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Sonntag, 19. Juli 2026

Entfalten, was Jesus gesagt und getan hat. Abschiedspredigt in Frankfurt (Oder)

Auf Grundlage der folgenden Ausarbeitungen habe ich mich aus Frankfurt (Oder) am 05.07.2026 in der Pfarrkirche Heilig Kreuz und am 08.07.2026 im Hedwighaus verabschiedet - jeweils in leicht variierter und auf die jeweilige Gemeinde angepasster Form. 

Lose Grundlage war der biblische Text in Mt 11,25-30: "In jener Zeit sprach Jesus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefallen. Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will. Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht."


Liebe Gemeinde, 


Heute möchte ich mich von euch und Ihnen verabschieden und ein wenig zurückschauen auf die letzten fünf Jahre, die ich in unserer Pfarrei hier tätig gewesen bin - aber ich schaue nicht zurück, weil ich so furchtbar viel Tolles geleistet habe, sondern zur Vergewisserung, was eine spirituelle Frucht sein könnte.


Viele verbinden mit einer kirchlichen Arbeit an Hochschulen ja regelmäßige Gemeindearbeit, Gesprächsrunden zu religiösen Themen, viel Gebet und Gottesdienst. 

Nun, was soll ich sagen, einiges davon gab es auch, aber diese Erwartung konnte ich nicht erfüllen.

Ich habe es nicht geschafft, eine echte Gemeinde aufzubauen, nicht geschafft, in unserer Ortsgemeinde regelmäßig mit Aktionen aus dem Bereich der Hochschule aktiv zu sein, nicht geschafft, bleibende Gebetsgruppen einzurichten, nicht geschafft, die Zahl der Kirchenmitglieder zu erhöhen…


Was habe ich also die ganze Zeit gemacht? (Und ich frage das nicht aus Koketterie, sondern angesichts mancher Erwartungen wirklich ernsthaft)


Ganz kurz: Wie so viele, die ihr Christsein auf unterschiedliche Weise leben oder für die Kirche tätig sind, habe ich versucht, das zu entfalten, was Jesus gesagt und getan hat. 


1

Konkret haben wir gerade gehört, wie Jesus jene seligpreist, die nicht schon fertig ausgebildet und klug sind, sondern noch fragen und nicht fertig sind.

Der Text sagt „Unmündige“ in unserer Übersetzung, andere Übersetzungen sprechen von „Kleinkindern“, „Einfältigen“, „Unwissenden“, „einfachen Leuten“ - zusammenfassen könnte man sicher, dass Jesus hier jene preist, die noch lernen, die sich mit ihrem Wissen über Gott noch keine Festung gebaut haben, die noch mehr wissen wollen.


Studierende also - wissbegierig, offen für das Neue im Leben… sie sind natürlich all das...

 "Lernt von mir!“ sagt Jesus.


Aber in genau diesem Sinne war es mir wichtig, auch andere anzusprechen, die noch keine fertigen Vorstellungen von Gott haben. 

Gemeinde und ein inner circle mit denen, die sowieso schon kommen, sind wichtig - aber eben auch jene, für die es eine Überwindung ist, kirchliche Räume zu betreten, oder auch nur kirchliche Angebote wahrzunehmen.


2

Was noch?

Jesus lädt im heutigen Evangelium die ein, die mühselig und beladen sind. Für sie ist Gottes Liebe in besonderer Weise da.

Auch hier können wir bei Studierenden ein Häkchen machen - Prüfungen und Überforderung, Sorgen um den Arbeitsmarkt der Zukunft, finanzielle Probleme, Stress mit den Mitbewohnerinnen, die schlafen wollen, …


Aber mühselig und beladen, das sind viel mehr Menschen - es geht Jesus immer, wie bei den Seligpreisungen, der Blick von unten, nicht der Blick der Zufriedenen, Mächtigen und Wohlhabenden. 


Als am 24. Februar die russische Vollinvasion in die Ukraine begann, haben wir nicht nur gebetet, sondern sind für jene, die auf ihrer Flucht vor dem Krieg hierher gekommen sind, auch ganz selbstverständlich praktisch tätig geworden.

Der Bonibus konnte für Menschen und Hilfsgüter genutzt werden, unsere Räume im Kolbehaus wurden zeitweise zusammen mit dem CVJM als Hilfsschule genutzt, es gab finanzielle Hilfen, auch das Gemeindehaus in Golzow wurde einer ukrainischen Familie zur Verfügung gestellt.

