ist er das? Ist der das nicht? Warum sagt er nicht einfach: Ich bin wieder da? Fragt mich, was ihr wissen wollt! Aber vielleicht ist es Jesus nicht anders gegangen als ihm: Da war nichts, wo er gewesen ist. Nichts, woran er sich erinnert."1

Das überlegt sich der sterbende Protagonist, ein evangelischer Pfarrer, in Sibylle Knauss' Roman "Der Gott der letzten Tage".

Donnerstag, 23. April 2020

Unterirdisch: „wunder des weizenkorns“ von Andreas Knapp

Die Corona-Krise wird von religiös denkenden Menschen sehr unterschiedlich gedeutet. Manche sehen sie als eine Chance, was auch ich zum Teil tue, Andere sagen, dass aus dieser sinnlosen Lage nicht viel Gutes wachsen kann – und beides auch quer zu sonstigen Debattenlagen. Wahrscheinlich hängt die jeweilige Einschätzung sehr vom Charakter ab.

Ich selbst suche nach dem Positiven – in meinen Begegnungen im Gefängnis, in der Heiligen Schrift, in den Verlautbarungen meiner Kirche und auch in dem, was in den politischen und gesellschaftlichen Realitäten der Welt sonst so geschieht. Was meine gleichzeitige kritische Sicht auf viele Ereignisse nicht ausschließt.
Will Gott uns in den "Zeichen der Zeit" (GS 4) etwas sagen – und wenn, ja, in welcher Weise?

Samstag, 18. April 2020

Jesus empfiehlt Corona-Glauben

"Selig sind, die nicht sehen und doch glauben." (Joh 20,29)

So lautet das berühmte Diktum Jesu am Ende des Evangeliums vom "ungläubigen Thomas" (Joh 20,19-31), das eine Woche nach Ostern in den Kirchen gelesen wird.

Eine der traditionellen Deutungen dieses Wortes besagt, dass die Christen, die keinen Kontakt mehr mit dem leiblichen Jesus haben konnten, auf diese Weise gestärkt werden sollten. Denn ihr Glaube basiert nun mal nicht auf dem Sehen, sondern "nur" auf dem Zeugnis derer, die Jesus noch mit eigenen Augen sehen konnten.

Für die jetzige Zeit empfiehlt sich eine adaptierte Deutung:

Freitag, 17. April 2020

Schäbig, aber Zukunft. Von den Zeichen des neuen Lebens in Lutz Seilers "Stern 111"

Ostern erinnert uns daran, dass der Tod in Leben verwandelt wird.
Dass etwas, das gestorben ist, auferstehen kann in Neues.
Doch wie den Jüngern in den Evangelien, so fällt es auch uns nicht immer leicht, die Zeichen des Neuen richtig zu lesen.

Einer der es konnte, ist die Figur des jungen Carl in "Stern 111", der Ende 1989 aus Gera nach Berlin gekommen ist und in seiner besetzten Ost-Berliner Wohnung auf sein armseliges Hab und Gut schaut:

Montag, 13. April 2020

Ostermontag – Hasenbrot, das vom Leben erzählt, in "Am Tag davor"

Die Emmausjünger können ihre Trauer und ihre Verzweiflung nur schwer durchbrechen. Sie erkennen den Auferstandenen endgültig erst dann, als er mit ihnen das Brot bricht.
Auch Sorj Chalandon berichtet in "Am Tag davor", das im Milieu der französischen Bergleute spielt, von einem solchen Brot:

Sonntag, 12. April 2020

Ostersonntag – Verwechselt und trotzdem auferstanden, in "Serpentinen"

Das ist ein Osterbuch!
Zwar enthält es sehr viele karge, anstrengende, sich in sich selbst verwirbelnde Motive und Gedanken. Bov Bjerg hat die "Serpentinen" des Titels in die Handlung eingewoben.
Doch letztendlich spricht das Buch von einem großen Aufbruch: Ein Mann versucht, aus der Suizid-Spirale seines Vaters und seines Großvaters auszubrechen. Dazu wagt er mit seinem Sohn ein Experiment. Sie reisen in die schon lang verlassene Heimat und entdecken dabei nicht nur die dunkle Vergangenheit. Nein, sie erleben einige Krisen, Gefährdungen und Neuaufbrüche. 

