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Sonntag, 19. Juli 2026

Entfalten, was Jesus gesagt und getan hat. Abschiedspredigt in Frankfurt (Oder)

Auf Grundlage der folgenden Ausarbeitungen habe ich mich aus Frankfurt (Oder) am 05.07.2026 in der Pfarrkirche Heilig Kreuz und am 08.07.2026 im Hedwighaus verabschiedet - jeweils in leicht variierter und auf die jeweilige Gemeinde angepasster Form. 

Lose Grundlage war der biblische Text in Mt 11,25-30: "In jener Zeit sprach Jesus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefallen. Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will. Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht."


Liebe Gemeinde, 


Heute möchte ich mich von euch und Ihnen verabschieden und ein wenig zurückschauen auf die letzten fünf Jahre, die ich in unserer Pfarrei hier tätig gewesen bin - aber ich schaue nicht zurück, weil ich so furchtbar viel Tolles geleistet habe, sondern zur Vergewisserung, was eine spirituelle Frucht sein könnte.


Viele verbinden mit einer kirchlichen Arbeit an Hochschulen ja regelmäßige Gemeindearbeit, Gesprächsrunden zu religiösen Themen, viel Gebet und Gottesdienst. 

Nun, was soll ich sagen, einiges davon gab es auch, aber diese Erwartung konnte ich nicht erfüllen.

Ich habe es nicht geschafft, eine echte Gemeinde aufzubauen, nicht geschafft, in unserer Ortsgemeinde regelmäßig mit Aktionen aus dem Bereich der Hochschule aktiv zu sein, nicht geschafft, bleibende Gebetsgruppen einzurichten, nicht geschafft, die Zahl der Kirchenmitglieder zu erhöhen…


Was habe ich also die ganze Zeit gemacht? (Und ich frage das nicht aus Koketterie, sondern angesichts mancher Erwartungen wirklich ernsthaft)


Ganz kurz: Wie so viele, die ihr Christsein auf unterschiedliche Weise leben oder für die Kirche tätig sind, habe ich versucht, das zu entfalten, was Jesus gesagt und getan hat. 


1

Konkret haben wir gerade gehört, wie Jesus jene seligpreist, die nicht schon fertig ausgebildet und klug sind, sondern noch fragen und nicht fertig sind.

Der Text sagt „Unmündige“ in unserer Übersetzung, andere Übersetzungen sprechen von „Kleinkindern“, „Einfältigen“, „Unwissenden“, „einfachen Leuten“ - zusammenfassen könnte man sicher, dass Jesus hier jene preist, die noch lernen, die sich mit ihrem Wissen über Gott noch keine Festung gebaut haben, die noch mehr wissen wollen.


Studierende also - wissbegierig, offen für das Neue im Leben… sie sind natürlich all das...

 "Lernt von mir!“ sagt Jesus.


Aber in genau diesem Sinne war es mir wichtig, auch andere anzusprechen, die noch keine fertigen Vorstellungen von Gott haben. 

Gemeinde und ein inner circle mit denen, die sowieso schon kommen, sind wichtig - aber eben auch jene, für die es eine Überwindung ist, kirchliche Räume zu betreten, oder auch nur kirchliche Angebote wahrzunehmen.


2

Was noch?

Jesus lädt im heutigen Evangelium die ein, die mühselig und beladen sind. Für sie ist Gottes Liebe in besonderer Weise da.

Auch hier können wir bei Studierenden ein Häkchen machen - Prüfungen und Überforderung, Sorgen um den Arbeitsmarkt der Zukunft, finanzielle Probleme, Stress mit den Mitbewohnerinnen, die schlafen wollen, …


Aber mühselig und beladen, das sind viel mehr Menschen - es geht Jesus immer, wie bei den Seligpreisungen, der Blick von unten, nicht der Blick der Zufriedenen, Mächtigen und Wohlhabenden. 


Als am 24. Februar die russische Vollinvasion in die Ukraine begann, haben wir nicht nur gebetet, sondern sind für jene, die auf ihrer Flucht vor dem Krieg hierher gekommen sind, auch ganz selbstverständlich praktisch tätig geworden.

