Freitag, 6. Dezember 2019

Geliebt 6 – Schokolade in "Internat" von Serhij Zhadan

Pascha soll seinen Neffen im kriegsgeschüttelten Donbass aus dem Internat holen. Es ist eine Odyssee durch Trümmerlandschaften und über trostlose Felder, mal zu Fuß, mal im Auto, fast immer im Dunkeln. Auf dem Rückweg finden sie einen hartgesottenen Fahrer, der sie eine gefährliche Strecke fast bis ans Ziel fährt. Harsch und einsilbig ist der Kontakt mit ihm.
Kurz vor dem Aussteigen aus dem Auto will Pascha sich bedanken:

Graffito, Berlin, 2013.
"'Nimm', Pascha holt eine Konservendose hervor und streckt sie dem Fahrer hin.
Der schnappt die Dose mit seinen großen Händen, weiß nicht, was es ist, schnappt sie sich aber.
'Wofür?', fragt er verlegen. 'Nicht nötig.'
'Nimm nur', versichert ihm Pascha. 'Nach dem Krieg sehen wir weiter. Wenn wir überleben', fügt er hinzu.
Der Junge greift in die Tasche und holt die Tafel Schokolade heraus. 'Nimm', sagt er gutmütig. 'Sei nicht böse.'
Der Fahrer wird plötzlich weich, bekommt sogar feuchte Augen. Zittert gerührt mit seinen Augensäcken, versucht zu lächeln, schafft es aber nicht.
'Viel Glück', sagt er zu Pascha und dem Jungen.
'Dir auch viel Glück', antwortet Pascha.
Der Junge krabbelt hinaus, Pascha hinter ihm her, schließt die Tür."1

Gedanke zum Text:
Dem Fahrer fällt es nicht leicht, die unerwartete gute Gabe anzunehmen. Er spürt, dass in den beiden, die er da gefahren hat, mehr Wohlwollen und Liebe steckt, als er ertragen kann. Mit Worten kommt er nur schwer aus seiner Haut, sein zitternder Körper aber spricht eine deutliche Sprache.

Impuls:
Heute nehme ich mir vor, großzügig zu sein gegenüber denen, die wenig Liebe erfahren. Mit Schokolade, mit einem guten Wort oder dem, was notwendig ist. So wie es der Heilige Nikolaus von Myra vorgemacht hat. So wie es Gott selbst getan hat. 



1   S. Zhadan, Internat. Berlin 2018, 264f.

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