Samstag, 1. Juli 2017

Worum dreht sich mein Leben? Predigtgedanken zu Mt 10,37-42

Jesus zeigt, was in ihm steckt – dieses Evangelium ist wieder einmal ein Hammer!
Ich konzentriere mich nur auf einen Satz, den ich neben den anderen spannenden Aussagen für besonders sperrig und anstößig halte:
"Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig." (Mt 10,37)

Drei Schritte, ein biblischer, ein heilsgeschichtlicher und ein persönlich-existenzieller, sollen helfen, sich diesem Text anzunähern.
Was bröckelt da? Berlin-Mitte, 2016.
1 Biblischer Bezug
Mutter und Vater zu ehren wird in der Bibel groß geschrieben – das Vierte Gebot lautet bekanntlich: "Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Lande, das der HERR. dein Gott, dir gibt." (Ex 20,12)
Die Herkunftsfamilie bekommt auf diese Weise einen ungeheuer großen Stellenwert; zumal das Gebot gleich nach jenen Geboten kommt, die den einzigen und bildlosen Gott und seinen Ehrentag im Blick haben. Man könnte also meinen, nach dem allmächtigen Gott kommen gleich die mit nur wenig geringerer Autorität ausgestatteten Eltern – mächtig und durchgreifend, ehrfurchtheischend und respekteinflößend – und ein dementsprechend geprägtes Elternbild würde das vielleicht auch so aussagen wollen.

Aber das wäre der Blick eines Kindes. Kinder jedoch sind im alttestamentarischen Regel- und Gesetzeswerk normalerweise gar nicht angesprochen.
Außerdem, darauf weist besonders Fulbert Steffensky hin, sind die Zehn Gebote "Sätze, mit denen [das Volk Israel] seine Freiheit schützen und seine Würde bewahren kann. ... Die Gebote sind nicht die Begrenzung der menschlichen Lebensmöglichkeiten. Sie sind die Verlockung zu größerem Reichtum für alle."1 Nicht der Schutz einer Autorität oder die Sekundärtugend des Gehorsam gegenüber einer Obrigkeit also steht im Mittelpunkt der Gebote, sondern die Würde und Freiheit aller.
Für das Vierte Gebot hieße das dann, dass die Eltern nicht als jene gemeint sind, zu denen Kinder bisweilen furchtsam aufblicken, sondern die Eltern als jene, deren Würde und Freiheit zu wahren ist.

Damit kann nur heißen: "Die Adressaten des vierten Gebots sind die erwachsenen Kinder, die für ihre alten und hilflosen Eltern sorgen sollten. Die Alten waren unversorgt in einer Gesellschaft von Nomaden. Für sie spricht der Gott, dessen besonderes Augenmerk auf das gefährdete und ungeschützte Leben geht."2
Der Nachsatz "damit du lange lebst in dem Lande" bezöge sich dann auf diesen uralten Generationenvertrag, dass eine Generation die nächste erzieht und von dieser im Alter unterstützt wird.

Und Jesus kündigt diesen Vertrag auf!
Wenn er sich selbst jetzt an die Stelle der solchermaßen zu Schützenden setzt, ist das eine ziemliche Anmaßung! Sollen Fürsorge und Unterstützung der Schwachen hintanstehen, damit er geehrt werden kann?
Eine familienfreundliche Aussage wäre das nun wirklich nicht – und wenn die Ethik des Christentums sich nur darauf stützen würde, dann müssten Parteien, die sich auf den christlichen Glauben berufen, nicht viel Familienpolitik machen.
Der Blick auf den biblischen Hintergrund macht Jesu Aussage also noch rätselhafter.

2 Die Tendenz zur Universalisierung
Aus der Logik eines Nomadenvolkes, das im verheißenen Land inmitten von feindlichen Nachbarn sesshaft werden will, folgen Gebote wie jene, sich um die eigenen Eltern und die eigene Familie zu kümmern, aber auch, nicht außerhalb des eigenen Volkes zu heiraten (vgl. Dtn 7,1-5) und sich insgesamt sehr zurückzuhalten mit Kontakten zu den Nachbarn (vgl. Ex 23,31b-33).
Solche Gebote haben ihren Sinn und ihre innere Logik, wenn man von Feinden umgeben ist und zunächst darauf achten muss, dass die eigenen Leute durchkommen.

Der weitere Blick. Hiddensee, 2017.
Aber Jesus setzt diese Logik nun außer Kraft.
Nicht mehr Familie oder Sippe, Stamm oder Volk sind die wichtigsten Bezugsgrößen, auf die sich das Interesse eines Jesusjüngers konzentrieren soll.
Nicht mehr nur jenen, die zum eigenen Volk gehören und die die eigene Religion praktizieren, sollen sie helfen, sondern allen. Das macht besonders Jesu Gleichnis vom barmherzigen Samariter deutlich.
Es gilt nicht mehr die Logik der Sippe, sondern eine neue Logik!

Es ist eine Logik mit zwei Stoßrichtungen - einerseits die Richtung auf Jesus selbst hin, wie wir es in diesem Evangelientext vorliegen haben, andererseits die Logik der Zuwendung zu jedem, der diese Zuwendung braucht.