Der Bonibus konnte für Menschen und Hilfsgüter genutzt werden, unsere Räume im Kolbehaus wurden zeitweise zusammen mit dem CVJM als Hilfsschule genutzt, es gab finanzielle Hilfen, auch das Gemeindehaus in Golzow wurde einer ukrainischen Familie zur Verfügung gestellt.

Man könnte mit etwas Pathos sagen: Im Sinne Jesus haben wir den Egoismus verabschiedet und uns für Weitsicht und Solidarität entschieden.

Ich bin sehr dankbar, dass das alles hier so umstandslos möglich war und habe mich gern in den Dienst der Hilfe für Menschen aus der Ukraine gestellt.


3

Hier lässt sich auch gleich anschließen an dem, was Jesus oft und gern gemacht hat - er liebte und lebte Gastfreundschaft und Teilen. Er saß in Galiläa und Jerusalem mit vielen sehr unterschiedlichen Menschen bei Tisch - so ähnlich, wie es hier ja auch beim Kirchencafé praktiziert wird, wo alle eingeladen sind.

Noch einen Schritt weitergegangen sind wir am Gründonnerstag 2025 mit der Einladung zum ökumenischen „Tisch für alle“ in der Marienkirche. So wie es bei den Christlichen Begegnungstagen mit der langen Tafel vom Markt bis zur Oder schon geübt wurde - Platz für alle, Raum für Gespräche, offen für Gott.


Am Grill neben dem Glashaus, auf dem Ausflug mit Studis in die Sächsische Schweiz oder beim adventlichen Singen am Feuer im Hof des Gemeindehauses - immer gab es Gelegenheit, miteinander zu essen und in Kontakt zu kommen. Das alles sind sehr schöne Erinnerungen für mich…


Was noch?

Jesus hat die richtigen Worte gefunden, um Grenzen zu überwinden. Mit dem Straßenwörterbuch vom Verein Kunstgriff haben wir das 2022 auch hier versucht - gute Worte finden für die Doppelstadt. 

Liebe, Geduld, Freiheit, Hoffnung, Zusammenhalt, Mut, umarmt euch!, vereint, Zusammenarbeit, Freundschaft … das waren einige der Wörter, die wir auf Polnisch, Deutsch, Ukrainisch auf die Gehwege der Doppelstadt geschrieben haben. 

Ich glaube, es waren auch einige geistliche Anregungen und Worte im Sinne Jesu dabei.


Manche Worte richten aber auch Grenzen auf. Das ist manchmal wichtig, um Klarheit zu schaffen und sich abzugrenzen, das ist manchmal aber auch unnötig und verletzend. Ich habe mich dabei - besonders mit meinem polnischen Kollegen in Slubice - manchmal schwergetan, noch die nötigen Gemeinsamkeiten zu finden, wenn die Meinungen weit auseinandergehen. 

Um es klar zu sagen - ich glaube nicht, dass Queerfeindlichkeit im Sinne Jesu ist.


Ja, ganz insgesamt ist die deutsch-polnische Grenze hier vor Ort eine besondere Herausforderung - und ich bin sehr froh, dass viele Haupt- und Ehrenamtliche hier sind, die gute Worte für das Miteinander suchen und denen es ein dauerhaftes Anliegen ist, zu vermitteln und neue Gemeinschaft zu stiften.


5

Und sonst?

Jesus hat zur Versöhnung aufgerufen - dazu gehört natürlich auch die Entschuldigung, das Bitten um Nachsicht und die Reue.

2023 stand drei Monate lang die monumentale Skulptur SORRY von Joanna Rajkowska an der Oderpromenade, die wir mit viel Unterstützung auch aus dem Erzbistum hierher holen konnten.

Die Künstlerin klagt mit ihrem Kunstwerk - in gewisser Weise ganz auf den Spuren Jesu - die Doppelzüngigkeit und Falschheit an: dort wo ein Bedauern oder ein Entschuldigen (mit dem universalen „Sorry“) einfach nur behauptet wird, aber nicht aus dem Inneren kommt, dort bleibt es wie eine Mauer - ein Widerspruch in sich. Hier: ein SORRY in 3m hohem Beton. 

