Donnerstag, 5. Dezember 2019

Geliebt 5 – Kofferherz in "Was dann nachher so schön fliegt" von Hilmar Klute

Literatur und Sprache stehen im Zentrum von Hilmar Klutes Roman. Der junge Autor Volker Winterberg aus der westdeutschen Provinz wird ins wilde Berlin eingeladen, um einige seiner Gedichte vorzustellen. Dabei lernt er Katja kennen, eine Mitarbeiterin des Literatentreffens.
Ihre Beziehung bleibt zweideutig zwischen Liebe und Erotik, wie der folgende Abschnitt nach der ersten sexuellen Annäherung verdeutlicht:

Graffito, Berlin, 2012.
"Als wir auf der Straße standen, kam es mir vor, als würden uns die vergangenen zwei Stunden wie Papierkleider vom Leib geweht. Wir redeten lebhaft miteinander wie zwei, die sich mehr als sympathisch finden, aber noch nicht in die Falle getappt sind. Katja zeigte auf das Schwarze Café an der anderen Straßenseite; wir setzten uns in den ersten Stock an einen kleinen schäbigen Holztisch am Fenster, bestellten Cappuccino und waren nun restlos von unserer albernen Verlegenheit befreit.
'Das war schön rasant', sagte Katja. Ich war so kindisch froh über die sportliche Formulierung, dass ich aufstand und Katja auf den Mund küsste; das Leben sollte bitte leicht bleiben, so lautete die Abmachung des Jahrzehnts. Die großen Leidenschaften mussten handhabbar sein, Dramen und Liebeselend gehörten in die Tagebücher der Pubertätsjahre, das Herz lebte aus dem Koffer."1

Bemerkung zum Text:
Der Ich-Erzähler übt sich in Zurückhaltung. Er will nicht "in die Falle" des Verliebtseins tappen und möchte das Leben lieber "handhabbar" belassen. Seine Liebe zur Sprache und der literarische Ehrgeiz sollen stärker bleiben als Herz und Fleisch. Doch ist das eine Haltung, die das Leben sättigt?

Impuls:
Wenn Liebe mich angeht und drängt, kann ich nachgeben oder versuchen, mich rauszuziehen. Macht es mir Sorgen, wenn meine Leidenschaften nicht mehr unter meiner Kontrolle und damit handhabbar sind? Oder genieße ich Offenheit und Freiheit? Kann mein Herz bei jemandem zur Ruhe kommen oder bleibt es rastlos an den Koffer gefesselt?
Ich kann diese Gedanken im Gebet vor Gott bringen.


1   H. Klute, Was dann nachher so schön fliegt. Berlin 2018, 237.

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