Samstag, 7. Dezember 2019

Wolf und Lamm und Axt und Feuer. Eine Predigt am 2. Advent

Die Vielfalt der biblischen Visionen ist immer wieder erstaunlich.
Johannes der Täufer zerstört im Evangelium (Mt 3,1-12) die adventliche Besinnlichkeit durch seine drastische Sprache, wenn er ankündigt: "jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen" (v10).
Kurz davor aber haben wir gerade in der Lesung (Jes 11,1-10) gehört, wie der Prophet Jesaja eine göttliche Friedenszeit erhofft: "Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen" (v6).

Wie passt die Friedfertigkeit, die Jesaja verheißt, zu der Aggressivität des Johannes?
Verkündet der alttestamentliche Prophet einen anderen Gott oder eine andere Version von Gottes Herrschaft als der Vorläufer Jesu?

Zwei Ebenen.
Berlin-Mitte von oben, 2019.
1. Zwei Schritte
Die Frage lässt sich eigentlich recht einfach aufklären, wenn wir genauer in die Texte schauen.
Johannes zog sich von den Menschen zurück in die Wüste, um die Menschen dort zu einem Neuanfang aufzurufen. Denn die Wüste ist leer und einsam. Ein Ort, an dem nichts ist, kann gut als Nullpunkt dienen. So bietet die Wüste die Möglichkeit eines Neuanfangs, Johannes nennt das (so wie später auch Jesus) die "Umkehr".
Einige aus den religiösen Eliten der damaligen Zeit, "Pharisäer und Sadduzäer" (v7), beschimpft Johannes besonders deftig. Im Kern wirft er ihnen vor, dass sie gar nicht umkehren und neu anfangen wollen, sondern sich auf das zurückziehen, was sie schon haben, nämlich "Abraham zum Vater" (v9). Diese Zugehörigkeit zu Abraham erachten sie als ausreichend – nicht aber Johannes.

Nicht die Herkunft und nicht die Vorfahren sind entscheidend, um vor Gott zu bestehen, sondern die eigenen Früchte der Umkehr (vgl. v8). Jeder und jede muss sich selbst auf den Weg machen.
Wer das nicht will, der hat nach Johannes keine Chance, unter der Herrschaft Gottes zu leben. Denen, die dafür keine eigenen Anstrengungen unternehmen wollen, kündigt er Axt und Feuer an.

Axt und Feuer aber sind nicht das Ziel, um das es geht und das Ziel liegt auch nicht in der Wüste, sondern das Ziel ist die Herrschaft Gottes.
Darauf weist gleich der zweite Satz der Johannespredigt hin: "Das Himmelreich ist nahe" (v2). Weil er am Anfang steht, kann man ihn leicht übersehen. Aber genau darum geht es eigentlich: Die Wüste ist nur der Nullpunkt, von dem aus es erst in Richtung dieses Himmelreiches losgehen soll.

Und von diesem Himmelreich spricht auch Jesaja, wenn er seine vielen Beispiele von friedlichem Miteinander anführt.
Was bei Johannes noch eine Forderung war, nämlich umzukehren, ist hier schon Wirklichkeit geworden. "Man tut nichts Böses mehr" (v9) ist das inhaltliche Zentrum der Vision des Propheten.

So wird klar, dass es sich bei den Ankündigungen von Johannes und Jesaja um zwei verschiedene Dinge handelt, die nacheinander liegen.
Auch Johannes verkündet das Friedensreich Gottes. Ob seine Wut auf die Selbstgerechtigkeit einiger Weniger und seine Strafandrohungen gegen sie eine passende Sprache für ein Reich ist, das erfüllt ist "von der Erkenntnis des Herrn" (Jes 11,9), das kann man durchaus fragen.
Vielleicht kann man so zusammenfassen: Johannes der Täufer hat eher die richtige Vorbereitung auf das Himmelreich vor Augen, während Jesaja sich darauf konzentriert, wie dieses Reich dann aussieht.

Auch wir können uns im Advent natürlich fragen, wo wir unsere Akzente setzen: Gehen wir lieber langsam und Schritt für Schritt durch den Advent oder sind wir innerlich schon beim großen Fest angekommen und überlegen, wie es bei uns zu Hause dann aussehen soll?
Oder allgemein: Sind wir eher die zornigen Typen, die darauf hinweisen, was erst noch alles passieren muss – oder sind wir diejenigen, die am liebsten jetzt schon ein friedliches Miteinander pflegen?

Veränderung.
Rusinowo, 2019.
2. Veränderung
Johannes der Täufer macht klar, dass sich etwas ändern muss.

Manchmal sind diese ganzen Rufe nach Veränderung ja ziemlich anstrengend.
Denn irgendwie rufen heute alle nach Veränderung. Und manchmal durchaus zu Recht: Die SPD soll aus der Großen Koalition aussteigen – Donald Trump soll seines Amtes enthoben werden – Wir müssen umweltfreundlicher leben – Es braucht mehr bezahlbaren Wohnraum...

Mal kann man mehr zustimmen, mal weniger.
Manche können es schon gar nicht mehr hören und ziehen sich lieber in ihre vier Wände und vor den Fernseher zurück.

Und die Frage ist ja auch oft, ob es überhaupt etwas bringt, wenn ich persönlich etwas ändere.

