Freitag, 17. April 2020

Schäbig, aber Zukunft. Von den Zeichen des neuen Lebens in Lutz Seilers "Stern 111"

Ostern erinnert uns daran, dass der Tod in Leben verwandelt wird.
Dass etwas, das gestorben ist, auferstehen kann in Neues.
Doch wie den Jüngern in den Evangelien, so fällt es auch uns nicht immer leicht, die Zeichen des Neuen richtig zu lesen.

Einer der es konnte, ist die Figur des jungen Carl in "Stern 111", der Ende 1989 aus Gera nach Berlin gekommen ist und in seiner besetzten Ost-Berliner Wohnung auf sein armseliges Hab und Gut schaut:


Alten Resten eine Chance!
Hiddensee, 2018.
"... ringsum drückte alles Zukunft aus. Der Anblick seiner drei abgenutzten, mit einem Strick verschnürten Matratzen auf dem Boden drückte Zukunft aus, der kaputte Schwarzweißfernseher am Kopfende und die verrußten Laken am Fenster und die Kohlenkiste vor dem Ofen, das alles war schäbig, ärmlich vielleicht, aber voller Verheißung, ja all die abgelebten Dinge (und auch das halb zerfallene Haus), drückten Zukunft aus, Verfall war Verheißung, nicht Tod, nur Leben, so hieß das Paradoxon dieser Tage."1

Carl hat Auferstehungsaugen – symptomatisch für die Aufbruchsstimmung der damaligen Zeit vielleicht: der Siff und die ganze materielle Erbärmlichkeit löst unverständlicherweise Hoffnung in ihm aus.

In diesem Jahr stellt sich uns die Frage nach der Hoffnung und den Augen auch uns in besonderer Weise – viele gewohnte Tätigkeiten und Begegnungen sind uns durch die coronabedingten Einschränkungen nicht möglich. Erkennen wir in diesem Lebensstil und all den dazu gehörigen Veränderungen nur einen Verlust – oder ahnen wir schon neues, erfüllteres Leben in den vielen Brüchen und Problemen? (s. dazu auch: Restspiritualität)

Ich wünsche uns diese Auferstehungs- und Hoffnungsaugen, damit wir fähig werden, das Gold aus dieser Krise abzuschöpfen und all den Stress und Ärger vorbeifließen zu lassen. Damit es noch ein bisschen mehr Ostern wird in uns.


1   L. Seiler, Stern 111. 3. Aufl. Berlin 2020, 161.

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