Donnerstag, 31. Oktober 2019

Alles heiligen. Oder: Wo sind die heiligen Familien?

Es ist zum Haareraufen:
Wenn ich auf den Heiligenkalender der katholischen Kirche schaue, muss ich feststellen, dass dort viele Mönche, Bischöfe, Pfarrer, Missionare, Prediger, Päpste, Nonnen und heilige Jungfrauen zu finden sind.
Aber fast keine Heiligen, die eine Familie außer ihrer Herkunftsfamilie hatten – mithin fast keine heiligen Väter oder Mütter.

Während für die frühe Kirche noch das Martyrium, und damit der Tod, die wichtigste Basis der Heiligkeit war, wurde mit der Zeit auch das heiligmäßige Leben bedeutsamer – und das schien sich vor allem in den heiligen Kirchenlehrern, Eremiten, Wüstenvätern Jungfrauen und Bischöfen zu finden.

Die beste Gelegenheit, heilig zu werden?!
Rusinowo, 2019.
In jenen also, die sozusagen hauptberuflich Christen waren und durch ihre Funktion innerhalb der Kirche sowieso tagein tagaus mit der Verkündigung oder Meditation des Gotteswortes zu tun hatten.
Zufälligerweise hatten diese Vollzeitchristen alle ein Gelübde der Ehelosigkeit oder Enthaltsamkeit oder der Keuschheit abgelegt.
Keiner und keine war verheiratet und mit dem Aufziehen von Kindern beschäftigt. Vielmehr konnten sie sich in der Regel gänzlich um Gottes und ihre eigene Heiligkeit kümmern.

Natürlich gibt es ein paar Ausnahmen, die nicht unerwähnt bleiben sollen: die heilige Elisabeth war Ehefrau des Landgrafen Ludwig von Thüringen und Mutter dreier Kinder. Nikolaus von Flüe war mit Dorothea Wyss verheiratet und hatte sogar zehn Kinder mit ihr.
Beide widmeten sich allerdings die letzten Lebensjahre nach dem Tod des Landgrafen bzw. nach der einvernehmlichen Trennung von der Frau ganz und gar ihrem Glaubensleben – und zwar ohne Familie.
Ähnliches gilt für die Seher-Kinder von Fatima, die 2017 von Papst Franziskus heiliggesprochen worden. Zwei starben jung, die dritte, Lucia dos Santos, wurde Nonne.

Eine der sehr wenigen Ausnahmen sind die biblisch bezeugten Heiligen Joachim und Anna, Eltern der Gottesmutter Maria. Diese beiden und natürlich Maria selbst zusammen mit Josef sind nun die einzigen bekannteren Heiligen, die wirklich mit der Erziehung eigener Kinder in Verbindung gebracht werden können (seit neuestem auch noch die Eltern von Therese von Lisieux).

Das ist doch unbefriedigend.
Mit diesem Verhältnis von ehelos Lebenden und Familienmenschen unter den Heiligen kann ich als Familienvater nur wenig anfangen. Praktische Vorbildfunktion kann ich schwerlich erkennen. Passen also engagiertes Christsein und Familie nicht zusammen? Frisst die Kindererziehung alle Frömmigkeit? Oder bleibt der Zusammenhang bloß so unsichtbar, weil Glauben in der Familie kein solcher Teil der Öffentlichkeit ist wie das Glaubensleben von Bischöfen und Ordensfrauen?

Auch so einer.
Jaroslawiec, 2019.
Wenn ich auf den Evangeliumstext des Festes (Mt 5,1-12a) schaue, finde ich jedenfalls viele reale Probleme einer Familie angesprochen:
Ein Evangelium von der Traurigkeit, die vor allem die Kinder manchmal mit vielen Tränen überkommt,
ein Evangelium von der Sanftmut, zu der Eltern sich bei der Erziehung immer wieder rufen müssen,
ein Evangelium vom Wunsch nach Gerechtigkeit, vornehmlich unter Geschwistern,
ein Evangelium von der Barmherzigkeit und Langmut, die voller Geduld immer wieder noch einmal Anlauf nimmt bei den anstehenden Fragen des Alltags,
ein Evangelium vom Friedenstiften in der Familie...
Dieser Tage wurde wieder viel über Sinn und Unsinn des Zölibats gesprochen und geschrieben.

Ich glaube, wenn wir uns an Jesus halten, dann geht es darum, dass wir wirklich alles heiligen und bei Heiligkeit nicht nur an ein familienfreies Leben hinter Klostermauern oder auf einem Bischofsstuhl denken.

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