Im Gefängnis erlebe ich oft, dass die Inhaftierten resigniert sind, wenn sie brav ihre Tataufarbeitung gemacht haben, am Anti-Aggressions-Training teilnehmen, die Soziale-Kompetenz-Gruppe absolviert haben und dann sehen: Ah, ich habe immer noch drei Jahre vor mir und mein Gruppenleiter wird mir keine frühzeitigen Lockerungen oder eine Verlegung in den Offenen Vollzug spendieren. Ich tue mein Bestes – und es ändert sich doch nichts.
Selbst wenn jemand nachweisbar ein Engel geworden sein sollte, hat er doch vor dem Gesetz nichts davon. Denn im Rechtssystem sind meist lange Zeiten des Wartens vorgesehen, bevor äußere Änderungen eintreten.

So geht es uns ja auch oft genug. Unsere Geduld wird manchmal schon ziemlich strapaziert.
Und immer muss an vielen Rädchen gedreht werden, damit Änderungen eintreten.
Der Advent könnte ja so eine Zeit sein, in der ich versuche, die Änderungen nicht übers Knie zu brechen, sondern im Bewusstsein dessen, dass sich in meinem Leben vieles ändern muss, Geduld zu üben. Kleine Schritte zu tun und nicht aufzugeben, wenn sich dann nicht gleich viel bewegt.

Und eine zweite Anregung, wenn wir Veränderungsaufrufe manchmal zu anstrengend finden:
Johannes spricht, so wie Jesus später, von der "guten Frucht" (vgl. v10), die wir bringen sollen.
Die Früchte sind das, was ganz von selbst aus uns herauskommt. Und die guten Früchte kommen, wenn wir unsere guten Talente, die Gott uns gegeben hat, auch nutzen.
Ich muss mich doch nicht immer dort verausgaben, wo ich keine Talente habe. Ich bringe einfach die guten Früchte, die kommen, wenn ich meine Talente einsetze.

3. Rettergestalten
Und eine letzte Frage stellt sich mir: Was für einen Retter erwarten denn diese beiden?
Johannes der Täufer ist auch hier wieder deftig:
"Der aber, der nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe auszuziehen. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen." (v11)

Großer Friede.
Kirchmöser, 2017.
Der angekündigte Messias überbietet alles. Er ist stärker, er ist wertvoller, er tauft nicht mit Wasser, sondern mit Feuer und Heiligem Geist.

Wenn wir das ernst nehmen, dann kann das für uns ja eine Möglichkeit sein, kritisch auf die Rettergestalten zu schauen, die sich heute so anbieten. Das mögen Politiker sein, die sich wie ein Messias aufführen, das kann Papst Franziskus sein, in den manche ihre ganzen Träume einer neuen Kirche projizieren, das kann eine Greta Thunberg aus Schweden sein, an der sich Liebe und Hass entzünden, als ob in dieser einen Person Rettung oder Untergang gebündelt wären.

Wenn wir es mir Johannes dem Täufer halten, schauen wir kritisch auf die Rettungsangebote und halten im Kopf immer einen Platz frei für den, der erst noch kommt und die Welt gerade rückt, für Jesus.

Jesaja wiederum erzählt sehr ausführlich von den Retterqualitäten des angekündigten Messias:
Er wird vielfach mit dem göttlichen Geist ausgestattet sein, er wird gerecht sein und treu, er wird den Frieden bringen und so weiter und so fort.

Zwei Dinge finde ich bemerkenswert:
Einmal: "Er richtet nicht nach dem Augenschein, und nicht nur nach dem Hörensagen entscheidet er" (v3) – es muss dann also einer sein, der sich selbst ein Bild von der Situation macht und dementsprechend gut richten kann. Um sich ein Bild zu machen, muss man sich dorthin begeben, wo es brennt.
Und genau darum geht es ja an Weihnachten: Gott kommt in eine Welt, in der es anstrengend und mühsam ist – und er kriegt es gleich am Anfang mit, wie die Armen des Landes leben, wird selbst in einem Stall geboren, von den armen Hirten besucht.
Gott schaut also genau hin und er geht dorthin, wo die Not ist.
Dazu lädt er auch uns ein. Schauen wir in diesem Advent genau hin, lassen wir nicht den ersten "Augenschein" und das "Hörensagen" herrschen. Dann wird Gerechtigkeit aufblühen.

Und dann: Dieser angekündigte Retter wird einen Frieden bringen, der nicht auf dich und mich und nicht nur auf den Frieden zwischen den Nationen angelegt ist.
Es ist ein Friede, der alles umfasst – die ganze Schöpfung, Große und Kleine, Tiere und Menschen sind dabei gemeint
Und ich glaube, dass Jesaja hier eine tiefe Sehnsucht trifft, die auch in der heutigen Umweltbewegung steckt. Wir haben keinen Frieden mit dieser Welt. Wir produzieren Müll, wir machen Dreck, wir werfen in einem fort Plastik weg, wir kaufen, um sofort wieder etwas Neues zu haben, wir leben auf Kosten unserer Erde. Das ist kein Frieden!
Dort, wo Umweltpolitik sich christlich legitimieren oder auf die Bibel beziehen will, dort muss sie Ausbeutung und Raubbau und Tierquälerei beenden.
Wir werden das wohl nicht erleben, genausowenig wie den großen Schöpfungsfrieden.
Aber es ist gut zu wissen, dass die Bibel das im Blick hat – und dass dieser von Jesaja verheißene Retter auch für unser ökologisches Handeln ein kritisches Korrektiv sein kann.

Kreuz und Fenster.
Kirchmöser, 2017.

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