Mittwoch, 27. Mai 2015

Philosophische Erlösungshoffnung – Anmerkungen zu "Gott denken" von Holm Tetens

Der Berliner Philosoph Holm Tetens hat sich jüngst einer für zeitgenössische Philosophen ungewöhnlichen Aufgabe unterworfen – er hat versucht, unter dem Titel "Gott denken. Ein Versuch über rationale Theologie"1 eine vernunftorientierte Theologie als philosophische Fragestellung wiederzugewinnen.
In der Reclam-Reihe [Was bedeutet das alles?] schreibt der (nach eigener Aussage) früher selbst agnostisch und atheistisch argumentierende und "auf der zeitgeistsicheren Seite beheimatet"2 gewesene Autor demzufolge über die Plausbilität von Theismus und Naturalismus, über das Verhältnis von Physischem und Mentalem, über Leid und Freiheit des Menschen – und macht sich schließlich gegen einen naturalistisch orientierten philosophischen Mainstream für die "vernünftige Hoffnung"3 auf Gott in einem "theistischen Idealismus"4 stark.

Kugelskulptur. Herrsching am Ammersee, 2015.
Alles in einer sehr schön unaufgeregten Sprache, in der er nicht die Diskurse mit dem "neuen Atheismus" aufgreift, sondern weitgehend unpolemisch seine Gedanken zur Sache vorbringt. Es geht ihm nicht um ein Bekenntnis, sondern um die Prüfung der Argumente von Theismus und Naturalismus. So kommt er trotz gelegentlicher Verweise auf biblische Formulierungen ohne explizit christliche Terminologie oder Offenbarungsaussagen aus, auch wenn sich für Theologen fast alles auch als theologisch anschlussfähig erweist. 
(Augenscheinlich liegt die Frage im Trend, denn auch Volker Gerhardt hat sich jüngst in "Der Sinn des Sinns" philosophisch zur Gottesfrage geäußert. Dazu vielleicht in einem späteren Beitrag.)

Über die einzelnen Argumente kann und will ich mich hier nicht auslassen, wohl aber möchte ich die von Tetens skizzierte philosophische Erlösungshoffnung kurz präsentieren. Denn hier finde ich viele Fragen und Antworten der äußerst interessanten Debatte um eine Christologie und Eschatologie nach Auschwitz wieder. Dazu unten.
Zunächst findet Tetens mit seinen Argumenten keinen Gott, "der einen Heilsautomatismus abspulen lässt",5 sondern vielmehr einen mit der Welt differenziert interagierenden Erlösergott, durch den "die Übel und Leiden in der Welt endgültig überwunden werden"6 können:
"Gott gewährt den Menschen die unüberbietbare, weil selbst vor dem Tod nicht haltmachende Chance, die moralischen Übel in der einzigen Weise zu überwinden, in der sie überwunden werden können, nämlich indem die Menschen sich miteinander versöhnen."7

Gottes Gabe wäre dann die mögliche Versöhnung der Menschen untereinander als postmortale Erlösung dieser so heillosen und erlösungsbedürftigen Welt der Menschen. Dazu gehört auch, dass Gott die Menschen ernst nimmt als die vernünftigen und innerweltlich autonomen Geschöpfe, die frei handeln können und sollen.

Was das für die Essenz des eigenen Lebens bedeutet, fasst Tetens wie folgt zusammen:
"Erlösung wäre pervertiert, fiele das Leiden, das Menschen einander antun und noch antun werden, einfach dem großen Vergessen anheim und erlebten die Menschen die neue, die erlöste Welt so, als ob nie etwas Schreckliches geschehen wäre. Wir kommen in einem Heilsgeschehen nur dann als vernünftige und selbstverantwortliche Personen vor, wird jedermann schonungslos mit seinem bisherigen Leben konfrontiert. Jeder wird insbesondere konfrontiert mit sich als Täter, der anderen Menschen Leid bereitet hat, jeder muss seinen Opfern unter die Augen treten, aber auch den Tätern, die an ihm schuldig geworden sind. Insofern schließt Erlösung so etwas wie einen Gerichtsprozess ein. Wer freilich auf Erlösung hofft, erwartet nicht, dass dieser Gerichtsprozess dazu dient und damit endet, dass die Täter mit Leiden bestraft und sie von einem besseren gemeinsamen Leben für immer ausgeschlossen werden. Vielmehr richtet sich die Erlösungshoffnung darauf, dass die Konfrontation mit der ungeschminkten Wahrheit über sich und ihr Leben die Menschen dazu befreit, sich miteinander zu versöhnen und einander zu vergeben."8
 
