Donnerstag, 14. Februar 2019

Bekehrung? "Der Widersacher" von Emmanuel Carrère und die Rolle des Gefängnisseelsorgers

Der Gefängnisseelsorger habe ihm sehr geholfen, "zur Wahrheit zurückzukehren. Doch die Wirklichkeit ist so grauenhaft und unerträglich, dass ich befürchte, mich aufs Neue in eine imaginäre Welt zu flüchten".1

In seinem Roman "Der Widersacher" erzählt Emmanuel Carrère sein Ringen mit der Geschichte von Jean-Paul Ramond, einem Mann, der 18 Jahre lang sein engstes familiäres Umfeld über seine beruflichen und finanziellen Verhältnisse belogen hat. Kurz bevor alles aufgeflogen wäre, tötete er seine Frau, seine Kinder und seine Eltern.

Nebel über dem Peetzsee.
Grünheide, Brandenburg, 2016.
Mit diesem Buch begann Carrères eigentümliche und eindrückliche Art des Schreibens, bei der er autobiographische Erlebnisse in enge Beziehung zu seinem Schreibgegenstand setzt. Während sich "Das Reich Gottes" beispielsweise um seinen persönlichen Glauben und die Anfänge des Christentums drehte, handelte "Ein russischer Roman" von einem Filmdreh in Russland, seinem Liebesleben und der Geschichte seiner Familie.
Für den "Widersacher" stellte der französische Autor 19992 erstmals einen Akteur und sich selbst nebeneinander und "diese Parallelisierung wurde auf einmal zum Notenschlüssel. Plötzlich wurden wir Teil derselben Geschichte, wir gehörten derselben Welt und derselben Menschheit an und unsere Geschichten konnten einander spiegeln."3
Sich selbst in die extreme Geschichte eines mehrfachen Mörders hineinzufinden, mehrfach den Kontakt zu diesem zu suchen und daraus in der Schriftform weder etwas Reißerisches noch Kitsch noch eine moralisch zweifelhafte Fraternisierung werden zu lassen, ist eine literarische Meisterleistung.

Nun ließe sich eine ganze Menge über dieses bemerkenswerte Buch sagen. Was mich jedoch besonders interessiert, ist der Prozess der Veränderung, den der oben genannte Gefängnisseelsorger angestoßen hat – oder auch nicht.
Denn es ist ein Sinneswandel, der für eine Menge Fragen, mehr noch aber für Unmut und Unverständnis bei Familie und Freunden des Verurteilten sorgt: Will sich der Mann, den alle jahrelang für einen Arzt hielten, der vorgab, als Forscher bei der WHO in Genf zu arbeiten, und der große Teile der Familie mit Anlageversprechen um ihre Ersparnisse brachte, nun auf der religiösen Schiene aus der Verantwortung stehlen?
Ein Betrüger bleibt ein Betrüger, die Bekehrung zum Christentum lässt man ihm nicht durchgehen.

Vor diesem Hintergrund jahrelangen Betrugs bleibt unklar, ob Ramond tatsächlich religiös geworden ist.
In einem Brief an den Autor schreibt er, dass ihn "zahlreiche 'Zeichen'"4 im Glauben bestärkt hätten, seinen Freund Luc überschüttet er bald nach seiner Begegnung mit dem Seelsorger mit frommen Auskünften und Bitten ums Gebet. Fasten, Meditationen, Gespräche mit einer ehrenamtlichen Betreuerin kommen dazu.
Carrère seinerseits bleibt äußerst skeptisch und hält sich augenscheinlich mehr an die Berichte der psychiatrischen Gutachten, die Überanpassung und eine narzisstische Störung diagnostizieren. "Die Rolle des angesehenen Forschers wird durch die, nicht minder dankbare, des Schwerverbrechers auf dem Weg zur mystischen Erlösung ersetzt."5

Anders schaut die Betreuerin Marie-France auf den Mörder. Sie kommt aus einem christlichen Impuls zu Besuch bei Inhaftierten. Bei ihrer Aussage vor Gericht beschreibt sie ihre ersten Begegnungen mit Ramond: "Wenn ich ihm die Hand gab, hatte ich den Eindruck, die Hand eines Toten zu schütteln, so kalt war sie. Er dachte nur ans Sterben, ich hatte noch nie einen so traurigen Menschen gesehen ... Jedes Mal, wenn ich ihn verließ, fürchtete ich, ihn beim nächsten Besuchstermin nicht mehr anzutreffen."6
Ihre Sorge und ihr Mitgefühl geben Romand die Chance, sie nah an sich heranzulassen.

Genau hier verläuft nach meiner Erfahrung ein schmaler Grat: Sind die vertraulichen Gespräche mit Seelsorgern für die Inhaftierten ein Weg, um mit sich selbst und mit Gott in innere Berührung zu kommen – und so der genannten Wahrheit näher? Oder laufen die Mechanismen der Verteidigung, Abwehr, des Glättens und Kleinredens in einem solchen Gespräch weiter?
Und selbst wenn dies nicht der Fall ist und jemand sich zur Ehrlichkeit durchringt, was sagen das Bekenntnis zur eigenen Tat und die Reue darüber denn aus?

