Samstag, 15. Februar 2020

Innerlicher und intensiver! Was größere Gerechtigkeit heißen kann.

Es gibt beliebte Vorstellungen davon, wie Christen sein sollten:
Viele sagen, dass man von ihnen mehr erwarten könne als von anderen.
Sie sollten diejenigen sein, die sich auszeichnen durch Gutes. Die moralisch besser handeln. Die, wenn sie das nicht schaffen, sich wenigstens mehr bemühen. Und wenn auch das nicht klappt, dass sie immerhin zu ihren Fehlern stehen.

Geht intensiv bis nach innen - wenn sie klingt.
Friedensglocke, Frankfurt / Oder, 2020.
Schließlich sind den Christen durch die Bibel zehn ganz grundlegende Gebote vorgegeben: auf den einen Gott hören, nicht lügen, nicht stehlen, nicht töten, die Eltern respektieren, nicht die Ehe brechen und so fort.
Eine einigermaßen klare Richtschnur, sollte man meinen.
Und Jesus, das ist bekannt, hat auch noch Klärungen gebracht, die weithin bekannt sind – im Zentrum steht, den Nächsten zu lieben, vor allem den Feind.

Im heutigen Evangelium (Mt 5, 20-22a.27-28.33-34a.37) scheint sich das zu bestätigen:
"Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen." (Mt 5,20), heißt es da.
Christen sollen also besser sein!

Aber was meint Jesus, wenn er von der größeren Gerechtigkeit spricht?
Geht es darum, bei Gott Punkte zu sammeln und irgendeine Liste voll zu bekommen?
Es geht Jesus weniger um eine "quantitative Steigerung der Gesetzeserfüllung", also möglichst viele Häkchen zu bekommen, sondern um eine – an der Liebe gemessene – qualitative Intensivierung des Lebens vor Gott."1

Wenn wir uns anschauen, welche Beispiele Jesus vor Augen stellt, dann wird noch klarer, dass es Jesus nicht darum geht, Gesetze möglichst punktgenau zu befolgen.
Jesus lenkt den Blick vielmehr weg von der Fixierung auf den Buchstaben des Gesetzes – aber er wird dadurch nicht un-gesetzlich, sondern über-gesetzlich:
Verlangt ist nicht mehr nur das, was geschrieben steht, sondern viel mehr.

Das kann besonders hier im Kontext Gefängnis zum Nachdenken anregen – denn um Gesetze und Regeln geht es hier oftmals und um die Fragen, wie und warum diese Gesetze gebrochen wurden und ob sie auch zukünftig gebrochen werden.
Nicht selten geht es dann ja auch darum, wie haarscharf jemand nun an der Verletzung einer Vorschrift vorbeigeschrammt ist und wie gerechtfertigt eine minimale Übertretung dann vielleicht unter den schwierigen Umständen hier ist – gerade im Bereich der Suchtmittel gesteht sich ja so mancher einen kleinen Freiraum zu, weil es ja sonst so schwer auszuhalten sei.

Auf solche Diskussionen, ob nicht doch ein kleines bisschen erlaubt sei und so weiter, brauchen wir uns bei Jesus gar nicht einzulassen.
Denn er macht das sehr raffiniert – er verlegt die Frage, ob sein Gebot befolgt wurde, ins Innere des Menschen. Dort zeigt sich als erstes und eindeutig, ob jemand "seinem Bruder auch nur zürnt" (v22) oder ob er "eine Frau auch nur lüstern ansieht" (v28). Von außen lässt sich dann unter Umständen gar nicht mehr sagen, ob das Gebot befolgt wurde oder nicht.

Und das ist bei Jesus auch gar nicht so wichtig (im Gegensatz zu bestimmten rechtlichen Fragen, wo dies entscheidend werden kann).
Denn im Kern geht es Jesus natürlich um die Gottesbeziehung – und ihre Intensivierung. Vor Gott muss ich mich verantworten können: Mit wie geilen Gedanken ich mir bestimmte Bilder von Frauen oder hier herumlaufende Frauen anschaue, wie ich über meine Kollegen auf dem Flur innerlich abkotze und wie ich mit windelweichen Versprechungen versuche, um klare Aussagen herumzukommen oder wie ich mir die Dinge zurechtbiege und verdrehe, trotz aller Versprechungen.

Auch wenn es hart klingt – Jesus macht uns klar, dass wir im Blick Gottes stehen und von der Freundschaft mit ihm her denken müssen. Schaut Gott froh auf mich, wenn ich mich wieder mal über meinen fiesen Sozialarbeiter aufrege? Macht es ihn glücklich, wenn ich manch eine Frau nur mit sexuellen Hintergedanken anschauen kann? Ist er nicht traurig, wenn ich dauernd "hoch und heilig" verspreche und Zusagen mache?

Jesus lädt ein zu einer Gottesfreundschaft, die beide Seiten froh macht – mich und ihn. Ich darf mich intensiver auf ihn einlassen, damit mein Leben gelingt. Dazu gehört auch, innen im eigenen Herzen anzufangen und Gerechtigkeit nicht von einer äußeren Instanz abhängig zu machen.
Gott will uns heil und gerecht vor sich stehen haben. Und uns selbst geht es auch besser, wenn wir ohne ständigen sexuellen Frust, unverbogen und ohne Hass im Herzen leben können.


Nachtrag zu diesem Evangelium hier - und ein paar ältere Gedanken hier.

Überquellende Fülle.
Gut Neuhof, Nauen, 2019.
1   U. Luz, Das Evangelium nach Matthäus. (Mt 1-7) Teilband 1/1 Zürich, Neukirchen-Vluyn u.a. 1985, 241.

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