Fünf Einzelne am Weg. Salinenmuseum, Halle / Saale, 2014.
Die befreiende Wahrheit soll Versöhnungspotential wecken und so erlösend wirken. 
(Das christologische Moment wird durch Tetens' philosophische Perspektive natürlich ausgespart)
Diese Konfrontation wird, so schreibt Tetens an anderer Stelle in Anlehnung an Walter Benjamin, "niemanden endgültig verloren geben".9 Die Hoffnung des Autors auf die menschliche Einsichtsbereitschaft nach dem Tode ist gewaltig!

Der katholische Fundamentaltheologe Magnus Striet ist da (ebenso wie C.S. Lewis) weitaus skeptischer, wenn er auf die Unheilsgeschichte der Juden in der Shoah schaut und die tröstende Versöhnung im Reich Gottes von der Freiheit der Opfer abhängig macht:
"Niemand weiß deshalb aber auch zu sagen, ob die Gedemütigen und Ermordeten sich von Gott versöhnen lassen werden oder nicht; niemand vermag zu sagen, ob die Toten von Auschwitz und die vielen anderen so sinnlos um ihre Lebensgschichte Betrogenen sich doch noch umfangen lassen von der Liebe des Schöpfergottes und damit zugleich auch von dem Jesus, den jedenfalls die Christen als den Messias bekennen..." Es bleibt denen, die Gott trauen, also bloß Hoffnung: "Wenn der Glaube hofft, dann dies: Dass dieser Gott einen jeden Menschen ausschließlich mit den Möglichkeiten seiner tröstenden und versöhnenden Liebe für sich gewinnen kann , auch noch die, die am meisten Gründ hätten, an diesem Gott zu verweifeln, weil sie diesem Gott vertrauten: die milionenfach Gedemütigen und Ermordeten des ersterwählten Volkes."10

Dies schließt das Ganze nun sehr in Richtung der bekenntnisorientierten Frage nach der Shoah und dem Christengott hin auf, aber eine solche Konkretion der Frage lieg meiner Meinung nach durchaus auf der Linie der Argumente von Tetens und öffnet sie zu neuen Fragen.
Denn ob Menschen sich versöhnen wollen und, hart gesprochen, mit ihren Mördern gemeinsam am himmlischen Mahl teilnehmen wollen, noch dazu mit einem Gott, der sie im irdischen Leben augenscheinlich verließ, diese Frage lässt sich wegen der Verweigerungsmöglichkeit der menschlichen Freiheit nicht beantworten, nur glaubend erhoffen.

Auch wenn diese fragende Weiterführung mir zwingend erscheint, imponiert mir doch die Emphase von Tetens und ich hoffe, dass sein Zutrauen in die menschliche Vernünftigkeit beständig ist. Näher liegt mir persönlich die Hoffnung, dass, theologisch gesprochen, die Kraft der "versöhnenden Liebe" Gottes gewinnend genug ist.

Das Buch des Philosophen Holm Tetens, der argumentativ Philosoph bleibt, wenn auch ein überaus hoffnungsvoller, kann ich jedenfalls nur wärmstens empfehlen.


Verschlossene Pforten, Galerie im Körnerpark. Rixdorf, Berlin, 2015.

1   H. Tetens, Gott denken. Ein Versuch über rationale Theologie. Stuttgart 2015.

2   Ebd., 94.

3   Ebd. 10.

4   Ebd., 73, vgl. 37.

5   Ebd., 51.

6   Ebd., 59.

7   Ebd., 65.

8   Ebd., 69f.

9   Ebd., 58.


10   M. Striet, Christologie nach der Shoah? Horizontverschiebungen. In: H. Hoping / J.-H. Tück (Hg.), Streitfall Christologie. Vergewisserungen nach der Shoah (QD 214), Freiburg i. Br. u.a. 2005, 182-215, hier 211.