Freitag, 20. September 2019

Die Gnade der Diaspora. Zu einem Vortrag von Kardinal Arborelius

Während der letzten Tage hat der schwedische Kardinal Lars Anders Arborelius das Erzbistum Berlin besucht und mehrere Male öffentlich gesprochen. Ich kannte ihn vorher nicht und habe ihn das erste Mal bei der Wallfahrt des Pastoralen Personals nach Brandenburg (Havel) am Mittwoch dieser Woche gehört.

Es war ein inspirierender Vortrag.
Zunächst hat der Kardinal sich über die Suche nach Gott im Alltag geäußert. Die Anwesenheit Gottes in jedem Moment entdecken war eines der hauptsächlichen Themen. Dazu gehört für ihn auch die Möglichkeit, Gottes Ebenbild im Nächsten zu entdecken. Soweit, so bekannt.

Mitten in der Diaspora.
Autobahnbaustelle in Ostdeutschland, 2017.
Aber mit Blick auf die katholische Kirche in Schweden betonte Arborelius anschließend, dass die dort (wie auch in Berlin und Brandenburg) allgegenwärtige Diasporasituation den Katholiken eine besondere Chance bietet. Freilich steckt in dieser Chance auch eine Herausforderung.
Arborelius führte dies unter anderem aus, als er über die katholischen Migranten, vornehmlich aus Polen, aber auch aus anderen katholisch geprägten Ländern sprach, die auf der Suche nach Arbeit nach Schweden kommen. Deren Hintergrund ist stark von einem sehr selbstverständlichen Katholizismus geprägt, deshalb ist eine Kirche an der Peripherie, wie sie in Schweden zu finden ist, für sie nur schwer zu verstehen und zu ertragen.
Doch Arborelius, selbst Schwede, Konvertit und Karmelit, kennt diese Situation von klein auf und hat sie, könnte man sagen, mystisch durchdrungen. Für ihn steckt in der marginalisierten Position der katholischen Kirche in Schweden eine große Gnade.
Nicht jeder Migrant, auch das betonte der Kardinal, kann langfristig gut damit umgehen. Aber Gottes Gnade gerade in der Diapora zu entdecken, seine Anwesenheit unter den Nichtgläubigen zu erspüren und so in einer nicht-selbstverständlichen Weise Christ zu sein, kann ein sehr intensiver Weg des Glaubens werden. Ein Weg, der einladend Zeugnis gibt von diesem Gott.

Natürlich hat der Kardinal das nicht genau so ausgedrückt. Ich spüre aber, wie sehr mich das anspricht und wie eng es mit einigen Gedanken verknüpft ist, die ich vor einiger Zeit schon einmal hier aufgeschrieben hatte. Deshalb fällt es mir leicht, diese Gedanken aufzunehmen und weiterzudenken.

Denn wenn wir Gott glauben als einen Gott, der ganz anders ist als alles und der sich zugleich in jedem Augenblick neu finden lässt (so formulierte es Arborelius), dann ist das Ungewohnte, das Nicht-Traditionelle, sogar das absurd Erscheinende und Abseitige eine spezifische Gelegenheit, ihm zu begegnen.
Nicht im Trott des Alltags oder in der heimeligen Frömmigkeit, sondern gerade dort, wo es nicht fromm und ehrfürchtig zugeht. 

Nicht Schweden, aber vor dem Mond.
Neukölln, Berlin, 2017.

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