Vertrauenswürdige Arbeit.
Grünheide, 2018.
Das persönliche Verhältnis von SeelsorgerInnen und Inhaftierten kann natürlich nur auf den jeweiligen Einzelfall hin dazu befragt werden.

Doch in einem Kontext wie der Haft, in dem das Zutrauen in einen (straffällig gewordenen) Menschen maximal reduziert ist und es auch andersherum nur sehr begrenzte Möglichkeiten gibt, Vertrauen aufzubauen, bietet der Kontakt mit Seelsorgern und Seelsorgerinnen (als solche verstehe ich die ehrenamtliche Marie-France hier) oft die einzige Möglichkeit, überhaupt innere menschliche Regungen zuzulassen und auszudrücken.
Das ist die eine Seite: Vertrauen in der Haftzeit stellt eine äußerst begrenzte Ressource dar.

Die andere Seite ist, dass ein Inhaftierter auf alle mögliche Weise versuchen wird, Vergünstigungen zu erreichen und dafür in einem guten Licht dazustehen. Und das halte ich überhaupt nicht für ehrenrührig, denn die Haft bringt es mit sich, dass es vielfach nur eingeschränkt möglich ist, das Leben als lebenswert zu erfahren. Da ist es nur natürlich, dass ein Mensch alle sich bietenden Chance zur Verbesserung seiner Situation nutzt – auch unter Zuhilfenahme unmoralischer Mittel.
(Ich selbst erlebe das oft genug, wenn zwar ein Gespräch erbeten, aber eigentlich Tabak oder Kaffee erhofft wird und fühle mich dann bisweilen getäuscht oder vorgeführt – aber ich erkenne auch die Notlage, in der sich viele Inhaftierte fühlen.)

Dazu kommt, dass es nun einmal die Rolle von Seelsorgern ist, Angenommensein zu vermitteln und als vertrauensvoller Beziehungspartner anwesend zu sein, ohne im Einzelnen zu wissen, welche psychischen (und bisweilen eben auch pathologischen) Dynamiken dabei aktiviert werden. Umso wichtiger ist es für Seelsorger, verantwortlich und reflektiert in diese Situationen hineinzugehen. Carrère meint beispielsweise im Gespräch mit Marie-France, dass Lügen einfach das Leben dieses Mannes ausmache, "er kann nicht anders, und ich glaube sogar, er tut es eher, um sich selbst etwas vorzumachen als um andere zu hintergehen."7

Für die Aufgabe eines Seelsorgers heißt das nun: Ich kann Bekehrung und Einsicht nicht machen und es ist (zum Glück) auch nicht meine Aufgabe, zu entscheiden, wie es im Herzen eines inhaftierten Straftäters aussieht (was mich nicht von professioneller Arbeit und Weiterbildung auf ebendiesen Gebieten entbindet). Ich kann jemanden nur einladen, sich auf diesen Weg zu machen und ihn dabei begleiten.

Ein Seelsorger kann vermitteln, dass er dem Inhaftierten glaubt (soweit dies authentisch ist). Er kann auch mit unangenehmen Wahrheiten konfrontieren und hoffen, dass ein Weg der Einsicht in die eigenen Fehler und Straftaten beschritten wird.
Beides gehört für einen vertrauensvollen Dialog zusammen, aber bisweilen bleibt das Vertrauen eben nur einseitig. Entweder glaubt ein Seelsorger dem Inhaftierten seine Geschichte nicht oder der Inhaftierte glaubt nicht, dass er wirklich angenommen wird.

Wenn das Vertrauen des Seelsorgers aber zu seiner Aufgabenbeschreibung gehört, dann finde ich es gar nicht problematisch, wenn im Buch "Der Widersacher" offen bleiben muss, ob die "Rückkehr zur Wahrheit" (welche immer das in einem komplett gelogenen Leben auch sein kann) und die religiöse Bekehrung nun wahr oder falsch sind.
Denn gerade diese Unklarheit gehört ja zum Vertrauen – der Autor Emmanuel Carrère hat es da nicht so einfach. 
Ein sehr empfehlenswertes Buch hat er trotzdem – oder gerade darum – geschrieben.

Viel Qualm.
Linum, 2018.


1   E. Carrère, Der Widersacher. Berlin 2018, 141.
2   2018 wurde der Roman von Claudia Hamm neu ins Deutsche übersetzt, die deutsche Erstübersetzung erschien 2001 unter dem Titel "Amok", vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Emmanuel_Carr%C3%A8re#Werk
3   Gespräch mit Claudia Hamm in a.a.O., 177.
4   Ebd., 34.
5   Ebd., 142.
6   Ebd., 152.
7   Ebd., 149.