Die Dynamik dieser immer weiter geführten Öffnung zeigt sich in der Bibel an mehreren Stellen: Schon im Alten Testament wird die Konzentration auf das eigene Volk überwunden und eine Gemeinschaft aller Völker bei Gott verheißen (vgl. Jes 2,1-2). Auch die rigide Ehepolitik, die keinen Ausländer in der Familie duldete, wird beispielsweise im Buch Rut konterkariert.

Im Reden und Handeln Jesu wird diese Universalisierung auf die Spitze geführt – und sie ist eine Konsequenz aus Jesu Forderung in jenem Satz aus dem Evangelium. Er ruft uns dazu auf, über den Tellerrand unseres Nahumfeldes hinauszuschauen.
Wenn wir nämlich unseren Blick weiten lassen, finden wir ihn. Denn er lässt sich finden in den Bedürftigen auf der ganzen Welt, er zeigt uns sein Gesicht in den Obdachlosen dieser Stadt, er steht uns gegenüber im verzweifelten Zellennachbarn.
So kann diese Aufforderung ganz allgemein dazu führen, dass wir unseren inneren Horizont erweitern, nicht in der eigenen Soße kleben bleiben und uns öffnen für "mehr".

Aber auch das befriedigt noch nicht zur Gänze! Das ist nicht der innerste Kern von Jesu Worten!

3 Das Zentrum meines Lebens
Eine persönliche Erfahrung mag verdeutlichen, was mein dritter Punkt ist:
Ich habe mich ungefähr ein Jahrzehnt lang auf einen geistlichen Beruf in der katholischen Kirche vorbereitet und dabei erst in einem Priesterseminar und dann im Noviziat sowie diversen anderen Niederlassungen des Jesuitenordens gelebt. Während dieser Zeit hatte ich zwar durchgängig Kontakt zu meiner Familie, aber relativ überschaubaren und begrenzten. Das lag nicht daran, dass ich meine Eltern nicht mochte oder keinen Kontakt zu ihnen haben durfte, sondern dass ich in dieser Zeit einfach wenig Wert darauf gelegt habe, sie zu sehen.
Im Nachhinein frage ich mich selbst, warum das so war – und ich glaube, dass ich, ohne es bewusst zu wollen, diese Forderung Jesu einfach gelebt habe.
Es passierte in einer Dynamik der Ausrichtung auf das konkrete Lebensziel, Jesus zu folgen. Nur dann ist der Satz zu verstehen: wenn es einfach geschieht – nicht wenn es erzwungen wird.

Inzwischen würde ich nicht mehr so einfach von mir behaupten, ich würde Jesus mehr lieben als meine Herkunft (die Eltern) und meine Zukunft (meine Frau und mein Kind). Ich würde diesem Satz heute also nicht wirklich gerecht werden.

Aber was will ich mit dieser Einführung sagen?

Worauf Jesus mit seiner Anmaßung hinauswill, ist, dass unser Leben in seinem Kreisen um so viele verschiedene Dinge die richtige Mitte findet.
Alles das, was uns natürlicherweise wichtig ist, und dazu zählen eben besonders die Eltern, muss daraufhin abgeklopft werden, ob es nicht einen Platz bekommen hat, der ihm nicht zusteht.

Was ist denn das, was ich am höchsten schätze, worum sich mein Leben dreht? Wir wünschen und ersehnen so viele Dinge.
"Die Frage ist nur, worauf die Sehnsucht und das Begehren geht; etwa nach dem Reich Gottes, wie es die Bibel vorschlägt, oder nach dem Recht, wie sie es an anderer Stelle tut. Wonach man sich von Herzen sehnt, das ist unser Gott – oder unser Götze. Worauf geht unser Begehren, unsere Lebensintention, unsere Lebenskraft und unser Trachten? Was streben wir an und was verehren wir, indem wir nach ihm streben?"3

Fulbert Steffensky legt hier den Finger in die Wunde, wie es mit ähnlichen Worten auch schon Martin Luther getan hat. 
Was uns so wichtig ist, dass wir viel Zeit und Energie und Muße darauf verwenden – jeder kann für sich selbst klären, was das jeweils ist – das setzt sich an die Stelle Gottes in unserem Herzen.

Jesu Provokation will uns also dazu verhelfen, die richtigen Prioritäten zu setzen. Gott Gott sein zu lassen und nicht irgendetwas oder irgendjemand anderes an seine Stelle zu setzen.
Und wenn Jesus hier fordert, dass jene, die sich an ihm ausrichten wollen, also die Christen, ihn auch an die erste Stelle setzen sollen, dann ist damit gemeint, dass die Liebe Gottes zu uns einen Platz in unseren Herzen haben soll. Denn das ist Jesus – die menschgewordene Liebe Gottes. Die soll in unseren Herzen wohnen. Dann können wir uns um unsere Eltern und unsere Kinder kümmern.

Mit Blick auf das Vierte Gebot: Nicht das Aussetzen der Hilfe für Hilfsbedürftige ist gemeint, sondern die Klärung, was wirklich wichtig ist im Leben.
Das Helfen geht dann ganz von allein.

Was wirklich wichtig ist! Wagen im Körnerpark, 2015.

1   F. Steffensky, Die Zehn Gebote. Anweisungen für das Land der Freiheit. Stuttgart 2013, 13.
2   Ebd., 53.
3   Ebd., 101.