Eine Entdeckung machen sie bei der Lektüre der biblischen Geschichte vom verlorenen Sohn (vgl. Lk 15,11-32):

Samstag, 11. April 2020

Corona-Ostern: Infiziert euch mit dem Leben Gottes!

Eine neue Infektion ist im Anmarsch!


Eine unsichtbare Macht, die alles in uns verändert. Wenn wir mit ihr in Kontakt kommen, übernimmt sie unser Leben. Als Befallene werden wir ansteckend und geben weiter, was in uns steckt.

Gott infiziert uns mit seinem eigenen Leben!

Doch in uns arbeitet es kräftig dagegen. Unser bisheriges Leben wehrt sich. Mit gewaltigem Aufwand werden Antikörper gebildet. Denn diese Infektion bedroht unser altes Leben.

Karsamstag – Unten, im Lebenwechselraum, auf "Stern 111"

Nach dem Fall der Mauer beschließen Carls Eltern, ihr altes Leben in Gera hinter sich zu lassen und sich auf den Weg in den Westen zu machen. Ihrem Sohn übergeben sie die Verantwortung für die alte Wohnung. Mehrere Wochen bleibt er ohne Nachricht von seinen Eltern, aus dem Keller versorgt er sich mit Eingewecktem und Apfelwein.

Freitag, 10. April 2020

Karfreitag – Schläge und Tritte, voller Trauer, in "Fuchs 8"

Fuchs 8 ist ein besonderer Fuchs, der den Kontakt mit den Menschen sucht.
Sogar ihre Sprache hat er (vom Hören so einigermaßen) gelernt und er traut sich immer wieder in ihre Nähe.
Als die Menschen in ihrem Wald eine Mall errichten, beschließen Fuchs 8 und sein Freund Fuchs 7, ihr einen Besuch abzustatten. Auf dem Rückweg sehen sie zwei Arbeiter auf dem Parkplatz:

Donnerstag, 9. April 2020

Gründonnerstag – Verletzlich, mit gewaschenen Füßen, in "Das Reich Gottes"

Der Autor ringt mit dem Christentum.
Ganz besonders kämpft er mit der Frage, ob er selbst glaubt, und wie die Frühgeschichte des Christentums damit zu tun hat. Davon handelt das monumentale Buch"Das Reich Gottes" von Emmanuel Carrère.
Ganz am Ende berichtet er von der Briefbekanntschaft mit einer Leserin, Bérengère, die ihn einlädt, sich in einer "Arche" die Füße waschen zu lassen.

Mittwoch, 8. April 2020

"Ich verstehe deine Wege nicht" – Die Leere und eine neue Art Gottesdienst mitten in der Karwoche

1.
Am Montag hatte ich meine erste Chorprobe via Zoom. Sehr gewöhnungsbedürftig, wie so vieles in dieser Zeit. Dabei sangen wir auch ein Taizé-Lied mit einem Text von Dietrich Bonhoeffer, das mich seitdem begleitet:

"Gott, lass meine Gedanken sich sammeln zu dir. Bei dir ist das Licht, du vergisst mich nicht. Bei dir ist die Hilfe, bei dir ist die Geduld. Ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den Weg für mich."

So geht es mir gerade im Zugehen auf auf Ostern – ich verstehe Gottes Wege nicht, aber ich hoffe darauf, dass Gott einen Sinn für uns in dieser Corona-Krise versteckt hat. Normalerweise bin ich ja immer schnell beim Deuten und Sinnsuchen (und war es hier ja auch schon), aber ehrlich gesagt stiefelt mir gerade sehr viel Zweifel im Kopf herum.

Samstag, 4. April 2020

Palmsonntag: Kleider liegen auf der Straße

Mit diesen Worten werde ich am Palmsonntag um ca. 10 vor 10 Uhr auf rbb 88,8 zu hören sein:

Massen sind in Jerusalem unterwegs. Es ist fast kein Durchkommen mehr an den Eingangstoren zur Stadt. Denn dieser Wunderheiler aus Nazareth soll kommen. Ein berühmter Mann, den muss man gesehen haben.
Und da ist er endlich, auf einem Esel reitet er ein, seine Jünger bahnen ihm einen Weg durch die Menge. Die Leute reißen Zweige von den Bäumen. "Viele Menschen breiteten ihre Kleider auf der Straße aus" und jubeln ihm zu. So ähnlich beschreibt die Bibel den Einzug Jesu in Jerusalem.

