Samstag, 12. Oktober 2019

Jesu miese Erfolgsquote. Von Heilung und Dank und Glaube und Liebe

Im Vordergrund des Evangeliums vom Sonntag (Lk 17,11-19) steht Jesus als Heiler. 
Jedenfalls auf den ersten Blick. 
Denn schnell schiebt sich etwas ganz anderes in den Vordergrund – nämlich die Tatsache, dass da einer der Geheilten zu Jesus zurückkehrt, um ihm zu danken. Doch auch daran schließt sich in der Lesung noch ein weiteres Thema an: Die Frage, was für Jesus ein Erfolg gewesen wäre – die Heilung all dieser Kranken oder ihre dankbare Umkehr.
Es wird also in meiner Predigt drei Punkte geben: 1. Aussatz und Heilung, 2. Dankbarkeit und Glaube, 3. Erfolg und Misserfolg.

Aussatz? Heilung?
Neukölln, 2018.
1. Aussatz und Heilung
Wenn Jesus als Heiler in den Evangelien auftaucht, dann muss man sich zunächst anschauen, was er zehn Aussätzige" (v12), und unter wurden eine ganze Reihe von Verunreinigungen, vornehmlich an der Haut, gefasst (vgl. Lev 131). Aber mit dem Begriff Aussatz wurden in den Gesetzen des Alten Testaments auch bestimmte Verunreinigungen an Kleidung (vgl. Lev 13,47ff) oder an einem Haus (vgl. Lev 14,34ff) bezeichnet.
heilt. Bekannte Geschichten sprechen vor allem von Lahmen und Blinden und Taubstummen. In unserem Fall aber geht es um "
Es wird also nicht in jedem Fall um Lepra oder sonstige lebensbedrohliche Krankheiten gegangen sein, wie wir oft denken.
Aber nichtsdestotrotz schätzte die Umwelt die Gefährdung so hoch ein, dass mit dem Makel des Aussatzes Behaftete sich von allen Anderen fernhalten sollten: "Der Aussätzige ... soll eingerissene Kleider tragen und das Kopfhaar ungekämmt lassen; er soll den Bart verhüllen und ausrufen: Unrein! Unrein! Solange das Anzeichen an ihm besteht, bleibt er unrein; er ist unrein. Er soll abgesondert wohnen, außerhalb des Lagers soll er sich aufhalten." (v45f)
Das mag auch hygienische Gründe gehabt haben.
Aber die Terminologie "unrein" hat zunächst etwas mit der Möglichkeit kultischer Zugehörigkeit zu tun. Im Gegensatz zu Blinden und Lahmen und Tauben, die in den Gesetzen nicht erwähnt werden, wird den Aussätzigen in diesen alttestamentlichen Texten sehr viel Beachtung geschenkt. Um wieder kultisch rein zu sein und voll am religiösen und gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können, mussten die Priester aufwendige Prozeduren mit Blut und Öl und Opfertieren vollziehen (vgl. Lev 14,1-32).
Das alles weist darauf hin, dass Aussatz sehr ernst genommen wurde. Aussätzige wurden oft als schon dem Reich des Todes zugehörig wahrgenommen – und ihre Heilung kam einer Rückkehr aus dem Totenreich gleich.2

Den Priestern kam dabei die Rolle der "Schiedsrichter" zu, die entscheiden mussten, ob eine Person wieder in die Reihen der religiös Tätigen aufgenommen werden konnte. Sie waren also eine wichtige Schnittstelle, in gewisser Weise Ordnungsamt, Gesundheitsamt und Pfarramt in einer Person.

