Montag, 16. Juni 2014

Von Hand gemacht

Wenn dieser Tage alle vom Fuß und seinem runden Spielzeug sprechen, denke ich an die Worte, die Hilde Domin 1953 für das menschlichen Leben im Bild der Hand gefunden hat. In "Wen es trifft"1 umfährt sie nach dem existenziellen Ertasten von möglichen Schicksalsschlägen, die einen Menschen treffen können, die Ambivalenzen seines Handelns. 
Etwas pathetisch, etwas moralisch, aber von zutiefst humanem Geist erfüllt, ruft sie zu Achtsamkeit und Dankbarkeit auf. Der gebeutelte Andere lebt auch von meiner Hände Tun und Lassen:

Du aber
der Du ihm
auf jeder Straße begegnest,
der Du mit ihm
das Brot brichst,
Arbeiter mit Werktätigen, Kulturpalast, Dresden, 2014.
bücke Dich und streichle,
ohne es zu knicken,
das zarte Moos am Boden
oder ein kleines Tier,
ohne dass es zuckt
vor Deiner Hand.
Lege sie schützend
auf den Kopf eines Kinds,
lasse sie küssen
von dem zärtlichen Mund
der Geliebten,
oder halte sie
wie unter einen Kran
unter das fließende Gold
der Nachmittagssonne,
damit sie transparent wird
und gänzlich untauglich
zu jedem Handgriff
beim Bau
von Stacheldrahthöllen,
öffentlichen
oder intimen,
und damit nie,
wenn die Panik
ihre schlimmen Waffen verteilt,
"Hier" ruft,
und nie
die große eiserne
Rute zu halten bekommt,
die durch die andere Form
hindurchfährt
wie durch Schaum.
Und dass sie Dir nie,
an keinem Abend,
nach Hause kommt
wie ein Jagdhund
mit einem Fasan
oder einem kleinen Hasen
als Beute ihres Instinkts
und Dir die Haut
eines Du
auf den Tisch legt.

Damit,
wenn am letzten Tag
sie vor Dir
auf der Bettdecke liegt,
wie eine blasse Blume
so matt
aber nicht ganz so leicht
und nicht ganz so rein,
sondern wie eine Menschenhand,
die befleckt
und gewaschen wird
und wieder befleckt,
Du ihr dankst
und sagst,
Lebe wohl,
meine Hand.
Du warst ein liebendes
Glied
zwischen mir und der Welt.

Staatsoper, Charlottenburg, Berlin, 2014.

1   Wen es trifft. In: Hilde Domin, Nur eine Rose als Stütze. Gedichte. Frankfurt am Main 1994, 50-52.

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