Normalerweise feiern Christen auf der ganzen Welt am heutigen Palmsonntag mit großen Gottesdiensten den Beginn der Karwoche. Ihr Höhepunkt ist nach der Erinerung an den Tod Jesu am Karfreitag die Feier seiner Auferstehung an Ostern.

Donnerstag, 2. April 2020

Bibel-Mini 5 – Elija in der Wüste

In Zeiten von Corona-Quarantäne und Rückzug aus den vertrauten sozialen Begegnungsräumen kann ein Blick auf den biblischen Urvater des Eremitentums vielleicht interessant sein.

Es handelt sich um den alttestamentarischen Propheten Elija, der sich im Konflikt mit König Ahab und vor allem mit dessen Frau Isebel für die Sache Gottes verausgabt (vgl. 1Kön 18). Nachdem Elija einen Wettstreit mit den Baalspriestern gewonnen hat, verkündet Isebel, dass sie sich an ihm rächen will (1Kön 19,1f).

Sonntag, 29. März 2020

Lasst euch nicht anstecken! Sonntag im Gefängnis

1.
Heute war ich das erste Mal nach meiner Quarantäne wieder im Gefängnis. Gottesdienste dürfen zwar aktuell nicht stattfinden, aber mit den Inhaftierten, mit denen ich regelmäßig im Kontakt bin, wollte ich doch ein paar persönliche Worte wechseln. Und natürlich einen kleinen Gruß aus dem Evangelium vorbeibringen, natürlich einzeln und unter Einhaltung der derzeitigen Regeln.

Mein Eindruck: Abstand halten ist auf den Fluren der Hafthäuser sehr schwierig, denn während der Aufschlusszeiten sind alle unterwegs, um zu duschen, zu kochen, sich zu unterhalten, an den öffentlichen Apparaten zu telefonieren oder Dinge zu tauschen. Auch das Gespür für die Sinnhaftigkeit der Abstandsregeln schien mir wenig ausgeprägt, bisweilen ist es hier auch schon schwer, grundlegende hygienische Standards einzuhalten – wie soll man dann erst mit den erweiterten Regeln umgehen...

Samstag, 28. März 2020

Der Ruf, der lebendig macht. Beobachtungen zum Tod des Lazarus und zu "Der Tod Jesu"

"...manchmal erblickt er in der Gestalt eines Kindes, das über die Straße rennt oder die Treppe hochflitzt, das Bild von David und verspürt größte Verbitterung darüber, dass allein sein Kind fortgenommen werden musste, während neunundneunzig andere unbeschadet weiterspielen und glücklich sein können. Es erscheint ungeheuerlich, dass ihn die Dunkelheit verschlungen hat, dass es keinen Aufschrei gibt, kein Klagen, kein Haareraufen oder Zähneknirschen, dass die Welt sich weiter um ihre Achse dreht, als wäre nichts geschehen."1

Ein Mensch ist gestorben und es ist schwer auszuhalten, dass es niemanden groß zu kümmern scheint. Ein Einzelschicksal hebt die Welt nicht mehr aus den Fugen; gerade in diesen Tagen bestehen die Horrormeldungen vor allem in der hohen Anzahl der am Virus Gestorbenen.

Simon aus J.M. Coetzees neu erschienenem Buch "Der Tod Jesu" durchlebt das Durcheinander der Gedanken und Gefühle. Enttäuschung, Wut, Unverständnis kommen in ihm auf, als der aus "Die Kindheit Jesu" und "Die Schulzeit Jesu" bekannte Junge David von einer geheimnisvollen Krankheit langsam dahingerafft wird.

Donnerstag, 26. März 2020

Wie sieht Nähe in der Krise aus?

Viele gute Sachen kommen in einer Krise zum Vorschein. Dazu gehört auch, dass eine Menge Hilfsangebote an Nachbarn oder Bedürftige gemacht werden, das Übernehmen von Einkäufen oder die Berliner Gabenzäune beispielsweise.
Durch solche Aktionen entsteht eine neue Nähe zu Menschen, die sonst unter die Räder kommen könnten. Nachbarn, die sonst nicht mehr als einen Gruß miteinander wechseln, können sich Hilfsangebote machen. Online-Tutorials können neue Horizonte aufschließen.