Spannend ist, dass sich die ganze Szene "auf dem Weg nach Jerusalem" im "Grenzgebiet von Samarien und Galiläa" (Lk 17,11) abspielt und dass der eine Aussätzige, der dankbar zurückkommt, gerade ein Samariter ist. Er kam also aus einer Volksgruppe, die schon lange in vielfältigen religiösen Konflikten mit den observanten Juden stand, u.a. weil sie nicht den zentralen Tempelkult in Jerusalem mitvollziehen wollten, sondern für die Gottesverehrung auch noch andere Orte nutzten (was ihnen von den Juden böse ausgelegt wurde).
Da nun die Heilung von den Priestern im Jerusalemer Tempel bestätigt werden musste, verwundert es eigentlich nicht, dass gerade der Samariter nicht mit dorthin läuft, sondern zu Jesus zurückkehrt.
Aber Jesus legt es ihm gut aus und sieht nicht im Gang zum Tempel, den die anderen pflichtgemäß und auf die ausdrückliche Weisung Jesu hin (!) auf sich nehmen, sondern in der Rückkehr dieses einen zu ihm, der sie ja alle fortgeschickt hatte, die eigentliche Verehrung Gottes.

Der historische Hintergrund, dass gerade der geheilte Samariter natürlich nicht zum Tempel gehen will und die im Text liegende Absurdität, dass Jesus die Kranken fortschickt, aber eigentlich erwartet, dass sie zu ihm zurückkommen, zeigen schon, dass hier mehr verborgen ist als nur eine Heilungsgeschichte.

Trotzdem können wir ja zunächst die Aufmerksamkeit darauf richten, wo wir uns selbst oder andere schon als nicht "kultfähig", als nicht in den Gottesdienst passend wahrgenommen haben – und warum. Wo glauben wir beispielsweise, dass jemand nicht in diese Gemeinde oder in diesen Gottesdienstraum passt, zu alt oder zu jung, zu laut oder zu still, zu fremd oder zu unangepasst – und wo können wir heilend tätig werden?

2. Dankbarkeit und Glaube
An dieser Heilungsgeschichte mit anschließendem Dialog lässt sich gut beobachten, was Jesus wirklich wichtig ist.

Wundertaten wahrnehmen.
Wildau, 2019.
"Während sie [zu den Priestern] hingingen, wurden sie rein" (v14), berichtet der Text. Es wird nicht gesagt, wie es den anderen neun ging, als sie das merkten – ob sie sich freuten oder erleichtert waren oder sich um so mehr beeilten, um alles schnell abzuschließen. Berichtet wird nur von dem einen der das tut, was unterscheidend anders ist: Er nimmt wahr, kehrt um, lobt Gott und dankt Jesus.

Er tritt also in eine Beziehung mit Jesus ein – während er vorhin vielleicht noch mit den anderen zusammen aus der Ferne gerufen hatte, wie es vorgeschrieben war, will er Jesus nun anscheinend nahe kommen. Und dies geschieht in dem erwähnten Dreischritt: umkehren, loben, danken.
Leider erwähnt Jesus die Tat des Samariters nicht extra positiv, sondern deutet nur an, dass er es von den anderen neun genauso erwartet hätte. Aber immerhin spricht er ihn am Ende des Abschnitts noch einmal an und betont: "Dein Glaube hat dich gerettet." (v19)

Ich weiß nicht, was Ihren Glauben am meisten ausmacht – aber für Jesus scheint der Dank hier im Zentrum der Gottesbeziehung zu stehen. Nicht das Befolgen der Anweisungen – ja noch nicht einmal das Befolgen der Anweisung Jesu selbst ist entscheidend!
Sondern die Hinwendung zu ihm und dass ich ihm meinen Dank ausdrücke.

Fragen Sie sich bei Gelegenheit ruhig einmal – danke ich Gott für das, was ich habe? Oder komme ich immer nur mit Bitten? Komme ich womöglich nur dann, wenn es mir schlecht geht und sobald es mir besser geht, vergesse ich den lieben Gott sofort wieder?

Entscheidend ist nach dem Text in erster Linie die Wahrnehmung: von dem Samariter wird berichtet, dass "er sah, dass er geheilt war" (v15). Wir müssen also zunächst mitbekommen, dass Gott uns etwas Gutes getan hat. Das Modewort von der "Achtsamkeit" hat hier seinen Platz im christlichen Glauben.

Haben wir Augen dafür, dass Gott uns Gutes tut? Sonst ist die Frage nach dem Dank sowieso hinfällig. Nur wenn wir erkennen, dass Gott Gutes für uns tut, kann Dankbarkeit aufkommen.