Man könnte mit etwas Pathos sagen: Im Sinne Jesus haben wir den Egoismus verabschiedet und uns für Weitsicht und Solidarität entschieden.

Ich bin sehr dankbar, dass das alles hier so umstandslos möglich war und habe mich gern in den Dienst der Hilfe für Menschen aus der Ukraine gestellt.


3

Hier lässt sich auch gleich anschließen an dem, was Jesus oft und gern gemacht hat - er liebte und lebte Gastfreundschaft und Teilen. Er saß in Galiläa und Jerusalem mit vielen sehr unterschiedlichen Menschen bei Tisch - so ähnlich, wie es hier ja auch beim Kirchencafé praktiziert wird, wo alle eingeladen sind.

Noch einen Schritt weitergegangen sind wir am Gründonnerstag 2025 mit der Einladung zum ökumenischen „Tisch für alle“ in der Marienkirche. So wie es bei den Christlichen Begegnungstagen mit der langen Tafel vom Markt bis zur Oder schon geübt wurde - Platz für alle, Raum für Gespräche, offen für Gott.


Am Grill neben dem Glashaus, auf dem Ausflug mit Studis in die Sächsische Schweiz oder beim adventlichen Singen am Feuer im Hof des Gemeindehauses - immer gab es Gelegenheit, miteinander zu essen und in Kontakt zu kommen. Das alles sind sehr schöne Erinnerungen für mich…


Was noch?

Jesus hat die richtigen Worte gefunden, um Grenzen zu überwinden. Mit dem Straßenwörterbuch vom Verein Kunstgriff haben wir das 2022 auch hier versucht - gute Worte finden für die Doppelstadt. 

Liebe, Geduld, Freiheit, Hoffnung, Zusammenhalt, Mut, umarmt euch!, vereint, Zusammenarbeit, Freundschaft … das waren einige der Wörter, die wir auf Polnisch, Deutsch, Ukrainisch auf die Gehwege der Doppelstadt geschrieben haben. 

Ich glaube, es waren auch einige geistliche Anregungen und Worte im Sinne Jesu dabei.


Manche Worte richten aber auch Grenzen auf. Das ist manchmal wichtig, um Klarheit zu schaffen und sich abzugrenzen, das ist manchmal aber auch unnötig und verletzend. Ich habe mich dabei - besonders mit meinem polnischen Kollegen in Slubice - manchmal schwergetan, noch die nötigen Gemeinsamkeiten zu finden, wenn die Meinungen weit auseinandergehen. 

Um es klar zu sagen - ich glaube nicht, dass Queerfeindlichkeit im Sinne Jesu ist.


Ja, ganz insgesamt ist die deutsch-polnische Grenze hier vor Ort eine besondere Herausforderung - und ich bin sehr froh, dass viele Haupt- und Ehrenamtliche hier sind, die gute Worte für das Miteinander suchen und denen es ein dauerhaftes Anliegen ist, zu vermitteln und neue Gemeinschaft zu stiften.


5

Und sonst?

Jesus hat zur Versöhnung aufgerufen - dazu gehört natürlich auch die Entschuldigung, das Bitten um Nachsicht und die Reue.

2023 stand drei Monate lang die monumentale Skulptur SORRY von Joanna Rajkowska an der Oderpromenade, die wir mit viel Unterstützung auch aus dem Erzbistum hierher holen konnten.

Die Künstlerin klagt mit ihrem Kunstwerk - in gewisser Weise ganz auf den Spuren Jesu - die Doppelzüngigkeit und Falschheit an: dort wo ein Bedauern oder ein Entschuldigen (mit dem universalen „Sorry“) einfach nur behauptet wird, aber nicht aus dem Inneren kommt, dort bleibt es wie eine Mauer - ein Widerspruch in sich. Hier: ein SORRY in 3m hohem Beton. 

Auch Jesus kritisiert mit sehr harten Worten die, die zwar an Riten und Formen festhalten, aber ihr Herz nicht ändern - und wo die Mauern bleiben. 


