Donnerstag, 9. April 2020

Gründonnerstag – Verletzlich, mit gewaschenen Füßen, in "Das Reich Gottes"

Der Autor ringt mit dem Christentum.
Ganz besonders kämpft er mit der Frage, ob er selbst glaubt, und wie die Frühgeschichte des Christentums damit zu tun hat. Davon handelt das monumentale Buch"Das Reich Gottes" von Emmanuel Carrère.
Ganz am Ende berichtet er von der Briefbekanntschaft mit einer Leserin, Bérengère, die ihn einlädt, sich in einer "Arche" die Füße waschen zu lassen.
Verletzlichkeit auf Teppich.
Kloster Alexanderdorf, 2020.
"Wir ziehen uns die Schuhe und Strümpfe aus und krempeln die Hosenbeine auf. Der Personalchef beginnt Er kniet vor dem Schuldirektor nieder, gießt aus dem Krug lauwarmes Wasser über seine Füße und rubbelt sie vorsichtig ab – zehn Sekunden, zwanzig Sekunden, es dauert ziemlich lang, und ich habe den Eindruck, dass er gegen die Versuchung ankämpft, zu schnell vorzugehen und das Ritual auf etwas rein Symbolisches zu reduzieren. Den einen Fuß, den anderen Fuß, dann trocknet er ihn mit dem Handtuch ab. Dann ist der Schuldirektor an der Reihe, und er kniet vor mir nieder und wäscht mir die Füße, bevor ich die der Caritas-Funktionärin wasche. Ich schaue diese Füße an und weiß nicht, was ich denke. Es ist wirklich sehr seltsam, Unbekannten die Füße zu waschen. Ein schöner Satz von Emmanuel Levinas fällt mir ein, den Bérengère in einer Mail zitiert hat: über das menschliche Gesicht, das einem verbietet, es zu töten, sobald man es sieht. Sie sagte: Ja, das stimmt, aber auf Füße trifft es noch mehr zu, Füße sind noch bedürftiger, noch verletzlicher, tatsächlich sind sie das Verletzlichste, das Kind in jedem von uns. Und obwohl ich es etwas peinlich finde, finde ich es auch schön, dass Leute zu diesem Zweck zusammenkommen, um dem so nahe wie möglich zu sein, was das Bedürftigste und Verletzlichste in der Welt und in ihnen selbst ist. Das ist Christentum, sage ich mir."1

Der Gründonnerstag ist sonst geprägt von eben diesem Zusammensein, bei dem wir dem Verletzlichsten in der Welt nahe kommen wollen.
Sie demütig bedienen zu lassen und demütig zu dienen.

In diesem Jahr zeigt sich die menschliche Verletzlichkeit besonders in verschiedenen Zusammenhängen mit dem Corona-Virus.
Haben wir Mut, dorthin zu schauen! Haben wir Mut, uns zu engagieren! Haben wir Mut, auch unsere eigene Bedürftigkeit wahrzunehmen!

Und haben wir schließlich den Mut, das Zusammensein mit Gott zu wagen, uns ihm hinzuhalten und uns von ihm bereitmachen zu lassen für das Fest von Tod und Auferstehung.


1   E. Carrère, Das Reich Gottes. 3. Aufl. Berlin 2016, 505.

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