Samstag, 14. April 2018

Kein Tropfen darf zu Boden fallen! Hilde Domin und die Auferstehungsbotschaft

Was ist von uns Christen verlangt?
Dass wir sprechen von unserer Hoffnung auf die Auferstehung, die aus dem Zeugnis der Apostel von der Auferweckung Jesu folgt.
In den Evangelien nach Ostern jedenfalls geht es dauernd darum. Das heutige Sonntagsevangelium (Lk24,34-48) handelt von einer Erscheinung des Auferstandenen vor seinen zweifelnden Jüngern und endet mit dem Satz: "Ihr seid Zeugen dafür." (v48)

Leider ist die Auferstehungshoffnung nicht unter allen heutigen Christen angekommen, und nicht überall wird sie bezeugt, aber ohne sie ist kein Christsein.

Beim Lesen eines Gedichtes habe ich mich an die Aufforderung zum Zeugnis erinnert.

Hilde Domin spricht in einem ihrer Texte einen namenlosen geliebten Menschen an, dessen sie sich augenscheinlich bei einer "Fahrt durch Kastilien"1 (so der Titel des betreffenden Gedichts) erinnert.
Passenderweise geht es vor einer Kirche um den inneren Dialog miteinander:

Steinerne Zeugen.
Frankfurter Tor, Berlin, 2017.
"Bei den Männern aus grauem Stein
vor der honigfarbenen Kirche,
Jahrhunderte
einander zugewandt,
Gespräch das nie verwittert,
wend ich mich nach dir um
und neige mich zu dir
du, aus Traum –
und höre deine Stimme,
die schweigt.
Unser Gespräch ohne Gesicht."

Im Kontext des erwähnten Evangeliums habe ich einen zwiespältigen Eindruck: Zwar sprechen die steinernen Männer immer noch, aber augenscheinlich nur miteinander. Das war nicht der Sinn des Apostelseins. (Wenngleich auch wir in unserer Kirche oft genug diesen Eindruck erwecken, nur noch mit einander im Gespräch zu sein.)
Immerhin inspiriert dieser Anblick die Autorin, neuen Kontakt aufzunehmen zu jenem, der nicht an ihrer Seite ist und doch in inniger Beziehung mit ihr steht. Und dieser Kontakt ist ein "Umwenden", das "Zuneigung" ist – und doch schweigt.

Anschließend wird Hilde Domin grundsätzlicher – und auch diese Worte über das Aussprechen des geliebten Namens scheinen mir passend:

"Dein Name auf meinen Lippen,
immer am Rande des Rufs,
er darf nicht zu Boden fallen.
Kein Tropfen deines Namens
darf zu Boden fallen.
Ich trage das volle Gefäß
mit Vorsicht."

Hätten wir Christen doch nur diese Zuneigung, diese Achtsamkeit und Zärtlichkeit, wenn es um das Zeugnisgeben von der Auferstehung Jesu geht!
Wäre uns diese Botschaft doch ebenso wichtig, wie es die Liebe zu unseren geliebten Menschen ist!

Schließlich:

"So leise kann er nicht fallen,
dein Name,
daß nicht der Tag zerbirst."

Solche Kraft nämlich hat der Name eines Geliebten, solche Kraft und Größe, vergleichbar dem biblischen Gottesnamen, den auszusprechen sich fromme Juden seit jeher weigern.
Denn so wie der Name Gottes, so ist auch diese Botschaft nicht nur so wichtig, dass nichts von ihr verloren gehen darf, sie ist auch so kraftvoll, dass vor ihr zerbricht, was nicht zerbrechen kann.

Zerborstener Himmel.
Hiddensee, 2017.

1   H. Domin, Rückkehr der Schiffe. Gedichte. Frankfurt a.M. 1994, 32-34.