Und das alles, während es auf den Straßen und Plätzen des Landes (und in vielen anderen Regionen weltweit) weitgehende Kontaktverbote gibt. Physische Nähe fällt aus – mentale Nähe kann entstehen.

Beim heutigen Spaziergang im Wald stand mir plötzlich dieser Satz vor Augen:

Dienstag, 24. März 2020

Bibel-Mini 4 – Renaissance des Gehorsams?

Als ich las, dass 95% der Deutschen die Kontaktverbote der nächsten zwei Wochen für richtig halten, war ich sehr erstaunt. Die Einschränkungen sind massiv – und trotzdem stimmen fast alle Befragten ihnen zu. So geeint und so gehorsam habe ich diese Republik wohl noch nie erlebt.

Samstag, 21. März 2020

Knast im Kopf. Gedanken zu Haft und Ausgangssperre

"Das lasse ich mir nicht bieten! Das ist Nötigung!"

So oder ähnlich höre ich es von Zeit zu Zeit in seelsorglichen Einzelgesprächen in der Haftanstalt, wenn sich Inhaftierte über das Verhalten von Vollzugsbeamten aufregen. Das Gefühl für Beschränkungen der persönlichen Freiheit ist auch in Haft intensiv ausgeprägt. Nach dem Motto: Wenn schon inhaftiert, dann will ich wenigstens nicht noch mehr Einschluss in meiner Zelle als unbedingt nötig.

Da nun in der ganzen Republik Ausgangsbeschränkungen und Betretungsverbote eingeführt werden, fällt mir natürlich sofort ein, dass die Inhaftierten in den Haftanstalten dies tagtäglich erleben: eine strenge Reglementierung der Bewegungsfreiheit.

Donnerstag, 19. März 2020

"verbarrikadier dich, laß mich bloß nicht an mein ziel" Grönemeyers Virus-Track

Herbert Grönemeyer hat den Track zum Corona-Virus schon 1998 auf seinem Album "Bleibt alles anders" veröffentlicht. Jedenfalls hören sich viele Zeilen in "Fanatisch" so an, als wären sie einem anthropomorphen Virus in den Mund gelegt.


"ich find’s wunderbar, daß du mich nicht siehst
ich find’s wunderbar, daß du dich vor mir verkriechst
ich genieße unendlich das gefühl
ich begehr dich fanatisch viel…
"

Dienstag, 17. März 2020

Bibel-Mini 3 – Im Flügelschatten Gottes

Die Corona-Krise und unser vorheriger Italien-Urlaub haben eine Folge: häusliche Quarantäne.
Als Familie „allein“ zu Haus zu sein hat natürlich eine andere Qualität als allein zu Haus zu sein.
Aber das social distancing ist in beiden Fällen sehr prägend.
Dazu gibt es aktuell viele religiös motivierte Hinweise und Tipps im Netz – von der klausurierten Ordensschwester bis hin zu geistlich-praktischen Verhaltensregeln von Johannes Hartl.

Ich nehme hier ein Psalmgebet aus Ps 57 auf, das mich gerade bewegt.

Sonntag, 15. März 2020

Corona-Kirche: Die Stunde der Frauen

Die Corona-Krise ist eine furchtbare Tragödie für alle direkt Betroffenen.
Zugleich bietet sie aber auch eine ungeheure Chance, die Kirche neu zu gestalten.1

Konkret: In vielen Kirchen in Deutschand und an vielen anderen Orten (u.a. auch in Italien und im Vatikan) werden in diesen Tagen keine öffentlichen Messen gefeiert, im Erzbistum Berlin keine Gottesdienste für Gruppen größer als 50 Personen.

Das ist eine ungeheure Möglichkeit für viele kreative und religiös aktive Frauen (und auch für Männer, ja). Denn bisher verdrängen die Eucharistiefeiern in jenen Gebieten mit genügenden Priestern viele andere Ausdrücke des religiösen Lebens. Und die Eucharistiefeier hängt nun einmal am Priester.
Natürlich können und werden und sollen auch Priester weiterhin religiös kreativ sein.

Aber die Kirche im Corona-Modus: das ist auch die Stunde der Laien, besonders die Stunde der Frauen. Ein Freiraum von einigen Wochen, der genutzt werden kann von den Frauen, die sich eine erneuerte Kirche wünschen und die verkrustete patriarchale Strukturen schon lange beklagen.
Der Kairos ist jetzt!

