Sonntag, 22. November 2020

Christkönig: Christsein als Lebenspraxis und Nächstenliebe als Gottesliebe.

1.
Es gibt verschiedene Maßstäbe, nach denen Religionen angeschaut werden können.

Zum einen lässt sich philosophisch fragen, ob sie eine in sich konsistente Weltsicht bieten und keine logischen Widersprüche lehren.

Dann kann man soziologisch auswerten, welche Verhaltensweisen in den verschiedenen Religionen vorrangig zu finden sind oder wie sich religiöse Lehren auf den Alltag auswirken.

Natürlich kann man die Religionen auch religionswissenschaftlich miteinander vergleichen oder ökonomisch fragen, wie sich Religiosität auf dem Konto auswirkt. Oder oder oder...


Und schließlich ist da noch der eigene Anspruch, den eine Religion an sich und ihre Anhänger anlegt.

Davon hören wir im heutigen Evangelium (Mt 25,31-46): Der Maßstab, den Christus einmal an uns anlegen wird, ist die Frage, wie wir ihm in unseren leidenden Nächsten begegnet sind.

Ganz praktisch: Ein Stein.
Haussee, Hönow, 2020.
Das ist der alles entscheidende Maßstab.


Und falls es Ihnen beim Hören nicht aufgefallen ist: dieser Richter, von dem Jesus da spricht, der will nicht wissen, ob jemand die christliche Lehre von der Trinität richtig verstanden hat. Er zählt auch nicht nach, wie oft jemand in der Kirche war. Der fragt noch nicht einmal, ob es überhaupt ein Christ ist, der da vor ihm steht.

Ihm geht es nur darum, wie sich diese Person einem Schwachen gegenüber verhalten hat.

So wird für diese Stelle überdeutlich: Christsein ist eine Lebenspraxis.


Diese Praxis ist der Maßstab des Evangeliums, an dem wir uns messen lassen müssen.

Und das ist weniger einfach, als es auf den ersten Blick vielleicht scheint. Denn wir finden ja immer genügend Ausreden, um einem Hungrigen nichts zu essen zu geben (hat doch bei der Essensausgabe geschlafen) oder einem Nachbarn zu helfen, der nur eine Hose und ein T-Shirt hat (soll er sich doch was aus den Restbeständen im Haus suchen) oder eine Tasse Kaffee zu verweigern (hat sein Geld ja für Drogen ausgeben müssen).

Ich selbst möchte ja auch nicht jedem mit Tabak aushelfen, der zu mir gewackelt kommt.

Und mit all dem haben wir bis zu einem gewissen Punkt ja sogar Recht – jeder ist selbst für sich verantwortlich, Drogensucht muss man nicht mitfinanzieren und lernen wird jemand auch nur, wenn er nicht jedes Mal mitversorgt wird.

Alles richtig – und trotzdem: wenn ich anfange mein Herz zu verhärten, kann ich auch Gott nicht mehr einlassen.

Ich kann noch so viel in der Bibel lesen oder beten – aber wenn ich in meiner Lebenspraxis die Armen und Schwachen vergesse, handle ich nicht nach dem Maßstab Gottes.


2.

Und damit sind wir beim entscheidenden Punkt der Lesung, die wir gehört haben. Der Grund dafür, dass dies von uns verlangt wird, lautet: Jesus identifiziert sich mit den Schwachen.

Es geht also nicht in erster Linie um eine moralische Standpauke: Helft mal denen, die es nötig haben!

Nein, die Nächstenliebe, die vielen Menschen ja auch als erstes einfällt, wenn sie an das Christentum denken, ist im Kern Gottesliebe.

Wenn wir unseren Nachbarn Gutes tun, dann tun wir es Gott – und wenn wir es nicht tun (diesen Teil der Lesung habe ich ehrlicherweise gekürzt), dann tun wir es Gott nicht.


Nichts wissen, aber alles sehen.
Österreich, 2019.
Das Spannende ist nun, dass die Angesprochenen in unserem Text sich ja wundern: Was, wann haben wir dir Gutes getan? (vgl. vv37-39)

Sie wussten also gar nichts davon, dass sie Gott selbst Gutes taten.

Da sind wir nun eindeutig im Vorteil: Wir wissen Bescheid.


Gott hat sich in Jesus auf die Seite der Schwachen gestellt und lädt uns ein, ihm dort zu begegnen.

Das kann für uns eine gute Erinnerung sein: Er steht nicht auf der Seite der Mächtigen und nicht bei denen, die schon alles haben.


3.

Und ein letztes Wort noch zu diesem Fest Christkönig.

Verbunden mit dem Text, den wir gehört haben, sagt uns dieses Fest außerdem noch:

Alle meine Entscheidungen, all mein Tun und mein Unterlassen, all das kann ich bestimmen. Ich habe in meinem Leben weitgehend freie Hand. Aber am Ende wird sich zeigen, dass ich nicht der letzte Maßstab bin.


Sie haben dies natürlich schon vor Gericht bemerkt: Da sagen die Richter Ihnen, dass dort, wo Sie glaubten, freie Hand zu haben, ein paar Gesetzesschranken standen – und nun sind Sie hier.

Manche Leute wollen sich vom Gericht nichts sagen lassen und halten dem entgegen: "Only God can judge me." - "Nur Gott kann mich richten"


Und dieser Text sagt: Ja, Christus wird richten. Er hat das letzte Wort.

Aber anders als wir es uns vorstellen.

Der König, der Christus ist, wird sich zwar am Ende "auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen" (v31). Aber jetzt – und auch dann – steht auf der Seite der Schwachen, so sehr, dass er sich mit ihnen identifiziert – und nun kommt der nächste Clou:

Gott identifiziert sich mit Ihnen, den Gefangenen! (Sie sind in einer privilegierten Lage!)

Lassen Sie sich das auf der Zunge zergehen: Ein Richter, der auf Seiten der Gefangenen steht!

Ihnen will Gott besonders nahe sein!

Er fragt nicht, warum jemand inhaftiert ist, fragt nicht, wie lange und nicht, ob das Urteil gerecht war und nicht, ob jemand Erstverbüßer ist oder Dauergast.

Er weiß, dass eine Haft keine gute Zeit ist und stellt sich zu Ihnen.

Er ist da und will Sie trösten, will Sie begleiten, will Sie aufrichten. Das ist seine Art zu richten.

Aber das heißt eben nicht, dass er uns von unserer Verantwortung entbindet.

Er fordert uns damit heraus – und das große Wort "Liebe", das wir immer mit Emotionen verbinden, kann eben auch mit diesen Worten umschrieben werden: großzügig zu sein, wohlwollend zu sein, aufmerksam zu sein, bereit sein zum Teilen, liebevoll zu sein.

Das ist in der Umgebung, in der Sie gerade leben, besonders herausfordernd. Aber das ist sein Maßstab, der Maßstab des Königs, der am Ende entscheidend ist. Wenn wir danach leben, begegnen wir ihm selbst. Schon jetzt.


Falls Ihre Frau Sie also heute Nachmittag am Telefon fragt, was denn im Gottesdienst gesagt wurde, merken Sie sich drei Dinge:

1. Christsein ist keine Theorie, sondern eine Lebenspraxis.

2. Nächstenliebe ist im Kern Gottesliebe – denn Gott identifiziert sich mit den Nächsten, besonders mit den Schwachen.

3. Gott ist ein Richter, der auf Seiten der Gefangenen steht.

 

Großzügiger Blick.
Blossiner See, 2020.

 

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