Joanna Rajkowska hat mit diesem künstlerischen Statement auch ein Zeichen setzen wollen gegen die Doppelzüngigkeit der EU, die sich manifestiert in der unmenschlichen Migrationspolitik der Europäischen Union. Für die Künstlerin besonders erschreckend: In den Wäldern zwischen Belarus und Polen sterben bis heute viele Migranten, die vom dortigen Regime unter falschen Versprechungen nach Belarus gelockt werden, um sie dann an die befestigte EU-Außengrenze zu bringen. 

Um es klar zu sagen: Es ist eine Schande, dass der EU-Grenzschutz viele dieser Menschen, auch Schwangere, auch Kranke, auch Kinder zusammenschlägt, ausraubt, zusammentreibt, hungern lässt und wieder nach Belarus zurückschickt. Auch die schrecklichen Szenen vom Mittelmeer kennen wir alle.


Ja, die Mühseligen und Beladenen - Jesus lädt sie ein - und die EU schickt sie weg und lässt sie krepieren.


Angesichts dieser Realität ist das Kunstwerk SORRY ein prophetisches Zeichen. 

Aber Zeichen reichen nicht: Ich finde, Christinnen und Christen dürfen angesichts dieser Politik nicht schweigen. Jesus fordert den Einsatz für jene, die am Rande stehen, die untergebuttert werden, die keine Lobby haben…


Die potentielle Kriminalisierung vieler Hilfen für Menschen auf der Flucht macht es mir schwer, andere Dinge konkret zu benennen - aber konkrete Hilfe ist auch hier vor Ort in Frankfurt (Oder) und Slubice nötig. 

Ich kann alle nur darum bitten, die Augen offen zu halten und die Menschen auf der Flucht nicht zu vergessen. (Jesus selbst war übrigens auch ein Flüchtling, als seine Eltern mit ihm vor Herodes nach Ägypten flohen - ein Grund mehr, Geflüchtete zu unterstützen!)


6

In dieser Frage - und auch an vielen anderen Stellen - ist es mir in den letzten Jahren wichtig geworden, mit möglichst vielen Menschen und Institutionen Kontakte zu knüpfen und zu kooperieren in den Kirchen, aber besonders auch mit jenen, die keine Anbindung an die Kirche haben. 


Jesus war zwar manchmal rigide und hat nicht immer die Verbindung über seine Gemeinschaft hinaus gesucht. Bevorzugt hat er sich an seine jüdischen Glaubensgenossen gewandt. Aber oft genug kam er in engeren Kontakt auch mit denen, die zunächst ferne waren - als Römer oder Samariterinnen, als Kollaborateure oder als besonders Fromme, als Fischer und als gelähmte Bettler, als Aussätzige oder als des Ehebruchs Angeklagte.

Jesus trat in Kontakt und kam ins Gespräch mit seiner ganz persönlichen Botschaft - und überall rief er zur Umkehr auf, sprach Mut zu, heilte, tröstete.

Nicht alles davon war mir möglich oder vergönnt. 


Aber ich bin sehr froh, dass ich in Frankfurt (Oder) viele Menschen getroffen habe, die offen sind für gemeinsame Aktionen: besonders habe ich mich gefreut, dass wir letztes und vorletztes Jahr im November mit einigen Aktiven aus der Jungen Union und mit den politisch sicher eher anders orientierten Aktiven von Utopia e.V. zusammen Stolpersteine putzen konnten. 

Dieses Zeichen des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus gemeinsam zu setzen finde ich äußerst wichtig.


7

Zu guter Letzt: ich habe Jesus immer als jemanden wahrgenommen, der Gottes Gegenwart nicht nur in Gotteshäusern und in Begegnungen mit Menschen fand. Sondern auch in der Natur - Jesus war auf den Bergen Galiläas unterwegs, er ging spazieren am See, er wanderte in der Wüste und an seinem letzten Abend in Freiheit ging er in einen Garten, um dort zu beten.


In Frankfurt habe ich diese besonderen Orte in der Natur vor allem an der Oder gefunden - und laufe dort regelmäßig, immer wieder auch mit Studierenden. Der Fluss, die Wäldchen, die Weite der Wiesen, der morgendliche Nebel und die Sonne über Polen: all das öffnet die Sinne und den Geist für Gottes Weite.


Das war viel!

Darum zum Mitnehmen ein paar Schlagworte, die als Entfaltung von Jesu Worten und Taten hier übrig bleiben könnten:


Versöhnung!

