Donnerstag, 19. November 2020

Kirche mit Gotteserfahrung! „Ich träume von einer Kirche der Hoffnung“ von Monika Renz

 Wir haben sie gerade nötiger denn je – eine Kirche der Hoffnung, von der Monika Renz in ihrem aktuellen Buch träumt.

Denn angesichts der Aufdeckung von massiver Vertuschung sexueller Gewalt durch Bischöfe und andere Personalverantwortliche klingen die ernsten Fragen der Theologin und Therapeutin fast schon absurd:

"Kann eine Kirche von morgen zu Erfahrung von Würde und Identität beitragen? ... Hat Kirche im Brennpunkt 'Leiden' etwas zu sagen? ... Hat Kirche uns im Thema Urangst und Entfremdung etwas zu sagen?"1

So wie Renz diese Themen aus- und weiterführt, will sie ein Gegenbild zur tatsächlich erfahrenen Realität der Kirche aufbauen. Es geht ihr um eine Kirche, die klar auf existenzielle Sehnsüchte und Bedürfnisse der Menschen antworten kann, die zu den genannten Fragen nach Würde, Identität, Leiden oder Entfremdung Stellung nimmt, indem sie sich auf die Seite der Fragenden und Leidenden stellt.

Hoffnungskirche-aus-dem-Nebel-Cover.
Berlin, 2020.
Nach und nach entsteht auf diese Weise das Bild einer Hoffnungskirche, die den Nöten und Problemen der Menschen zugewandt ist und zugleich fest verankert ist in ihrem spirituellen Grund.

Das nämlich ist eine äußerst gelungene Verknüpfung der Autorin. Sie thematisiert existenzielle menschliche Problemlagen immer mit dem Blick auf eine religiöse Aussage.

Eine echte Hilfe soll Kirche sein – und darin zutiefst mit ihrem Urgrund, dem helfenden Gott verbunden. Diese Art therapeutischer Theologie ist ähnlich von Eugen Biser bekannt – und es ist ein Ansatz, den ich für sehr sinnvoll halte.


Am Thema der Entfremdung lässt sich das gut anschaulich machen. Ein Mensch, der, wie Renz formuliert, "seinen Anschluss an den Ursprung verloren hat",2 kreist unzufrieden um viele verschiedene Lebensthemen und findet keinen Halt darin. Soziale Stellung, Besitz, Rechthaben werden leere Hüllen einer Mangelexistenz mitten in einer Gesellschaft, in der Wohlstand oberstes Ziel ist. Dieser Analyse folgen therapeutische Erwägungen, die mit Erfahrungen aus der Praxis gesättigt sind: In der Krise einer Krankheit und der Konfrontation mit den eigenen Ängsten kommt es zu einer Wende. "Wandlung geschieht durch Angst hindurch, Angst ist das Tor zur Eigentlichkeit, zum Wesentlichen unserer selbst. Menschen werden weicher, vertrauensvoller, wahrhaftiger, gelassener, lebendiger. Sie sind ihren Gefühlen, Intuitionen, ihrem Urvertrauen und in all dem auch Gott näher gekommen."3

Die Ambivalenz menschlicher Religiosität, die auch die spirituelle Erfahrung von Angst vor der Größe Gottes einschließt, entfaltet die Autorin dann anhand der Verkündigung Jesu. Seine Beziehung zu seinem Abba-Vater, dem er voll vertraute, die Gleichnisse, in denen es um "Heimfindung zum Vater und zu sich selbst"4 ging, die Verheißung des Reiches Gottes als Antwort auf die menschliche Entfremdung – all das benennt Renz. Schließlich fordert sie eine prophetische und mystische Kirche, die sich nicht in sozialen Aktionen erschöpft, sondern in die Tiefe der eigentlichen Probleme geht, die Grund für die Entfremdung sind. 

 

An diesem Beispiel zeigt sich eine (auch insgesamt erkennbare) wohltuende Zurückhaltung bezüglich der typischen kirchlichen Reizthemen. Es dürfte nach der Lektüre schwer fallen, Monika Renz in eine Ecke wie konservativ oder progressiv zu schieben. Joseph Ratzinger wird ebenso zitiert wie Karl Rahner, Carlo Maria Martini genauso wie Papst Franziskus.

Das Anliegen von Monika Renz ist eine geistliche Vertiefung der Kirche, die sich nicht an liebgewordene Tradition klammert, aber den Schatz der Jahrhunderte auch nicht beiseite schiebt. Ihre Überlegungen sind dem Primat der individuellen Gotteserfahrung und der Lebensrelevanz der Kirche verpflichtet.

Das macht die Lektüre für mich sehr kostbar. Besonders die Stationen des Kirchenjahres, die sie lebensweltlich-therapeutisch auslotet oder die Anstöße zu einer mystisch orientierten Feier der Liturgie stellen gute Anregungen zum Weiterdenken und -meditieren dar.

Psalm 29 - Eine Bitte für die Kirche.
Berlin, 2020.
Allerdings zeigen die Ausführungen von Renz zwar, dass sie sich mit den angeschnittenen Themen bereits intensiv befasst hat, hier aber nur eine Art Überblick oder Aufbereitung ihrer Thesen für das spezielle Thema einer therapeutischen Kirchlichkeit in der Zeit der Krise anbietet. An einigen Stellen hätte ich mir darum eine etwas ausführlichere Klärung gewünscht. Denn auch die eben benannte Zurückhaltung hat natürlich ihre Schattenseite – ein wirkliches Programm der Kirchenerneuerung ließe sich nicht aus diesem Buch stricken.

Aber das ist eben auch das Ziel: eine Positionierung zu konkreten kirchlichen Fragen darf man nicht erwarten, kirchenpolitisch bleibt Renz vage, mit aller Ambivalenz, die darin steckt.


Zuletzt jedoch formuliert Renz einige Aspekte ihrer Vision "einer Kirche, die ihre Zukunft und ihren Ritus nicht länger aus der eingeengten Perspektive des Ichs andenkt, sondern – soweit dies überhaupt so gesagt werden darf – von Gott her. Es wäre eine Kirche, in welcher etwas vom Reich Gottes atmosphärisch schon jetzt spürbar würde. ... Es wäre eine Kirche, die nicht fixiert stehen bliebe im Blick auf unsere Makel und Sünden, sondern danach fragen würde, woran wir (zutiefst) leiden."5


Ja, so eine Kirche bräuchten wir – in der Arbeit vieler Seelsorgerinnen und Seelsorger leuchtet diese Perspektive schon immer auf, nur bräuchte es auch auf den Leitungsebenen mehr Gefühl für diese Kirchenvision... 

 

 

1   M. Renz. Ich träume von einer Kirche der Hoffnung. Freiburg i.Br. 2020, 44.48.65.

2   Ebd., 55.

3   Ebd., 62.

4   Ebd., 66.

5   Ebd., 149.

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