Dienstag, 24. Dezember 2019

Ich will hier raus! - Gott will hier rein! Oder: Weihnachten macht verletzlich

Wer will dort schon hin? – Mitten in der Provinz, nicht in der Stadt, nicht mal auf dem Dorf, sondern irgendwo außerhalb der menschlichen Siedlungen in einem heruntergekommenen Stall kommt das Kind zur Welt, das die Welt retten soll.

Wer will hier schon hin? – Keine Privatsphäre, kein Lieblingsessen, kein Internet, kein S-Bahnhof, keine Familienzimmer, keine Weihnachtsamnestie. Hier müssen Sie Weihnachten verbringen, im Haftkrankenhaus am Rande des Berliner S-Bahnrings, direkt neben der Stadtautobahn.

Aber was soll ich Ihnen sagen? Das, was Sie sich nicht ausgesucht haben, hat Gott sich ausgesucht.
Wenn Sie sagen: Ich will hier raus! - muss ich Ihnen antworten: Gott will hier rein.

Himmel vor den Gitterfenstern.
Plötzensee, Berlin, 2019.
Gott will als kleines Kind in der Welt ankommen und er geht dorthin, wo es weh tut. In Armut und Not, in eine nicht gerade perfekte Familiensituation, in eine Zeit der Unterdrückung durch die Römer ist er damals gekommen, als er in Bethlehem von Maria geboren wurde (vgl. Lk 2,1-14).

Und auch heute ist das noch so: Alles das, wovor wir fliehen, sucht Gott.
Dort, wo wir uns von den Mächtigen klein gemacht fühlen, wo wir uns abwenden vor der Not unserer Nächsten, wo wir voller Angst sind vor dem nächsten Urteil oder dem nächsten Streit mit den Kollegen aus der Zelle nebenan.
Ja, er kommt sogar ganz allgemein in unser Gefangensein: denn bisweilen fühlen wir uns ja wie gefangen in diesem zeitlich sehr begrenzten Leben, in unseren Gedanken und Gefühlen, in unserer Biographie, in vielerlei Umständen – und nicht zuletzt in diesem Haftkrankenhaus.
Überall dorthin geht Gott.

Das nämlich sagt Weihnachten aus: Wir glauben nicht an einen Gott, der weit entfernt und unberührt von allen menschlichen Nöten in seinem Himmel sitzt, sondern wir glauben an einen Gott, der mitten in der Welt gegenwärtig sein will.

Und die Welt, das wissen Sie so gut wie ich, ist nicht immer besonders freundlich.
Einsamkeit, Bedrohung, Hunger, Kälte, Unterdrückung, Demütigung, Angst, Sorgen, Ärger – würde ich Gott empfehlen, Mensch zu werden? Nach dem, was ich nur in meinem engeren Umfeld wahrnehmen kann, wahrscheinlich eher nicht. Und da sind die großen politischen Fragen noch gar nicht berührt.

Doch Gott kommt in diese kaputte Welt hinein.
Allerdings kommt er nicht als großer Zampano, nicht als Zauberer, der nun alles auf einen Schlag gerade rückt, nicht als der Messias, vor dem sich automatisch alle zu Boden werfen.
Das machtvoll Erhabene ist nicht sein Stil. In der Lesung haben wir es gehört: "Jeder Stiefel, der dröhnend daherstampft, jeder Mantel, im Blut gewälzt, wird verbrannt, wird ein Fraß des Feuers." (Jes 9,4) Stampfende Stiefel und blutbefleckte Mäntel sind Gottes Sache nicht. 
Militärische Macht und blutige Gewalt sind nicht der Weg Gottes.

Nein, Gott kommt als kleines Kind. Er kommt schutzlos und wehrlos. Macht sich verletzlich. Die Theologin Hildegund Keul betont deshalb: "Das Weihnachtsfest macht 'Verwundbarkeit' zum Schlüsselwort christlicher Gottesrede."1
Denn Gott will genau das, was wir nicht wollen: verletzlich und verwundbar sein.

Das weitere Leben Jesu zeigt das sehr deutlich: Er wird nicht nur begeistert angehört, sondern erfährt von Beginn an auch Ablehnung (vgl. Mk 3,6; Joh 1,11).
Jesus ist kein Superheld wie Wolverine, dessen Wunden so unheimlich schnell heilen, er ist auch kein Sunnyboy, dem alle Herzen zufliegen, er schießt auch nicht sofort zurück wie ein Donald Trump, sondern er hält es aus, kritisiert und verletzt zu werden.

Schließlich gehört auch das Kreuz eng zu diesem Weg, auf dem sich Gott in Jesus verletzlich macht. Hier vorn am Altar steht deshalb nicht nur die Krippe, sondern auch das Kreuz.
Die göttliche Verletzbarkeit, das können wir an diesem Nebeneinander hier im Raum gut sehen, zieht sich wie ein roter Faden von der Krippe bis zum Kreuz.
Denn Gott geht an Weihnachten, so Hildegund Keul, das "Wagnis der Verwundbarkeit" ein.2

Doch das ist etwas, das wir Menschen normalerweise vermeiden möchten. Warum sollten wir etwa riskieren, verletzt zu werden und zu Schaden zu kommen?
Natürlicherweise verbergen wir unsere verwundbaren Seiten und geben kein Angriffsziel ab. Gerade hier in Haft ist das wichtig, um nicht ausgenutzt oder vorgeführt oder fertiggemacht zu werden. Wir müssten schon einen sehr guten Grund haben, uns verletzlich zu zeigen.

Aber auch bei der Verletzlichkeit gilt: Wir wollen da raus – Gott will da rein!

