Donnerstag, 14. Januar 2021

Großzügig spenden. Ein Radiowort

In dieser Woche wird täglich ein kurzes Wort für den Tag auf rbb Antenne Brandenburg (9:10 Uhr), rbb Kultur (6:45 Uhr) und rbb 88.8 (5:55 Uhr) von mir gesendet. Hier der Text des heutigen Wortes:

Freie Fahrt!
Neuköllner S-Bahn, Berlin, 2020.
Auf meinem Weg zur Arbeit in die Justizvollzugsanstalt fahre ich jedes Mal ein langes Stück mit der Ringbahn. Im Winter – und ganz besonders in diesem Corona-Winter – sind viele Notleidende in der S-Bahn, um dort zu betteln. An manchen Tagen begegnen mir allein auf meinen beiden halbstündigen Fahrten sechs bis acht Betroffene, die um etwas Geld oder eine andere Spende bitten. 

Dann möchte ich mich am liebsten in mein Buch oder mein Handy verkriechen und nichts mit all dem Elend zu tun haben.

Ich kann sie ja doch nicht aus ihrer Lage retten. Schon gar nicht mit meiner kleinen Spende. Sie geben es ja doch für Drogen oder Alkohol aus, denke ich dann. Und wenn sie schon arm sind, dann müssten sie sich wenigstens nicht so gehen lassen, so schmutzig und zerzaust. Außerdem ist ja die Sozialpolitik schuld, besonders die Berliner Wohnungsmisere – und diese strukturellen Probleme löst man nicht einfach durch ein paar Münzen. So denke ich manchmal und könnte mich innerlich aus der Verantwortung stehlen.

Aber das will ich nicht!

Auch dann nicht, wenn ich das vermeintliche Totschlagargument höre: Man könne ja doch nicht jedem etwas geben.

So sehr auch etwas Wahres in all den klugen Sprüchen und Argumenten steckt, so wenig stimmt gerade dieser letzte Satz.

Natürlich kann ich allen etwas geben!

Und ich versuche es auch meistens. Ich gebe zu, dass ich nicht immer beutelweise Kleingeld dabeihabe und wenn ich nichts mehr habe, dann habe ich halt nichts mehr. Aber es ist doch nicht so, dass ich arm werde, wenn ich fünf Mal am Tag 50 Cent oder sogar einen Euro gebe.

Das ist die eine Seite. Die andere ist die Art und Weise, wie ich es gebe. Nicht jedes Mal möchte ich viel dazu sagen und unterwürfige Dankesworte will ich auch nicht hören.

Aber ein Blick ins Gesicht meines Gegenübers sollte schon drin sein. Und einen schönen Tag zu wünschen kriege ich meistens auch noch hin.

Mir kommt es so vor, als wäre das manchmal fast genauso wichtig wie die Münze.

Dann kann der Tag eigentlich auch gar nicht mehr ganz furchtbar werden.
Lasst uns den Notleidenden achten!
Und bleiben wir großzügig beim Spenden!

 

(Inspiriert sind diese Gedanken von einer Aussage von Papst Franziskus)

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