In der Spiritualität der Jesuiten, die von Ignatius von Loyola geprägt wurde, gibt es die so genannten Geistlichen Übungen oder Exerzitien. Auch dort geht es am Beginn viel um die Wahrnehmung, um das Spüren nach innen: Wie geht es mir, was tue ich, warum tue ich es und so fort.3
Nach einiger Zeit kommt in diesen Übungen in ihrer klassischen Form die so genannte "Betrachtung, um Liebe zu erlangen" (GÜ 230ff), zu der als Grundausrichtung die Bitte des Betenden um "innere Erkenntnis von soviel empfangenem Guten" gehört (GÜ 233).
Der Betende wird angeleitet, alles zu erinnern und wahrzunehmen, was Gott der Welt Gutes getan hat und Gutes tut – in der Natur, im eigenen Leben, in der Heilsgeschichte, ja in der ganzen Welt (vgl. GÜ 234-237).
Die Welt ist voll des Guten, das Gott tut!

Die Logik dieses Gedankengangs ist, dass aus der Wahrnehmung Dankbarkeit und aus der Dankbarkeit Liebe entsteht und diese Liebe will selbst Gutes tun.

Genauso stehen Wahrnehmung des Guten und Dank und Glaube in unserem Evangelium in engstem Zusammenhang.
Darum nämlich geht es Jesus: Das Gute wahrnehmen, das Gott uns schenkt, Dankbarkeit spüren und so zu gläubig liebenden Menschen zu werden.

Dankbar für das Kleine.
St. Ignatius in der Dresdner Hofkirche, 2017.
Wahrscheinlich sind wir alle schon ein Stück auf diesem Weg unterwegs. Aber es kann sinnvoll sein, sich folgende Fragen noch einmal zu stellen:
Was macht meine Beziehung zu Gott am meisten aus?
Wofür bin ich dankbar?
Wie kann ich Gutes weitergeben?

3. Erfolg und Misserfolg
Als dritter Gedanke noch ein Blick auf die Erfolgsquote Jesu.
Ich halte es nämlich für äußerst bemerkenswert, dass Jesus hier so erfolglos ist. Jedenfalls hatte er sich nach eigener Aussage mehr Dankbarkeit erwartet und wundert sich, dass nur ein Geheilter zurückkommt (vgl. v17f).

Worin besteht also der Erfolg Jesu? – Offensichtlich nicht darin, dass er die zehn Aussätzigen heilen konnte. Denn dann könnte er ja zufrieden sein.
Wahrscheinlich geht es ihm mehr um die praktische Lebensumkehr dieses Menschen, der damit ja zeigt, dass er dankbar die Nähe Jesu sucht.

Jesus sagt ihm aber: "Dein Glaube hat dich gerettet" (v19) – schauen wir also genau hin, dann ging es gar nicht zuerst um die Heilung vom Aussatz, sondern um die Rettung des Mannes.
Körperliche Heilung und innere Rettung gehören freilich im biblischen Denken zusammen – hier waltet eine Art psychosomatischer Heilslogik. Innen und Außen sollen einander entsprechen – ist das Eine rein (oder unrein), dann auch das Andere (wie es auch in der Schelte der Pharisäer in Mt 23 anklingt – vgl. v.a. V26!).
Für Jesus aber scheint der Aussatz genauso wie der Gang zum Tempel eher nebensächlich zu sein.

Auch heute gilt das: Wenn Erfolg für Gott bedeuten würde, wie viele Menschen seine heutigen Tempel oder die Kirche aufsuchen, würde es wohl nicht besonders gut aussehen.

Ich glaube aber, es ist ein heilsamer Realismus, der uns hier begegnet.
Über die anderen wird schließlich nichts mehr gesagt, wir wissen zwar, dass Jesus ihren Dank erwartet hätte, aber mehr auch nicht.

Und so kennen wir es doch auch – Interesse an Jesus hat höchstens einer von zehn Personen, denen wir begegnen, sei es innerhalb der Kirchen- und Gemeindestruktuen oder außerhalb.
Ich weiß, das hier vom Ambo zu sagen ist eine Provokation.