Samstag, 14. März 2020

Der beste Gottes-Dienst ist kein Gottesdienst

Auch in Berlin sollen in den nächsten Tagen und Wochen keine öffentlichen Gottesdienste mit mehr als 50 Personen mehr gefeiert werden (Hinweis auf der Homepage des Erzbistums am 14.03.2020).

Wie passend für diese sich überschlagenden Ereignisse das Evangelium für den morgigen Sonntag: In Jesu Gespräch mit der Samariterin am Jakobsbrunnen (Joh 4,5-42) geht es auch darum, welcher Ort der richtige sei, um Gott anzubeten.
"Glaube mir, Frau, die Stunde kommt, zu der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet" (v21), sagt Jesus der Frau.

Wichtig ist für Jesus nicht der Ort des Gebetes, sondern dass gebetet wird – und zwar "im Geist und in der Wahrheit" (v23).

Dienstag, 10. März 2020

Christ sein ohne Gottesdienst?! Reflexionen im Italien-Urlaub

Auch wenn die Ereignisse mal wieder schneller sind und hier in Italien inzwischen viele weitere und grundsätzlichere Maßnahmen zum Schutz vor der Ausbreitung des Corona-Virus getroffen wurden, möchte ich doch noch einige Gedanken zu einem Thema äußern, dass mich gerade auch beschäftigt: dass seit Sonntagnacht sukzessive öffentliche Gottesdienste in ganz Italien bis vorerst zum 03. April (Freitag vor Palmsonntag) ausgesetzt wurden (außer in der Deutschen Gemeinde von Rom).

Wir sind gerade im Urlaub in der Toskana. Am Samstagnachmittag haben wir das kleine Dörfchen Vico d’Elsa besucht und während die Kinder auf dem Spielplatz spielten, habe ich mir das alte Zentrum und die Kirche angeschaut. Um 17:00 Uhr begann die Vorabendmesse, fünf oder sechs Leute waren gekommen.

Donnerstag, 5. März 2020

Bibel-Mini 2 - Heimatloser Abraham

Es gibt in Christoph Heins Roman „Landnahme“ eine Schlüsselszene, in welcher der Nachkomme eines aus den ehemals deutschen Ostgebieten Vertriebenen nun fremdenfeindliche Parolen brüllt - und klar wird, wie kurz die Erinnerung währte. Es brauchte nur eine Generation, bis die Kinder der nach dem Krieg verunglimpften Flüchtlinge sich selbst als Herren im Lande fühlen.

In der Bibel existieren viele Stellen, die die Erinnerung daran wachhalten sollen, dass die Hörenden selbst Nachkommen eines Heimatlosen sind. Eine dieser Stellen findet sich im Buch Deuteronomium:

Montag, 2. März 2020

Bibel-Mini 1 - Hanna betet

In dieser Fastenzeit möchte ich ein paar biblische Exkursionen machen und die sich dabei (hoffentlich / wahrscheinlich / sicher) ergebenden Entdeckungen hier mit kurzen Beiträgen reflektieren.
Weil ich sonst sehr viel in den Evangelien unterwegs bin, wird es schwerpunktmäßig um das Alte Testament gehen.

Heute also Hanna aus dem Ersten Buch Samuel. Wie so viele Frauen der Bibel hat sie ein Problem damit, dass sie keine Kinder, besonders keinen Sohn bekommt. In ihrer Verzweiflung geht sie in den Tempel in Schilo und betet.

Dienstag, 25. Februar 2020

Freier! Tiefer! Liebevoller! Akzente an Aschermittwoch

Vier Akzente setzt das Evangelium vom Aschermittwoch (Mt 6,1-6.16-18): Gutes Tun, Beten, Fasten.
Der vierte Akzent ist eine Haltung und prägt diese drei Handlungsanweisungen: all das soll nicht vor anderen und für andere geschehen, sondern vor Gott und für Gott.
Als Eingangstor zur Fastenzeit wird der Aschermittwoch dadurch nicht nur selbst geprägt, sondern er zeigt auch die Richtung, in die wir bei unserer Vorbereitung auf Ostern gehen sollen.

