Dienstag, 30. September 2014

Die Welt von außen – Über "Bilder deiner großen Liebe"

Das Nachwort sagt, "am Ende sollte ein zusammenhängender Text dastehen, der vorhandene Lücken aber nicht verbirgt."1 Das ist gelungen.
Und nicht nur das: ein geniales Buch ist aus dem Zusammenstellen der hinterlassenen Romanfragmente von Wolfgang Herrndorf entstanden. Da sind hinreißende Passagen von Begegnungen am Straßenrand, aber auch abseitige Erfahrungen mit Mensch und Natur, und immer wieder Einblicke in eine extreme Innenwelt, die eine Interpretation nicht leicht machen. Aus all dem ergibt sich eine bisweilen lyrische, bisweilen kritisch-ironische Perspektive auf die Welt, in der wir uns bewegen.

Ein Mädchen ist auf dem Weg durch Deutschland und man könnte sie eine Philosophin und Sinnsuchende, eine Heimatlose oder, wie wohl die meisten, eine Verrückte nennen.
Fensterhaus mit Autobahn, Charlottenburg, Berlin, 2014.
Ohne Ziel scheint sie Wälder, Straßen, Kanäle und kleine Ortschaften zu durchqueren und die Menschen aus großer Distanz anzuschauen: "Lange stehe ich an einem Zaun und betrachte durch ein breites Wohnzimmerfenster ein grünblaues Aquarium, hinter dem eine vierköpfige Familie zu Abend isst. Ich zähle elf Fische, zwei große graue und neun kleine bunte. Es gibt so eine Art Playmobilschloss unten im Wasser, durch das die kleinen bunten gern schwimmen."2
In diesen Passagen scheint die Protagonistin Isa der Tierwelt deutlich näher zu stehen als der Menschenwelt. Und zugleich wirken manche solcher Wohnzimmereinblicke ja auch wie Aquarien oder Schaukästen, hinter denen man aus gesunder Distanz die fremde Spezies Mensch betrachten könnte – wenn man denn wollte.

Eine diffuse Sehnsucht nach irgendeiner Art von Beheimatung hat Isa dennoch, etwa wenn sie sich angesichts eines Grabsteines und eines Gutshofes in eine Art Heimatroman imaginiert: "Nanu, wer klingelt denn da?, würde ich denken, und ich hätte wirklich keine Ahnung,wer das sein könnte, denn ich erwarte niemanden auf Gut Hohenbuchen, und ich kriege auch nie Besuch, und dann steht da plötzlich Daniel, und wir fallen uns in die Arme wie verrückt, obwohl wir uns im ersten Moment gar nicht erkennen."3
Sich umarmen ohne sich zu erkennen – solche Irritationen gibt es häufiger im Text, manchmal lassen sie lächeln, immer regen sie zum Nachdenken an.
Bei aller Unklarheit über Isas Motive oder Ziele, bei manchen Andeutungen des Wunsches nach Nähe, bleibt sie doch klar in der Abgrenzung von den Menschen, denen sie begegnet. Die Gesichter der meisten Menschen bleiben leer für sie. Symptomatisch dafür steht das Gesicht eines Portiers einer kleinen Absteige: "Es ist so grau und nichtssagend, dass es keinen Unterschied macht, ob man es sieht oder die Rückseite einer Zeitung."4

Darin spiegelt sich Isas inneres Getrenntsein von jeglicher gesellschaftlichen Verhaltensregel. Sie ist ungebunden im doppelbödigen Sinne des Wortes. Keine Norm, keine Vernunft hält sie. Dem entspricht, dass sie lieber aus dem Fenster als durch Türen die Häuser verlässt: "Geht man durch die Tür, dann geht man in die Alltagswelt mit ihren Gewohnheiten und ihrem Schmutz. Steigt man aus dem Fenster, gelangt man in einen Raum wie in seinem eigenen Innern."5
 
Schaukasten, leer. Bad Freienwalde, 2014.
Aber auch ihr Inneres bleibt ihr unklar – das Heraustreten aus dem Verrücktsein scheint eines ihrer Ziele zu sein, aber ihr Selbstgefühl ist verschwunden. Zwar kann sie flirten und ungeheuer berechnend im Einsatz ihres pubertierenden Körpers sein, aber Hunger und Schlaf scheinen sie wie aus dem Nichts zu überfallen. Die Distanz zu ihrem eigenen Körper ist mindestens genauso groß wie die Distanz zu ihren Mitmenschen:
"In meinem Innern wüten eiserne Zangen. Ich versuche zu schlafen und kann es nicht. Ich versuche weiterzugehen und kann es nicht. Ich konzentriere mich auf die Sachlage und komme zu dem Ergebnis, dass ich Hunger habe."6
Kein Wunder, dass sie auch die schüchterne Annäherung eines Jungen, der ohne seine Clique neben ihr vor einem Supermarkt sitzen bleibt, instinktiv abblockt und seine Klage über die Familie kontert mit einer Wendung des Sartre-Zitats nach innen: "Die Hölle bin ich."7

Zwar klingt das wie ein typischer Pubertierendenspruch, zusammen mit allem anderen aber greift es nach der Existenz dieser wachen und so sensiblen Jugendlichen. Isas Interesse liegt eindeutig mehr bei dem, was viele Menschen als nebensächlich ansehen. Sei es die Liebe zur geschundenen Kreatur oder die Aufmerksamkeit für die Phänomene der Natur. Doch eben darin liegt auch ihre Gefährdung – wer sich selbst so ganz aus der eigenen Kontrolle entlässt, mag zwar vieles neu sehen können, der Wahnsinn liegt aber immer in Reichweite.

Holunder am Bahnhof, Hauptbahnhof, Dresden, 2014.
Und auch der Tod – seine alles erfassende Sinnlosigkeit blitzt an mehreren Stellen des Romans auf. Die existenzielle Not, von der Isa umgetrieben wird, manifestiert sich dort am meisten.
"Ich träume von Schiffen und Zügen. Ich sehe Menschen, die Schiffe und Züge bauen und damit herumfahren und frage mich, wozu. Sterben werden sie doch."8
Doch trotz solcher Sätze ist Isas Geschichte keine trostlose. Nahe läge zwar auch die große Trostlosigkeit: Ohne Freundschaften, ohne Bezug zur Welt der Menschen, ohne klare Identität, ohne haltende Ordnung, ohne Heimat.

Aber vielleicht schafft erst das den Freiraum für den fragilen, bisweilen mystisch erleuchteten Blick. Denn die Welt und Isas Leben bilden nicht nur eine Aneinanderreihung von Enttäuschungen, Trennungen und Fluchten. Auf einem Lastkahn sieht sie "mit überscharfer Klarheit [...], wie das Gleißen und Glänzen überall im Führerhaus unsichtbar alles mit allem verbunden hat."9
Die Menschenwelt mag Isa nur von außen sehen. Doch alles Weitere sieht sie, wenigstens von Zeit zu Zeit, durchleuchtet von innen.



1   W. Herrndorf, Bilder deiner großen Liebe. Berlin 2014. - M. Gärtner / K. Passig, Anhang, 138.
2   Ebd., 84.
3   Ebd., 27.
4   Ebd., 104.
5   Ebd., 97.
6   Ebd., 11.
7   Ebd., 87.
8   Ebd., 102.

9   Ebd., 39f.

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