Samstag, 26. Oktober 2019

Alles richtig machen reicht nicht. Predigt am 30. Sonntag im Jahreskreis

1. Der Pharisäer

Die kommen doch alle nur wegen dem Kuchen“ ist der Satz, der mir zu diesem Evangelium (Lk 18,9-14) als erstes einfällt.
Manchmal sagt ein Inhaftierter diesen Satz zu mir über diejenigen, die hier im Gottesdienst sitzen – aber der das sagt, kommt selbst nicht. Möglicherweise betet er tatsächlich selbst, wie mancher das behauptet. Möglicherweise ist er wirklich ein frommer Mensch.
Aber trotzdem habe ich ein ungutes Gefühl dabei. Das hängt auch mit diesem Evangelium zusammen – denn selbst wenn einer alles richtig macht, was man an religiösen Übungen so probieren kann, so wertet er doch einen anderen durch diese Aussage ab.

Ich weiß weder, ob die Einen nur wegen des Kuchens hier sind, noch ob der Andere tatsächlich betet. Und das ist auch nur begrenzt wichtig.

Untiefen.
Darlowo, 2019.
Denn es geht nicht um Vergleicherei, sondern darum, ob wir imstande sind, auch eigene Fehler und Unzulänglichkeiten zu sehen und zuzugeben.

Es gibt nämlich die große Versuchung, dass wir uns einrichten in dem, was wir richtig machen.
Immer auf der Spur bleiben, freundlich sein, keine Kopfnüsse verteilen – alles schön und gut. Aber etwas Entscheidendes fehlt noch: Wenn ich die Probleme meines Nachbarn oder meiner Sozialarbeiterin oder der Hausarbeiter beim Austeilen des Mittagessens für gravierender halte als meine eigenen, bekommt alles, was ich so schön getan habe, eine komische Färbung. Sie kennen ja das berühmte Wort vom Splitter im Auge meines Nächsten, den ich ach so gut sehen kann, während mir der Balken im eigenen Auge gar nicht auffällt (vgl. Mt 7,3ff).
(Das gilt übrigens auch für die Wahlen in Thüringen, über die wegen des wahrscheinlich guten Abschneidens der AfD viel geschimpft werden wird – aber der abwertende Blick auf "die Ossis" und "die AfD-Wähler" hilft auch keinem der Wahlberechtigten, sich anders zu entscheiden.)

Unsere Überheblichkeit zerstört die guten Bemühungen.

Hinzufügen kann man zu diesem Gedanken noch, dass es in unserer Gesellschaft besonders schwer ist, die zerknirschte Haltung des Zöllners einzunehmen, weil alles darauf ausgerichtet ist, dass wir uns gut präsentieren. Wer einen Job oder eine Partnerin oder Vollzugslockerungen bekommen möchte (oder sonst etwas) – immer muss man zeigen, dass möglichst keine Fehler vorhanden sind und alles glänzt.
Wer sich nicht besser verkaufen kann als er ist, hat schon verloren.
Das ist aber das Gegenteil von dem, was das Evangelium von uns erwartet.


2. Der Zöllner

Beim Blick auf den Zöllner wartet die nächste Versuchung: Ich mache es einfach so wie er und sobald ich weiß, dass von mir erwartet wird, mich nicht vorzudrängeln und mich nicht mit anderen zu vergleichen, überlege ich mir, welche Fehler es in meinem Leben so gibt und dann fühle ich mich damit wohl, dass ich ein klein wenig ein schlechtes Gewissen habe.
Auch vor dem Richter oder vor einer Vollzugsplankonferenz kann es strategisch sinnvoll sein, es zu machen wie der Zöllner: sich reuig zu geben, vielleicht sogar echte Reue zu empfinden und auf diese Weise die Leute auf die eigene Seite zu ziehen.
Sehr praktisch!

Aber so ist das Gleichnis Jesu natürlich nicht gemeint!
Dort nämlich erwartet der Zöllner gar nicht, dass er von Gott angenommen wird, er kalkuliert nicht und schielt nicht darauf, was vielleicht dabei herauskommen könnte, wenn er sich an die Brust schlägt.