Grenzen überwinden!

Gute Worte machen!

Wirklich meinen, was gesagt ist!

Gastfreundschaft! 

Miteinander essen!

Zuwendung zu denen, die Hilfe brauchen!

Natur erleben!

Und in allem: Gott suchen und finden - denn er will uns erquicken! 


Mittwoch, 28. Januar 2026

Alles neu mit Freiheit, Trost und Lebendigkeit

Der folgende Text bildet die Grundlage für die Predigt im Rahmen des Hochschulgottesdienstes in Frankfurt (Oder). Basis ist die Jahreslosung für 2026: "Siehe, ich mache alles neu!", Textgrundlage ist der folgende Bibeltext:

„Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. 
Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. 
Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen!
Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.
Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! 
Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“ (Off 21,5)

Ich liebe diesen Text sehr. Und das aus vielen Gründen: er hat einen sehr einprägsamen Rhythmus – und ich sah, und ich sah, und ich hörte, und er wird wohnen, und er sprach, … - außerdem ist es ein Text voller prägnanter Bilder – eine neue Erde, die neue Stadt aus dem Himmel, das Abwischen der Tränen, das lebendige Wasser...

Mittwoch, 23. Juli 2025

"Alles hat seine Zeit!" - Semesterabschlussgottesdienst in der Ausstellung "Wo liegt eigentlich dieses Ostdeutschland?"

 Biblischer Text für den Semesterschlussgottesdienst in der Ausstellung „Wo liegt eigentlich dieses Ostdeutschland?“ in der Friedenskirche Frankfurt (Oder):

Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Gebären / und eine Zeit zum Sterben, / eine Zeit zum Pflanzen / und eine Zeit zum Ausreißen der Pflanzen, eine Zeit zum Töten / und eine Zeit zum Heilen, / eine Zeit zum Niederreißen / und eine Zeit zum Bauen, eine Zeit zum Weinen / und eine Zeit zum Lachen, / eine Zeit für die Klage / und eine Zeit für den Tanz; eine Zeit zum Steinewerfen / und eine Zeit zum Steinesammeln, / eine Zeit zum Umarmen / und eine Zeit, die Umarmung zu lösen, eine Zeit zum Suchen / und eine Zeit zum Verlieren, / eine Zeit zum Behalten/ und eine Zeit zum Wegwerfen, eine Zeit zum Zerreißen/ und eine Zeit zum Zusammennähen, / eine Zeit zum Schweigen / und eine Zeit zum Reden, eine Zeit zum Lieben / und eine Zeit zum Hassen, / eine Zeit für den Krieg / und eine Zeit für den Frieden. (Koh 3,1-8)

 

Oliver Barth, "Mein letzter Arbeitstag" in 
"Wo liegt eigentlich dieses Ostdeutschland?" in 
der Friedenskirche Frankfurt (Oder).
Alles hat seine Zeit!

Wir haben diesen biblischen Text gehört und uns dafür heute vor dieses Bild von Oliver Barth gesetzt.

Mein letzter Arbeitstag“ – für Studierende wirkt das vielleicht erst mal nicht passend, weil der Einstieg ins Erwerbsleben in der Regel erst noch bevorsteht.

Aber bevor wir uns inhaltlich mit dem Titel und seiner Botschaft auseinandersetzen, schauen wir das Bild zunächst genauer an: Es ist mehrfach aufgeteilt. Oben und unten große Farbflächen. Orange, braun und rot bestimmen das Farbspektrum. Rechts und links vom Zentrum verschiedene Anzeigen, Knöpfe und Regler auf wüstem Grund, auch Fotos und Schilder mischen sich darunter. Und in der Mitte: ein Maschendrahtzaun, der scheinbar geöffnet wurde und den Blick freigibt auf eine trockene Landschaft. In die Ferne ziehen sich Risse im Erdboden. Über allem ein dunkler Himmel, in dem steht: „Mein letzter Arbeitstag“.

Angewendet auf unser Thema wirkt es, als wäre außen eine Zeit für Arbeiten – und in der Mitte eine Zeit für… ja für was eigentlich?

Ist es Freiheit? Ungewissheit? Eine Zukunft ohne Zäune und Grenzen?