Mit diesen Akzenten wollen Aschermittwoch und Fastenzeit unsere Konzentration von der Beschäftigung mit Nichtigkeiten wegführen hin zu größerer Tiefe, tieferer Freiheit, freierer Liebe.

Freitag, 21. Februar 2020

Feindesliebe: Überblick und/oder Überforderung

1. Überblick
Auch wenn es unter einem anderen Vorzeichen geschrieben ist, so halte ich das folgende Gedicht von Barbara Zeizinger doch für eine gute Erläuterung zur Thematik der christlichen Feindesliebe, die im Evangelium des nächsten Sonntags (Mt 5,38-48) erscheint.

Sonntag, 16. Februar 2020

Modernisierung der Normen. Noch einmal zur Bibel und zu Jesu Antithesen

Ein Abschnitt aus meiner aktuellen Lektüre passt so gut zum heutigen Sonntagsevangelium, dass ich ihn der Predigt einfach noch nachschieben muss. 

In "Die Entstehung der Bibel"1 las ich gerade, wie die israelitische Elite, die im Anschluss an den Untergang Jerusalems 587 v.C. nach Babel deportiert worden war, dort nicht nur trauerte und ihre Theologie vom Handeln Gottes in der Geschichte grundlegend neu entwarf. Diejenigen, die später die Autoren der biblischen Schriften wurden, taten überdies einen grundlegenden Schritt über sich hinaus, indem sie "sich der Intellektualität ihrer Umgebung öffneten".2

Samstag, 15. Februar 2020

Innerlicher und intensiver! Was größere Gerechtigkeit heißen kann.

Es gibt beliebte Vorstellungen davon, wie Christen sein sollten:
Viele sagen, dass man von ihnen mehr erwarten könne als von anderen.
Sie sollten diejenigen sein, die sich auszeichnen durch Gutes. Die moralisch besser handeln. Die, wenn sie das nicht schaffen, sich wenigstens mehr bemühen. Und wenn auch das nicht klappt, dass sie immerhin zu ihren Fehlern stehen.

Mittwoch, 12. Februar 2020

Meine fünf schönsten Sätze aus "Querida Amazonia"

Schon schlagen die Wellen wieder hoch, was der Papst in seinem neuen Schreiben alles verhindert und verbietet. Keine Weihe für Verheiratete, keine Weihe für Frauen...
Auch ich kann nicht mit jeder Argumentationskette etwas anfangen und nicht jeder Akzent in diesem Dokument gefällt mir.
Aber ich habe es in Kürze einfach mal nach fünf schönen Sätzen durchsucht, die (ja, das ist nicht textgerecht und elende Rosinenklauberei...) auch für sich stehend eine gute Figur machen, ganz abgesehen von allem, was kirchenpolitisch noch dahinter steht oder stehen könnte.
Zitiert wird nach dem Wortlaut von Vatican News.

Dienstag, 11. Februar 2020

Politik vs. Familie. Im Gedenken an Nelson Mandela

Welche Prioritäten setzt ein Freiheitskämpfer, wenn er zugleich noch eine Familie hat?

Aus Anlass des 30. Jahrestages der Freilassung von Nelson Mandela aus seiner Haft am 11. Februar 1990 möchte ich diesen Gedanken aus seiner Autobiographie aufgreifen.

Nach einigen Jahren der Arbeit als Anwalt und der politischen Tätigkeit in Johannesburg besuchte Mandela seine Mutter in der alten Heimat und fragte sich, wie er selbst gesteht "nicht zum erstenmal -, ob es gerechtfertigt sei, das Wohlergehen der eigenen Familie zu vernachlässigen, um für das Wohlergehen anderer zu kämpfen."1

Samstag, 8. Februar 2020

Was für ein Licht? - Was für ein Licht! Drei Reflexionen zu Mt 5,14

"Ihr seid das Licht der Welt." (Mt 5,14), sagt Jesus im Evangelium des Sonntags (Mt 5,13-16).

1.
Es muss am Mittwoch eine Menge geborstener Leuchtstoffröhren im Thüringer Landtag gegeben haben.
Jedenfalls kann ich mir nur so die moralische Verdunkelung erklären, die sich in den Fraktionen von CDU und FDP breitgemacht hatte. Blindheit und Borniertheit waren anscheinend so groß, dass die Abgeordneten dieser beiden Parteien sich lieber für ein Spiel mit Nazis entschieden haben, als den gemütlich-linken Ramelow zu wählen.

