Montag, 18. Mai 2020

Der 100. Geburtstag von Johannes Paul II. Eine persönliche Rückschau

1.
Zuerst war da nur der in jeder Messfeier genannte Name des Papstes, für den gebetet wurde. Sonntag für Sonntag, Jahr für Jahr der gleiche. Da ich es nicht anders kannte, fiel mir erst später auf, dass Johannes Paul II. auf diese Weise in meiner ganzen Kindheit und Jugend präsent war.

2.
Dann beschäftigte ich mich mit seinen Schriften, da ich (immer noch) der Meinung bin, dass es gut ist, sich mit grundlegenden Texten der eigenen Tradition auseinanderzusetzen. Die päpstlichen Lehrschreiben des aktuellen Pontifex zählte ich dazu. Ich muss zugeben, dass ich den Stil der Enzykliken von Johannes Paul II. schätze. Nicht an jedem Punkt teile ich seine theologische Meinung, aber er bringt seine Themen elegant auf den Punkt und hat eine überaus spirituelle Perspektive auf alle Fragestellungen. Außerdem bildete er mit der Vielzahl seiner Äußerungen zu den unterschiedlichsten Fragestellungen – von der menschlichen Arbeit über die Ostkirchen und die Frage der Mission bis hin zu Trinität und Eucharistie – eine gute Basis zum Verständnis des Katholischen, jedenfalls des Katholischen aus seiner Sicht. Es ist ein sehr kirchliches Katholischsein, das aber gleichzeitig eine große Weite über die Grenzen der Kirche hinaus kennt.

3.
Blick empor, Blick hinab.
Petersplatz, Rom, 23.03.2005.
Während meines einjährigen Studienaufenthaltes in Lublin erreichte meine Beschäftigung mit Johannes Paul II. seinen Höhepunkt.
Das ist aus mehreren Gründen kein Wunder. Denn erstens war der spätere Papst selbst für kurze Zeit Professor an der dortigen Katholischen Universität Lublin (KUL) und wird an diesem Ort in hohen Ehren gehalten. Zweitens bestanden weite Teile der moraltheologischen Lehre meiner Professoren aus Versatzstücken der Lehrschreiben des polnischen Papstes. Das war ein völlig anderer Stil von Theologiestudium, als ich ihn aus Deutschland kannte. Eine Bezugnahme auf den Papst kam dort in den Vorlesungen praktisch nicht vor, und wenn überhaupt, dann als historischer Exkurs.
Aber der Grund, weshalb Johannes Paul II. mein Jahr an der KUL besonders prägte, war sein Tod. Zu Ostern 2005 war ich noch mit meinem polnischen Studienjahrgang in Rom, als sich der todkranke Papst ein letztes Mal am Fenster des Apostolischen Palastes zeigte. Direkt nach unserer Rückkehr fanden tägliche Nachtwachen für den sterbenden Pontifex statt. Die Nachricht seines Todes hörte ich dann auch am späten Abend in der Universitätskirche der KUL.
Anschließend versank das ganze Land in Trauer – und Heldenverehrung.

4.
Die jahrzehntelange Fixierung der polnischen Kirche auf "ihren" Papst hat augenscheinlich kein selbstkritisches Bewusstsein gefördert. So wenig der heilige Johannes Paul II. konsequent und durchschlagend gegen Missbrauchstäter unter seinen Klerikern vorgegangen war (im Gegensatz zu missliebigen Theologen), so wenig tut es der polnische Episkopat bis heute, wie die inzwischen jährlich aufbrandenden Skandale um pädophile Priester zeigen.
Die Unfähigkeit, sich der erschreckenden Wahrheit zu stellen, dass da hochkriminelle Einzelpersonen im Klerikerstand und nicht minder kriminelle Strukturen in vielen Bistumsleitungen existieren, schockiert mich immer wieder, ebenso wie die Tatsache, dass die Überlebenden des Missbrauchs durch Geistliche immer noch weitgehend ungehört und ungesehen bleiben.
Auch das gehört zum langen Erbe von Johannes Paul II.

5.
Für mich persönlich ist das ein schwer zu fassendes Gesamtbild (von allen zusätzlichen welt- und kirchenpolitischen Komponenten mal abgesehen): Die Angst vor dem Ansehensverlust der Kirche war auch bei Johannes Paul II. so viel größer als das Mitgefühl mit ihren Opfern. Daneben steht seine tiefe Frömmigkeit, die zugleich tief reflektiert ist und vielen Menschen Kraft gegeben hat, auch mir.
Ich bringe es nicht zusammen.

Grau und Feuer.
Sonnenuntergang über Lublin, 2014.

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