Mittwoch, 23. Dezember 2020

Heilszeit 23 – Sehnsucht in "Der Freund" von Sigrid Nunez

Mitten in die Gedanken über einen verstorbenen Freund und die Gestaltung der Trauer um ihn streut Sigrid Nunez eine Erinnerung ihrer Ich-Erzählerin:

Heil im Graubraun.
Wartenberg, 2020.
"Während der Zeit in meiner Kindheit, als ich am liebsten Märchen las, hatte ich einen Nachbarn, der blind war. Obwohl er ein erwachsener Mann war, lebte er noch bei seinen Eltern. Seine Augen waren immer hinter großen dunklen Gläsern verborgen. Es verwirrte mich, dass ein Blinder seine Augen vor dem Licht schützen musste. Der Rest seines Gesichtes war zerfurcht und sah gut aus, wie das des Scharfschützen in Westlich von Santa Fé. Er hätte ein Filmstar oder Geheimagent sein können, doch in der Geschichte, die ich über ihn schrieb, war er ein verletzter Prinz und es waren meine Tränen, die ihn retteten."1

 

Adventsmeditation für heute:

Die Sehnsucht, einen Menschen heilen zu können, ist eine naiv-romantische und zugleich sehr sympathische Haltung.
Darum: Wen möchte ich heilen?
Ich bitte Gott heute besonders für diese Person.


(Eine weitere Fundstelle aus diesem Buch hier)

1   S. Nunez, Der Freund. 3. Aufl. Berlin 2020, 24.

Keine Kommentare:

Kommentar posten