Montag, 9. Dezember 2019

Geliebt 9 – Psalmen in "Geronimo" von Leon De Winter

Die Geschichte der Ermordung Osama bin Ladens wird bei Leon De Winter eingebettet in einen größeren Rahmen, der teils Drama, teils Thriller, teils Sozialstudie und teils Liebesgeschichte ist. Nachdem die Amerikaner ihr Werk im pakistanischen Abbottabad vollbracht haben, spinnt der Autor die Geschichte weiter, in der es um ein gerettetes muslimisches Mädchen im Haus pakistanischer Christen geht:

Graffito, Berlin, 2012.
"Inzwischen war Apana seit drei Monaten in dem Zimmer gegenüber dem seinen. Sie konnte sich jetzt mit seiner Mutter zusammen in ihrem Badezimmer waschen, sie konnte hinter den schützende Mauern durch den Garten spazieren, sie konnte mit ihm Videos angucken, sie hatte eine Familie.
Sie war keine Christin und betete fünfmal am Tag auf dem kleinen Teppich in ihrem Zimmer. Aber trotzdem ging sie sonntags mit zur Kirche. Dann wartete sie draußen und schlüpfte nach drinnen, wenn niemand sie sehen konnte.
[...] Nach einigen Malen summte sie in der Kirche die Psalmen mit. Und nach zwei Monaten sprach sie mit ihnen zusammen das Dankgebet vor dem Essen, stellte aber auch den Kreislauf ihrer islamischen Gebete nicht ein. War sie zusätzlich Christin geworden? Vielleicht ist sie jetzt beides, Christin und Muslima, dachte Jabbar."1

Gedanke zum Text:
Dies ist der Text in meinem Adventskalender, der am wenigsten eindeutig von Liebe handelt. In der Geschichte von Jabbar und Apana hätten sich eindeutigere Stellen gefunden.
Aber ich finde spannend, unter welchen Umständen die Muslima Apana anfängt, mit den Christen die Psalmen zu beten und in die Kirche zu gehen. An einer Stelle wird angedeutet, dass sie sich dem leidenden Jesus nahe fühlte. War es diese gefühlte Wesensverwandtschaft? Oder war es, weil sie sich von Mutter und Sohn geliebt fühlte? War es "bloß" aus Dankbarkeit?
Ich gehe davon aus, dass sie es tat, weil sie die Liebe der beiden spürte und sich in diese Liebe einschwang.

Impuls:
Heute schaue ich, wo ich geliebt werde und wie ich tiefer hineinwachsen kann in diese Liebe. Ich bitte Gott um ein offenes Herz, das sich lieben lässt und um den Glauben, dass scheinbar Unvereinbares vereint werden kann.


1   L. De Winter, Geronimo. Zürich 2016, 282f

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