Und dafür hat Gott gute Gründe. Vielleicht können wir uns an Weihnachten anschauen, warum Gott sich verletzlich zeigt, um zu verstehen, was daran Gutes sein kann.

Verletzlich?
Hiddensee, 2018.
Eine erste Antwort lautet: Verletzlichkeit schafft Nähe.
Das Kind in der Krippe ist so wehrlos, dass es ein ganz natürlicher Impuls ist, sich ihm liebevoll zu nähern. Auch Tiere haben diesen Impuls offensichtlich, wenn sie ein menschliches Neugeborenes finden und es nicht fressen, sondern versorgen.
Ganz allgemein lässt sich sagen: Nur wenn wir in einer offenen Haltung auf andere zugehen, kommen wir uns gegenseitig wirklich nahe. Aber unter Umständen können wir auch verletzt werden, wenn wir uns jemandem auf diese Weise nähern.

Eine zweite Antwort lautet jedoch auch (in Anlehnung an Gedanken von Hildegund Keul):
Verletzlichkeit scheidet – in jene, die aggressiv reagieren und in jene, die sich kümmern.
Wie wir den Weihnachtsgeschichten entnehmen können, gibt es genug Menschen, die die Verletzlichkeit Anderer brutal ausnutzen – wie der Kindermörder Herodes, der keinen möglichen "König" neben sich dulden will. Und es gibt jene, die einfach nicht wahrhaben wollen, dass ihre Hilfe gefragt ist – wie die Leute, die keine Herberge für die hochschwangere Frau hatten.3
Wieder andere sind vielleicht einfach nur hilflos und tun lieber nichts als auf jemanden zuzugehen, der verwundbar ist – gerade für Kranke ist es ja manchmal sehr anstrengend, dass niemand mit ihrer Schwäche umgehen kann.

Doch hierher will Gott kommen. Dorthin, wo Menschen brutal oder ablehnend oder hilflos sind.
Und die dritte Antwort geht hier sogar noch einen Schritt weiter:
Die Verletzlichkeit kann eine Änderung hervorrufen. Es gibt ja nicht nur die Guten, die Nähe immer zulassen, und die Bösen, die immer aggressiv oder ablehnend sind.
Wir Menschen sind ja in der Lage, auch anders zu reagieren als wir es intuitiv tun würden. Wir sind unseren Instinkten und spontanen Neigungen, unseren psychischen und sozialen Vorgaben nicht einfach ausgeliefert.

Wir können nämlich in uns Mitleid wach werden lassen. Selbst wenn wir nicht verstehen, warum jemand (auf einmal so) verletzlich und verwundbar ist, können wir ihm mit einem weiten Herzen begegnen, auch wenn uns nicht danach ist. Hier im Krankenhaus ergeben sich viele Möglichkeiten dafür, auch wenn ich weiß, dass die Gefahr des Ausgenutztwerdens und die Angst davor hier besonders groß sind.
Trotzdem glaube ich, dass die Verletzlichkeit, die wir wahrnehmen, uns ändern kann. Auch dadurch, dass wir uns erinnern, wie verletzlich wir selbst manchmal sind.

Und auch Gottes Verletzlichkeit ändert etwas.
Und das ist die vierte Antwort, warum Gott sich verletzlich zeigt: Er bringt den Himmel mit.
Indem Gott Mensch wird, verbinden sich Himmel und Erde. Der Himmel ist hier, weil Gott ja auch hier war.
Darum lässt sich der Himmel sogar hinter Gittern finden. Das sehen Sie auf diesem Bild, das ich dieser Tage drüben im Vollzug in Plötzensee gefunden habe und das für mich ein wunderbares Weihnachtsbild ist.
Der Himmel ist hier innerhalb der Gitter schon da, nicht erst draußen. Die Gitter können die Gegenwart Gottes nicht aussperren. Und zwar genau darum, weil Gott einer von uns und damit genauso klein und verwundbar geworden ist.

In alle Gefängnisse hinein!
Linum, 2018.
Wenn wir Gott in der menschlichen Verletzlichkeit finden können, wollen wir vielleicht immer noch nicht hinein in diese Verletzlichkeit, aber wir können sie vielleicht anders ansehen.
Und noch viel besser: Wir können unser vielfältiges Gefangensein anders ansehen.

Wenn Gott mit seinem Himmel in unsere vielen Gefängnisse hereinkommt, verändert sich etwas darin. Auch wenn sich nicht plötzlich alles um 180 Grad drehen wird, so können wir doch innerlich ein Gefühl der Befreiung erleben, weil wir wissen: Gott ist da. Er geht mit.

Er hat das Gefangensein selbst erlebt, das metaphorische ebenso wie das ganz praktische, als er verhaftet wurde und im Gefängnis auf seinen Prozess vor Pilatus warten musste.

Und auch er wäre lieber draußen geblieben (vgl. Lk 22,42), aber er ist hineingegangen, aus Liebe. Diese Liebe ist es, die ihn am verletzlichsten gemacht hat.

Und diese Liebe wünsche ich auch Ihnen für Weihnachten und darüber hinaus.

Dass Sie den Mut dazu haben, auch zu Ihrer Verwundbarkeit zu stehen.

Dass Sie Menschen werden, die auf die Verletzlichkeit anderer nicht brutal oder ablehnend reagieren, sondern sich verändern lassen.

Dass Sie sich immer wieder daran erinnern, dass Gottes Himmel schon mitten unter uns ist.
Auch hier im Gefängnis.



1   H. Keul, Weihnachten. Das Wagnis der Verwundbarkeit. 3. Aufl. Ostfildern 2017, 11.

2   Vgl. zum Ganzen  ebd.


3   Vgl. ebd., 14ff.

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