Mittwoch, 19. Juni 2019

Fronleichnam und die Zerstörung der Globuli

Als in der letzten Sendung des Neo Magazin Royale über die Homöopathie hergezogen wurde, musste ich kurz schmunzeln. Insgesamt war die Sendung ja gar nicht sehr aufs Schmunzeln angelegt, sondern auf Böhmermann-typische Weise aufklärerisch-provokativ, nicht zuletzt durch den Besuch von Rezo und einem politisch angehauchten Gespräch.

Grund meines Schmunzelns aber war der Gedanke an die mögliche innere Verbindung zwischen den geschmähten Globuli und dem heutigen Hochfest Fronleichnam, bei dem Katholiken Leib und Blut Christi in den Gestalten von Brot und Wein verehren.
Was steckt darin?
Baustelle in Charlottenburg, Berlin, 2019.
Denn die mit einer Unterlassungserklärung belegte und von Böhmermann genüsslich vielmals zitierte Aussage einer Ärztin, dass es keinen wissenschaftlichen Nachweis für die Wirkkraft von Globuli "über den Placebo-Effekt hinaus" gibt und die dass unterschiedliche Globuli einmal vermischt auf keine Weise mehr voneinander zu unterscheiden sind, könnte ja auch manchen Gläubigen ins Nachdenken bringen.

Besonders zu Fronleichnam könnte sich die Frage stellen: Wie ist es mit der Materie von Brot und Wein, wenn sie in der Eucharistie gewandelt werden? Gibt es da einen Unterschied zu vorher? Und wenn keine wissenschaftlich verifizierbare Änderung vorliegt, lohnt es dann überhaupt, sich noch weiter damit zu beschäftigen?

Die Denkweise, die diesen Fragen zugrunde liegt, entspringt dem naturwissenschaftlich geprägten Weltbild. Wenn die Homöopathie mit dem Anspruch auftritt, dass ihre Präparate tatsächlich wirksam sind, muss sie sich an den allgemein gültigen Standards messen lassen.

Ist diese Frageebene dann auch auf die Eucharistie anzuwenden? Oder aber gerade nicht und wenn eine solche Frage das Gemeinte verfehlt, was wäre dann tatsächlich gemeint, wenn eine Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut behauptet und zum Teil auch geglaubt wird?

Zunächst ist zu betonen, dass es um keine physikalischen oder chemischen Änderungen in der Materie von Brot und Wein geht. Vielleicht ist es ähnlich wie mit einer Eheschließung: auch hier ist mit den Mitteln der Naturwissenschaft keine Änderung nachweisbar, wohl aber auf einer anderen Ebene, nämlich der juristischen. Durch den Akt der Heirat ändert sich sehr wohl etwas, nämlich der "Familienstand".

Wenn aber aus Brot der "Leib Christi" wird, hört sich das schon sehr nach der Ebene der Naturwissenschaft an. Das aber ist ein Irrtum. (Leider sind ihm im Verlauf der Kirchengeschichte auch immer mal wieder fromme Menschen erlegen – und nicht nur unsereins.)

Im Gegensatz zu den Globuli soll hier kein physischer, sondern ein spiritueller Effekt eintreten. Der Genuss der Materie, die chemisch weiterhin Brot zu nennen ist, soll etwas in unserem Geist verwandeln. Denn das Brot ist in der Liturgie Gott geschenkt worden. Und zugleich hat er es uns zurückgeschenkt – als er selbst. Er will uns mit sich nähren und leib-haftige Gemeinschaft mit uns haben.

Um das zu erreichen, braucht es keine chemischen Effekte. Wohl aber soll die Eucharistie einen Effekt auf unser Leben haben. Wir sollen durch Gottesgemeinschaft Verwandelte sein.
Hier treffen sich Globuli und Eucharistie – angezielt ist ein Effekt, der mit naturwissenschaftlichen Mitteln nicht nachweisbar ist und trotzdem nicht nur ein Placebo sein soll.

Gibt es diesen Eucharistie-Effekt? Oder lassen wir die Wandlung in uns nicht zu?
Arzneimittel müssen nachweisbar wirken. Die Wahrheit einer Religion lässt sich zwar nicht an der Wirkung auf ihre praktizierenden Anhänger nachweisen oder abweisen.
Wohl aber ihre Glaubwürdigkeit.

Konkret: Fronleichnam und die Eucharistie verlieren ihre Glaubwürdigkeit, wenn wir das liebevolle Schenken und Beschenktwerden nicht praktizieren. Wenn die größte Gabe Gottes an uns keine Wirkung hat.
Hier haben wir alle noch viel zu tun!

Was steckt wirklich darin?
Bauakademie, Berlin-Mitte, 2019.