Mittwoch, 5. Februar 2020

Irgendwie unbeteiligt. Über kirchenpolitische Debatten.

Es ist so fern von mir, was da in der Kirche gerade passiert.
Vielleicht liegt es daran, dass ich mich aktuell wenig im katholischen Milieu bewege – und wenn, dann eher, um Persönliches zu besprechen und nicht Kirchenpolitik.

Und ich bin darüber selbst ein wenig überrascht, wie wenig mich das alles berührt – ein emeritierter Papst, der zurückgezogen leben und schweigen will, mischt sich mit diversen Vorworten und Artikeln immer wieder in aktuelle Debatten ein, ein getriebener US-Präsident versucht bei einem Pro-Life-March, sich katholisches Wählerklientel zu erobern, die deutschen Kardinäle Woelki und Müller betonen mehr oder weniger ungeniert und unhöflich ihre Missachtung der ersten Versammlung des Synodalen Wegs in der deutschen katholischen Kirche.

Es gäbe also Gründe genug, um sich aufzuregen oder mitzuschreiben.

Samstag, 1. Februar 2020

"Urlaub vom Galgen" Zum 75. Todestag von Alfred Delp

LL., heute ist ein harter Tag. Nun sind alle meine Freunde und Gefährten tot, nur ich bin zurückgeblieben. Hier jetzt der Einzige im Eisen. Was dahintersteht, weiß ich noch nicht, vermute jedoch nichts Gutes. …  Ich bin sehr müde vor Traurigkeit und Schrecken. Menschlich wäre es leichter, mitzugehen. …1

So schreibt der Jesuit Alfred Delp am 23. Januar 1945 in der Berliner Strafanstalt Tegel. Auf kleinen Zetteln notiert er seine Gedanken und Bitten und lässt sie durch den evangelischen Gefängnispfarrer Harald Poelchau an Freunde und Unterstützer übermitteln. Helmuth James von Moltke, Nikolaus Groß und Eugen Bolz waren an jenem 23. Januar hingerichtet worden, so wie es auch Delp für sich erwartete.
Doch er wurde erst am 02. Februar 1945, heute vor 75 Jahren, in Plötzensee hingerichtet.

Montag, 27. Januar 2020

Vor dem Tod erinnern! Persönlicher Gedanke zum 27. Januar 

So wie jedes Jahr wollte ich viele Worte zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus schreiben.

Aber nun ist gestern mein Großvater gestorben. Jahrgang 1935, nach dem Krieg aus Schlesien vertrieben, kein Opfer der Nationalsozialisten, aber ein von der kriegsbedingten Vertreibung lebenslang Geprägter.

Am Totenbett wurde mir einmal mehr klar: Erinnerung und ehrendes Gedenken sind gut und schön, nur leider ersetzen sie nicht das Gespräch.

Samstag, 25. Januar 2020

Kafarnaum und Višegrad. Herkunft bei Jesus und Saša Stanišić

"Ich sehe zum verfallenen Haus meiner Urgroßeltern, ich verstehe so vieles nicht. Nicht, wie das Knie funktioniert. Ernsthaft religiöse Menschen so wenig wie Menschen, die Geld und Hoffnung in Magie, Wettbüros, Globuli oder Hellseherei (außer Nena Mejrema) setzen. Ich verstehe das Beharren auf dem Prinzip der Nation nicht und Menschen, die süßes Popcorn mögen. Ich verstehe nicht, dass Herkunft Eigenschaften mit sich bringen soll, und verstehe nicht, dass manche bereit sind, in ihrem Namen in Schlachten zu ziehen. Ich verstehe Menschen nicht, die glauben, sie könnten an zwei Orten gleichzeitig sein (falls das aber wirklich jemand kann, möchte ich es gern lernen)."1

So schreibt Saša Stanišić in seinem preisgekrönten Buch "Herkunft" von seiner Skepsis gegenüber bestimmten Vorstellungen von Abstammung und Herkunft. Ihn scheint das Fluide und nicht Festgelegte mehr zu faszinieren und zu überzeugen. Und ich muss sagen, dass ich mir viel von dieser Skepsis einerseits und Faszination andererseits zu eigen machen kann. Wenn auch nicht alles.

