Dienstag, 10. Dezember 2019

Geliebt 10 – Bett in "GRM. Brainfuck" von Sibylle Berg

Ich muss gleich zu Beginn betonen, dass dies eins der wenigen Bücher ist, das ich aus Überzeugung nicht bis zu Ende gelesen, sondern fortgelegt habe, weil es mich von Inhalt und Stil angewidert hat. Die hier zitierte Stelle ist auch nicht ganz typisch, da sie einigermaßen positiv klingt und nicht den Sound des Buches wiedergibt (die Auslassung in der Mitte wäre eher dazu geeignet – in der Leseprobe kann man die komplette Stelle und den Kontext erlesen). Gerade deshalb sei sie aber hier aufgenommen.
Sibylle Berg imaginiert eine untergehende Welt voller sozialer, ökomomischer und politischer Abgründe. Einige Jugendliche finden sich zusammen, um gemeinsam zu überleben.
Hier wird eine von ihnen vorgestellt:

Erinnert euch an die Liebe.
Lodz, 2013.
"Also. Hannah
Wohnte in Liverpool mit zwei freundlichen Eltern, die typisch für die untergehende Mittelschicht waren. Sie hatten ein Haus mit einem verranzten Hof dahinter gemietet, besaßen zwei Fahrräder und konnten ihre Stromrechnungen bezahlen. Hannah hielt die Liebe ihrer Eltern für den Normalzustand – dass sie von ihnen in die Luft geworfen und gestreichelt wurde. Dass sie ihre Hand hielten und unendlich stolz auf sie waren, dass sie an ihrem Bett saßen und und in ihr Zimmer kamen, wenn sie schlief, um nachzusehen, dass sie noch lebte, hielt Hannah für selbstverständlich. [...] Hannahs Elternhaus befand sich in einer Problemgegend der Stadt, die vornehmlich aus Problemgegenden bestand. Aber ihre Problemgegend war eindeutig die problematischste. Oft hörte man draußen Schießereien, selten hörte man Sirenen, die Polizei hatte das Viertel schon lange aufgegeben. Aber das war Hannah egal. Alles, was draußen war, konnte ihr nichts anhaben, wenn sie in ihrem Bett lag und die Eltern leise miteinander redeten.
Das Gefühl, absolut behütet und geliebt zu werden, würde sie später vor vielem retten."1

Bemerkung zum Text:
Das Gefühl, in der eigenen Kindheit behütet zu sein und sich auf die Umgegend verlassen zu können, lässt ein Urvertrauen wachsen, das ein ganzes Leben tragen kann. Die so genannte Resilienz gibt die Kraft, um in Krisen nicht unterzugehen.

Impuls:
Heute frage ich mich nach meinen inneren Ressourcen: Aus welchen Kraftquellen kommt mir Halt? Worauf kann ich mich völlig verlassen? Und traue ich Gottes Hand zu, dass sie mich immer hält?


1   S. Berg, GRM. Brainfuck. Köln 2019, 18f.

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