Dienstag, 3. Dezember 2019

Geliebt 3 – Tischplatte in "Lincoln im Bardo" von George Saunders

Die Verstorbenen kommunizieren die ganze Zeit. Sie plaudern miteinander, sie beschimpfen sich gegenseitig, sie reden vor sich hin.
In George Saunders hochgelobtem Roman "Lincoln im Bardo" wird eine Zwischenwelt beleuchtet, in der die unerlösten Toten ständig damit beschäftigt sind, nicht das offensichtliche Gestorbensein zur Kenntnis zu nehmen. Doch auch diejenigen, die zugeben, tot zu sein, beziehen sich ständig rechtfertigend auf ihr Vorleben.
So wie in dieser (gekürzten) Aufzählung:

Grabstein, Neuruppin, 2019.
"... Wir waren leutselige, scherzende Dienstboten gewesen, mit der Zeit geschätzt von unseren Herren für die aufmunternden Worte, die wir, wenn sie an bedeutungsvollen Tagen in die Welt hinausmarschierten, für sie aufbrachten. Wir waren Großmütter gewesen, nachsichtig und aufrichtig, Empfängerinnen manch finsterer Geheimnisse, und hatten nur durch unser unvoreingenommenes Zuhören schon schweigende Vergebung geschenkt, kurz: die Sonne hereingelassen. Ich will mit all dem sagen, wir hatten etwas bedeutet. Wir waren geliebt worden. Waren nicht einsam, nicht verloren, nicht schrullig, sondern weise, jede und jeder auf ihre und seine Art. Dass wir abtraten, tat weh. Die uns geliebt hatten, saßen auf dem Bett, die Hände vorm Gesicht, ließen den Kopf auf die Tischplatte sinken, stießen tierische Laute aus. Wir waren geliebt worden, sage ich, und wenn die Menschen an uns dachten, lächelten sie, auch viele Jahre später noch, kurz beglückt von der Erinnerung."1

Reflexion zum Text:
Was ich einmal bedeutet haben werde – das ist ein Gedanke, der die meisten Menschen erst ganz am Ende ihres Lebens umtreibt. Wie viele Menschen werden noch einmal an mich denken? Wer wird um mich trauern? Wird der oder die sich für meine Beerdigung in Bewegung setzen?
Das alles sind Fragen, die keine unbedeutende Rolle für das Selbstwertgefühl spielen.

Impuls:
Wenn ich auf die letzten paar Tage mit dem Wochenende vom Ersten Advent zurückschaue – wem bleine ich aus den dortigen Begegnungen wohl so in Erinnerung, dass beim Gedanken an mich ein Lächeln über sein oder ihr Gesicht scheinen würde?
Ich hole diese Personn mir vor mein inneres Augen und bete für sie.
Wenn es in den letzten Tagen Menschen in meinem Umfeld gab, die bei der Erinnerung an mich eher nicht lächeln würden, dann bete ich auch für sie.


1   G. Saunders, Lincoln im Bardo. München 2018, 91f.

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