Montag, 16. Dezember 2019

Geliebt 16 – Füße in "Rede aus Staub" von Uwe Kolbe

Der Dichter Uwe Kolbe bezeichnet sein Werk selbst als das eines Heiden. Aber zugleich als eines Menschen, der sich auf einem spirituellen Weg befindet. Seine 2017 erschienenen „Psalmen“ seien „aus dem Feuer der irdischen Liebe“ entstanden und sie verraten doch eine Sehnsucht nach mehr.
So ist auch dieser Psalm als Anruf Gottes zu verstehen:

Graffito, Berlin, 2013.
Rede aus Staub

Ich küsse den Staub, den deine Füße berührt haben.
Ich hoffe nicht, glaube nicht, rufe nur deinen Namen.
Ich küsse den Staub, den deine Füße berührt haben.
Ich wüsste gern ein oder aus, doch kommen nur Buchstaben.
Ich küsse den Staub, den deine Füße berührt haben.
Ich büße, des Sinns beraubt und aller schöneren Gaben.
Ich küsse den Staub, den deine Füße berührt haben.
Ich finde nur Schutt von dem Bau, den wir aufgeführt haben.
Ich küsse den Staub, den deine Füße berührt haben.1

Gedanke zum Text:
Liebende tun alle möglichen komischen Dinge. Selbst wenn sie sich nicht innerhalb der gängigen Normen von "Glauben" oder "Wissen" einordnen. Hier ist einer, der augenscheinlich nichts hat – und der doch oder gerade deswegen bereit ist, den Staub zu küssen, wo eines oder einer Anderen Füße standen. Diese metaphorische Rede weist auf das Entzogensein des Geliebten hin. Er ist nicht fassbar, abwesend, unbegreiflich. 

Impuls:
Ich denke über mein eigenes Verhältnis zu Gott nach. Welcher der Verse spricht mich an? Ich spüre ihm nach. Wie geht es mir mit der Fassbarkeit Gottes - leide ich unter der Distanz oder spüre ich ihn nah bei mir? Ich fasse meine Gedanken in ein Gebet.



1   U. Kolbe, Psalmen. Frankfurt a.M. 2017, 66.

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