Sonntag, 1. Dezember 2019

Geliebt 1 – Kätzchen in "Unterleuten" von Juli Zeh

Im fiktiven Dorf Unterleuten in der Prignitz beobachtet Juli Zeh die kleinsten Ebenen der Gesellschaft und ihre Konflikte. Durch klare Beschreibungen und schnörkellose Sprache entsteht ein vielschichtiges Panorama des Dorfalltags. Ein Teil davon ist das von ihrem Großvater vergötterte Krönchen:

Graffito. Berlin, 2012.
"Krönchen war fünf Jahre alt, eine blonde Miniaturschönheit, die bereits die Koketterie einer Diva besaß. Weder Eltern noch Großeltern sahen sich in der Lage, sie von der Durchsetzung ihres Willens abzuhalten. Regelmäßig entwischte die Kleine zu Hause, lief quer durchs Dorf, kletterte an Hildes Rosengittern hoch und trommelte so lange gegen das Küchenfenster, bis sie eingelassen wurde, um mit den Katzen zu spielen.
'Seit Moni Junge hat kommt sie täglich. Total aus dem Häuschen. Sie wünschte sich eins der Kätzchen zum Geburtstag, ein ganz bestimmtes, mit silbernem Fell.'
'Da war ihre Mama sicher begeistert.'
Du kennst Krönchen. Sie hat Terror gemacht, bis Kathrin persönlich bei mir auf der Matte stand und fragte, was die Katze kostet.'
'Und dann?'
'Dann saß das Kätzchen auf dem Geburtstagstisch. Große Freude. Drei Tage später lag es morgens tot auf dem Teppich.'"1

Botschaft dieses Textes:
Geliebt zu werden besteht nicht darin, jeden Wunsch erfüllt zu bekommen.
Wer geliebt wird, dem wird hoffentlich das gegeben, was für ihn oder sie gut ist. Auch wenn es nicht immer das ist, was diese Person sich wünscht.

Impuls:
Am Beginn dieser Adventszeit bitte ich Gott, dass er mir das gibt, was mir hilft, ihn besser kennen zu lernen. Manchmal wird das anstrengend für mich sein, aber ich bitte ihn um ein offenes Herz, in meinem Alltag das zu erkennen, was er mir an Gutem schenken will.


1   J. Zeh, Unterleuten. München 2016, 91f.

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