Auch Jesus kritisiert mit sehr harten Worten die, die zwar an Riten und Formen festhalten, aber ihr Herz nicht ändern - und wo die Mauern bleiben. 


Joanna Rajkowska hat mit diesem künstlerischen Statement auch ein Zeichen setzen wollen gegen die Doppelzüngigkeit der EU, die sich manifestiert in der unmenschlichen Migrationspolitik der Europäischen Union. Für die Künstlerin besonders erschreckend: In den Wäldern zwischen Belarus und Polen sterben bis heute viele Migranten, die vom dortigen Regime unter falschen Versprechungen nach Belarus gelockt werden, um sie dann an die befestigte EU-Außengrenze zu bringen. 

Um es klar zu sagen: Es ist eine Schande, dass der EU-Grenzschutz viele dieser Menschen, auch Schwangere, auch Kranke, auch Kinder zusammenschlägt, ausraubt, zusammentreibt, hungern lässt und wieder nach Belarus zurückschickt. Auch die schrecklichen Szenen vom Mittelmeer kennen wir alle.


Ja, die Mühseligen und Beladenen - Jesus lädt sie ein - und die EU schickt sie weg und lässt sie krepieren.


Angesichts dieser Realität ist das Kunstwerk SORRY ein prophetisches Zeichen. 

Aber Zeichen reichen nicht: Ich finde, Christinnen und Christen dürfen angesichts dieser Politik nicht schweigen. Jesus fordert den Einsatz für jene, die am Rande stehen, die untergebuttert werden, die keine Lobby haben…


Die potentielle Kriminalisierung vieler Hilfen für Menschen auf der Flucht macht es mir schwer, andere Dinge konkret zu benennen - aber konkrete Hilfe ist auch hier vor Ort in Frankfurt (Oder) und Slubice nötig. 

Ich kann alle nur darum bitten, die Augen offen zu halten und die Menschen auf der Flucht nicht zu vergessen. (Jesus selbst war übrigens auch ein Flüchtling, als seine Eltern mit ihm vor Herodes nach Ägypten flohen - ein Grund mehr, Geflüchtete zu unterstützen!)


6

In dieser Frage - und auch an vielen anderen Stellen - ist es mir in den letzten Jahren wichtig geworden, mit möglichst vielen Menschen und Institutionen Kontakte zu knüpfen und zu kooperieren in den Kirchen, aber besonders auch mit jenen, die keine Anbindung an die Kirche haben. 


Jesus war zwar manchmal rigide und hat nicht immer die Verbindung über seine Gemeinschaft hinaus gesucht. Bevorzugt hat er sich an seine jüdischen Glaubensgenossen gewandt. Aber oft genug kam er in engeren Kontakt auch mit denen, die zunächst ferne waren - als Römer oder Samariterinnen, als Kollaborateure oder als besonders Fromme, als Fischer und als gelähmte Bettler, als Aussätzige oder als des Ehebruchs Angeklagte.

Jesus trat in Kontakt und kam ins Gespräch mit seiner ganz persönlichen Botschaft - und überall rief er zur Umkehr auf, sprach Mut zu, heilte, tröstete.

Nicht alles davon war mir möglich oder vergönnt. 


Aber ich bin sehr froh, dass ich in Frankfurt (Oder) viele Menschen getroffen habe, die offen sind für gemeinsame Aktionen: besonders habe ich mich gefreut, dass wir letztes und vorletztes Jahr im November mit einigen Aktiven aus der Jungen Union und mit den politisch sicher eher anders orientierten Aktiven von Utopia e.V. zusammen Stolpersteine putzen konnten. 

Dieses Zeichen des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus gemeinsam zu setzen finde ich äußerst wichtig.


7

Zu guter Letzt: ich habe Jesus immer als jemanden wahrgenommen, der Gottes Gegenwart nicht nur in Gotteshäusern und in Begegnungen mit Menschen fand. Sondern auch in der Natur - Jesus war auf den Bergen Galiläas unterwegs, er ging spazieren am See, er wanderte in der Wüste und an seinem letzten Abend in Freiheit ging er in einen Garten, um dort zu beten.


