Montag, 1. Juni 2026

Militärische Hilfe als Nächstenliebe - Disput um einen Radiobeitrag

Vor einigen Tagen durfte ich in den kirchlichen Verkündigungssendungen des rbb fünf Radiobeiträge veröffentlichen, die ich unserer Reise in die Ukraine gewidmet habe. 

Ein Beitrag hat starke Reaktionen provoziert, auf die ich wiederum eine Antwort geschrieben habe. Den Originalbeitrag (hier auch nachzuhören), eine Paraphrase der Kritik und meine Antwort stelle ich hier zur Verfügung:
 

Umgang mit der Gefahr

„Die Frevler spannen den Bogen, sie legten ihren Pfeil auf die Sehne, um im Dunkel auf die zu schießen, die redlichen Herzens sind.“

Diese Worte aus dem 11. Psalm in der Bibel habe ich ganz neu verstanden, als ich vor einigen Wochen in der Ukraine war. Mit einer kirchlichen Gruppe aus Frankfurt (Oder) und Umgebung haben wir auf Einladung der evangelischen Kirche in der Ukraine eine Reihe sozialer Projekte besucht und viele Menschen zum Gespräch getroffen.


In Odesa haben wir auch nächtliche Luftalarme erlebt. Die Stadt liegt nicht in unmittelbarer Nähe der Front, wird vom russischen Militär aber regelmäßig mit Drohnen und Raketen beschossen. Nicht nur der Hafen am Schwarzen Meer ist dabei Angriffsziel, sondern immer wieder werden Wohnhäuser, zivile Einrichtungen und Kirchen getroffen.
Unser Besuch fand in einer relativ ruhigen Zeit statt, so dass wir nur eine Handvoll Alarme erleben mussten. Aber in einer Nacht waren nicht nur die durchdringenden Töne der Sirenen zu hören, sondern ganz in der Nähe angreifende Drohnen und Flugabwehr.

Für uns war das nur eine kurze Episode – die Menschen in Odesa und in anderen Gebieten der Ukraine erleben das seit mehr als vier Jahren. Wir haben uns am Frühstückstisch zusammengesetzt und über die Erfahrungen dieser kurzen und unruhigen Nacht ausgetauscht. Dabei sagte einer unserer Mitreisenden, dass er morgens Psalm 11 aufgeschlagen habe und darin den genannten Text fand:

„Die Frevler spannen den Bogen, sie legten ihren Pfeil auf die Sehne, um im Dunkel auf die zu schießen, die redlichen Herzens sind.“

Und ich war sehr froh über die Fähigkeiten der ukrainischen Flugabwehr, die inzwischen in der Lage ist, einen Großteil der Angriffe abzufangen – keine Pfeile, die im Dunkeln fliegen, sondern Zehntausende Euro teure Gerbera- und Shahed-Drohnen. Was die Flugabwehr an Drohnen und Raketen nicht aufhalten kann, bringt weiterhin nach beinahe jedem Angriff tote Zivilisten.

Diese Nacht machte es mir noch einmal überdeutlich: Die Ukraine in ihrer Abwehr der Angriffe zu unterstützen, ist ein Akt christlicher Nächstenliebe.

Daraufhin kam die Rückmeldung, dass Hilfe für die Menschen vor Ort sehr ehrenwert sei, aber Bombennächte nicht geschildert werden müssten, da dies alten Menschen noch sehr nahe sei und zugleich Gegenstand der medialen Berichterstattung. Zudem seien rote Linien Russlands überschritten worden und amerikanische Militärberater in der Ukraine. In Deutschland solle man sich an Brandt und Bahr mit ihrer Ostpolitik orientieren und die Ukraine nicht finanziell und militärisch unterstützen, weil auch deutsche Steuergelder der Korruption zum Opfer fielen. Andere Wege zur Beendigung des Krieges seien nötig.
Hier meine Antwort darauf

Sehr geehrte Frau...

danke für Ihre Rückmeldung, die an mich weitergeleitet wurde.

Es tut mir leid, wenn ich Sie damit aufgebracht habe. Aber zu den Ausagen selbst stehe ich, wie ich Ihnen auch gern erläutere.

Zunächst gehören die Bombardierungen zur Realität des Krieges, den Russland gegen die Ukraine führt. Deswegen - und vor allem, weil wir es selbst erleben mussten - habe ich darüber geschrieben. Das überschneidet sich tatsächlich mit den Nachrichten. Der Kontext, in dem ich darüber gesprochen habe, war nun der Psalm 11, ich hatte also ein geistliches Aniegen, das ich mit dem Mitgefühl für die Menschen verbinde, die unter dieser Kriegsrealität leiden müssen. Ich hoffe, Sie verstehen, dass ich dies vor diesem Hintergrund geschildert habe.

Mit Ihrer Kritik an meinen Aussagen verknüpfen Sie die Vorgeschichte des Krieges. 
Und Sie haben Recht: zu jedem Krieg gehören die Kontexte dazu. Das kann aber nicht dazu führen, nun die Ukraine zu beschuldigen, dass sie sich früher dem imperialistischen Streben der Russischen Föderation hätte beugen müssen. 

Auch wenn die Ukraine durch westliche Länder unterstützt wurde, tat sie das aus Sorge um ihre eigene Souveränität, die Sie ihr sicher auch nicht absprechen wollen. Die Menschen in der Ukraine haben sich 1991 zu über 90% für Unabhängigkeit entschieden und forderten das 2013 und 2014 auf dem Maidan noch einmal ein, als sie sich gen EU orientieren wollten. 

Dieses Recht haben sie, dagegen hat die Russische Föderation kein Recht auf rote Linien, wenn es um unabhängige Staaten geht.

Ich glaube übrigens, dass zum Kontext dieses furchtbaren Krieges auch das Budapester Memorandum gehört, in dem der unabhängig gewordenen Ukraine Sicherheitsversprechen (wie staatliche Souveränität und Unverletzlichkeit ihrer Grenzen) gegeben wurden. Leider haben sich nach der Abgabe der Atomwaffen durch die Ukraine weder die Russische Föderation, noch die USA oder Großbritannien daran gebunden gefühlt.

Aber wir können hier verschiedene Akzente setzen, welche Kontexte maßgeblich sind, zumal Sie ja zurecht bemerken, dass Korruption in der Ukraine (wie ja auch in der Russischen Föderation) weiter ein großes Problem ist. Darum investieren sowohl viele Ukrainer*innen als auch die EU ein großes Maß an Anstrengungen, um Rechtssicherheit soweit als möglich stärken und Korruption zu bekämpfen.

Ich sehe da viel Einigkeit zwischen uns: Ich bin wie Sie für eine möglichst rasche Beendigung dieses Krieges, der von Russland in genozidaler Absicht geführt wird. 
Leider fällt es mir jedoch schwer, die von Ihnen geforderten besseren und vor allem realistischeren Wege aktuell zu erkennen. Ein gerechter Frieden, der Kriegsverbrechen straft, das Selbstbestimmungsrecht aller Nationen respektiert und dauerhaft ist, muss aktuell leider (!) erkämpft werden - denn Russland will einen solchen Frieden nicht, das zeigen die regelmäßigen Angriffe auf zivile Einrichtungen.

Solange es diese besseren Wege nicht gibt, bitte ich Sie, zu entschuldigen, dass ich die Unterstützung eines angegriffenen Landes weiterhin als nötig ansehe.

Freundliche Grüße... 


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