Donnerstag, 27. März 2014

"Kirche ist anders" – Reinhard Marx und Hans Joas im Gespräch

In die Katholische Akademie Berlin hatte Akademiedirektor Joachim Hake heute abend den Soziologen Hans Joas und Kardinal Reinhard Marx zum Gespräch über die Kirche und ihre Position in der Gesellschaft geladen.

Kann die Kirche mit soziologischen Beschreibungen gefasst werden oder entzieht sie sich aufgrund ihrer göttlichen Stiftung dieser Perspektive?
Ein Diskussionsabbruch über Soziologie als Möglichkeit ist mit dem zweiten Argument heute nicht mehr ernsthaft begründbar – Kirche muss sich den sozialen Wirklichkeiten stellen, sie ist als soziale Gemeinschaft in der Welt strukturiert und muss sich, gerade in einer medial geprägten Gesellschaft, auch mit den Kategorien derselben messen lassen.
Allerdings geht Kirche auch nicht in ihrer soziologischen Beschreibbarkeit auf, sie ist mehr als eine soziologisch erkennbare Entität.

Gesprächsrunde, Katholische Akademie Berlin.
Dieser Rückgriff auf die Kirchenkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils "Lumen Gentium" war ein Eckstein des Gesprächs zwischen dem katholischen Soziologen und dem wirtschaftsethisch gebildeten Erzbischof. Nachdem Joas in seinem Einführungsreferat aus der Dissertation von Reinhard Marx zitert hatte, die dieser vor über 20 Jahren unter dem Titel "Ist Kirche anders?" veröffentlicht hatte, stellte er einige kritische Rückfragen an den Kirchenpolitiker von heute, der als frisch gekürter Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz gerade seine Antrittstour durch das politische Berlin macht und in derselben Eigenschaft am Tage schon eine Pressekonferenz zur "Causa Limburg" hinter sich zu bringen hatte.

Wie "anders" ist die Kirche, "anders" als was ist sie und was folgt daraus?
"Die Kirche fällt nicht vom Himmel" meinte Marx und sie wandelt sich, historisch leicht zu beobachten, in ihrem Selbstverständnis und ihrer Sozialform beständig, dabei durchaus auch von den sie umgebenden Gesellschaften beeinflusst.
Ihre theandrische Struktur nach "Lumen Gentium" 8 bedeutet aber auch, so Joas, eine beständige menschliche Vermitteltheit allen Sprechens über sie.
Auf die konkrete Nachfrage, was diese Doppeltheit denn für das Prinzip der Subsidiarität innerhalb der Kirche bedeuten würde, konnte der Kardinal leider nicht konkreter werden als die Konzilsväter – nicht bloß hierarchisch von oben nach unten sei die Kirche zu denken, aber auch nicht bloß von unten hinaufwachsend. Das daraus folgende Ineinander von Solidarität und Subsidiarität ist nachvollziehbar, war aber leider keine Konkretisierung bezüglich der Anwendung letzterer innerhalb der Kirche.

Das war sehr diplomatisch und ein bißchen enttäuschend. Auch die Bejahung von Partizipation und Beteiligung bei gleichzeitiger Ablehnung von Parteienstreit und Erdrücken der Minderheit durch eine Mehrheit waren bekannte Topoi. Dass dadurch nicht automatisch das angestrebte "geistliche Ringen" wird, das schließlich zur "Einmütigkeit" führt, sondern dass es auch in der Kirche verschiedene (unversöhnliche?) Lager und Grabenkämpfe gibt, war immerhin nicht zu leugnen.

Dafür plauderte der Kardinal etwas aus dem Nähkästchen: der Papst wolle die Synoden stärken und er, Marx, habe dem Papst in der Vorbereitung der Familiensynode das Hinschauen auf die Realitäten des Kirchenvolkes besonders ans Herz gelegt. Wie schön.
Die Umfrage zu Ehe und Familie wiederum hielt Joas für einen genialen Schachzug, wenngleich die Formulierung der Fragen zu wünschen übrig lasse. Jetzt, auf die Frage nach der Befolgung der Normen, könne man auch besser über die Normen selbst sprechen.

An das Thema der Anwendbarkeit soziologischer Methodik im Binnenraum der Kirche anknüpfend spann sich das Gespräch weiter zu Chancen und Grenzen der beiden großen Kirchen, auch bezüglich der bevorzugten kirchlichen Sozialformen voneinander zu lernen und in einer pluralen Gesellschaft zum Zusammenhalt beizutragen. Trotz der Kritik an der Funktionalisierung kirchlicher Wirklichkeit sprach sich Marx dafür aus, dass die Kirchen Menschen dazu befähigen müssten, die Unübersichtlichkeiten der komplexen Gesellschaft auszuhalten. Die Aufgabe bestünde dann darin, dass Christsein als ein Qualitätssprung für das eigene Leben erfahren werden könne.

Was nehme ich mit aus diesem Abend? Zum einen den nachhakenden und präzisen Hans Joas, wie immer klar und fundiert. Dann den gesprächsfreudigen Kardinal Marx, der sich bzw. seine Dissertation auch gern kritisieren lässt, der diplomatisch und konzilsfest keine kirchlichen Entwicklungen vorwegnimmt und doch eine große weitdenkende Offenheit mitbringt. Der schließlich bei dem schönen Satz ankommt: "Gott ist immer größer als die Kirche."
Amen.