In Frankfurt habe ich diese besonderen Orte in der Natur vor allem an der Oder gefunden - und laufe dort regelmäßig, immer wieder auch mit Studierenden. Der Fluss, die Wäldchen, die Weite der Wiesen, der morgendliche Nebel und die Sonne über Polen: all das öffnet die Sinne und den Geist für Gottes Weite.


Das war viel!

Darum zum Mitnehmen ein paar Schlagworte, die als Entfaltung von Jesu Worten und Taten hier übrig bleiben könnten:


Versöhnung!

Grenzen überwinden!

Gute Worte machen!

Wirklich meinen, was gesagt ist!

Gastfreundschaft! 

Miteinander essen!

Zuwendung zu denen, die Hilfe brauchen!

Natur erleben!

Und in allem: Gott suchen und finden - denn er will uns erquicken! 


Montag, 1. Juni 2026

Militärische Hilfe als Nächstenliebe - Disput um einen Radiobeitrag

Vor einigen Tagen durfte ich in den kirchlichen Verkündigungssendungen des rbb fünf Radiobeiträge veröffentlichen, die ich unserer Reise in die Ukraine gewidmet habe. 

Ein Beitrag hat starke Reaktionen provoziert, auf die ich wiederum eine Antwort geschrieben habe. Den Originalbeitrag (hier auch nachzuhören), eine Paraphrase der Kritik und meine Antwort stelle ich hier zur Verfügung:
 

Mittwoch, 27. Mai 2026

Kommt uns besuchen! Radiobeitrag zur Reise in die Ukraine

 Der folgende Beitrag wurde am 26.05.2026 als "Wort für den Tag" im rbb gesendet.

 

Im April bin ich mit einer kirchlichen Delegation aus dem Osten Brandenburgs in die Ukraine gefahren.
Die Reise hat eine längere Vorgeschichte: Am Anfang stand der Besuch des evangelischen Bischofs von Charkiw, Pavlo Shvarts, bei den Christlichen Begegnungstagen in Frankfurt (Oder) vor ziemlich genau zwei Jahren. Damals erzählte er uns von der schwierigen Situation der Menschen im Krieg.

Auf die Frage, wie wir hier in Brandenburg ihm und seiner kleinen Kirche helfen könnten, antwortete er: „Kommt uns besuchen.“ Zunächst hat das niemand wirklich ernst genommen. Doch bei weiteren Kontakten äußerte er genau diese Aussage immer wieder.

Nach diesem so furchtbaren Winter, als es durch die russischen Angriffe in manchen Landesteilen über Wochen weder Heizung noch Strom noch Wasser gab, ist die Idee eines Besuchs dann konkreter geworden. Gerade jetzt wollten wir unsere Solidarität mit den vom Krieg gebeutelten Menschen irgendwie zeigen.

Ich selbst hatte ehrlich gesagt noch Zweifel: Sollen wir wirklich einfach so ins Kriegsgebiet fahren? Was wollen wir denn bewirken? Ja, worin besteht unsere Hilfe eigentlich, wenn wir zu Besuch kommen?

All diese Fragen haben wir uns gestellt, als sich langsam die Gruppe mit Menschen aus Frankfurt (Oder), Lieberose, Seelow, Fürstenwalde und Berlin bildete. Kritisch haben wir uns auch befragt, ob wir unseren Gastgebern nicht mehr Sorgen und Ärger machen, wenn wir kommen. Auf keinen Fall sollte es zu einer übermäßigen Gefährdungslage kommen.

Entscheidend dafür, dass wir am Ende doch gefahren sind, war die wiederholte Einladung: „Kommt uns besuchen!“

Das wurde auch das innere Zentrum unserer Reise: Wir sind Menschen mit unterschiedlichen Lebensrealitäten in verschiedenen Landesteilen begegnet und mit ihnen ins Gespräch gekommen. Alle, mit denen wir sprachen, waren unglaublich dankbar über unser Kommen und erzählten sehr offen, was sie bewegt. Unsere gefühlte Solidarität wurde auf diese Weise greifbarer.

Wir haben gemerkt: einander besuchen ist ein wertvolles Zeichen der Nähe – gerade in schwierigen Zeiten. 
Bei uns in Deutschland herrscht kein Krieg – aber auch hier können wir einander diese Zeit und Aufmerksamkeit schenken!