Zum Verstehen des Bildes ist sicher wichtig zu wissen, welcher Kontext dahinter steht: Es geht in diesen Bildern und in der Ausstellung um Ostdeutschland. Und deshalb sind Erfahrungen und Geschichten ostdeutscher letzter Arbeitstage in dieses Bild eingeflossen.

Es zeichnet ein eher trübes Bild vom Leben nach der Erwerbsarbeit – denn in Ostdeutschland bedeutete das in den 90er Jahren in erster Linie Massenentlassungen. Aus den Betrieben, die neben der Erwerbsarbeit auch ein soziales Umfeld schufen und viel von den Möglichkeiten und Grenzen in der Freizeit prägten, aus diesen Betrieben, aus Kollektiven und Gruppen wurden viele hinaus entlassen. Und standen nun, in der Zeit der offenen innerdeutschen Grenzen und dann des vereinten Deutschland vor einer unklaren Situation. Anders als erhofft, kam es nicht sofort zu blühenden Landschaften, vielmehr traten Brache und Ödnis im Kontrast zum neuen Westen erst jetzt richtig krass hervor.

Eine Zeit zum Arbeiten – und eine Zeit, um entlassen zu werden.
Eine Zeit der offenen Grenzen – und eine Zeit der Orientierungslosigkeit.“

So könnte der Kontext Ostdeutschland das Bild erhellen.

Ich möchte jetzt aber noch einen weiteren, allgemeineren Blick wagen: Was heißt es, drinnen zu sein – und was, draußen?

Auch hier ist das Kunstwerk interessant: Wir befinden uns in einem Kirchenraum, in dem ein Bild einen Blick nach außen darstellt. Aber eben nicht den Blick auf ein Außen vor der Kirche oder in Frankfurt, sondern auf ein imaginiertes Außen irgendwo und nirgends.

Soweit, so normal. Das ist ja eine der Aufgaben von Kunst – zeigen, was nicht ist oder was sein könnte.

Für mich schließen sich daran einige Fragen an, die über das Bild hinausgehen:

1. Welches Außen zeigen wir als Kirchen in unserer Verkündigung?

Ist es die „böse Welt“, das fremde Außen, mit dem wir am liebsten nichts zu tun haben wollen? Ist es das Bild einer feindlichen Welt, vielleicht wüst und karg, weil hier im Osten das Christentum nicht mehr blüht?

Oder ist es das Bild von Gottes guter Schöpfung, die zu gestalten wir berufen sind, eine Welt, in der Spannungen dazugehören, die aber unser Zuhause ist und an deren Schönheit wir uns freuen können?

Eine Zeit der bösen Welt – und eine Zeit der guten Schöpfung Gottes“ – in welcher Zeit des Blicks nach draußen befinden wir uns gerade?

Natürlich gibt es auch hier eine gewisse Vielfalt, je nach Mentalität und Erfahrungen.

Ausstellungsansicht 
"Wo liegt eigentlich dieses Ostdeutschland?"
2. Und wenn wir unsere inneren Augen öffnen – das Studium, die Lage der Welt, die eigenen Pläne, Freunde und Familie…

Sehe ich dann vielleicht eher eines der farbenfroheren Bilder von Anja Beeken vor mir – oder doch die Wüste?

Welche Zeit ist in mir? Sind die Zäune schon durchbrochen – oder hänge ich noch an den Maschinen mit ihren Anzeigen und Reglern?

3. Und, weil wir ja in einem Gottesdienst die ganz grundsätzlichen Fragen angehen können:

Was ist dieses Draußen? Bin ich als Mensch wirklich im Gegenüber zum Draußen – oder gehöre ich nicht vielmehr an die frische Luft, in den Wald, ins Wasser?

Mit einem nicht wirklich berechenbaren Körper (und vom Geist ganz zu schweigen), bin ich selbst Teil des wilden Draußen, bin Natur und nicht eingehegt. Und nur teilweise ein „Innen“, das mir meine Kultur oder mein Verstand oder meine Kleidung manchmal nahelegen.

Mich inspiriert gerade ein Buch, das „Wilde Kirche“ heißt. Darin erzählt der Autor Jan Frerichs von seinen Erfahrungen mit sich selbst und der Natur – und mit Gott, den er ganz neu kennenlernt. Denn ohne die oft etwas verkopften Vorstellungen vom Glauben geht es ihm auch darum, dass wir (ähnlich wie ich es gerade beschrieben habe) uns selbst als Teil eines Ganzen wahrnehmen. Als Teil der Welt und als jene, die von Anfang an in der Wildnis Gott begegnen können. So wie es in der Bibel oft berichtet wird – Gott in der Wüste, auf einem Berg, in der Einsamkeit.

