Montag, 2. Dezember 2019

Geliebt 2 – Kirschen in "Giovannis Zimmer" von James Baldwin

James Baldwins früher Roman (1956) hat die Liebe zweier Männer im Fokus. Allerdings kann sich der Ich-Erzähler seine Homosexualität nicht vollends eingestehen. Er ist zerrissen zwischen den gesellschaftlichen Konventionen, die ihn in die Arme seiner herumreisenden Verlobten führen würden, und den tiefen Gefühlen für seine Pariser Bekanntschaft Giovanni.
Hier erzählt er vom gemeinsamen Glücksgefühl:

Fußabtreter als Streetart. Jena, 2013.
"Wir hatten ein Kilo Kirschen gekauft und aßen sie im Gehen. Wir waren unerträglich kindisch und übermütig an jenem Nachmittag, und der Anblick, den wir boten – zwei erwachsene Männer, die sich auf dem breiten Bürgersteig anrempelten und einander Kirschkerne ins Gesicht spieen - , muss empörend gewesen sein. Und plötzlich wurde mir klar, wie fantastisch ein so kindisches Benehmen in meinem Alter war und wie viel fantastischer noch das Glück, dem es entsprang, denn in diesem Augenblick liebte ich Giovanni wirklich. Nie war er mir so schön erschienen wie an jenem Nachmittag. Als ich sein Gesicht betrachtete, erkannte ich, dass es mir viel bedeutete, dieses Gesicht so heiter machen zu können, und dass ich viel darum geben würde, diese Kraft nicht zu verlieren."1

Bemerkung zum Text:
Aus der gemeinsamen überbordenden Freude wächst die Erkenntnis des Erzählers, dass er wirklich liebt. Sein kindisches Verhalten entspricht dem kindlichen Glücksgefühl, dass er in der Liebe zu diesem anderen Mann zu Hause sein kann.
Tief in seinem Herzen wächst sein Wunsch, den Anderen glücklich zu machen.

Impuls:
Mit wem bin ich glücklich? Und wen will ich glücklich machen?
Ich danke Gott für die Liebe in meinem Leben. Ich bitte ihn um die Kraft, in dieser Adventszeit andere glücklich machen zu können.


1   J. Baldwin, Giovannis Zimmer. Hamburg 2015, 99.

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