Samstag, 8. März 2014

Ein Mann von 33 Jahren

Als Jesu Leben sich seinem Höhepunkt in Jerusalem näherte, war er gerade 33 Jahre. Da ich gerade dasselbe Alter habe, frage ich mich, von irgendwelchen sonstigen Vergleichen weit entfernt, was dieses Leben Jesu in seinem Alter ausmachte.

Mann, Pankow, Berlin, 2013.
Denn sehr verschieden wird heute auf diese meine Generation geschaut, die sich, in den Augen der Älteren, spät oder zu spät (oder noch gar nicht) zur Familiengründung entschloss, vielmehr das eigene Fortkommen und eine irgendwie geartete Karriere im Blick hatte, sich vielleicht auch noch in Ausbildungen herumschlägt, als entscheidungsfaul gilt und sich manchmal selbst so sieht. Da sind junge Politiker, sind Schauspielerinnen, sind Sportler und Sängerinnen, deren Lebenshöhepunkt in Sicht oder (vor allem bei den letzteren beiden Gruppen) schon vorüber zu sein scheint. Da ist die unspezifische Gruppe derer, die, wie ich, einiges hinter sich gebracht hat, aber auch noch einiges vor sich zu haben hofft, irgendwo mittendrin. Da ist das Leben zwischen Anspruch und Vergnügen, zwischen der Wegzehrung aus der Vergangenheit und dem Ungewissen in der Zukunft.

Jesus seinerseits scheint bodenständig gewesen zu sein – ein Handwerk hatte er gelernt, zugleich war er als guter Jude in den Schriften wohlunterrichtet. Geographisch hat er nicht viel gesehen, höchstwahrscheinlich ist er aus den von einer fremden Weltmacht besetzten Gebieten seiner Heimat nicht herausgekommen. Kleinstädtische Umgebung, Clandenken, unruhige Religiosität zwischen Immer-schon und Endlich-mal.
Um die Dreißig erlebte er einen inneren Aufbruch – verbunden mit dem äußeren Ausbruch aus dem Bekannten, aus der Welt der Familie und des Dorfes. In der Folge streunt er herum, kommt mit Leuten ins Gespräch, belehrt sie anhand seiner Kenntnisse und Einsichten, findet daraufhin Freunde und Anhänger, legt sich aber auch mit den Autoritäten an und beginnt, den Menschen das Alte neu schmackhaft zu machen. Charisma allein war wohl nicht erfolgbegründend, ein kraftvoll-heilendes Tun muss dazugekommen sein. Ein Sehnen und Aufmerken, eine Begeisterung für etwas Größeres ist da spürbar.

Andererseits: Er hätte längst heiraten sollen. Kinder wären dran gewesen. Die Familienbande konnten ihn nicht halten oder binden. Obgleich eher in den heimatlichen Landstrichen unterwegs dehnte sich sein Wirkkreis weiter aus. Entrüstung und Aufbegehren gegen die Besatzer sind nicht überliefert, eher schon das unterschwellige Absprechen weitergehender Autorität über die Juden unter Beibehaltung der nötigsten Formen. Politisch scheint er sich arrangiert zu haben.

Haus, Halle-Neustadt, 2014.
Sein Schwung und seine Begeisterung zogen ihn an die Ränder. Ausgestoßene und Marginalisierte sprach er direkt an, Kranken half er, Kollaborateure versuchte er wieder zu integrieren, auch Leute außerhalb des eigenen Volkes blieben nicht tabu.

Ausbruch aus dem Heimischen und Aufbegehren gegen Autoritäten, Gelassenheit angesichts der politischen Wirrnisse, zugleich soziale Sensibilität. Klingt nicht unbekannt...

Aber dieses Feuer Jesu! – Ein Gottgepackter, der eine Autorität war (und weiter ist), der unheimliche Ansprüche an die stelle, die mit ihm sein wollten. Einer, der innerlich frei war. Der nicht lieb war, aber Gottes Liebe zu allen verkündete. Der die zwischenmenschlichen Verhältnisse im Sinne Gottes umwerfen wollte. Der Verwandtschaft mit dem Allmächtigen predigte. Das Herrschen von Gerechtigkeit und Frieden. Versöhnungsbereitschaft. Aufeinander hören. Kleine achten. Missliebige hineinholen.

Bei aller Nähe zu den erstgenannten Aspekten seiner Person – hier bleibt er wirklich ein Stein des Anstoßes. Bei aller göttlichen Liebe – kein Wunder, dass der Anspruch Gottes über das menschliche Individuum, den Jesus verkündet hat, nicht mehr händelbar und vorteilhaft, nicht sonderlich anziehend ist. Spaß und Abenteuer gehen anders.

Oder?

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