 

Donnerstag, 16. April 2026

Vom Glauben im Krieg. Eindrücke einer ökumenischen Reise in die Ukraine

 In der Osterwoche machte sich eine Gruppe aus Ostbrandenburg auf den Weg nach Kyjiw und Odesa. Organisiert durch das Oekumenische Europa-Centrum Frankfurt (Oder) und den Evangelischen Kirchenkreis Oderland-Spree war die Reise unsere Antwort auf die Einladung des lutherischen Bischofs Pavlo Shvarts aus Charkiw, der 2024 bei den Christlichen Begegnungstagen zu Besuch in Frankfurt war. 
Mit unserem Besuch wollten wir unsere Verbundenheit und Solidarität auch durch persönliche Nähe und Begegnung ausdrücken. Darum standen die Besuche und das Kennenlernen der Menschen im Zentrum der Reise.

Samstag, 30. Dezember 2023

Persönlicher Jahresrückblick 2023

Mein Jahr 2023 spiegelt sich für euch in 46 Facetten. 

Statt eines Textes oder Bildern gibt’s Tops, obwohl die dritten Tops, also „Top 7 Enttäuschungen“ eigentlich Flops sind, aber es war mir wichtig, euch eine gute Ordnung zu präsentieren und euch mit meinem Musikgeschmack zu verschonen (außer „Lor“, die müsst ihr einfach hören. Na gut, auch „Kwiat Jabłoni“ ist richtig toll, Dua Lipa und Jerry Heil für die gute Laune kennt ihr ja sicher schon), deshalb erwähne ich hier nur wirklich wichtige Dinge für mich, auch wenn dadurch ein oder zwei Sachen rausfliegen, anderes wegen der richtigen Anzahl an Tops reinkommt und eine komische Reihenfolge entsteht, die Wichtiges nicht am Anfang stehen lässt und am Ende einen solchen Bandwurmsatz an den Anfang zaubert.

Montag, 27. Februar 2023

Die Aussage des Gegenübers retten - auch bei einem "Friedensmanifest"?

Hier kommt nun so etwas wie das Gegenstück zu meinem letzten Beitrag: ich schwanke zwischen der  Resignation und dem Unverständnis angesichts der Borniertheit - und dem guten Willen (hier für die Kolumne in der MOZ am 25.02.2023) und bin weiter unsicher, wie viel Kraft ich in Verstehen investieren kann...

Wie soll es weitergehen?

So frage ich mich nach der Entscheidung der Jury, das Zukunftszentrum nicht in Frankfurt (Oder), sondern in Halle anzusiedeln.

So frage ich mich mit Blick auf die Klimakrise, an deren Anfang wir stehen und deren Konsequenzen wir wohl Jahr für Jahr stärker erleben werden.

So frage ich mich nach einem Jahr brutalen russischen Angriffskrieges in der Ukraine.

Und es scheint so, als müssten wir viel miteinander streiten, um die Anliegen und Bedürfnisse zu verstehen, die hinter den verschiedenen Wegen stehen, die gegangen werden könnten.

Donnerstag, 23. Februar 2023

Vom Verstehen. Oder: Keine russischen Friedenstauben

Ich versuche als Seelsorger, nahe bei den Anliegen meiner Gegenüber zu sein.

Während meiner Tätigkeit als Gefängnisseelsorger wollte ich in den Gesprächen mit Inhaftierten verstehen, warum Menschen Verbrechen begehen. Ich habe versucht, die Familiengeschichten, die sozialen Umstände, die Macht des Drogenkonsums zu verstehen. Manchmal ist es mir gelungen.

Aber ich habe meine Grenzen. Ich kann nicht verstehen, wie der aktuelle Vernichtungskrieg, den Russland gegen die Ukraine führt, irgendwie zu verstehen oder gar zu rechtfertigen wäre - außer durch Machtgier und Mordlust.

