Samstag, 11. April 2020

Karsamstag – Unten, im Lebenwechselraum, auf "Stern 111"

Nach dem Fall der Mauer beschließen Carls Eltern, ihr altes Leben in Gera hinter sich zu lassen und sich auf den Weg in den Westen zu machen. Ihrem Sohn übergeben sie die Verantwortung für die alte Wohnung. Mehrere Wochen bleibt er ohne Nachricht von seinen Eltern, aus dem Keller versorgt er sich mit Eingewecktem und Apfelwein.

Zwischen Himmel und Pfütze.
Tempelhofer Feld, Berlin, 2020.
"Ab und zu blieb Carl etwas länger dort unten. Er fühlte sich matt, und brauchte eine Pause vor dem Wiederaufstieg. Als hätte der plötzliche Aufbruch seiner Eltern ihm alle noch vorhandenen Kräfte ausgesaugt. Ab Gießen getrennt. Die Vermisstenmeldungen häuften sich: Menschen aus dem Osten, die im Westen spurlos verschwunden waren, abgetaucht. Menschen aus dem Osten, die ihre Mütter, Väter, Ehefrauen und -männer (und, ja, auch ihre Kinder) verließen und über die Grenze Richtung Westen zogen und unsichtbar wurden. Es war die Gelegenheit, man wechselte das Leben. Erst eiserner Vorhang, jetzt goldene Brücke. Und wie leicht musste es sein, ein paar dieser Glücksritter und Freiheitssucher beiseitezuschaffen, irgendwo zu verscharren, falls sich dabei ein Vorteil ergab..."1

Lutz Seiler erzählt in "Stern 111" von der Zwischenzeit nach 1989. Das Alte ist schon fort, das Neue noch nicht da. Paradigmatisch dafür steht die Unsicherheit des Protagonisten nach dem Verschwinden seiner Eltern, bewusst erfahren im Keller.

Am Karsamstag gedenkt die Kirche dieses Zwischenraums. Jesus ist gestorben, aber von neuem Leben noch keine Spur.
Das Grab ist der Tiefpunkt, von dem aus alles neu beginnen könnte. 



1   L. Seiler, Stern 111. 3. Aufl. Berlin 2020, 39.

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