Dienstag, 24. September 2019

Welcher Ruf? Welche Heilung? Welcher Staub?

Am 25. September feiern wir einen Heiligen, der es in sich hat: den heiligen Nikolaus von Flüe. Er ist der Nationalheilige der Schweiz und wird als Einsiedler, als Visionär, als Friedensstifter verehrt.

Ich beziehe mich in meiner Predigt im Berliner Haftkrankenhaus auf das Evangelium vom Tage (Lk 9,1-6).

1. Jesus ruft und sendet
"Jesus rief die Zwölf zu sich" und gab ihnen "Kraft" und "Vollmacht" (v1).
Wenn katholische Christen von den Aposteln (denn das sind die "Zwölf") sprechen, dann geht es ihnen in der Regel darum, auf Menschen hinzuweisen, die etwas besonderes sind.
Aber wenn wir uns anschauen, wen Jesus da zu sich ruft, können wir uns leicht wieder erkennen: da sind Betrüger, Aufschneider, Vordrängler, Angsthasen, Vorlaute, Spätzünder, Jähzornige und Lachnummern aller Art dabei. Man denke nur den mit den römischen Besatzern kollaborierenden Zöllner Matthäus, an den Petrus, der Jesus belehren will und zurechtgewiesen wird, an die beiden Söhne des Zebedäus, die sich an den anderen vorbei den besten Platz bei Jesus sichern wollen und so fort.

Komische Typen.
Zinnowitz, 2019.
Aber Jesus will, dass gerade diese komischen Typen nahe bei ihm sind. Er will sie bei sich haben.
Und er gibt ihnen "Kraft" und "Vollmacht" – und damit ist keine Superhelden-Kraft gemeint.
Sondern aus der Nähe zu ihm sollen sie die Kraft haben, alles Schlechte zu vertreiben. Das nämlich ist gemeint, wenn das Evangelium davon spricht, dass Jesus sie sendet, um "Dämonen auszutreiben" (v1).
Und nicht nur die Apostel, sondern alle Christinnen und Christen können das. 
Das Schlechte muss raus! Die abfälligen Worte über die Beamten sollen weg! Die aggressiven Gedanken gegenüber den Nachbarn oder dem Richter oder den Sozialarbeitern! Die Gier, die Angst, die Hoffnungslosigkeit, der Ärger und alles, das, was uns so runterzieht.
Alles das kennen die "Zwölf" auch. Deshalb werden die Apostel in den Evangelien auch als bisweilen besonders dämlich hingestellt, weil sie eben auch nicht so viel anders sind als der Rest.

Aber manchmal können wir es gar nicht glauben und gehen riesige Umwege, um dahin zu kommen.
Auch Klaus von Flüe fühlte sich von Gott gerufen und gesandt. Aber er hat sehr sehr lange gebraucht, um seinen Platz zu finden. Und sein Weg war in keinster Weise einfach und geradeaus. 1417 als Sohn eines reichen Bauern geboren, hatte er schon als Jugendlicher Visionen, dann zog er für seinen Kanton in den Krieg, schließlich heiratete er und bekam mit seiner Frau zehn Kinder.
Aber als er um die 50 war, wurde seine Sehnsucht nach der Einsamkeit immer größer und nachdem seine schließlich Frau zugestimmt hatte (und die großen Kinder den Hof bewirtschaften konnten!), zog er fort. Aber auf dem Weg nach Basel, wo er zuerst meinte, leben zu sollen, merkte er, dass es auch das nicht war – er ging zurück und ließ sich in einer Schlucht (dem Ranft) in der Nähe seiner Familie bei Flüeli nieder.

Völlig unvorhersehbar war dieser Lebensweg des heiligen Klaus. Und völlig unwahrscheinlich.
So wie auch wie wir heutigen Christen manchmal meinen, dass Gott doch nicht DAS gemeint haben könne und dass er mich überfordert mit seinem Wunsch, dass ich allen Menschen seine Liebe zeige, und dass es völlig unmöglich sei, dass ich meine Beziehungen ordne, und dass ich es einfach nicht schaffe, hier oder da um Verzeihung zu bitten, und überhaupt, dass ich die Finger von bestimmten Substanzen lassen sollte ... und so weiter...

Aber aus der Nähe zu Gott kann ich erkennen, was ich tun soll. Und von ihm bekomme ich die "Kraft" dazu! Auch wenn ich manchmal nicht glauben kann, dass es wirklich so gehen kann...

Wozu sendet er mich also? Was ist mein Lebensauftrag? Welche Dämonen muss ich dringend loswerden? Wo kann ich anderen helfen, aus ihren Zwängen und Ängsten herauszukommen?

