Dienstag, 29. Oktober 2019

Wankt der Zölibat?

Die gerade zu Ende gegangene Bischofssynode schlägt in ihrem Abschlussdokument "die Erarbeitung von Kriterien und Verfügungen durch die kompetente Behörde vor, um geeignete Männer, die in der Gemeinschaft anerkannt sind, zu Priestern zu weihen, wobei sie auch eine legitim gebildete, stabile Familie haben können, um das Leben der christlichen Gemeinschaft durch die Verkündigung des Wortes und die Feier der Sakramente in den entlegensten Gebieten der Amazonasregion zu unterstützen." (hier in einer Arbeitsübersetzung von vaticannews.va)

Nur ein Tropfen?
St.-Hedwigs-Friedhof, Reinickendorf, Berlin, 2019.
Dieses Abschlussdokument will Papst Franziskus zur Grundlage für sein Nachsynodales Schreiben nehmen, um diese und weitere Entscheidungen für die Kirche in der Amazonasregion zu treffen. Normalerweise nehmen die Päpste die wesentlichen Vorschläge der Abschlussdokumente auf und ordnen ihre Umsetzung an. Der Passus über die "erprobten Männer" ("viri probati") hatte im Vergleich mit anderen Absätzen zwar bei der Schlussabstimmung die wenigsten Stimmen von den stimmberechtigten Synodenteilnehmern bekommen (41 Nein- und 128 Ja-Stimmen), aber der Abschnitt wurde eindeutig mit Zweidrittelmehrheit angenommen.

Ich persönlich glaube, dass die kommende Entscheidung, verheiratete Männer in der Amazonasregion zu Priestern zu weihen, nur ein erster Schritt sein wird, um den Zölibat mittelfristig in der ganzen Kirche frei zu stellen.

Angesichts der lange und emotional geführten Auseinandersetzungen – inklusive der Debatten auf drei Weltbischofssynoden in den letzten Jahrzehnten, in denen es jedes Mal zur Ablehnung des Antrags auf Aufhebung der Zölibatspflicht kam – wäre dies ein Einschnitt, der nicht zu unterschätzen ist.

Ein paar verstreute Gedanken zu diesem Themenkomplex:

• Die Freistellung des Zölibats kann keine Lösung für die Strukturprobleme der Kirche sein. Mit Blick auf die evangelische Kirche ist zu beobachten, dass (jedenfalls in unseren Breiten) auch dort die Berufungen zum Pfarrdienst stark zurückgehen.

• Vielmehr stellt die Bindung für ein ganzes Leben die eigentliche, große Herausforderung dar. Auch die Zahl der Eheschließungen geht zurück, der Trend zur Individualisierung und zur Lebensplanung in kürzeren Zeitabschnitten nimmt dagegen zu.

• Mit verheirateten Priestern tauchen andere Probleme auf. Als verheirateter pastoraler Mitarbeiter weiß ich, dass die regelmäßige Arbeit an Sonntagen und mehr noch an den Feiertagen für eine Familie durchaus belastend werden kann.
Im Extremfall kann es bei verheirateten Priestern dazu kommen, dass die Ehe scheitert. Wenn bisher ein Priester im zölibatären Leben scheitert, bleibt das entweder geheim oder der Mann wird i.d.R. von seinen priesterlichen Aufgaben, Rechten und Pflichten entbunden, um dann eine Ehe einzugehen. Was aber, wenn die unauflöslich geschlossene Ehe eines verheirateten Priester in die Brüche geht?

• Ein Einwurf auf der Synode sah die Gefahr einer Zwei-Klassen-Hierarchie zwischen unverheirateten und verheirateten Priestern. Aus der Ostkirche ist die Praxis verheirateter Priester bekannt – die Bischöfe allerdings sind unverheiratet. Dort stellt sich die Situation also dergestalt dar: Wer weiterkommen will, muss trotzdem unverheiratet bleiben. Es gibt demzufolge zwei Klassen von Priestern.

Neue Haube für das ganze Kirchenhaus?
Rixdorf, Berlin, 2018.
• Eine Entgegnung zum erstgenannten Einwurf auf der Synode war, dass es in den betroffenen Regionen gerade eine Zweiklassen-Kirche gibt: die mit einem anwesenden Priester und die ohne. Dagegen sei das Risiko von zwei Priesterklassen gering.
Aber diese Entgegnung zeigt die derzeitige Entwicklung hin zu der fatalen Alternative: Ist es wichtiger, dass die Gemeinden an Mitte und Höhepunkt ihres Glaubens, also an der Eucharistie, teilnehmen können oder ist es wichtiger, den Zölibat der Priester aufrecht zu erhalten?

• Ein Sonderfall ist die Frage der Ausbildung verheirateter Männer in einem Priesterseminar. Dazu nur der Hinweis, dass das Erfurter Priesterseminar seit einiger Zeit Priesterkandidaten und andere (männliche und weibliche) Studenten gemeinsam in einem Haus unterbringt. Die klassische Seminarstruktur löst sich unter den Bedingungen der Diaspora sowieso zunehmend auf.
Mit vorhandener Familie sieht die spirituelle Ausbildung natürlich noch einmal anders aus, aber da lassen sich gewiss praktische Lösungen finden.

• In eine andere Richtung geht die Einsicht, dass die katholische Kirche damit eines ihrer Alleinstellungsmerkmale aufgeben würde. Es handelt sich dabei eher um eine symbolische Zäsur, schließlich würde kein Dogma widerrufen und keine Glaubenswahrheit angetastet.
Aber gerade in einem System wie der katholischen Kirche sind symbolische Fragen bedeutsam. Vergangene Abgrenzungen und Abwertungen, aber auch Aufwertungen und Idealisierungen gewinnen damit eine ganz neue Färbung.

• Denn das Priesterbild ändert sich damit radikal.
Als 2011 das Memorandum deutscher Theologen die Abschaffung der Zölibatspflicht forderte, schrieben auch einige Theologen und Amtsträger zum Thema Zölibat. Der Kirchenhistoriker Arnold Angenendt wies auf den Zwiespalt zwischen Jesus und der kirchlichen Disziplin hin. Jesus sah es so: "Reinheit und Unreinheit steigen allein aus dem Herzen auf, kommen aus den guten und bösen Gedanken. Das ist im Vergleich zu aller Religionswelt ein revolutionärer Durchbruch." Aber die "Forderung der Ehelosigkeit für alle Altardiener kommt von woanders her, aus dem Feld der kultischen Reinheit. Diese besagt: Heiliges darf nur "rein" berührt werden".
Das Problem ist also, dass die Kirche sich in ihrem Denkmodell nicht auf Jesu vergeistigte Revolution bezieht, sondern auf das kultische Denken. Indem sie mönchische Ideale auf die Weltkleriker überträgt, verlangt sie kultische Reinheit.
Sollte diese untergründige Botschaft (die in dieser Form ja nur noch selten so theologisch ausformuliert wird) nun nicht mehr gelten, wäre es eine Revolution, die zu Jesus zurückfindet.

Wasser oder Stein - Wer ist stärker?
Darlowo, 2019.

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