Dienstag, 17. Januar 2017

Absage an den Nationalismus und Lob der Vielfalt (mit Jan Twardowski)

Ich gebe gleich zu Beginn zu, dass es sich hier um eine unausgewogene Mischung aus lyrisch-exegetischer Quacksalberei und politisch-zeitgeschichtlichem Kommentar handelt und dass diese Unentschiedenheit ganz eindeutig eine Schwäche der folgenden Zeilen sein wird.
Dennoch!
Es gehörte in den letzten Monaten zum guten liberalen Ton und ist sicher auch in Maßen sinnvoll, sich über den Aufstieg der AfD aufzuregen. Wenn es aber in Deutschland eine Partei gibt, die sich eindeutig und ausschließlich rechtsradikalem Gedankengut verschrieben hat, dann ist es die heute vom Bundesverfassungsgericht offiziell als eindeutig nicht verfassungskonform deklarierte NPD, der organisatorisch gleichwohl abgesprochen wird, dass ihr Handeln derzeit zum Erfolg führen könne.

Auch nicht schön, auch nicht verboten. Lublin, 2014.
Was diese richterliche Entscheidung als politisches Symbol oder rechtliches Statement oder gesellschaftliche Gefahrenanzeige tatsächlich bedeutet, darüber wird man in den nächsten Wochen trefflich streiten müssen.
Inhaltlich sind der Rassismus und die erklärte Feindschaft gegen demokratische Prinzipien seitens dieser Partei unabweisbar. 
Das Bundesverfassungsgericht stellt in seinem Leitsatz 9 zum heutigen Urteil fest: Die NPD "strebt nach ihren Zielen und dem Verhalten ihrer Anhänger die Beseitigung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung an. Sie zielt auf eine Ersetzung der bestehenden Verfassungsordnung durch einen an der ethnischen 'Volksgemeinschaft' ausgerichteten autoritären 'Nationalstaat'. Dieses politische Konzept missachtet die Menschenwürde aller, die der ethnischen Volksgemeinschaft nicht angehören, und ist mit dem grundgesetzlichen Demokratieprinzip unvereinbar."

Für mich bedeutet dies, dass legitime Vielfalt und und als positiv angesehene Verschiedenheit dem Denken dieser Partei widersprechen. (Bevor dieses Argument droht, gegen sich selbst gekehrt zu werden, sei auch gleich noch angefügt, dass bestimmte Meinungsäußerungen eben nicht legitim sind, wenn sie zum Beispiel durch Ausnutzen eines erlaubten Meinungsspektrums dieses Spektrum selbst beseitigen wollen.)
Gegen solches Denken muss angedacht werden.

Das tue ich regelmäßig an meinem (neben dem Gefängnis) zweiten Arbeitsort, einem kirchlichen Jugendhaus bei Berlin. Eines meiner Lieblingsthemen dort ist nämlich der Gedanke von legitimer Unterschiedlichkeit.
Ich lobe in meinen Predigten oder Impulsen oft die vielen verschiedenen Gaben und Charaktere in einer Klasse, die, frei nach des Paulus Bild vom einen Leib mit seinen vielen Gliedern (1Kor 12,12-30), verschiedene Aufgaben wahrnehmen können: "Das Auge kann nicht zur Hand sagen: Ich brauche dich nicht. Der Kopf wiederum kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht." (v21) Und so fort.
Es ist eine sehr eindeutige und leicht eingängige Metaphorik, die dieses Lob der Vielfalt singt.
Ähnlich nun auch einer meiner Lieblingsdichter, der polnische Priester Jan Twardowski:

Gerechtigkeit

Wenn alle je vier Äpfel hätten
wenn alle gesund und stark wären wie ein Roß
wenn alle gleich wehrlos wären in der Liebe
wenn jeder dasselbe hätte
dann brauchte keiner den andern

Ich danke Dir, daß Deine Gerechtigkeit Ungleichheit ist
was ich habe und was ich nicht habe
sogar wofür es keine Abnehmer gibt
all das kann doch jemand nötig sein
es gibt die Nacht, damit es den Tag gibt
es ist dunkel, damit die Sterne leuchten
es gibt die letzte Begegnung und die erste Trennung
wir beten, weil andere nicht beten
wir glauben, weil andere nicht glauben
wir sterben für die, die nicht sterben wollen
wir lieben, weil anderen das Herz erkaltet ist
ein Brief nähert, weil ein anderer entfernt...
ungleiche brauchen einander
sie verstehen am besten, daß alle auf alle angewiesen sind
und ahnen das Ganze1

Verrottende Einheitspracht in der Abendsonne.
Ehem. KdF-Bauten, Prora, Rügen, 2016
Das ist einer der wichtigsten und schönsten Gedanken, den wir nicht oft genug wiederholen und vor allem Kindern predigen können: Wir haben einander in unserer Verschiedenheit nötig, weil wir uns ergänzen.
Unsere ganze Unterschiedlichkeit bedeutet keineswegs Ungleichwertigkeit – übrigens oftmals auch in religiösen Dingen nicht, die ja so oft den Wahrheitsbegriff vorschieben. 

Allerdings führen die Unterschiedlichkeiten nicht selten in Konflikte, wie ja auch am Kontext des Pauluszitates deutlich wird. An der Unfähigkeit, die jeweils eigene Perspektive zu überschreiten, zerbrechen nicht selten aus unterschiedlichen Elementen zusammengesetzte soziale Konglomerate – von Familien über Parteien oder Kirchen bis hin zu ganzen sozialen Schichten.
Doch die Lösung dieser Gefahr besteht eben nicht in einer (von besagter Partei gewünschten nationalen oder rassischen) Separierung, sondern in der Überschreitung der eigenen Begrenztheit. Wer andere Sichtweisen nicht wenigstens in Teilen als legitim anerkennen kann, wird sich daran immer stören und lieber in seine eigene Burg zurückziehen wollen – zum eigenen Schaden.

Mein Plädoyer würde darum lauten: Bei aller Reibung und Störung, die Verschiedenheiten mit sich bringen, braucht es nicht nur den Blick über die eigenen Wünsche, Grenzen und Gewohnheiten hinaus, sondern auch den Willen, diese unter Umständen einzuordnen in ein (höchstens ahnbares) größeres Ganzes.
Irdisch wird dieses Ganze nach Twardowski nie erreicht werden können – auch wenn religiöse und politische Akteure immer wieder versucht haben, das totale Glück für die jeweils eigene Gruppe herabzuzwingen. Wenn aber Vielfalt gewahrt und gewürdigt wird, kann es den Hauch einer vermutenden Ahnung dessen geben, was wirklich das Ganze ist.
Und es ist nicht die Volksgemeinschaft, das wusste auch Jesus schon.

Der Kreis bleibt offen. Hof in Königsmünster, Meschede, 2015.

1   J. Twardowski, Bóg prosi o miłość. Gott fleht um Liebe. Ausgewählt und bearbeitet von Aleksandra Iwanowska. Krakau 2000, 63 (Übers. von Alfred Loepfle).