Sonntag, 27. März 2022

Versöhnung braucht Umkehr, Zeit und Mut. Parabel vom verlorenen Sohn im Krieg.

Die Parabel vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32) handelt von Versöhnung.
 
Und jeder, der sie heute – in diesen Kriegstagen – liest oder im Gottesdienst hört, wird sich eventuell fragen, wie das denn aktuell gehen soll mit der Versöhnung zwischen den Kriegsparteien. Manche schieben den Ball zur Ukraine mit der mehr impliziten oder mehr expliziten Aufforderung, sich doch zu ergeben und die Kämpfe so zu beenden. Manche fordern weitere Zugeständnisse an Russland und kritisieren die Waffenlieferungen an die Ukraine als etwas, das mehr Öl ins Feuer gießen würde.

Und alles unter den Hoffnungsbegriffen von Frieden und Versöhnung.


Sind die Türen offen für Frieden?
Oder bei Frankfurt, 2022.
Die biblische Geschichte ihrerseits macht auf unterschiedlichen Ebenen klar, was bei der Versöhnung dran ist – und was nicht.

1.
Da ist zunächst der Vater – er zieht nicht los und schleift seinen Sohn vom Gelage oder von der Bettlerpritsche wieder nach Hause. Nein – er wartet, bis der Sohn selbst begreift, was er getan hat.
Dann erst ist Versöhnung wirklich möglich.
Ohne nun auf die unterschiedliche Rollenverteilung in der Bibel und zwischen den Kriegsparteien eingehen zu können, wird auch so klar, dass es zunächst eine Umkehr braucht. Und zwar eine Umkehr dessen, der sich in seine Sünde verrannt hat. Das ist dort der jüngere Sohn – und hier bei uns der Aggressor Russland.
Ohne eine Beendigung der Angriffe in der Ukraine und einen Rückzug der Invasoren wird kein gerechter Frieden möglich sein. Erst wenn Russland in dieser Weise wortwörtlich umkehrt, kann darüber gesprochen werden, dass und wie die Weltgemeinschaft und insbesondere die Staaten des Westens ihre Sanktionen gegen den Aggressor neu begegnen.

2.
Das aber braucht, so schmerzhaft es ist, noch eine lange Zeit.
Wir würden allzu oft die Verwundungen lieber überspringen und gleich die ausgestreckte Hand sehen. Doch der Rechts- und Vertrauensbruch Russlands sowie die Schrecken dieses brutal geführten Krieges werden auch nach einem Ende der Kämpfe einer wirklichen Aussöhnung lange im Wege stehen.
Frieden entsteht ja nicht einfach, wenn keine Bomben mehr fallen – sondern, wenn man sich wieder neu in die Augen sehen kann. Wir im Westen, die aus räumlicher und bisweilen auch emotionaler Ferne auf diesen Krieg schauen, sind da in einer grundlegend anderen Situation als die Ukrainerinnen und Ukrainer, die nun das ganze Leid dieses Krieges zu tragen haben.
Von ihnen kann Versöhnungsbereitschaft nicht durch uns verlangt werden.
Dafür steht im biblischen Text der ältere Sohn. Der Vater kann ihn mit seinem eigenen Versöhnungshandeln nicht einfach überspringen. Der Sohn ist enttäuscht und entsetzt über die schnelle Aussöhnung der beiden und kann sich mit seinem Schmerz nicht wiederfinden.
Für uns gesprochen: Wenn sich die einen versöhnen und Frieden schließen, muss das für die anderen noch nichts heißen. Jede Partei muss ihren eigenen Weg gehen.
Aus der christlichen Perspektive unseres Textes, das sei angefügt, ist der Wunsch groß, dass Versöhnung unter den Menschen (hier den Brüdern) möglich ist, wenn der Vater (Gott) vergeben und Versöhnung ermöglicht hat. Das ist ein großer Anspruch an das Opfer eines Angriffskrieges. Dafür braucht es Zeit.

3.
Und zum Schluss – ein Friedensangebot ist immer ein Wagnis. Wie die Ukraine schmerzhaft erleben muss, steckt in der Hoffnung auf Frieden auch die Gefahr, dass eben kein gerechter Frieden und keine Versöhnung möglich ist. Unsere Welt kennt nämlich die langfristige Gewöhnung an ungerechte Landnahmen, Okkupationen und Separationen (Georgien, Aserbaidschan, Krim und Donbass sind ja nur die augenfälligsten) und die damit einhergehende öffentliche Beruhigung.
Auch das ist ja ein Ergebnis des vorgenannten Aspektes – die vergehende Zeit bringt auch das Vergessen von himmelschreienden Zuständen (Syrien, Jemen, Sudan usw.).
Ebendarum braucht es Mut, um Versöhnungsangebote zu machen.
In der Geschichte ist es zum einen der jüngere, verlorene Sohn, der nicht weiß, wie sein Vater ihn empfangen wird. Aber auch der Vater ist nach seinem Empfang des jüngeren angewiesen auf den älteren Sohn und sein Einverständnis, wenn wirklich Frieden werden soll in dieser Familie.
Die Ungewissheit, ob tatsächlich Frieden sein wird, spielt darum auf verschiedenen Ebenen eine Rolle. Den ersten Schritt zu gehen, erfordert Mut. Und bei einer asymmetrischen Kriegsführung, wie wir sie gerade erleben, erfordern auch die folgenden Schritte Mut.


Diesen Mut wünsche ich uns im Kleinen – und der Ukraine und ihren Verhandlungsführern im großen Maßstab.
Und ich wünsche uns allen Zeit und Geduld bei der Suche nach Versöhnung – ebenso wie besonders jetzt den um Frieden Verhandelnden und ihren Vermittlern.
Schließlich wünsche ich und bete um eine Umkehr der Aggressoren, der Aggressoren in mir und meiner Umgebung – aber ganz besonders bete ich um eine Umkehr derjenigen, die diesen Angriffskrieg befehlen.
Echter Frieden tut wahrscheinlich fast immer weh, wenn realistisch nicht alle Hoffnungen erfüllt werden. Aber diese Schmerzen des Friedens sind besser als das Toben des Krieges.
Beten wir um gerechten Frieden in der Ukraine!

Schmerzen und Freude zusammen.
Oder in Frankfurt, 2022.

 

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