Freitag, 8. Mai 2020

Ausschleichen. Kriegsende, Corona-Lockerungen und die Religion

Deutschland befindet sich nicht im Krieg.
Auch nicht gegen ein Virus. Angesichts der martialischen Kriegsrhetorik anderer Staatsführer bin ich sehr froh über das besonnene und zugleich verantwortliche Vorgehen unserer Politikerinnen und Politiker in der Corona-Krise.
Jetzt, da wesentliche Lockerungen in dieser Sache beschlossen und zum Teil schon eingeführt sind, drängt sich mir trotzdem der Vergleich mit dem heutigen Feiertag auf.


Blick durchs Buch ins Licht.
Neukölln, 2020.
1
Das Ende des Zweiten Weltkrieges ist nun 75 Jahre her. Jedenfalls wurde am 8. Mai der offizielle Schlusspunkt unter das jahrelange Gemetzel gesetzt, das ca. 55 Millionen Menschen weltweit das Leben gekostet hatte. Allerdings bedeutete die Unterzeichnung der Kapitulation nicht das Ende des Leidens für die vielen vom Krieg Betroffenen. Lager, Gefangenschaft, Hunger, Vertreibung und Verlust traten vielmehr für die meisten Menschen nur in eine neue Phase ein. Weder der Frieden noch die politische Souveräntität standen über Nacht auf der Stelle.

Ähnliches beobachten wir gerade beim Ausstieg aus den vielen mit Corona verbundenen Einschränkungen. Das ist kein rascher Exit, an dem wir an dem einen Tag noch drinnen und am nächsten Tag schon draußen sind.
Einkaufen geht schon – Singen im Gottesdienst noch nicht. Die Spielplätze sind offen – aber im Supermarkt müssen wir Masken tragen.
In kleinen, tastenden Schritten muss die Frage gestellt und immer neu abgewogen werden: Wie kommen wir aus der Unfreiheit wieder heraus, die vor allem die Schwachen retten soll – und welches ist der richtige Weg, damit das Virus sich nicht weit ausbreitet?

Damals: Schrittweise eintretender Frieden hin zu neuer politischer Eigenverantwortung.
Heute: Schrittweises Erringen der neuen Freiheit unter der Verantwortung für die Risikogruppen.

Schrittweises Vorgehen halte ich meistens für viel sinnvoller als den Versuch des einen großen Wurfs. Denn wir brauchen Zeit, um innerlich abzurüsten. Der menschliche Geist muss sich in die neue Form "Frieden" erst wieder hineinfinden.
Nicht nur die Soldaten brauchten damals etwas Übung, um sich wieder neu als Ehemänner und Väter, Schlosser und Angestellte zu definieren. Auch die deutsche Zivilbevölkerung musste langsam herausfinden aus der Angst vor den Bomben, aus den nationalsozialistischen Trugbildern und aus der liebgewonnenen Rolle, bloß ein Opfer derer "da oben" zu sein. Das dauerte bisweilen Jahre und Jahrzehnte – denn die individuellen und kollektiven Selbstbilder leiden im Krieg und unter Diktaturen mehr als in Frieden und Freiheit.

2
Für mich als Theologen sind Frieden und Freiheit zentrale Werte in religiöser und säkularer Hinsicht. Nur in Frieden und Freiheit können wir in immer größere Verantwortung gegenüber Gott und den Menschen wachsen.

Und auch das langsame Ausschleichen des einen in einen neuen Zustand halte ich für angemessener. Zwei Beispiele aus dem religiösen Raum: 

Noch Absperrband. Blossin, 2020.
Bei Bekehrungen finde ich diejenigen, die sich radikal von einem auf den anderen Tag bekehren und heute das Gegenteil von ihrer gestrigen Meinung herausposaunen, eher verdächtig als jene, die leise und abwägend ausprobieren, wie ein Glaube oder eine neue Spiritualität zu ihnen passen könnte. Wer langsam geht und in seine neue Richtung eher schleicht als marschiert, imponiert zwar nicht so, kann aber seine kleinen Schritte sicherer setzen. Wahrscheinlich ist seine Religiosität beständiger als das hastige Entschiedensein, das den langen Atem nicht kennt.
Für kirchliche Reformen ist es höchste Zeit – und beim langsamen Vorgehen der Amtsträger verfestigt sich der Eindruck, dass die klerikalen Würdenträger aus Unlust bremsen. Das mag in vielen Fällen so sein (Gott gebe, dass es nicht die meisten sind), aber um beim Vorangehen ein Auseinanderbrechen der weltweiten Kirche zu verhindern, sind kleine Schritte wohl am wirksamsten. Auch werden am Ende sicher nicht alle Gläubigen bei allen Schritten mitgenommen werden können, aber das Verständnis muss langsam wachsen. Hier scheint mir vor allem eine (verbale) Abrüstung der verhärteten Fronten nötig. Und dann das Vorangehen in kleinen Schritten.

3
Und doch – ein Widerhaken:
Wahrscheinlich hilft uns Menschen in vielen Fällen ein klarer Schnitt. Ein Haken hinter eine Sache. Ein Aufatmen, das es vorbei ist.
Auch wenn das der Wirklichkeit nicht immer vollkommen entspricht, so brauchen wir doch symbolische Eckpunkte, an denen wir uns orientieren können.
Ein solcher Tag ist heute. Er steht exemplarisch für die Befreiung von der Herrschaft des Krieges und des Nationalsozialismus. Auch wenn diese Befreiung an den verschiedenen Orten und bei den unterschiedlichen Menschen zu verschiedener Zeit angekommen ist.
Als symbolischer Tag ist und bleibt er wichtig, um uns zum Frieden und zur Freiheit, zur Abrüstung und zur Verantwortung zu mahnen. Damit auch unser Alltag Schritt für Schritt friedlicher und freier wird.

Weitblick hinter Stacheldraht?!
Neukölln, Berlin, 2020.

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