2. Heilen
Jesus will, dass Menschen heil werden. Und er schickt seine Jünger aus, dass sie genau in diesem Sinne handeln: heilend.
Das kann man, gerade hier im Krankenhaus, wörtlich verstehen. Jesus will uns gesund sehen – an Körper und Geist. Und in vielen Fällen können wir selbst etwas dafür tun. (Auch wenn man sich natürlich berechtigterweise fragen kann, ob es nicht für bestimmte Krankheitsbilder bessere Orte gibt als dieses Haus.)
Inzwischen weiß ja auch unsere Medizin, dass das physische und das mentale Wohlergehen zusammenhängen, dass Stress und Ärger der Heilung nicht förderlich sind und dass eine entspannte Umgebung besser zur Heilung beiträgt als ... Sie wissen schon...

Herz heilt.
Rusinowo, 2019.
Die eine, körperliche Heilung hängt mit der anderen, geistigen Heilung zusammen. Denn was müsste nicht noch alles geheilt werden bei uns: Beziehungen, Erinnerungen, Brüche in unseren Biographien…
Wir können das, was Jesus damit meint, auch anders benennen: Heilung besteht auch darin, Frieden zu schaffen.

Klaus von Flüe wird in der Schweiz als Friedensstifter verehrt – wie zu vielen geistlichen Menschen kamen auch zu ihm Hilfesuchende, die ihn aus seiner politisch aktiven Zeit als Ratsherr und Richter kannten. Den Frieden von 1481 zwischen Stadtkantonen und Landkantonen vermittelte unter anderem der bekannte Einsiedler, nachdem man in der aussichtslosen Situation zu ihm gekommen war.
Einsiedlerleben bedeutet also nicht, dass man seine Ruhe hat – jedenfalls übernahm der heilige Klaus in christlichem Sinne Verantwortung, wenn er sich für den Frieden in der Schweiz einsetzte.

Für uns stellt sich dann natürlich die Frage, wo unsere Aufgabe ist, Frieden zu schaffen. Wo kann ich heilend tätig sein? Wo kann ich zum Friedensstifter werden?

3. Sogar den Staub noch loswerden
Ein Satz aus dem Evangelium, der mich immer bewegt, ist die Aufforderung Jesu, bei Ablehnung ohne Gewissensbisse fortzugehen: "geht weg, und schüttelt den Staub von euren Füßen, zum Zeugnis gegen sie" (v5).
Und tatsächlich, hier muss ich mal etwas aus dem Nähkästchen plaudern, ist das so eine Frage, die ich mir immer wieder stelle.
Wie konsequent sage ich hier im Gefängnis: "Jetzt reicht es aber mal"? Immerhin gibt es ja genug Leute, die eindeutig nichts von der Botschaft Jesu hören wollen - und mit denen ich trotzdem im Kontakt bleibe. Manchmal wollen sie Tabak, manchmal trinken wir einen Kaffee, manchmal geht es nur darum, sich ein paar Minuten mit jemandem zu unterhalten, der nicht noch schlechter dran ist oder seine Macht mit dem Schlüssel nutzen muss...

Anders gesagt – grenze ich mich genug ab?
Wenn klar ist, dass jemand nicht an dem interessiert ist, für den ich hier bin – nämlich für Jesus und seine Botschaft, dann könnte ich doch auch sagen, dass ich hier nur meine Zeit verschwende.

Ich kann, anders ausgedrückt, ja die Freiheit meines Gegenübers respektieren und sein Desinteresse ernst nehmen, indem ich mich abwende und weiter gehe.
Aber ich bin inkonsequent und halte die Tür immer noch offen. Lasse mich anquatschen. Gehe nicht sofort weiter. Und sage selten Nein. Anders gesagt: Ich schüttele den Staub nicht von meinen Schuhen, sondern trage ihn weiter mit mir rum.

Zum Glück erscheint mir der heilige Klaus von Flüe ebenso inkonsequent:
Einerseits Einsiedler – andererseits berät er, wie eben erzählt, die große Politik.
Oder: Einerseits zieht er fort, um ohne seine Familie zu leben – andererseits ist schwer vorstellbar, dass der zehnminütige Fußweg von seinem ehemaligen Wohnhaus bis zu seiner kleinen Einsiedelei in der Schlucht nicht immer mal von seinen Kindern oder seiner Frau genutzt wurde. Jedenfalls wird überliefert, dass Klaus am 21. März 1487 in Anwesenheit seiner Frau starb.

Inkonsequent zu sein, ist also kein Beinbruch.
Aber Klaus steht auch ganz klar für die sich ergebende Frage: Wovon muss ich mich lösen, um gut weitergehen zu können? Was will ich loswerden? 

Auch nicht staubfrei.
Bruder-Klaus-Kirche in Britz, Neukölln, Berlin, 2016.

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