Wenn ich auf das Bild schaue, dann ist das Draußen nicht sehr einladend.
Aber vielleicht sind meine Augen auch vorgeprägt. Vielleicht sehen meine Augen ein Draußen, das stark von meinem Drinnen-Blick geprägt ist. Also von einem Blick, der ordnet und sortiert und vielleicht lieber auf Nummer Sicher geht.

Und wenn wir weiter über das Bild hinausgehen, dann stellt sich natürlich die Frage, wie ich drauf bin. Wie ich jetzt gerade bin. Wie ich in mich und auf Gott und auf die Welt um mich herum schaue.
Oder um mit dem Thema des Gottesdienstes zu sagen:

Alles hat seine Zeit – eine Zeit für drinnen und eine Zeit für draußen.“

Und wenn Drinnen für das Menschengemachte steht, für die den Fokus auf eine Hierarchie, auf eine geordnete Glaubensvermittlung durch Katechese und Glaubenskurse, dann ist das Draußen die eigene Erfahrung.

In diesem Drinnen haben wir ja sehr lang gelebt als Menschen, als Gläubige.

Mit Heiligen Schriften, mit Tempeln und Kirchen, mit Riten und Feiern – und die können uns auch wirklich helfen.

Aber schon mein Atem kann mich zu Gott führen – in mir und außerhalb, unsichtbar und belebend, immer in Bewegung.

Auch die Natur ist eine Spur Gottes – mit dem Blick über den Nebel der Oder an einem Herbstmorgen, mit den überwältigenden Ausblicken von Berggipfeln, mit dem unendlichen Kommen und Gehen der Wellen am Strand.

Nicht umsonst ist in der Bibel die Rede von Abraham, Mose, Elija, ja auch von Jesus, die Gott begegnen in der Wildnis – in der Wüste, auf Bergen, an Gewässern.

Die Wüste auf dem Werk von Oliver Barth scheint keine Verheißungskraft zu haben. Und das ist verständlich, wenn wir die ostdeutschen Erfahrungen im Hinterkopf haben. Aber mit der Erfahrung der Menschen aus den biblischen (und vielen anderen religiösen) Traditionen lässt sich sagen, auch in der Wüste gibt es:

Eine Zeit, in wüster Verzweiflung Gottes Spuren zu entdecken – und eine Zeit in großer Weite Hoffnung zu schöpfen.“

Und ganz allgemein: Wir können beide Wege nutzen – Gott zeigt sich uns in der Verkündigung der Kirche (hoffentlich) genauso gut wie in dem „bestirnten Himmel über mir“, von dem Immanuel Kant mit „Bewunderung und Ehrfurcht“ sprach.

Aber wer entscheidet, für was es jetzt Zeit ist – für mich – für dich?

Das müssen wir wohl selbst tun – und können darauf vertrauen, dass Gott unsere Bitte hört, wenn wir dabei Orientierung suchen.

 

Infos zum Ausstellungsprojekt: Wo liegt eigentlich dieses Ostdeutschland?

Träger: Oecumenisches Europa-Centrum Frankfurt (Oder) e.V.

Dienstag, 13. Juni 2023

Unruhe - Gastpredigt in der KSG Berlin

(Hörversion hier: https://ksg-berlin.de/into-the-unknown-2-unruhe/)

Was würde besser zum Semesterthema „into the unknown“ passen als Unruhe – Unruhe als Unsicherheit vor dem Unbekannten, in das wir unterwegs sind.

Als ich mich mit dem Thema Unruhe zur heutigen Predigt gemeldet habe, wusste ich nicht, was genau für eine Unruhe mich noch packen wird. Denn es gibt ja die verschiedensten Formen von Unruhe. Ich erzähle euch von einer.