Freitag, 20. Januar 2023

„Tut Gutes! Sucht das Recht!“ (Jes 1,17). Ein Radiobeitrag zum Ukraine-Krieg

 So ähnlich werde ich am Sonntag, 22.01.2023, um ca. 10 vor 10 morgens auf rbb 88,8 zu hören sein:

Immer wenn mir auf die Frage nach dem Kern des Christseins jemand sagt, das sei die Nächstenliebe, rolle ich innerlich ein bisschen mit den Augen. Schon wieder dasselbe – immer die eine Hohlformel, die ein ganzes Glaubenssystem eindampft auf die Aufforderung: „Seid nett zu einander!“

Das Problem ist, dass das mit der Nächstenliebe irgendwie stimmt. Aber gleichzeitig auch zu wenig ist. Denn natürlich spricht die Bibel davon, einander Gutes zu tun, und das nicht erst seit Jesus.

Freitag, 30. Dezember 2022

 Persönliche Zusammenfassung des Jahres 2022

Blick auf die Oder.
Frankfurt (Oder), Ende September 2022.
1.
Das Vorzeichen, unter dem nahezu alles in diesem Jahr für mich stand, war der Krieg Russlands gegen die Ukraine.
Das entsetzliche Leid der Ukrainerinnen und Ukrainer stand dabei im Vordergrund – aber auch die Frage, wie und wo meine Möglichkeiten sind, dem Grauen etwas Gutes entgegenzusetzen.

2.
Am wichtigsten ist mir die Fortführung des Straßenwörterbuchs in Frankfurt und Słubice geworden. Hier bin ich einer Menge wunderbarer Menschen mit verschiedensten sprachlichen, religiösen und parteipolitischen Hintergründen begegnet. Aber auch beim Bäumepflanzen, beim Beten um den Frieden, bei der Frage, wie Hilfe für Geflüchtete und Daheimgebliebene organisiert werden kann, habe ich gemerkt, was man in dieser Stadt alles tun kann.

Montag, 26. Dezember 2022

Herbergssuche zwischen Kyjw und Frankfurt (Oder). Geistliche Betrachtungen zum Weihnachtsfest.

MUSIK 1

Extra 1
Zuweisungsbescheid. / Wohnungsgeberbestätigung. / Sprachkursteilnahme. / Aufenthaltstitel. / Kostenübernahme.

Haus im Regen.
Frankfurt (Oder), 2022.
Sprecher 1
Es sind lange und komplizierte Wörter, die wichtig werden, wenn man in Deutschland Zuflucht gefunden hat. Darum haben viele Ukrainerinnen und Ukrainer in den letzten Monaten mit diesen Wörtern zu tun bekommen. Aber viel mehr haben sie sich mit dem beschäftigt, was hinter diesen Wörtern steht: Rettung vor dem Krieg, Sicherung des Lebensunterhalts, ein Dach über dem Kopf und versuchen, das Leben in Deutschland zu meistern.

Das alles erscheint in einem besonderen Licht, wenn wir in diesen Tagen Weihnachten feiern. Denn an Weihnachten feiern Christinnen und Christen die Geburt Jesu Christi. Wir feiern die Ankunft eines Fremden - als einer von uns. Oder in der Sprache der Theologie: Gott wird Mensch in Jesus Christus.
Die Berichte über Jesu Geburt sind – vorsichtig formuliert – historisch ungesichert. In den bekannten biblischen Texten wird berichtet von einer Volkszählung des Kaisers Augustus, vom Weg Josefs mit der schwangeren Maria aus Nazareth in Galiläa nach Betlehem, von der Geburt im Stall, weil „in der Herberge kein Platz mehr war“.
Was auch immer davon so oder so ähnlich geschehen ist: der Wunsch des biblischen Autors wird deutlich. Er wollte zeigen, dass Gott in ungesicherte Verhältnisse kommt, dass keine „Willkommenskultur“ herrscht, dass niemand mit offenen Armen auf ihn wartet.

Donnerstag, 27. Oktober 2022

Sei parteiisch!

Dieser Tage komme ich mehr und mehr auch mit ukrainischen Studierenden in Kontakt. Für sie ist die Haltung der Deutschen, wenn es um Russlands Krieg gegen ihr Heimatland geht, nicht immer einfach zu verstehen. 

