Freitag, 21. Februar 2020

Feindesliebe: Überblick und/oder Überforderung

1. Überblick
Auch wenn es unter einem anderen Vorzeichen geschrieben ist, so halte ich das folgende Gedicht von Barbara Zeizinger doch für eine gute Erläuterung zur Thematik der christlichen Feindesliebe, die im Evangelium des nächsten Sonntags (Mt 5,38-48) erscheint.

Ganz harter Ball.
Schwante, 2018.
Unentschieden in der Nachspielzeit1

Vor jedem Anpfiff die Hoffnung
auf Beistand von oben,
Spieler bekreuzigen sich,
halten Handflächen zum Himmel,
glauben an den Sieg.
Stoßgebete am Elfmeterpunkt,
zeitgleich zwischen den Pfosten.
Fürbitten auch in der Viererkette,
wenn Fans Fußballgott rufen,
der Ball hin und her fliegt,
eine Lücke findet,
hin zum gegnerischen Tor.
Schwierig für den Herrn,
gerecht zu sein,
bei Gleichstand der Gebete.

Feindesliebe braucht vor allem den Überblick.
Denn die Welt zu umarmen, so dass auch die Feinde geliebt sind, ist menschlich nicht möglich, sondern erfordert eine große Distanz.
Hier: Normalerweise betet jeder für seine Mannschaft – die Anderen sollen verlieren, die eigenen Leute gewinnen. Doch im echten Leben müssen wir vom parteiisch begrenzten eigenen Wollen und Wünschen fortkommen, um auch die Perspektive des Anderen zu verstehen. Man könnte sagen: die Perspektive Gottes einnehmen.
Er weiß, was derjenige will und braucht, den ich als meinen Feind oder, in Fußballdiktion, meinen Gegner im Spiel ansehe.

2. Überforderung
Aktuell erfahre ich gerade wieder, dass das Einnehmen dieser Perspektive völlig unmöglich erscheinen kann. Es ist einfach eine Überforderung, ein emotionales Faß ohne Boden, sich in jemanden hineinzuversetzen, bei dem es mir so offensichtlich erscheint, dass er nichts Gutes will.
Da hilft auch die fromme Schiene nur wenig – ich habe halt nicht Gottes Augen auf diese Person.
Gerade diese verzweifelte Überforderung finde ich aber auch sehr reizvoll an dem Gebot, seine Feinde zu lieben.
Denn es zeigt, dass es für Christen in religiösen Fragen nicht darum geht, sich in eine heile Gegenwelt mit einem mächtigen Gott einzulullen und oder sich bloß selbst zu finden. Diese Religion ist keine esoterische Schwärmerei und keine liebliche Romantik, sondern handfeste Überforderung.
Meine Religion fordert. Manchmal nur heraus – manchmal über die Maßen zu viel.
Aber das ist in Ordnung, denn so habe ich genug Widerstände, an denen ich mich abstrampeln kann.
Am nächsten komme ich ran, wenn ich (nun doch wieder ganz fromm) im Gebet die Nähe Jesu suche und mich von ihm in seinen liebevollen Blick einweisen lasse.

Perspektive über den eigenen Zaun.
Neuendorf, Hiddensee, 2017.



1   In: A. G. Leitner, Der Himmel von morgen. Gedichte über Gott und die Welt. Ditzingen 2018, 79.

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