Kurz: Er erwartet gar nicht, dass Gott ihn annimmt.

Nicht rechnen.
Linum, 2018.
Aber – und das ist das Bemerkenswerte: er kommt trotzdem in den Tempel.
Auch wenn er weiß, dass nichts Gutes an ihm ist, begibt er sich doch zu Gott und bittet um Vergebung. Ohne sich zu vergleichen, ohne zu rechnen.

Als Kollaborateur, der seinen Landsleuten für die römischen Besatzer das Geld aus der Tasche zieht, bleibt ihm auch nicht viel anderes übrig als um Vergebung zu bitten. Jesus sagt auch überhaupt nicht, ob er sein Leben ändert so wie der Zöllner Zachäus, der nach der Begegnung mit Jesus alles verschenkt hat.
Hier ist wichtig dieser eine Moment, in dem er sich vor Gott ehrlich macht – für diesen Moment ist alles gut so, wie es ist.

Natürlich darf dann gern noch mehr kommen – so wie in der Beichte zur Reue und zur Bitte um Vergebung auch der Vorsatz gehört, fortan nicht mehr zu sündigen. Aber darum geht es Jesus jetzt augenscheinlich nicht.
In diesem Gleichnis geht es ihm darum, dass der vor Gott gerecht ist, der seine Fehler sieht und um Vergebung bittet und dabei nicht schon wieder versucht, sich im Vergleich mit einem anderen, der vielleicht noch schlimmer ist, besser darzustellen.

Das alles ist natürlich für uns als Einzelne wichtig.
Aber es gibt zugleich auch zu denken für die Kirche. Insbesondere die katholische Kirche begeht heute den sogenannten Weltmissionssonntag. Sie will ihre Botschaft immer mehr Menschen mitteilen.
Die Frage ist nur, ob sie das eher schafft, wenn sie sich wie der Pharisäer benimmt, der sich gut verkaufen kann und aufzählt, was er alles richtig macht. Oder ob sie nicht besser und eher die Herzen erreicht, wenn sie es so macht wie der Zöllner, der für seine Fehler um Vergebung bittet – und nicht gleich hinterherschiebt, dass aber die bösen Medien und die missgünstige Gesellschaft und schon gar die 68er und dann noch die Geschiedenen, die sich wieder verheiraten...

Ich persönlich glaube ja, dass eine Kirche, die zugibt, dass sie nicht alles richtig macht, es da einfacher hat, besonders dann, wenn sie von Personen geführt wird, die Fehler zugeben können und nicht sofort auf die Splitter bei allen anderen hinweisen.


3. Gott

Zu guter Letzt ein Blick auf Gott.
Denn wegen dem kommen die beiden ja in den Tempel. Und wegen dem sind auch wir heute hier.

Wenn wir also unsere Beziehung zu Gott so anschauen wie Jesus es vorschlägt, nämlich dass wir zu ihm wie Kinder zu ihrem Vater kommen dürfen, dann fragt es sich natürlich, ob es gut ist, sich so aufzuspielen und erst einmal alles aufzuzählen, was man geleistet hat. Selbstverständlich gibt es solche Vater-Kind-Beziehungen, aber ob das reife und gesunde Beziehungen sind, wage ich doch stark zu bezweifeln.

Und auch die Beziehung zu Gott unserem Vater basiert nicht darauf, wie toll ich bin, sondern darauf, ob ich es schaffe, mich vor ihm ehrlich zu machen.

Komm zu Gott also nicht wie zu deinem Online-Date, wo du aufzählen musst, was du alles Tolles hast und kannst.
Gott ist dein Vater, der dich liebt – komm nicht als Großkotz zu ihm.
Das kannst du am leichtesten dann, wenn du darauf vertraust, dass er dich liebt. Und genau das tut er - auch wenn du nur sagst: "Gott, sei mir Sünder gnädig!" (v13)

Zum Vater, nicht zum Ausreiten.
Linum, 2019.

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