Aber bei den Analysen der Kirchenaustrittszahlen und bei den Fragen nach den Glaubensüberzeugungen der Kirchenmitglieder genauso wie aller andere sehen wir es ja auch regelmäßig: Viele Menschen haben sich innerlich schon längst vom Glauben verabschiedet und empfinden keinerlei Interesse mehr an den Antworten der Kirche, wenn sie austreten. Der Austritt ist nur noch der allerletzte Schritt.
Das mag zunächst vielleicht erschreckend klingen, aber es ist sehr nah am Leben.

Die Außenseite und die Innenseite passen nicht immer zusammen.
Wenn es darum geht, wie viele der regelmäßigen Kirchgänger (und damit wie viele von uns hier Versammelten) tatsächlich Jesu Nähe suchen, müssten wir uns immerhin nachdenklich am Kopf kratzen.
Warum komme ich hierher? Wegen Gott? Wegen mir? Wegen der netten Leute da drüben?
Wenigstens diese Fragen müssen wir an uns heranlassen!
Ich möchte betonen: Es gibt sicher mehrere legitime Gründe, hierher zu kommen. Aber die Suche nach Gottes Nähe sollte doch auch ein bisschen in mir vorhanden sein.

Aber weiter zum Realismus der Bibel: An diesem Evangelium zeigt sich sehr schön, dass wir mit unseren kirchlichen Angeboten einfach nicht alle potenziell Interessierten kriegen werden.

Jesus hat es auch nicht hinbekommen!
Aber, und auch das ist wichtig, er war nicht bockig deswegen, sondern hat sich dem zugewendet, der wiederkam.
Und er hat weitergemacht. Hat sich nicht entmutigen lassen. Und hat auch eine Menge Ärger auf sich genommen, um die Botschaft dieses Gottes weiter zu den Menschen zu bringen. Bis zum Kreuz.

Das ist auch die Einladung an uns: Wir müssen nicht alle Menschen erreichen, aber wir sollten diejenigen stärken, die kommen – und weitermachen!


Das sind also meine drei Impulse, die sie vielleicht mitnehmen können:
  1. Darauf achten, wo ich vielleicht der Meinung bin, der oder die passt doch gar nicht hierher – und dann einladend und heilend aktiv werden.
  2. Was prägt meine Beziehung zu Gott? Ist Dankbarkeit dabei?
  3. Lassen wir uns nicht entmutigen, wenn nicht alle wiederkommen, die mal da waren. Aber seien wir einladend und bereiten wir den Weg für jene, die vielleicht Interesse haben.

    Einladend!
    Wildau, 2019.
1   Übrigens wird auch die Glatzenbildung mancher Männer bei diesem Thema kurz angesprochen: "Verliert ein Mann auf seinem Kopf die Haare, so ist es eine Hinterkopfglatze; er ist rein. Geschieht es an der Schädelvorderseite, so ist es eine Stirnglatze; er ist rein." (Lev 13,40f) Im starken Gegensatz dazu wird auch der Aussatz am Kopf beschrieben: "Entsteht aber auf der Glatze des Hinterkopfes oder über der Stirn ein hellroter Fleck, so ist es Aussatz, der auf dem Kopf oder auf der Stirn dieses Menschen ausbricht. Der Priester soll ihn untersuchen. Stellt er auf der Hinterkopf- oder auf der Stirnglatze eine hellrote Aussatzschwellung fest, die wie Hautaussatz aussieht, so ist der Mensch aussätzig; er ist unrein." (vv42-44)

Ich finde es äußerst spannend, dass Männer mit schütterem Haar hier augenscheinlich vor Missverständen und Ausgrenzung geschützt werden sollen...
2
   Diese und die zugehörigen Hintergründe habe ich gefunden bei J. Gnilka, Das Evangelium nach Markus (Mk 1-8,26) II/1. [EKK/NT] Zürich, Einsiedeln, Köln 1978, 92.
3   Vgl. z.B. Die Unterscheidung der Geister in GÜ 313ff.

Keine Kommentare:

Kommentar posten