Denn es gibt hier die mancherorts verbreitete Annahme, aus dem aktuellen Krieg müsse man sich in Deutschland nicht nur praktisch-politisch, sondern auch mental heraushalten. Mit anderen Worten: Neutral sein, nur keine Partei für eine Seite ergreifen, denn nur so könne man in Deutschland angemessen handeln. 

Ich halte das für falsch. Neutralität ist in diesem Fall keine moralisch legitime Position.

Freitag, 10. Juni 2022

Meine, deine, unsere Sprache. Impuls beim Friedensgebet in Frankfurt (Oder)

 Man sollte meinen, eine Sprache, die beide Seiten verstehen, erleichtert die Kommunikation.

Wenn wir in die Ukraine schauen, scheint das aber nicht der Fall zu sein.

Dort wachsen die Menschen in der Regel mehrsprachig auf, das Russische und das Ukrainische werden normalerweise verstanden – je nach Region ist die aktive Nutzung der Sprache verschieden, aber verstanden wird die jeweils andere Sprache.

Karl Schlögel, ehemaliger Professor der hiesigen Europa-Universität Viadrina, schreibt in seinem Aufsatzband „Entscheidung in Kiew“ dazu:

Samstag, 7. Mai 2022

Eine wirklich gute Zukunft im Blick. Predigtgschnipsel zum Evangelium vom Guten Hirten

„Ihr wollt nicht?“ - „Dann machen wir es eben ohne euch!“
Die Dynamiken in der Lesung aus der Apostelgeschichte (Apg 13,43-52) zeigen ziemlich gut, wozu wir Menschen in Krisensituationen neigen: Wenn es Konflikte gibt, schlagen die emotionalen Wellen hoch und die Verständigung wird schwieriger. Es gibt Spaltung und Hetze gegen „die Anderen“, außerdem bestimmen Konkurrenz und Neid das Bild. Man hat sich nichts mehr zu sagen der Dialog wird beendet.

Wie traurig!
Und doch – manchmal geht es auch nicht anders.

Donnerstag, 21. April 2022

Achtsam für Wunden, nicht in sie verbohrt! Predigt zum Semesterstart

 Als ich vor ziemlich genau 20 Jahren in Lwiw in der Ukraine einen Freiwilligendienst gemacht habe, bekam ich eine Menge Wunden zu sehen. Denn meine Aufgabe war damals, ehemalige Häftlinge der deutschen Konzentrationslager zu besuchen.
Manchmal waren die Begegnungen eher belanglos, manchmal schwierig (vor allem wegen meiner anfangs sehr geringen Sprachkenntnisse), manchmal auch erfrischend. Aber an irgendeinem Punkt kam die Rede fast immer auf die Verwundungen in ihren Leben.
Nicht immer, das muss ich betonen, waren es die Erfahrungen aus den Konzentrationslagern, die am meisten obenauf lagen und als am schlimmsten erinnert wurden. Manchmal waren es Erfahrungen mit Schikanen in der Sowjetunion, manchmal der Verlust eines Familienmitglieds in der jüngsten Zeit, manchmal die Einsamkeit, die aus der Tatsache folgte, dass der Sohn oder die Tochter zum Arbeiten nach Westeuropa gegangen waren.

Freitag, 15. April 2022

Karfreitag: Wissen sie, was sie tun? Von Opfern und Tätern

Nach der Farbattacke.
Magistrale, Frankfurt (Oder), 2022.
Seit Jahrhunderten schauen Christinnen und Christen auf den leidenden Christus. Sein damaliges Leiden lässt sie nicht kalt und im Gebet wissen sie sich verbunden mit ihm.
Denn Jesus hat sich auf die Seite all derer gestellt, die leiden müssen. Er hat selbst gelitten, hat ausgehalten und ist für viele Menschen der Leidende schlechthin geworden.

Heute schauen wir auf das Leiden der Menschen in Mariupol, in Kramatorsk, in Charkiw und an vielen anderen Orten in der Ukraine, aber auch auf der Flucht, in Polen, in Rumänien, in Deutschland. Manchmal können wir uns den vielen schrecklichen Bildern und Nachrichten nicht entziehen und es wird uns zu viel. Dann müssen wir auch wegschauen lernen und auf die schöneren Seiten der Welt sehen.

