Samstag, 21. Dezember 2019

Geliebt 21 – Nasen in "Die zweite Frau" von Günter Kunert

Beim Aufräumen und Sortieren hat Günter Kunert diesen Roman nach eigener Aussage wiedergefunden, entstanden in den frühen 1970ern, wurde er in diesem Jahr erstmals veröffentlicht und spiegelt eine Beziehung, ein Lebensgefühl aus der DDR und eine Liebe.
Nach vielen Seiten Stress und Ärger liegt das Paar nun im Anschluss an eine alkoholschwere Geburtstagsfeier nebeneinander im Bett. Sie erzählt aus ihrer Kindheit:
Graffito, Berlin, 2012.
"'Ich habe mir immer gewünscht, Königin zu sein. In einem wunderbaren Schloss. Alle würden mich beneiden, die andern Kinder, deren Eltern und die Leute in meiner Straße. Jeder müsste meinem Befehl gehorchen...' Und während beide mit den Nasen zueinander liegen, erblüht im Gespräch über jene ferne Vergangenheit ein Gemeinschaftsgefühl zwischen ihnen; wie im Zeitraffer wächst es auf, entfaltet breite Blätter, verästelt sich, überwölbt sie, dass sie fast dahinter verschwinden: vorbehaltloses gegenseitiges Verständnis, Concordia der Name solcher Pflanze, nahrhaft, ohne das Alkali des Argwohns. In der Erinnerung an die Kindheit begegnen sich zwei Menschen im Zustand vor der Deformation. Sie treffen sich im verlorenen Paradies, wo man einander ohne Arg gegenübertritt ..."1

Bemerkung zum Text:
Miteinander eine gemeinsame Geschichte und Gegenwart zu teilen, kann durch viele Ärgernisse hindurch zu einem tiefen Vertrauen führen. Auch wenn die vorherigen Teile des Buches nahezu ausschließlich vom Gegenteil reden, liegen die beiden nun beieinander, zurückgekehrt in die Heimat, das verlorene Paradies. Kein Argwohn, kein Misstrauen, kein Ärger zwischen ihnen.

Impuls:
Wie geht es mir mit dem Misstrauen? Schaffe ich es bisweilen, meine negative Brille abzusetzen und den Zorn hinter mir zu lassen. Heute nehme ich mir für die nächsten Tage eine konkret anstehende Begegnung vor, in der ich mehr von diesem Paradies des Verständnisses erspüren möchte.



1   G. Kunert, Die zweite Frau. Göttingen 2019, 190.

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