Gerade arbeite ich an der Umsetzung eines größeren Projektes, bei dem wir eine sehr große Betonskulptur der polnischen Künstlerin Joanna Rajkowska aus Warschau nach Frankfurt an die Oder holen wollen. Dann soll mit verschiedenen Veranstaltungen ein breites Feld an Themen rund um die Skulptur aufgerissen werden, zusammen mit studentischen Initiativen, Lehrpersonen und anderen.
Weil die Skulptur schon ab morgen in Warschau abgebaut wird und wir bis Mitte dieser Woche noch keinen offiziellen Leihvertrag hatten und sich mit Versicherungen, Genehmigungen und Transportfirmen noch eine ganze Reihe unserer Probleme türmten, waren meine Tage bis Fronleichnam sehr unruhig.

Donnerstag, 21. April 2022

Achtsam für Wunden, nicht in sie verbohrt! Predigt zum Semesterstart

 Als ich vor ziemlich genau 20 Jahren in Lwiw in der Ukraine einen Freiwilligendienst gemacht habe, bekam ich eine Menge Wunden zu sehen. Denn meine Aufgabe war damals, ehemalige Häftlinge der deutschen Konzentrationslager zu besuchen.
Manchmal waren die Begegnungen eher belanglos, manchmal schwierig (vor allem wegen meiner anfangs sehr geringen Sprachkenntnisse), manchmal auch erfrischend. Aber an irgendeinem Punkt kam die Rede fast immer auf die Verwundungen in ihren Leben.
Nicht immer, das muss ich betonen, waren es die Erfahrungen aus den Konzentrationslagern, die am meisten obenauf lagen und als am schlimmsten erinnert wurden. Manchmal waren es Erfahrungen mit Schikanen in der Sowjetunion, manchmal der Verlust eines Familienmitglieds in der jüngsten Zeit, manchmal die Einsamkeit, die aus der Tatsache folgte, dass der Sohn oder die Tochter zum Arbeiten nach Westeuropa gegangen waren.

Sonntag, 9. Januar 2022

„...während er betete, öffnete sich der Himmel…“ Taufe des Herrn als Hoffnungsbild

Jesus lässt sich taufen und wird von oben bestätigt. Als er betet, tut der Himmel sich auf, der Geist kommt herab, eine Stimme ertönt (Lk 3,15-16.21-22).

Wie oft wünschte ich mir eine solche Vergewisserung, während ich bete! Eine Stärkung im Glauben. Einen Kraftakt Gottes, der mir zeigt, wie es um mich steht, was er wirklich will und dass er an meiner Seite ist.
Aber so etwas gibt es selten oder gar nicht.
Wir normalen Christ*innen sind zwar auch getauft, aber die Bestätigung bleibt oftmals aus. Wenn wir beten, fühlt es sich oft an, als würden wir ins Leere sprechen. Was unser Gebet wirklich bringt – und ob es etwas bringt, bleibt unklar. Ich selbst fühle mich unwohl mit manchen vorgeprägten Formulierungen. Wenn ich selbst formuliere, bleibe ich hinter meinen Erwartungen zurück oder fühle gar nicht, was ich eigentlich meinte.

Freitag, 29. Oktober 2021

Ich will meiner Sehnsucht folgen. Predigt am Anfang

„Ich will meiner Sehnsucht folgen“ – so haben wir diesen Gottesdienst überschrieben.

Doch wem oder was folge ich eigentlich, wenn ich meiner Sehnsucht folge? Ist das Thema nicht viel zu wenig religiös und dafür sehr selbstbezogen und egoistisch? Und überhaupt – machen das nicht sowieso alle, ihrer Sehnsucht folgen?

Die einen sagen: Wer seiner Sehnsucht nachgeht, macht einfach das, was ihm am Herzen liegt und wonach ihm ist. Jeder und jede weiß schon was gut für ihn und sie ist. Wer das nicht tut, weil er oder sie lieber Karriereerwägungen folgt oder äußerem Druck (zum Beispiel aus der Familie) nachgibt oder wer sich an Social-Media-Vorbildern orientiert, die ihm nicht entsprechen, der ist dann eben selbst schuld. Und findet sich letztlich nicht mehr im eigenen Leben wieder, sondern lebt die Vorstellungen anderer. Fremdbestimmt, nicht selbst entschieden.

Andere meinen: Es ist dir doch gesagt, was du zu tun, zu denken und zu glauben hast! Die Bibel, die Kirche, die Tradition der spirituellen Meister nehmen dich an die Hand. Deine Sehnsucht kannst du stecken lassen, denn der Weg ist bereits gebahnt! Geh ihn und alles wird gut.