Sonntag, 8. Dezember 2019

Geliebt 8 – Augen in "Gleichgewicht" von Hilde Domin

Hilde Domins Gedichte haben eine Fragilität, die vielleicht aus ihren Flucht- und Exilerfahrungen herrührt. Sie kennt den Verlust und zeichnet ihn mit ihrer Sprache nach. Trotzdem wohnt ihren Gedichten ein tiefes Vertrauen inne, besonders dann, wenn es um Liebe geht:

Gleichgewicht
Graffito, Berlin, 2012.

Wir gehen
jeder für sich
den schmalen Weg
über den Köpfen der Toten
- fast ohne Angst -
im Takt unsres Herzens,
als seien wir beschützt,
solange die Liebe nicht aussetzt.

So gehen wir
zwischen Schmetterlingen und Vögeln
in staunendem Gleichgewicht
zu einem Morgen von Baumwipfeln
- grün, gold und blau -
und zu dem Erwachen der geliebten Augen.1

Gedanke zum Text:
Wohin sind wir unterwegs auf unserem schmalen Weg? Die Antwort der Dichterin ist eindeutig: "zu dem Erwachen der geliebten Augen". Das kann ich auslegen als die Hoffnung auf den Geliebten, den ich erhoffe, wieder zu sehen. Oder ich liest ganz adventlich: Wir gehen auf Weihnachten zu und erhoffen den neuen Morgen, an dem uns das geliebte Kind geboren wird.

Impuls:
Auch wenn ich nicht sicher sein kann, dass ich "beschützt" bin, auch wenn mich von Zeit zu Zeit die Angst befällt – solange meine Liebe nicht aussetzt, kann ich weitergehen.
Wen treffe ich heute und wie kann ich ihm oder ihr Liebe zeigen? 


1   H. Domin, Nur eine Rose als Stütze. Gedichte. Frankfurt a.M. 1994, 14.

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