Donnerstag, 23. Januar 2020

"Leb wohl, mein Herz." Helmuth James von Moltke schreibt den letzten Brief an seine Frau.

Helmuth James von Moltke gehört zu den großen Persönlichkeiten des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus. Als Mitinitiator des Kreisauer Kreises wollte er eine andere gesellschaftliche und ethische Ordnung errichten als jene, die vom NS-Regime erzwungen wurde.

Dafür bezahlte er am 23. Januar 1945, heute vor 75 Jahren, mit dem Leben. Er wurde hingerichtet in Plötzensee, dem Gefängnis, in dem ich derzeit als Gefängnisseelsorger arbeite.

Die letzten Monate vor seinem Tod stand er noch einmal in intensivem Kontakt mit seiner Frau Freya von Moltke. Nach der Verhaftung im Januar 1944 verbrachte Moltke die meiste Haftzeit im Gefängnis des Konzentrationslagers Ravensbrück.
Seit dem 28. September 1944 war er in Tegel inhaftiert.
Dort half der evangelische Gefängnispfarrer Harald Poelchau unter der beständigen Gefahr entdeckt und selbst hingerichtet zu werden, fast täglich die Briefe zwischen Freya und Helmuth zu schmuggeln. Sie sind ein Dokument der Liebe, publiziert als "Abschiedsbriefe Gefängnis Tegel. September 1944 – Januar 1945."1

Mittwoch, 22. Januar 2020

Regeltreue ist kein christliches Primärziel. Drei Fragen zum Tagesevangelium

Eigentlich sollte ich heute einen Gottesdienst im Haftkrankenhaus feiern. Aber durch verschiedene Umstände sitze ich nun zu Hause und stelle die Fragen, die sich aus dem Tagesevangelium (Mk 3,1-6) ergeben, einfach hier im Blog.

Freitag, 17. Januar 2020

"Seht das Lamm Gottes" – Kurze Gedanken zu einem Satz von Johannes dem Täufer

Ich bin gerade nicht fähig, lange Sätze zu geistlichen Themen zu schreiben. Würde auch gern aktuelle Bezüge zu kirchlichen und weltlichen Geschehnissen herstellen, kann's nur nicht.
Darum bloß einige kurze Sätze zum Evangelium am 2. Sonntag im Jahreskreis (Joh 1,29-34):

Mittwoch, 15. Januar 2020

"Die Welt ist dumm" - Eine Lyrikbetrachtung von damals für heute.

Folgender Text von mir wurde 2011 in der Zeitschrift "Jesuiten" zum Thema "Liebe" veröffentlicht. 
Dieser Tage habe ich nicht die Ruhe und Muße, aktuelle Texte zu schreiben, darum bringe ich ihn hier noch einmal (minimal redigiert). 
Dazu passt, dass sich Ende Januar mein Ausscheiden aus dem Orden jährt. Wahrscheinlich war dieser Text schon ein Vorgeschmack auf die Entscheidung zum Austritt. Aber lest selbst:

Sonntag, 5. Januar 2020

Aufbruch – Unglaube – Veränderung. Oder: Was ich dem Kinde bringen kann

Die Geschenke der drei Weisen aus dem Morgenland sind bekannt. Sie machten sich auf den Weg zum neugeborenen König der Juden und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe. So berichtet es der Evangelist Matthäus (Mt 2,1-12).

Mit Blick auf die in der Bibel überlieferte Geschichte können wir uns inspirieren lassen, was unsere Geschenke sein könnten, die wir Gott bringen.

Mittwoch, 1. Januar 2020

Erhebet die Herzen. Eucharistie am Jahresanfang 

Ich liebe es, das Jahr mit einer Eucharistiefeier zu beginnen. Die Haltungen des Hörens, Betens, Singens, Kniens, Empfangens sollen mein Jahr prägen.

Heute war ich besonders berührt, als von Versöhnung und Frieden die Rede war. Aber auch die liturgischen Dialoge haben mich angesprochen: Priester und Gemeinde sagen sich am Beginn des eucharistischen Hochgebets gegenseitig Gottes Gegenwart zu. Dann fordert der Priester die Versammelten auf: „Erhebet die Herzen!“ und alle antworten: „Wir haben sie beim Herrn.

Nur gelingt das recht selten.