Dienstag, 2. Dezember 2014

Nuckel statt Brust - Über "Surrogate der Befreiung"

Es ist so gemein – um einschlafen zu können, bekommt das Kind einen Finger oder Nuckel in den Mund gesteckt, damit es ruhig wird und schläft.
Es saugt und nuckelt und zieht und – beruhigt sich wirklich. In diesem Moment braucht es gar nicht die nährende Milch, sondern ist mit einem Surrogat, einem Ersatzmittel, zufrieden und schläft ein.

Spuckendes Fenster, Alt-Lobeda, Jena, 2014.
Auf eine gewisse Weise komme ich mir wie ein Betrüger vor, wenn ich ihm so helfe. Denn ich kann ihm nicht das wirklich Stillende geben, nur einen einschläfernden Ersatz. Wirkungsvoll, aber unecht.

Mir fiel dabei spontan der späte, mit dem Buddhismus liebäugelnde Aldous Huxley ein, der sich nach einer Weile des Experimentierens mit bewusstseinserweiternden Drogen schließlich gänzlich gegen die Versuchung substanzinduzierter religiöser Erfahrung aussprach und in "Drogen, elementare[r] Sexualität und Herdenrausch [...] die drei Hauptwege der Selbsttranszendierung nach unten"1 sah.

Natürlich trifft die Frage drogenbewirkten Ausbrechens aus sich selbst nicht wirklich den Punkt, wenn es um die Beruhigung eines Kleinkindes geht, aber formal ähneln sich die Prozesse: Nicht das Gemeinte, nämlich Herauswachsen aus sich selbst bzw. sättigende Muttermilch wird schließlich erreicht, wohl aber ein wohltuender Nebeneffekt, nämlich sich nicht mehr spüren zu müssen bzw. einzuschlafen.
Dazu tritt, als sich allmählich herauskristallisierendes Problem, die Abhängigkeit von der Substanz, also der Droge oder dem Nuckel, ohne die es schließlich nicht mehr geht.

Aber vielleicht verdrehe ich das auch nur und es ist alles gar nicht so schlimm und bloß natürlich. Eine Hilfe der Übergangszeit...

Huxley sah es übrigens ähnlich:
"Kann die abschüssige Straße auch der Weg zu echter, spiritueller Selbsttranszendenz sein? Zunächst wird man wohl sagen, es liege auf der Hand, daß der Weg nach unten nicht der Weg nach oben sein kann. Doch im Leben kann ein Abstieg der Beginn eines Aufstiegs sein. [...] Jedes Ausbrechen aus der isolierten Ichheit, und sei es auch über eine abschüssige Straße, gibt uns zumindest für einen Augenblick und auf allen Ebenen die Möglichkeit, des Nicht-Ich gewahr zu werden."2

Fangnetze. Hafen von Timmendorf, Mecklenburg-Vorpommern, 2014.

1   A. Huxley, Gott ist. Essays. München 1996,136.


2   Ebd., 137.

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