Samstag, 9. April 2022

Gesegnet, die da kommen im Namen des Herrn! Radiobeitrag an Palmsonntag

Ankunft am Bahnhof.
Frankfurt (Oder), März 2022.

So ähnlich werde ich morgen früh um ca. 10 vor 10 im Radio auf rbb 88,8 zu hören sein:

Ich war in den letzten Wochen immer wieder auf unserem Bahnhof in Frankfurt / Oder. Dort sind seit den ersten Tagen des Krieges in der Ukraine täglich mehrere tausend Menschen durchgefahren.
Fast immer sind es Frauen mit ihren Kindern gewesen. Oftmals waren sie mehrere Tage im Zug unterwegs. Sie hatten wenig geschlafen und waren unruhig und ausgelaugt. Diejenigen, die ausstiegen, wollten oft einfach nicht mehr weiterfahren und suchten etwas Ruhe. Manchen war noch nicht einmal klar, dass sie nun in Deutschland waren.

Sonntag, 27. März 2022

Versöhnung braucht Umkehr, Zeit und Mut. Parabel vom verlorenen Sohn im Krieg.

Die Parabel vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32) handelt von Versöhnung.
 
Und jeder, der sie heute – in diesen Kriegstagen – liest oder im Gottesdienst hört, wird sich eventuell fragen, wie das denn aktuell gehen soll mit der Versöhnung zwischen den Kriegsparteien. Manche schieben den Ball zur Ukraine mit der mehr impliziten oder mehr expliziten Aufforderung, sich doch zu ergeben und die Kämpfe so zu beenden. Manche fordern weitere Zugeständnisse an Russland und kritisieren die Waffenlieferungen an die Ukraine als etwas, das mehr Öl ins Feuer gießen würde.

Und alles unter den Hoffnungsbegriffen von Frieden und Versöhnung.

Dienstag, 15. März 2022

Gäste aus der Ukraine. Ein kurzer Erlebnisbericht nach einer Woche

Am Bahnhof mit Sonderzug.
Frankfurt/Oder, 2022.
Während die schrecklichen Kriegsbilder weiter über meine Bildschirme flackern und während am Bahnhof von Frankfurt weiter ausgelaugte Frauen und Kinder ankommen, umsteigen und durchfahren, haben wir nun schon eine Woche Gäste aus einer Stadt am Dnjepr bei uns aufgenommen.
Am 08. März habe ich bei meinem ehrenamtlichen Einsatz auf dem Bahnhof eine Frau mit ihrem 17jährigen Sohn, die nicht weiterfahren wollten, eingeladen, vorerst bei uns zu bleiben. Und so sind wir nun zwei mehr in unserer Wohnung.

Sonntag, 6. März 2022

Was der Krieg anrichtet. Zwei Gedanken

1
Warum habe ich eigentlich mal Ukrainisch gelernt?

Weil Nazi-Deutschland sechzig Jahre vor meinem Aufenthalt in der Ukraine (2001/2002) seinen Kriegszug auf die damalige Sowjetunion ausgeweitet hat und in seinem Kampf gegen slawische Ethnien und Juden eine Spur totaler Verwüstung hinterlassen hat.

Ohne dass der jetzige Ukrainekrieg im mindesten damit vergleichbar ist, wurde mir jedoch gerade noch einmal klar: Die Folgen jenes Krieges damals spürten und spüren die die Menschen mehr als ein halbes Jahrhundert später immer noch.

Dienstag, 1. März 2022

Aschermittwoch. Ohnmacht und Kraft angesichts des Krieges

Ich komme in diesen Tagen schwer zur Ruhe.
Das Leiden der Ukraine ist mir so nah, die Menschen tun mir so leid.
In den Nachrichten und auf Social Media höre und sehe ich sie in ihrer Verzweiflung, in ihrem Kampfgeist, in ihrer Angst, in ihrer Standhaftigkeit.
Fühle mich ihnen nah und fern zugleich.

Ich will die Dinge ändern und kann es nicht.
Ich will helfen und bin hilflos.
Ich will weinen und schreien vor Hilflosigkeit.