Dienstag, 12. Mai 2020

"Sind Gräber Atempause für die Sehnsucht?" Zum 50 Todestag von Nelly Sachs

Ich weiß nicht viel von ihr, und das wenige, das ich weiß, lässt sich überall zusammenlesen:
Nelly Sachs wurde 1891 in Berlin in einer jüdischen Familie geboren und lebte bis zu ihrem Exil 1940 ein recht stilles Leben, abseits vom Kulturbetrieb der flimmernden Großstadt. Sie veröffentlichte einige wenige Gedichte und konnte 1940 nach Schweden fliehen. Dieses Exil wurde "ihr buchstäblich zur künstlerischen Neugeburt",1 so schreibt es Hilde Domin in ihrem Nachwort zu einer Gedichtauswahl der Suhrkamp Bibliothek.

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Denn so stark auch ihr jüdisches Erbe, vor allem die chassidischen Traditionen und die Sprache der Bibel, Nelly Sachs prägten, so sehr sind es doch der Schrecken über den entsetzlichen Tod so vieler Juden durch das Naziregime und die Erfahrung des Heimatverlustes, die ihre Lyrik entscheidend prägen.
Während sie weiterhin in Schweden wohnte, wurde sie seit Ende der 1950er im deutschen Sprachraum bekannt und berühmt. In den 1960er Jahren folgten schließlich Ehrung auf Ehrung, bis hin zum Nobelpreis 1966.

Mich faszinieren vor allem die intuitiv eingängigen und zugleich rational nicht greifbaren Sprachbilder. Aber auch die Themen, die in allem durch die Shoah bedingten Entsetzen nahezu durchgängig religiös anschlussfähig sind, sind fesselnd. Soweit man von Themen sprechen kann.
Zu ihrem Todestag, heute vor 50 Jahren in Stockholm, passt wohl folgendes Gedicht2:

 
Sind Gräber Atempause für die Sehnsucht?
Leises Schaukeln an Sternenringen?
Agonie im Nachtschatten,
bevor die Trompeten blasen
zur Auffahrt für alle,
zum Leben verwesenden Samenkörner?

Leise, leise,
während die Würmer
die Gestirne der Augäpfel verzehren?


Eine Kaskade an Fragen kommt uns entgegen, aufgeladen mit Hoffnung.
Ich höre darin das Ringen mit dem Tod und die von Zweifel begleiteten Hoffnungen.
Es scheint fast, als sei der Tod für Nelly Sachs nur eine kleine Zwischenzeit, ein Möglichkeitsraum, in dem der Körper vergeht, während der Geist sich anschickt, aufzubrechen

Aber, und darauf weist Hilde Domin in ihrem Nachwort hin, eine Interpretation ist "nur eine Vorübung, eine unter den möglichen: damit der Lesende das Gedicht zu dem seinen machen kann, worauf es alleine ankommt. Ein Gedicht geht nicht auf wie eine Rechenaufgabe, immer ist mehr in den Worten, als der Schreibende weiß, und auch als der Lesende auspacken kann."3

Mir sagt es hoffnungsfroh: Das Grab ist nur ein Zwischenschritt. Alles bewegt sich Richtung Leben.

Hoffentlich können also noch viele Leserinnen und Leser sich der großen Texte dieser Frau annehmen und in ihnen finden, was sie selbst bewegt: die Sehnsucht und die Hoffnung und die Traurigkeit und ...

Licht an!
Japanisches Palais, Dresden, 2017.

1   H. Domin, Nachwort. In: N. Sachs, Gedichte. Frankfurt a.M. 1977, 114.
2
   N. Sachs, ebd., 60.
3
   H. Domin, Nachwort, in: Ebd., 117.

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